Monatsarchiv: Juni 2010

Geräuschloses Wecken

«Also, ich werde ja am liebsten am Bein geweckt. Da Schwerhörigkeit und Ertaubung es mit sich bringen, dass man aus der Entfernung nur mit grellem Licht geweckt werden kann, ist auch kein sanftes Rufen in die morgendliche Realität mehr möglich — es ist Anfassen angesagt. Und Rucken. Oder Schütteln. Ob nun durch Wecker oder Personen. Wurfgeschosse lassen wir mal außen vor.(…)» notquitelikebeethoven berichtet launig über Selbstversuche mit unterschiedlichen Weckmethoden für Schwerhörige und Gehörlose.

Keine Verschiebung in die Sozialhilfe…?

Der Beobachter berichet über einen IV-Bezüger, der während 6 Jahren unentgeldlich 8 Stunden pro Woche (und trotz psychischer Behinderung stets zuverlässig) im Caritasladen in Basel arbeitete – eine bezahlte 30%-Stelle wurde ihm jedoch von der Geschäftleitung verwehrt mit der Begründung «man sei nicht sicher, ob der Betreffende ganz allein im Laden hätte arbeiten können». Wenn selbst Hilfswerke wie die Caritas so argumentieren, erscheint die Aussage der Sprecherin des Bundesamts für Sozialversicherungen, Elisabeth Hostettler, «dass mit der neuen IV-Revision gezielte Anreize für die Arbeitgeber geschaffen würden» doch geradezu sarkastisch.

Die Arbeitgeber werden es genau so machen wie die Caritas: Gratisarbeit von IV-Bezügern ist höchst wilkommen (Die IV zahlt schliesslich den Lohn des IV-Bezügers und nennt dies vornehm «Einarbeitungszuschüsse»), aber richtige/normal bezahlte Stellen wird es für IV-Bezüger kaum geben. Woher auch, schliesslich gibt es genug Arbeitslose, die ihrerseits von vom RAV sanktioniert & gegängelt werden.

Und dann waren da noch die steigenden Kosten bei der Sozialhilfe in Bern, (Merci @Christophorus) und die haben – obwohl das BSV offiziell immer das Gegenteil behauptet – sehr wohl auch etwas mit der restrikiveren Praxis der Invalidenversicherung zu tun. Wenn das BSV behauptet, eine Verschiebung von der IV in die Sozialhilfe fände nicht statt, stimmt das insofern, als dass jemand der von der IV abgelehnt wird, ja gar nicht erst in der IV drin war – ergo auch gar nicht von der IV in die Sozialhilfe verschoben werden kann, sondern (mehr oder minder) direkt in der Sozialhilfe landet.

In der BSV-Studie «Quantifizierung der Übergänge zwischen Systemen der Sozialen Sicherheit» von 2009 wurde zumindest auch der Anteil derjenigen erhoben, die nach einer Ablehung des IV-Antrages Sozialhilfe beziehen; von 2004 – 2006 wurden 35’000 Rentengesuche abgelehnt, davon bezogen später 10’000 Personen Sozialhilfe. Aber auch das ist nur ein Teil der Wahrheit, denn:

