Eidg. Dipl. Vorurteil

Auszug aus einer Diplomarbeit (Kant. Fachausweis Öffentliches Sozialwesen), eingereicht am Institut für Verwaltungs-Management der Zürcher Hochschule Winterthur. Thema: «Arbeitsvermittlung in der Invalidenversicherung – Vom Erstkontakt bis zum Abschluss»

«(…)An dieser Stelle verweise ich an die viel zitierte maslowsche Bedürfnis-pyramide. Ist eine medizinisch theoretische Arbeitsfähigkeit ausgewiesen und die versicherte Person nicht motiviert, auch nicht versuchsweise, diese auszu-schöpfen, ist die Rentenprüfung angezeigt. Häufig gründet diese Nicht-Motivation im Glauben, ein Anspruch auf Rente zu haben und damit die Überzeugung, dass so die Grund- und vielleicht gar Wahlbedürfnisse mit der erhofften Rente gedeckt werden können. Liegt die Verfügung vor, in welcher belegt ist, dass kein Anspruch auf Rente gegeben ist, kann dies zu einer Motiva-tionsveränderung führen. Leider gibt es hierfür keine Auswertungen, die diese Annahme stützen würden.»

Mutig mutig, in einer Diplomarbeit solche Verunglimpfungen tendenziösen Vermutungen anzubringen, ohne dass sie sich mittels Fachliteraturnachweisen belegen liessen. Vielleicht befasst sich die «dipl. Fachperson für Öffentliches Sozialwesen» im Rahmen einer horizonterweiternden Weiterbildung einmal mit der zweifelhaften Gutachterpraxis der Invalidenversicherung. Kleiner Hinweis: Angeblich «unabhängige» Gutachterinstitute, die ihr Einkommen hauptsächlich aus Aufträgen der Invalidenversicherung generieren, weisen dann vielleicht auch gerne mal dem einen oder andern Patienten eine «medizinisch theoretische Arbeitsfähigkeit» nach, obwohl diese gar nicht gegeben ist (und auch nicht mittels negativem Rentenbescheid eine Motivationsänderung ezwungen werden kann, weil kein Motivationsproblem, sondern eine fehlerhafte Begutachtung des Gesundheitszustandes vorliegt).

ABI verliert vor Gericht

Drei in Basel praktizierende Neurologen und ein Anwalt hatten dem Ärztlichen Begutachtungsinstitut Basel (ABI) vorgeworfen, von Fachärzten verfasste Teilgutachten in Schlussgutachten zu Handen von Versicherungen ohne Rücksprache zu Ungunsten der versicherten Person abgeändert zu haben.

Dagegen erhoben das ABI und dessen Geschäftsführer Anklage wegen Ehrverletzung und Widerhandlung gegen das Gesetz über den unlauteren Wettbewerb. Soweit das Gericht das Verfahren mangels rechtzeitig gestellten Strafantrags nicht einstellte, kam es zu Freisprüchen.

(Der Geschäftsführer des ABI hatte im Kassensturz bestritten, die Abänderungen der Teilgutachten ohne Rücksprache vorgenommen zu haben. Vor Gericht räumte er ein, in einem Fall das Teilgutachten im Schlussgutachten eigenmächtig abgeändert zu haben)

Ganzer Artikel bei der BAZ

Zwei gute und eine schlechte Idee von Travail.Suisse

Travail.Suisse (Dachorganisation der Arbeitnehmenden) fordert im Rahmen der 6. IV-Revision, dass Arbeitgeber, welche keine behinderten Menschen beschäf-tigen, einen Integrationsbeitrag als zweckgebundene Abgabe leisten. Das ist eine gute Idee. Denn gemäss einer Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz haben nur 0.8 Prozent der Beschäftigten in der Schweiz eine «Funktions- oder Aktivitätseinschränkung». Die Schweizer Wirtschaft beschäftigt heute nur rund 30’000 behinderte Menschen. Aussagekräftig ist ein internationaler Vergleich hierzu: In Frankreich und Deutschland haben rund 4 Prozent der Beschäf-tigten eine Funktions- oder Aktivitätseinschränkung.

