Die «Realität» aus Sicht der FDP

Aus der Vernehmlassungsantwort der FDP zur 6. IV-Revision:

«Eine eingetretene oder drohende Invalidität soll mit geeigneten einfachen und zweckmässigen Eingliederungsmassnahmen verhindert, vermindert oder behoben werden.»

Behinderungen, die weder verhindert, vermindert oder behoben werden können, existieren im «liberalen wer-will-der-kann Universum» schlichtweg nicht.

Parlamentarische Initiative für faire Begutachtung

VertreterInnen von SP und Grünen (den anderen Parteien scheint offensichtlich hier für einmal die Rechtsstaatlichkeit herzlich egal zu sein…) haben im Nationalrat folgende Parlamentarische Initiative eingereicht:

Faire Begutachtung und rechtsstaatliche Verfahren

Die betreffenden Gesetze, welche die Abklärung des Gesundheitszustandes im Zusammenhang mit den Sozialversicherungen festlegen, sind dahingehend zu ändern, dass unabhängige Gutachterinnen und Gutachter den Gesundheitszustand der gesundheitlich beeinträchtigten Personen feststellen und dabei die Garantien eines rechtsstaatlichen Verfahrens gemäss Artikel 6 EMRK eingehalten werden.

siehe auch: IV-Verfahren verstösst gegen EMRK

Wen würden Sie einstellen?

Die Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation des Kantons Basel-Landschaft hat bei 800 KMU’s in der Region eine Umfrage durchgeführt, in der die Betriebe gebeten wurden, eine Rangliste aus 9 fiktiven Stellenbewerbern zu erstellen. Die Bewerber hatten alle – bis auf einen– eine chronische Krankheit, waren aber laut Arzt dank Behandlung und Medikamenten stabil, 100 Prozent arbeitsfähig und gut qualifiziert. Der neunte Bewerber war gesund, aber im Gegensatz zu den acht Behinderten weder besonders zuverlässig noch besonders leistungs-bereit.

Die Auswertung der Antworten auf die Frage «Wen würden sie einstellen?» ergab folgende Rangliste:

  1. gesund, nicht sehr zuverlässig
  2. Insulinpflichter Diabetes
  3. Rheuma
  4. chronische Darmentzündung
  5. Harnblasenkrebs
  6. Multiple Sklerose
  7. Depression
  8. Schizophrenie
  9. Alkoholabhängigkeit

Das heisst, die KMU ziehen es vor, einen nicht sehr zuverlässigen und nicht sehr leistungsbereiten Gesunden anzustellen, obwohl sie zuvor angegeben hatten, dass Zuverlässigkeit das wichtigste Merkmal bei der Auswahl sei. Und sie würden den chronisch körperlich Kranken klar den Vorzug geben vor psychisch Kranken.*

Und nun setzen wir das Ganze in Relation zur Motion der FDP «IV-Sanierung. Druck muss aufrechterhalten bleiben» in der sie fordert, dass bei Personen mit schwer definierbaren körperlichen oder psychischen Erkrankungen die Leistungen der IV sich auf die Behandlungsqualität und auf die Eingliederungs-massnahmen konzentrieren und eine IV-Rente grundsätzlich nicht ausge-sprochen wird. Und der Bundesrat in seiner Antwort die Annahme der Motion empfiehlt und gleich noch nachdoppelt: «Der Bundesrat hat die Eckwerte der Revision 6b noch nicht festgelegt. Für ihn ist aber bereits jetzt klar, dass angesichts des Auftrages des Parlamentes Massnahmen insbesondere in denjenigen Bereichen unumgänglich sind, in denen die Kosten im Verlaufe der letzten Jahre besonders stark angestiegen sind. Dazu gehören in erster Linie die Berentungen aufgrund der schwer definierbaren psychischen Störungen (Kategorie 646) [Anmerkung der Blogautorin: Das Märchen der angeblich «schwer definierbaren Störungen der Kategorie 646», war zum Zeitpunkt der Motion bereits durch die BSV-Studie «Invalidisierungen aus psychischen Gründen wiederlegt»]. Der Bundesrat wird deshalb Massnahmen zur Reduktion der Anzahl Renten bzw. zur Einschränkung der Rentenanspruchsberechtigung bei dieser Personenkategorie vorschlagen.»

Raus aus der IV – rein in die Wirtschaft. Grossartige Idee, liebe FDP: Aber bevor ihr solche Anträge stellt, bemüht euch doch erstmal in den eigenen Reihen darum, dass die “Wirtschaft” die psychisch Kranken dann auch wirklich anstellen würde. Ansonsten kommt der leise Verdacht auf, dass ihr es gar nicht ernst meint, mit der “Integration” und die Betroffenen einfach mittels der helvetischen Sozialverschiebungsmatrix in die Sozialhilfe abschieben wollt.