  • IV-Renten sind nicht Vermögensbezogen, die Sozialhilfe schon, wer also erst sein Vermögen aufbrauchen muss, um Sozialhilfeleistungen zu erhalten, fällt komplett aus der Statistik
  • IV-Renten werden nicht nach dem Einkommen des Ehe – oder Konkubinatspartners berechnet, bei der Sozialhilfe sind Partner unterstützungspflichtig – ergo fallen auch diejenigen aus der Statistik, die zwar nicht mehr arbeiten können, aber vom Partner finanziell unterstützt werden (müssen).
  • Im in der BSV-Studie untersuchten Zeitraum wurden sukzessive massiv weniger Neurenten gesprochen: (Neurenten 2004: 24’400, Neurenten 2005: 20’900, Neurenten 2006: 15’500) – Im Jahr 2006 wurden von 40’000 Rentengesuchen 18’000 (=45%) abgelehnt. Die zeitlich erst später folgenden Auswirkungen auf die Sozialhilfe der verschärften IV-Praxis im Jahr 2006 (und folgende) sind in der Studie aber nicht mehr erkennbar, da die Studie nur die Jahre 2004 – 2006 erfasst.
  • Am 1. Juli 2006 wurden zudem Beschwerden gegen Verfügungen der IV-Stellen vor den kantonalen Versicherungsgerichten für die Betroffenen kostenpflichtig – auch die Auswirkungen dieser Massnahme wurden in der Studie nicht mehr erfasst.
  • In der Statistik ebenfalls aussen vor bleiben diejenigen, die kurzfristig eine Arbeit gefunden haben, aber aus gesundheitlichen Gründen wieder herausfallen werden, ersteinmal als Arbeitlose gemeldet sind, und erst nachher in die Sozialhilfe verschoben werden oder aber nach einer Eingliederung der IV trotzdem keine Arbeit finden.

Dass rund ein Drittel der von der IV Abgelehnten früher oder später Sozialhilfe bezieht (Bzw. teilweise auch von Familienangehörigen unterstützt werden muss), ist aufgrund der obigen Faktoren meines Erachtens ein wohlwollend niedrig formulierter Schätzwert und dieser dürfte sich seit dem von der Studie erfassten Zeitraum (und den weiteren Verschärfungen durch die 5. IV-Revision) noch um einiges erhöht haben – und mit den geplanten IV-Revisionen 6a und 6b nocheinmal markant ansteigen.

Genauere und aktuellere Zahlen gibt es meines Wissens nicht (wer mehr weiss, bitte melden).

Endlosschleife

Vorbemerkung: Wie schaffen es eigentlich gewisse Politiker, dass ihnen auch bei der tausendsten Wiederholung bei irgendwelchen Nischenthemen (Burkas, Minarette, whatever) noch zugehört wird? Wird denen das selbst nie langweilig? Also mir (und ich denke, meinen LeserInnen erst recht) hängen gewisse Themen langsam zu den Ohren raus. Immer wieder wird von verschiedenster Seite das selbe festgestellt (Kurzfassung: Realitätssinn bei IV, BSV: nur äusserst bedingt vorhanden.) und trotzdem revisioniert man munter weiter.

Ich entschuldige mich also hiermit bei meinen LeserInnen ausdrücklich für die weissichnichtwievielten Wiederholungen desselben Sachverhaltes, möchte im Sinne einer umfassenden Sammlung die einzelnen Stimmen aber trotzdem weiterhin zu Wort kommen lassen (und hoffe, dass dadurch doch auch immer wieder der eine oder andere neue Aspekt beleuchtet werden kann).

Deshalb hier auch der Hinweis auf den Bericht eines weiteren Mediziners, dem langsam der Kragen platzt, ob der der gängigen Praxis der Invalidenver-sicherung. Der Psychiater Dr. med. Bernhard Baumgartner aus Trogen berichtet im St. Galler Tagblatt über seine Erfahrungen mit der IV: «Ich melde einen Patienten bei der IV an. In den folgenden Monaten wird er zu einem Gutachter aufgeboten (oft in einem sogenannten Gutachterzentrum). Dort wird der Patient kurz angeschaut und, beinahe egal, an was er leidet, zwischen 0% und 39% als arbeitsunfähig erklärt (erst ab 40% gibt es eine Viertelsrente, darunter gibt es gar nichts). (…) Fortsetzung hier: Die Macht der IV-Gutachter

Besonders schön auch, wie die angeblich noch verwertbare Arbeitsfähigkeit eines Patienten durch einen IV- Gutachter definiert wird: «Der Patient braucht eine Arbeit, wo er abwechslungsweise sitzen und stehen kann, dabei keine grosse Konzentration braucht und von seinem Vorgesetzten mehrmals am Tag ein positives Feedback bekommt.»