Travail Suisse präsentiert eine Lösung, wie diese Integrationsbeiträge berechnet werden könnten -> Integrationsmodell Travaille suisse (dort als doc download- bar). Auch das eine gute Idee.

Weniger ansprechend hingegen sind die Ideen von Travial.Suisse bezüglich des Verwendungszweckes der «Integrationsbeiträge»: «Damit stünden den IV-Stellen zur Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen für behinderte Menschen Mittel im Umfang von mehreren Hundert Millionen Franken jährlich zur Verfügung. Damit würde sich für die IV ein beträchtlicher Spielraum eröffnen, um Alternativen zur unbedingten und möglichst direkten Integration in den ersten Arbeitsmarkt anzubieten. Dazu gehört für Travail.Suisse die vermehrte Zusammenarbeit der IV mit Sozialfirmen. Wird die Gelegenheit genutzt, faire Rahmenbedingungen für die Eingliederung über Sozialfirmen zu definieren, bieten diese ein Erfolg versprechendes Modell(…)»

Noch mehr Behindertenghettos und noch mehr Arbeitsplätze für die diese Ghettos beaufsichtigenden SozialarbeiterInnen? Definitiv keine gute Idee.

Manche Menschen mit Behinderungen fühlen sich an geschützten Arbeitsplätzen wohler und für manche gibt es keine (bzw. noch keine) Möglichkeiten in der freien Wirtschaft zu arbeiten. Aber viele wünschen sich, an einem normalen Arbeitsplatz zusammen mit Nichtbehinderten zu arbeiten. Werkstätten und Sozialfirmen tragen nicht zur Integration von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft bei, sondern fördern die Ausgrenzung.

Zumindest als ebenfalls unterstützenwertes Model hätte erwähnt werden müssen: Supported employment, die direkte Vermittlung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung (oder auch einer anderen Behinderung oder Erkrankung) in den ersten Arbeitsmarkt. Ein Job-Coach hilft, eine neue Stelle zu finden und diese zu behalten. Der Job-Coach ist auch Ansprechpartner für den Arbeitgeber und steht ihm jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung.

Traumhafte Arbeitsbedingungen

«Weltweit starren Manager fassungslos auf die Firma Semco: Was dort passiert, widerspricht allem, an was sie glauben. Die 3000 Mitarbeiter wählen ihre Vorgesetzten, bestimmen ihre eigenen Arbeitszeiten und Gehälter. Es gibt keine Geschäftspläne, keine Personalabteilung, fast keine Hierarchie. Alle Gewinne werden per Abstimmung aufgeteilt, die Gehälter und sämtliche Geschäftsbücher sind für alle einsehbar, die Emails dafür strikt privat und wie viel Geld die Mitarbeiter für Geschäftsreisen oder ihre Computer ausgeben, ist ihnen selbst überlassen.»

-> weiterlesen (via Journalistenschredder)

Der Firmenchef sagt: «Es interessiert mich in dem Sinne nicht, dass ich nicht sicherstellen möchte, dass meine Mitarbeiter zur Arbeit kommen und der Firma eine bestimmte Anzahl Stunden pro Tag geben. Wer braucht eine bestimmte Anzahl Stunden pro Tag? Wir brauchen Leute, die ein bestimmtes Ergebnis abliefern. Mit vier Stunden, acht Stunden oder zwölf Stunden im Büro – sonntags kommen und Montags zu Hause bleiben. Es ist irrelevant für mich.»

Dies wäre auch ein absolut zukunftsweisendes Arbeitsmodell für Menschen mit Krankheiten, die in Schüben verlaufen (wie beispielsweise Multiple Sklerose) oder mit stark unterschiedlichen Leistungskurven wie bei psychischen Erkrankungen.

