Klar objektivierbare psychische Erkrankungen

Im Juni 2009 wurde eine vom BSV in Auftrag gegebene Studie von Niklas Baer und Tanja Fasel veröffentlicht, welche Licht ins Dunkel der «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» bringt. Die Autoren analysieren in der aufwändigen und umfassenden Studie rund 1000 Dossiers mit dem IV-Gebrechenscode 646 und wiederlegen die von gewissen politischen Akteuren immer wieder verbreitete Aussage, es handle sich dabei hauptsächlich um «schwer objektivierbare Störungen».

Baer und Fasel zeigen auf, dass die Kategorie 646 – ursprünglich für einfache psychische Entwicklungsstörungen gedacht – heute als eine Art «Restkategorie» funktioniert, in der ein buntes Spektrum von Störungen abgelegt werden, von denen viele sehr wohl klar diagnostizierbar sind und andere zusätzlich in dieser Kategorie nichts zu suchen haben (Beispielsweise somatische Krankheiten, POS (IV-Code für ADHS) oder Intelligenzminderung).

Die Autoren üben Kritik an der gängigen Praxis der Invalidenversicherung, nach wie vor mit diesem veralteten und ungenauen Codierungssystem zu arbeiten und empfehlen die Codierung nach ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten – definiert von der WHO).

Denn viele der mit 646 Code klassifizierten Fälle lassen sich objektiv ganz klar mit dem ICD-10 diagnostizieren. So wurde festgestellt, dass in der Kategorie 646 «Persönlichkeitsstörungen die dominierende Kategorie bilden, gefolgt von Affektiven Störungen, Konversions- und somatoformen Störungen sowie Angst-, Zwangs- und posttraumatischen Belastungsstörungen.

Und weiter:

Die effektiven Diagnosen widersprechen dem Bild von unspezifischen, unklaren oder „nicht wirklichen“ Störungen: Persönlichkeitsstörungen sind unflexible und andauernde unangepasste Verhaltensmuster, die mit einer sehr hohen funktionellen Belastung und diversen Beeinträchtigungen verbunden sind. Dass sie von Laien oft nicht als Störungen erkannt werden, bedeutet nicht, dass sie schwer objektivierbar oder in Bezug auf die Arbeitsbeeinträchtigungen vernachlässigbar wären.

Verwandte Artikel:
Interview mit Niklas Baer (2011)
Artikel zur BSV-Studie «Schwierige Mitarbeiter» (2011)

2 Gedanken zu “Klar objektivierbare psychische Erkrankungen

  1. Sag ich doch: die “Psychiater” haben zu lange ihre Aufgaben nicht gemacht und sich nicht um die IV resp. das Wohl ihrer Klienten gekümmert. Es ist schlicht UNERKLÄRBAR, wie in der heutigen Zeit, neben ICD-10 und DSM-IV eine eigene “Füdlibürger”-Klassifizierung geschaffen werden kann, und das mit Versicherungsgeldern. Was hat z.B. diese Fehlleistung gekostet?

  2. Die «was kümmert uns das ICD-10-Haltung» hat bei der IV allerdings System: «POS» heisst auch nur bei der IV POS (und hat einige IV-spezifische Besonderheiten) – der Rest der Welt nennt das ADHS…
    Allerdings steht scheinbar auf den neuesten Anmeldeformularen der IV, bei psychiatrischen Krankheiten müsse der ICD-10 bzw. DSM-IV Code angegeben werden. Fragt sich: wozu eigentlich?
    Die IV befindet es ja auch nicht für nötig, das mit der «Abfallkübel-Kategorie» 646 mal öffentlich zu korrigieren. Man könnte fast meinen, die warten nur auf das OK der Politik, die gesamte Kategorie aus dem Leistungskatalog schmeissen zu können und «schwupp» ist die IV saniert.

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