Hat grad jemand so einen Arbeitsplatz im Angebot…?

Lue zersch wohär dass dr Wind wääit

Man mag den Anhängern des Bedingungslosen Grundeinkommens hoffnunglose Sozialromatik oder den Machern des im letzten Artikel vorgestellten Filmes kritiklose rosafarbene Propaganda vorwerfen – aber wie sieht es denn auf der andern Seite aus? Bei denen, die behaupten, soviel näher an der «Realität» zu sein?

Am 10. und 11. Juni lud das liberale Institut zum Symposium unter dem Titel «der Sozialstaat – Ein Experiment auf Abwegen» Ein Blick in die Referentenliste zeigt; dem liberalen Institut Zugewandte gaben sich ein Stelldichein:

James Bartholomew (Adam Smith Institute, London) der Autor von «The Welfare State We’re In» sprach zum Thema: «The welfare state against morals: the erosion of social culture» Unter den Kritiken bei Amazon zum Buch von Bartholomew ist unter anderem folgendes zu lesen: «The author sneers at the number of unemployed people on disability benefit, particularly those who are classed as having mental problems, and implies many of these cases are fraudulent».

Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Und wundert es da noch, dass auch der Weltwochejournalist Alex Baur zum «Tabuthema Sozialstaat» referieren durfte? (Und einmal mehr hat er die Mär von angeblichen «50% – 80% ausländischen Transferempfängern» zum Besten geben dürfen)

Oder der evangelische Pfarrer Peter Ruch («Sozialstaat oder Zivilgesellschaft? – Über Verantwortung und Solidarität»), der gerne mal im SVP-Parteiblatt «der Zürcher Bote» und der Weltwoche schreibt und das Lob der freien Marktwirtschaft mit Zitaten aus der Bibel begründen kann: «Immer wieder würde dabei die Notwendigkeit eines Respekts vor dem Eigentum Anderer betont – nicht nur der Diebstahl, auch schon der Neid würde hier als Sünde beschrieben. (…). Umgekehrt fordere die Bibel Tugenden wie Ehrlichkeit, Fairness und Vertragstreue, die eine freie Marktwirtschaft auszeichneten. Zahlreiche Protagonisten der Bibel warnten auch vor dem Wachstum des Staates, da der Mensch fehlbar sei und den Verlockungen der Macht kaum widerstehen könne.»

Fairness zeichnet die freie Marktwirtschaft aus…? Und steht in der Bibel nicht auch irgendwas von Kamel/Nadelöhr/Reiche/Himmelreich…?

Nicht fehlen durfte natürlich auch Katja Gentinetta («Wachstum ohne Grenzen? – Die Entwicklung des Schweizer Sozialstaats») von Avenir Suisse, die sich wie offensichtlich alle anderen Referenten mehr mit den Statistiken als den realen Menschen beschäftigt – oder wie kommt sie sonst auf Schlussfolgerungen wie «die Erhöhung des Rentenalters auf 71 beziehungsweise 73 Jahre wäre eine faire Möglichkeit (…) schliesslich arbeiteten die Menschen weniger körperlich und mehr intellektuell.» Bei Gentinetta wächst das Essen also direkt im Kühlschrank und wohnen tut sie in einem Leichtbauzelt? Und in ihrer Vision pflegen dann die 73-jährigen die 90-jährigen im Altersheim?

