Monatsarchiv: Juli 2010

Alain de Botton: A kinder gentler philosophy of success

Der Philosoph Alain de Botton untersucht unsere Vorstellungen von Erfolg und Versagen – und hinterfragt die diesen Urteilen zugrundeliegenden Annahmen. Ist Erfolg immer verdient? Ist auch Versagen «verdient»?

(Unter «Subtitles» können deutsche Untertitel ausgewählt werden)

Auf dem Weg zur Kostenprivatisierung

Auszug aus dem WOZ-Interview mit dem Philosophieprofessor Robert Pfaller über Pseudopolitik:

Das Rauchverbot schützt doch immerhin das Personal und die Nichtraucherinnen und Nichtraucher in den Lokalen.

Oh nein! Die Politik will in Wirklichkeit niemanden schützen, sondern sie will Kosten privatisieren. Das Rauchverbot ist ein Schritt hin zum Ende des Solidaritätsprinzips bei den Krankenkassen. Man will sicherstellen, dass in Zukunft Krankheit als etwas Selbstverschuldetes begriffen werden kann und auch selbst bezahlt werden muss. Wenn im öffentlichen Raum nicht mehr geraucht wird, und Sie kriegen Lungenkrebs, wird Ihre Krankenkasse irgendwann sagen, dass Sie wohl zu Hause geraucht haben. Sie wird sagen: «Sie sind doch selber schuld, und wir bezahlen ihre Krankheit nicht oder nur zu einem kleinen Teil.» Das ist der Skandal dabei: Das sehr berechtigte Bedürfnis der Menschen nach staatlichem Schutz wird ausgenützt, um die Menschen wieder einmal staatlicher Solidarität zu berauben.

So abenteuerlich diese Herleitung über das Rauchverbot anmuten mag: War es nicht die FDP (die ja immer sehr für «weniger Staat» plädiert) die letztes Jahr höhere Krankenkassenprämien für Dicke einführen wollte…? Wegen Eigenverantwortung und so?

Über das Gehen

Betrachtungen eines Rollstuhlfahres – mit eleganter Leichtigkeit geschrieben von Walter, und ebenso elegant vertont von Ohrenschützer.

IV reduziert Rentenbestand mit gefälschten Gutachten

Der Leiter des ZMB (Zentrum für medizinische Begutachtung, Basel) Christoph Ettlin wehrte sich dagegen, Gutachten nach den Wünschen der IV abzuändern – worauf die IV dem Institut keine Gutachteraufträge mehr erteilte. ZMB-Leiter Ettlin schrieb daraufhin dem Chef der Invalidenversicherung in Bern persönlich: Es könne doch nicht sein, dass man für unabhängige Gutachtertätigkeit mit einem Boykott bestraft werde. Antwort erhielt er sechs Wochen später mit einem nichtssagenden Schreiben. Auf den Auftragsboykott ging das Amt gar nicht ein.

Der Verein «Rechtsberatungsstelle UP für Unfallopfer und Patienten», ein Netz spezialisierter Anwälte, hat nun beim Departement des Innern Aufsichtsbe-schwerde eingereicht und verlangt, dass die Sache generell untersucht wird. «Die Annahme ist berechtigt, dass Hunderte, wenn nicht sogar Tausende solcher Gutachten in ungesetzlicher Weise zu Ungunsten der Versicherten abgeändert wurden», sagt der Vereinspräsident und Anwalt Felix Rüegg. Er und seine Anwaltskollegen vermuten, dass, gestützt auf diese Gutachten, «sehr vielen Versicherten» eine IV-Rente verweigert oder eine bereits bestehende entzogen oder reduziert wurde.

Quelle: Beobachter

Und das ist bei weitem nicht das erste Mal, dass die Gutachterpraxis der IV in einen höchst zweifelhaften Licht erscheint: Ärztegutachten – Im Zweifel gegen den Patienten

Sind wir bereit?

Sind wir bereit

  • an der Migroskasse länger zu warten, weil die Kassiererin nicht ganz so flink ist?
  • nur noch 80% zu arbeiten und auf 20% unseres Lohnes zu verzichten, damit die Firma jemanden mit Behinderung  zu 20% anstellen kann?
  • Auch mal Aufgaben des Arbeitskollegen mit der chronischen Erkrankung zu übernehmen, wenn er aufgrund eines Krankheitsschubes ausfällt?
  • Für gewisse Produkte mehr zu bezahlen, damit sie wieder in der Schweiz hergestellt werden können (in Behindertenwerkstätten und Sozialfirmen) und nicht billig im Ausland produziert werden?
  • Der älteren Dame hinter dem Postschalter auch mal etwas zweimal zu erklären?

Sind wir bereit, in einer weniger perfekten Welt mit weniger Geld zu leben?

Oder lassen wir uns lieber weiter vorlügen, dass es für all die Arbeitslosen, Behinderten, Sozialhilfeempfänger und älteren Menschen genügend Arbeitsplätze gäbe – wenn die nur alle nicht so faul wären?