Jeder könnte sich entsprechend seiner persönlichen Leistungskurve die Arbeit einteilen und sich bei Bedarf ausruhen – das wäre unendlich viel sinnvoller, als Leute mit einer beschränkten Leistungsfähigkeit in Arbeitstrainings auf 8 Stunden «Präsenzzeit» zu trimmen – wenn jemand in schlechten Phasen für’s pure «da sein» seine ganze Energie verbraucht und dabei kaum eine Leistung hinkriegt. Es wäre weitaus ökonomischer, den Leuten gewisse Aufgaben zuzuweisen, die sie eigenverantwortlich erledigen können. Wer aufgrund einer Erkrankung viele Ruhepausen braucht, kann sich die Arbeit danach einteilen.

Eine «Aufgabe» zu haben, ist bestimmt allemal förderlicher und sinngebender, als eine «Beschäftigungstherapie». Menschen mit Behinderungen brauchen keine «Beschäftigung» – sie brauchen eine Aufgabe – wie jeder andere Mensch auch. Und diese Aufgabe innerhalb eines Unternehmes kann auch eine kleine sein, im herkömmlichen Sinn gerechnet eine 25 oder 50% Stelle, die derjenige dann eben eigenverantwortlich so erledigt, wie es sich am besten mit der Behinderung/Krankheit vereinbaren lässt.

So würden viel weniger Menschen komplett aus der Arbeitswelt hinausfallen. Viele fallen nämlich nicht hinaus, weil sie überhaupt nichts mehr tun können, sondern weil sich viele chronische Krankheiten nicht mit den starren Regelungen unserer Arbeitswelt vereinbaren lassen. Krankheitsschübe halten sich nun mal nicht an geregelte Arbeitszeiten.

«Und was machst du so?»

Aufgabe für nicht Berentete: sich mal vorzustellen, auf der nächsten Party, dem nächsten Klassentreffen, bei der Vorstellung im Kirchenchor oder dem Chüngelizüchterverein, beim zufälligen Zusammentreffen mit einem früheren Arbeitskollegen auf einem Konzert, oder der grossen Liebe aus Teenagertagen in der Migros auf die Frage «Und was machst du so?» antworten zu müssen: Ich bin IV-Rentner. Und dabei keinen Rollstuhl oder sonstiges äusserliches Merkmal vorweisen zu können.

Da bleibt man doch lieber gleich zu Hause.

Ständeratskommission tritt auf 6. IV-Revision ein

Die Sozialkommission des Ständerats (SGK) teilt die Auffassung des Bundesrats, dass in den nächsten Jahren möglichst viele IV-Rentner in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen. Sie ist mit 12 gegen 1 Stimme auf die 6. IV-Revision eingetreten. Vorher hatte sich die Kommission dagegen ausgesprochen, zuerst abzuwarten wie sich der Zustand der Invalidenversicherung aufgrund der bisherigen Reformschritte entwickelt. Die SGK lehnte mit 8 gegen 1 Stimme bei 2 Enthaltungen einen entsprechenden Ordnungsantrag ab. Die Kommission habe die vom Bundesrat vorgeschlagene Revision grundsätzlich begrüsst. Es seien aber auch Zweifel geäussert worden, ob es tatsächlich gelingen werde, bis 2018 16’800 IV-Rentner zurück in den Arbeitsmarkt zu bringen und damit 12’500 volle IV-Renten überflüssig zu machen.

See me – I’m a person not a label

Plakate aus der mehrjährigen Schottischen Kampagne «see me» gegen Stigmatisierung, Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Great.

Davon ist die Schweiz noch Lichtjahre entfernt. Hierzulande hat man noch nicht begriffen, dass Arbeitsintegration nicht ohne soziale Integration funktioniert. Solange Menschen mit psychischen Erkrankungen von einem Grossteil der Schweizer Bevölkerung ausgegrenzt, stigmatisiert und nicht als Mitarbeiter oder Arbeitskollegen akzeptiert werden, braucht man sich auch nicht wundern, wenn die Betroffenen aus der Arbeitswelt herausfallen.