Auch wenn der Film zum bedingungslosen Grundeinkommen hauptsächlich der Idee gewogene Personen zur Sprache kommen liess, so zog sich die Bandbreite doch zumindest quer durch verschiedene Berufe und soziale Schichten bis hin zum HSG-Professor. Wenn hingegen das Liberale Institut zum Symposium ruft, und da nur Exponenten aus dem liberalen Klüngel Umfeld mit Berufen, die im übrigen für die Gemeinschaft mehrheitlich nicht besonders notwenig sind (sondern vor allem den Eigeninteressen ihrer Vertreter dienen), im komplett luftleeren Raum die Auswüchse des Sozialstaates geisseln (und keiner der Redner auch nur den leisesten realen Bezug zum behandelten Diskussionsthema aufweisen kann) – dann bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, wem denn hier die Bodenhaftung fehlt…

Und man möchte sich nicht einmal vorstellen, wie es um die Solidarität bestellt wäre, wenn es nach Robert Nef, («Einstieg in den Ausstieg – wie reformfähig ist der Sozialstaat?») dem Stiftungsratpräsident des Liberalen Instituts ginge, der meint: «Solidarität ja, Zwangssolidarität nein – Es brauche wieder mehr Selbstverantwortung(…) Die staatliche Umverteilungspolitik sei zu anonym, um freiwillige Solidarität unter den Bürgern zu fördern und provoziere übertriebene Anspruchshaltungen Betroffener.» Und wenn ebendieser Robert Nef seine Schrift «Der Wohlfahrtsstaat zerstört die Wohlfahrt und den Staat» ausgerechnet bei Ulrich Schlüers «Schweizerzeit» verlegen lässt und ein langjähriger Duzfreund von Christoph Blocher ist…

Möchte man da im Falle eines Falles wirklich auf die freiwillige Solidarität von Menschen wie den oben zitierten Rednern angewiesen sein? Gibt es sowas überhaupt im Universum der freien Marktwirtschaft? Eine Leistung ohne direkte Gegenleistung? Ich bezweifle es. Klingt irgendwie nach Mittelalter, nach dem System der würdigen und unwürdigen Armen: «Mit diesem Begriffspaar unterschied man ab dem 16. Jahrhundert zwischen jenen, die aufgrund von Krankheit oder äusseren Umständen unschuldig in ihre missliche Situation geraten waren. Und jenen anderen, unwürdigen, die als arbeitsfähige «Bettler oder Beutelschneider» wahrgenommen und disqualifiziert wurden. Deren brachliegende Arbeitskraft sollte von nun an genutzt werden – und so begannen kirchliche und staatliche Vertreter im 17. Jahrhundert, die arbeitsfähigen Armen in Arbeitshäuser und ähnlichen Einrichtungen zu internieren, um sie zu geregelter Beschäftigung zu «erziehen» und auszubeuten.» (Quelle: Rezension «Arme, Bettler, Beutelschneider»). Noch Fragen, warum es im Interesse der wirtschaftsfreundlichen Kreise liegt, die «Armenfürsorge» möglichst zu privatisieren? Vielleicht auch, weil unser Sozialstaat trotz kräftigem Bestreben von bürgerlich-rechts nach deren Meinung immernoch nicht genügend wirtschaftsfreundlich mittelalterlich ist?

Ach herrjeh, die alten Herren mit ihren Ideen von vorgestern für die Welt von morgen.

Quellen: liberales Institut, Der Arbeitsmarkt

Weitere Referenten waren: Prof. Dr. Dr. Gerd Habermann, Friedrich August von Hayek-Stiftung («Der Wohlfahrtsstaat – Geschichte eines Irrwegs») und Prof. Dr. Charles B. Blankart, Humboldt-Universität zu Berlin («Der Teufelskreis der Umverteilung und marktwirtschaftliche Auswege»)

Arbeit für alle – das war einmal

Die Publikation des Bundesamtes für Sozialversicherungen «Soziale Sicherheit CHSS 3/2010» schreibt unter der Überschrift «Sozialfirmen helfen Armut bekämpfen» folgendes: «Sozialfirmen wie Réalise leisten einen nützlichen Beitrag zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung. Ihre abfedernde Wirkung kann eine sozialere und solidarischere Wirtschaft, die allen Menschen Arbeit und Lohn und somit ein selbstständiges Leben garantiert, aber nicht ersetzen.»