*Die obigen Umfrageergebnisse wurden in verschiedenen Vorträgen und Artikeln vorgestellt von Niklas Baer, Leiter Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation, Kantonale Psychiatrische Dienste Basel-Landschaft

Gedächtnislücken beim BSV

Aus dem offiziellen Argumentarium des Bundes zur 5. IV-Revision (2007): «Die Chancen für eine erfolgreiche Wiederaufnahme einer Arbeit sinken aber mit jedem Tag und liegen nach einem Jahr bereits unter 20%.» Ziel war damals, die Referdumsabstimmung zu gewinnen, damit u.a. die sogenannten “Früherken-nungsmassnahmen” eingeführt werden konnten.

Aus der bundesrätlichen Botschaft zur IV-Revision 6a (veröffentlicht 24. Februar 2010): «Mit der eingliederungsorientierten Rentenrevision wird die Wieder-eingliederung von Rentenbezügerinnen und -bezügern aktiv gefördert und dadurch die Zahl der Renten reduziert. Mit diesen Instrumenten sollen innerhalb von sechs Jahren so viele Personen wieder eingegliedert werden, dass insgesamt 12’500 gewichtete Renten nicht mehr benötigt werden.»

Vom Eingliederungszwang (Die Mitwirkungspflicht zur Eingliederung soll ebenfalls weiter verschärft werden) ausgenommen sein sollen nur Personen, die seit über 15 Jahren eine Rente beziehen oder über 55 Jahre alt sind. Die Chance auf einen erfolgreichen Jobeinstieg für einen 50-jährigen, gesundheitlich Beeinträchtigten, der seit 10 Jahren eine Rente bezieht, sind natürlich riesig.

Ganz abgesehen davon, dass – wir erinnern uns – uns das BSV 2007 belehrte: «Die Chancen für eine erfolgreiche Wiederaufnahme einer Arbeit sinken aber mit jedem Tag…» Aber was kümmert die beim BSV ihr Geschwätz von gestern…

Flexible Arbeitgeber erhöhen Wiedereingliederungsquote

Eine neue Folge aus der Reihe: «Die IV – Was interessieren uns die Ergebnisse unserer eigenen Studien…» In der kürzlich vom Bundesrat vorgelegten Botschaft zur 6. IV-Revision wird die Verantwortung (oder vielmehr die Pflicht) für eine erfolgreiche Wiedereingliederung nach wie vor alleinig dem/der Betroffenen auferlegt – als ob der Arbeitgeber mit der ganzen Sache überhaupt gar nichts zu tun hätte – dass der Arbeitgeber sehr wohl einiges zu einer erfolgreichen Wiedereingliederung beitragen kann zeigt folgendes Zitat aus der BSV-Studie(!) Disability Management in Unternehmen in der Schweiz:

«Im Allgemeinen erwiesen sich Erleichterungen bei der Arbeit in Kohorten mit hohen Rückkehrraten als relevante Unterstützungsmassnahmen. Wie bereits diskutiert, zeigt mit Sicherheit die Flexibilität des Arbeitgebers in Bezug auf Erleichterungen bei Arbeitszeiten einschliesslich schrittweiser Wiederaufnahme der Arbeit und Teilzeitbeschäftigung grosse Wirkung. Die Verwirklichung dieser Art von Massnahmen erfordert Bereitschaft und Engagement auf Seiten des Arbeitgebers, was bedeutet, dass solche Massnahmen voraussichtlich besonders gut greifen, wenn die Arbeitsbeziehungen gut sind.»

Rechtsschutzversicherung für die Katz

Ein Beispiel: Ein Mann bezieht wegen eines Arbeitsunfalls seit langem eine Rente der Invalidenversicherung (IV). Irgendwann schliesst er eine Rechtsschutz-Versicherung ab. Viele Jahre später kommt die IV bei einer periodischen Überprüfung zum Schluss, er sei nur noch teilweise arbeitsunfähig und will seine Rente kürzen. Der Mann ist damit nicht einverstanden und bittet seine Rechtsschutzversicherung im Revisionsverfahren um Hilfe, doch diese lehnt ab. Begründung: Die Ursache des Streits – der Arbeitsunfall – liege vor Beginn des Versicherungsschutzes.

Selbst wenn der Mann das Kleingedruckte gelesen hätte, wäre ihm diese Fussangel wahrscheinlich verborgen geblieben. Denn die Formulierungen sind für Laien kaum verständlich. So heisst es beispielsweise beim Versicherer DAS: «Versicherungsschutz besteht, wenn das Grundereignis während der Vertragsdauer eintritt. Als Grundereignis gilt im Versicherungsrecht das Ereignis, das den Leistungsanspruch begründet, in Invaliditätsfällen das Unfallereignis oder der Eintritt der krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit.»

Quelle: Tagesanzeiger

Pilotprojekt: Maturitätslehrgang für Gehörlose

An der Aargauischen Maturitätsschule für Erwachsene in Aarau läuft seit diesem Semester ein spezielles Pilotprojekt: Vier Gehörlose Studenten besuchen den Unterricht zusammen mit Hörenden, welche auf dem zweiten Bildungsweg die Matura machen. Die Lehrer unterrichten ganz normal, im Schulzimmer sind jedoch zwei Dolmetscher dabei, die in die Gebärdensprache übersetzen. Die zusätzlichen Kosten für die Gebärdensprach-Dolmetscher trägt zu einem grossen Teil die IV.

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