Pavlovscher Reflex

In einer Quizsendung des Schweizer Fernsehens müssen die Kandidaten herausfinden, welche Antwort 100 SchweizerInnen auf eine bestimmte Frage gegeben haben. Es ist davon auszugehen, dass die sogenannte «Topantwort» auf die Frage: «was fällt Ihnen zur Invalidenversicherung ein?» lauten würde: «Missbrauch». So sicher wie das Amen in der Kirche taucht dieser Ausdruck in den Kommentarspalten der Online-Tageszeitungen auf, sobald ein Artikel zum Thema «Behinderung /Invalidenversicherung» aufgeschaltet wird. Ungeachtet des Schwerpunktthemas des Artikels und ungeachtet, ob es sich bei der Zeitung um den Blick, die NZZ oder den Tagesanzeiger handelt. Das Wort «Invaliden-versicherung» löst eine Art kollektiven pavlovschen Reflex aus und dieser Reflex heisst «Missbrauch». Bezüger eine Invalidenrente werden menschenverachtend verunglimpft und verschärfte Mitwirkungspflichten für die Betroffenen mit Applaus begrüsst.

Gänzlich anders präsentiert sich die Stimmung in den Kommentaren zu einem aktuellen Artikel des Tagesanzeigers mit dem Titel «Schraube für Arbeitslose soll angezogen werden – vor allem bei Jungen» Empörung macht sich breit – aber nicht etwa gegen die Jungen, sondern gegen die Wirtschaft und gegen den Staat, der die jungen Arbeitslosen «härter anfassen» und in die Sozialhilfe abschieben oder  – bei Betrug – gar ins Gefängnis verfrachten will. Eine Solidarität, ein Mitfühlen, ein Erkennen, dass «die Schuld» nicht bei den Opfern zu suchen ist, sondern vielmehr «im System». Man reibt sich verwundert und auch sehr erfreut die Augen. Scheinbar existiert in der Schweiz doch noch so etwas wie Vernunft und ein gewisses Verständnis von Solidarität. Eine Frage allerdings drängt sich auf: Wie «sozial» würden die Kommentare ausfallen, wäre die Bevölkerung seit 7 Jahren mit Plakaten, Kampagnen und Zeitungsartikeln darauf konditioniert worden, dass «Arbeitslose eigentlich gar nicht arbeiten wollen» und «sich auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung ein schönes Leben machen»…?

Für Arbeitslose wird eine Arbeit (bisher) unter folgenden Gesichtspunkten als »unzumutbar» definiert:

  • wenn sie den üblichen Arbeitsbedingungen nicht entspricht
  • nicht angemessen auf Fähigkeiten oder auf die bisherige Tätigkeit Rücksicht nimmt
  • nicht den persönlichen Verhältnissen entspricht (Alter, Gesundheit, Familie)
  • einen Arbeitsweg von täglich mehr als 4 Stunden notwendig macht
  • den Wiedereinstieg in den bisherigen Beruf erschwert, falls darauf in absehbarer Zeit eine Aussicht besteht
  • einen Lohn einbringt, der geringer ist als die ALE

Die Zumutbarkeit für Bezüger einer Invalidenrente bezüglich Eingliederungs-massnahmen ist hingegen einzig dann nicht gegeben, wenn die Massnahme «dem Gesundheitszustand nicht angemessen ist». Es liegt mir fern, nun die eine gegen die andere Gruppe von gleichsam Benachteiligten auszuspielen. Denn es ist erfreulich, dass sich die Menschen für die jungen Arbeitslosen einsetzen und sich Gedanken machen über die Mechanismen von Wirtschaft und Staat. Warum allerdings in den Augen der Bevölkerung die Zumutbarkeit bei einem älteren und zudem behinderten (potentiellen) Arbeitnehmer schärfer gehandhabt werden darf, als als bei einem jungen und gesunden scheint schon… interessant.

Vielleicht hat die pavlovsche Konditionierung doch einige Sachverhalte ein bisschen verdreht in den Köpfen der Menschen.

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