Da arbeitet die Menschheit seit der Industriellen Revolution daran, die Arbeit zu veringern und immer umfassender an Maschinen zu delegieren (was ja auch zunehmend gelingt – die steigenden Arbeitslosenzahlen zeigen es) und dann… erzählt uns das BSV etwas vom Ideal einer «sozialeren und solidarischeren Wirtschaft, die allen Menschen Arbeit garantiert»?

In einem Beispiel wird dann die Praxis der Sozialfirmen aufgezeigt: «Frau Y. hat nur sehr wenig Berufserfahrung und war seit mehreren Jahren nicht mehr erwerbstätig. Sie beginnt ein Praktikum in der Wäscherei von Réalise. Dabei soll sie lernen, in einem Unternehmen zu arbeiten, sich dem Produktions-rhythmus anzupassen, ihr Familienleben entsprechend ihren Arbeitsstunden zu organisieren und bei Abwesenheit Bescheid zu geben. Damit sie sich auf diese Ziele konzentrieren kann, wird ihr eine nicht sehr anspruchsvolle Aufgabe übertragen. Es geht dabei in erster Linie darum, die Fähigkeit zu entwickeln, Anweisungen zu befolgen und nicht um den Erwerb umfassender Kenntnisse in den verschiedenen Bereichen der Wäschebehandlung.»

Sozialfirmen = wir tun so, als ob wir in der freien Wirtschaft wären, deshalb imitieren wir deren menschenverachtende Praktiken und geben unseren Mitarbeitern dadurch das Gefühl zur Gesellschaft dazuzugehören…?

Da findet man die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens auf einmal doch gar nicht mehr so absurd. Auch wenn der Film meines Erachtens zu wenig auf mögliche Problematiken der Idee eingeht – 100 sehenswerte Minuten.

Was da wegfallen würde an sinnlosem Verwaltungsaufwand, Bevormundung, Zwang und Demütigung durch die ganzen Sozialsysteme (RAV, Sozialhilfe, IV) und deren blindwütigen Eingliederungsversuchen in eine Wirtschaft, die die Menschen gar nicht will. Aber ob das bedingungslose Grundeinkommen auch tatsächlich realisierbar wäre?

Verantwortung

Satz des Tages, den man golden einrahmen und über Symptombekämpfungs-Diskussionen jeglicher Art und Weise hängen sollte:

«Wenn man ihnen jede Verantwortung wegnimmt, werden sie auch keine Verantwortung übernehmen.»

von David (-> Substanz) in den Kommentaren bei Frau Zappadong. Und die Schlussfolgerung von Frau Zappadong aus der Diskussion sollten Sie auch unbedingt lesen: Think about it – Denn auch diese Parabel lässt sich mühelos auf viele andere Problematiken übertragen.

IV-Revision 6b – Sparen, egal wie

Die wichtigsten Änderungen wurden ja bereits aufgelistet. Hier einige erste Auszüge aus der heute in die Vernehmlassung geschickten Vorlage zur IV-Revision 6b:

«Künftig haben versicherte Personen – neben den übrigen Voraussetzungen – nur Anspruch auf eine Rente, wenn die Eingliederungsfähigkeit nicht mehr verbessert werden kann, weder durch medizinische Behandlungen noch durch Frühinterventions- oder Eingliederungsmassnahmen.»

Und über die Eingliederungsfähigkeit entscheidet die Versicherung praktischer- weise gleich selbst – der behandelnde Arzt hat gar nichts mehr zu sagen: «Für die IV-Stellen ist neu ausschliesslich die medizinische Beurteilung der versicherten Person durch die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) massgebend.»

Und wo das Geld hingeht, dass die Menschen mit Behinderungen nicht mehr bekommen: «Die jährlichen Kosten eines RAD-Arztes werden mit durch-schnittlichen 210’000 Franken angenommen, die einer Eingliederungs-fachperson mit 150’000 Franken»

Und insbesondere bei Menschen mit psychischen Krankheiten sieht man grosses Einsparpotential, denn psychische Krankheiten sind ja (laut Krankheitsver-ständnis der IV) sowieso nicht objektivierbar, ergo: «Als eingliederungsfähig gelten Versicherte, die objektiv in der Lage sind, an Frühinterventions-massnahmen und Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen. Entgegen der Definition, wie sie sich in der Rechtsprechung etabliert hat, wird neu auf das Vorhandensein einer subjektiven Eingliederungsfähigkeit bewusst verzichtet. Die Einführung der Integrationsmassnahmen, welche auf die Bedürfnisse von psychisch Behinderten zugeschnitten sind, macht diese überflüssig.(…)»

Na klar, alles reparierbar – und überwindbar und wenn nicht, dann ist definitiv der Versicherte schuld:

«Dort, wo die motivationalen, sprich subjektiven Voraussetzungen nicht erfüllt sind und auch nicht durch geeignete Beratung und Massnahmen herbeigeführt werden können, ist in der Tendenz zukünftig wohl eher von einer Verletzung der Mitwirkungspflicht auszugehen.»

Und künftig sollen auch Renten eingestellt werden dürfen, beim puren Verdacht auf Betrug (obwohl sich bisher von 2700 Verdachtsfällen nur 150 bewahrheitet haben). Der Gesetzgeber sieht da zynischerweise auch überhaupt gar kein Problem: «Der versicherten Person entstehen auch in demjenigen Fall keine nachteiligen finanziellen Folgen, wo sich im Laufe der weiteren Abklärungen allenfalls erweisen sollte, dass doch kein Betrug vorliegt bzw. dass eben doch eine Rentenberechtigung besteht. In diesen Fällen kann die Rente nämlich bis zum Zeitpunkt der vorsorglichen Leistungseinstellung nachgezahlt werden.»

IV-Rente & Ergänzungsleistungen reichen gerade mal eben so zum Bezahlen der laufenden Kosten. Wovon soll der/die Betroffene die Miete bezahlen, wenn die Leistungen eingestellt werden – einfach mal so auf Verdacht hin? Es dürfte die Damen und Herren im Bundeshaus vielleicht erstaunen, aber IV- & Ergänzungs-leistunsgbezüger haben auf dem Konto nicht eben mal so einige Monats-mieten/Krankenkassenprämien/ect. vorrätig liegen.

Mehr zur IV-Revision 6b direkt beim BSV.

Im Grossen und Ganzen ergibt sich folgendes Bild: Die neoliberale Gesellschaft sortiert alles aus dem Arbeitsmarkt aus, was nicht hineinpasst, und nun sortiert die IV alles aus, was sich nicht wehren kann angeblich nicht in die IV hinein-passt. Nur: wohin? In den Arbeitsmarkt hinein, der ebendiese Menschen hinaus-sortiert hat…?

Der Geist der durch die ganze Vorlage weht, ist ein einziges: die wollen alle nicht, wir müssen die nur zum «Wollen» bringen zwingen. Das «Wollen» der Arbeit- geber scheint hingegegen einmal mehr absolut nicht von Bedeutung zu sein. Die Arbeitgeber wollen vor allem eins: gesunde und leistungsfähige Mitarbeiter und das ist auch verständlich. Und auch die  siebte, achte, neunte… hundertste IV-Revision macht aus kranken und behinderten Menschen keine 150% leistungsfähigen Mitarbeiter.

Agile und Pro Infirmis jedenfalls drohen schon mal rein präventiv mit dem Referendum, falls an der Vorlage nicht noch Entscheidendes geändert wird. Ich verstehe nicht, warum man solche Institutionen nicht bereits bei der Planung (noch mehr) mit einbezieht – Es ist ja allen klar, dass gespart werden muss, aber die Organisationen als Betroffenenvertung hätten dabei vielleicht ein bisschen mehr Ahnung, wo Sparmassnahmen wirklich sinnvoll und einigermassen realistisch wären.

Es kommt der leise Verdacht auf, dass den Anzugherren in Bern eigentlich gar nichts an einer realistischen Vorlage liegt… Aber was ist dann der Zweck dieser Übung? (Fortsetzung folgt…)

L’encirclement

Die Einkesselung – Die Demokratie in den Fängen des Neoliberalismus

Wie wollen wir eigentlich leben?

Spätestens seit der isländische Vulkan Eyjafjallajökull den gesamten europäischen Flugverkehr lahmgelegt hat, ist dem einen oder andern (nämlich insbesondere den Bewohnern der Anflugschneisen der Flughäfen) klargeworden, dass «Verzicht» entgegen der allgemein vertretenen Meinung durchaus auch ein «Gewinn» an Lebensqualität bedeuten kann. Warum die Menschen trotz solcher Erkentnisse weiterhin an das Mantra des unendlichen Wirtschaftswachstums glauben – und wie man das Ganze auch einmal mit einer völlig anderen Sichtweise betrachten könnte, erklärt der Sozialpsychologe Harald Welzer in der Sternstunde Philosophie von SF DRS. Sehenswert.

behindert & nutzlos

Patrik Etschmayer gestern auf nachrichten.ch, das eigentliche Thema des Artikels ist zwar ein anderes, aber die Einführung, nun ja:

«Es tönt krass, aber Gesellschaften teilen sich immer in Menschen ein, die für die Gesellschaft nützlich und nicht nützlich sind, in Menschen die zahlen und arbeiten und andere, die dies nicht können… oder nicht wollen.

Jenen, die es nicht können, sei es wegen Krankheiten, Behinderungen oder anderen nachvollziehbaren Gründen, ist kein Vorwurf zu machen. Im Gegenteil. Diese Leute leiden meist darunter, dass sie keinen Beitrag an die Gesellschaft leisten können und es ist die Pflicht unserer Zivilgesellschaft diesen Menschen beizustehen und Ihnen auch dabei zu helfen, sich irgendwie wieder einbringen zu können.»

Herr Etschmayer definiert die «Nützlichkeit» eines Menschen für eine Gesellschaft darüber, ob jemand finanziell für sich selbst sorgen kann und darüber hinaus ordentlich Steuern bezahlt. Also je mehr Geld jemand verdient, desto nützlicher für die Gesellschaft.

Mir wär grad lieber, der wahnsinnig nützliche BP-Vorstandschef Tony Hayward hätte sein Leben als (nach Definition Etschmayer) komplett «unnützer» Empfänger von staatlichen Almosen gefristet. Und über den Wert von gewissen Bankern oder Politikern für die Gesellschaft darf man auch gerne mal diskutieren.

Mit steigendem Einkommen und Macht steigt in der Regel auch die Verantwortung: Wer nur die Macht und das Geld sieht und sich einen Dreck um die damit verbundene Verantwortung schert – der ist bei allem (ungerechtfertigten) Ansehen, wohl eher «schädlich» für die Gesellschaft denn «nützlich».

Und vom gesellschaftlichen (und volkswirtschaftlichen) Wert der unbezahlten Arbeit, die in der überwältigen Mehrheit von Frauen geleistet wird (zb auch Pflege von alten/kranken Verwandten) fange ich gar nicht erst an.

Und wenn Ihr Partner, Ihre Partnerin, Ihr Kind, Ihre Mutter oder Ihr Vater erkrankt und behindert wird – ist dieser Mensch dann für Sie persönlich nutzlos? Ist seine oder ihre Liebe zu Ihnen dann nichts mehr wert? Oder wenn Sie selbst schwer erkranken/verunfallen würden, denken Sie, dass sie danach kein/e wertvolle/r PartnerIn, Mutter/Vater, FreundIn mehr sein würden?