Die Arbeitswelt aus der Sicht eines RAD-Arztes

Ob man wohl als RAD-Arzt beim Einstellungsverfahren einen Patienten vorgeführt bekommt (in diesem Fall einen Mechaniker mit schwerem Asthma, Rückenproblemen und psychiatrischer Symptomatik) und dann als Arbeitsprobe eine Beurteilung über dessen Arbeitsfähigkeit schreiben muss? Oder gibt es dazu interne Fortbildungskurse?

Hier mal wieder eine gutachterliche Meisterleistung:

(…) sei aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 50% für eine körperlich adaptierte Tätigkeit ohne übermässigen Stress und Zeitdruck, ohne Publikumsverkehr, ohne erhöhtes Konfliktaufkommen, ohne Schichtarbeit und mit der Möglichkeit zu unüblichen Pausen anzunehmen. Aus pneumologischer Sicht sei die Ausübung jedweder Mechanikertätigkeit (insbesondere unter Ausschöpfung aller in Frage kommenden Arbeitsschutzmassnahmen) nicht ausgeschlossen. Eine körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeit ohne regelmässige Exposition gegenüber höheren Konzentrationen von atemwegs-reizenden Stäuben, Dämpfen und Rauch sowie gegenüber Kälte, Nässe und Zugluft sei zu 80% zumutbar. Ungeeignet seien körperliche Schwerarbeiten mit Heben und Tragen von Gewichten über 30 kg sowie solche mit monotonen Zwangshaltungen der Lendenwirbelsäule. Insgesamt resultiere eine 50%ige Arbeitsfähigkeit. (IV 2008/430)

Und wie schon früher festgestellt: Falls der Betroffene keine solche Stelle findet, hängt das natürlich nicht mit seiner Behinderung zusammen; er ist dann einfach arbeitslos. Es wichtig und richtig, dass auch Menschen mit eingeschränkter Arbeitsfähigkeit nicht einfach zu 100% berentet werden, sondern wenn irgend-möglich ihre Restarbeitsfähigkeit noch verwerten können. Aber da klafft leider immer häufiger eine grosse Lücke zwischen der von RAD-Ärzten rein theoretisch beschriebenen Stelle und der Wirklichkeit. Mag ja sein, dass die Tätigkeit als ärztlicher Beamter «ohne übermässigen Stress und Zeitdruck, ohne Publikums-verkehr, ohne erhöhtes Konfliktaufkommen, ohne Schichtarbeit und mit der Möglichkeit zu unüblichen Pausen» einhergeht – Draussen in der richtigen Welt, liebe RAD-Ärzte ist das aber leider nicht so. Oder warum war die Stelle als RAD-Arzt eigentlich so erstrebenswert?

Wenn ich mal kurz aus dem Stelleninserat zitieren darf, mit dem die SVA-Zürich nach RAD-Ärzten sucht: «Wir bieten Ihnen einen modernen Arbeitsplatz im Stadtzentrum, grosszügige versicherungsmedizinische Weiterbildungs-möglichkeiten, flexible Arbeitszeiten (keine Pikett- und Wochenenddienste) sowie vorzügliche Sozialleistungen.»

Hach schön. Ganz ohne Staub, Dampf oder Rauchemissionen und garantiert mit Klimaanlage.

Wie viel ist ein Menschenleben wert?

Für Philosophen ist klar: Den Wert eines Menschen kann und darf man nicht messen. Der Rechtsstaat jedoch muss kalkulieren – und gerät so in ein unlösbares Dilemma zwischen Ökonomie und Moral. Leseempfehlung – mit vielen Anregungen zum drüber Nachdenken.

«Charmante, überlastete Dame»

Heute im Tagesanzeiger ein weiterer Teil aus der Serie über die Zürcher Anwältin Caroline Bono, die seit einem Auffahrunfall unter schweren gesundheitlichen Problemen leidet. Die aber die Unfallversicherung Zurich und die Gerichte nicht als unfallbedingt anerkannt haben – diesem Urteil hat sich die IV nun auch angeschlossen.

«Für die behandelnden Ärzte steht ausser Zweifel, dass es sich um Unfallfolgen handelt. Sowohl das Kassationsgericht als auch das Bundesgericht stützten indes das Zürcher Handelsgericht. Dieses sah es 2008 als wahrscheinlicher an, dass Überlastungen die gesundheitlichen Probleme verursacht hätten. Die vierfache Mutter habe getrennt von ihrem Mann gelebt und Hausarbeit geleistet, sie habe sich ausserdem mitten in ihren Anwaltsprüfungen befunden, in einer Kanzlei gearbeitet und Seminare geleitet. «Nach der allgemeinen Lebenserfahrung» sei es «sehr wahrscheinlich, dass diese Belastung und nicht das banale Auffahrereignis» die Ursache für die Beschwerden der Klägerin sei, sagten die Gerichte.»

Wäre Frau Bono ein beruflich sehr engagierter Mann, würden die Versiche-rungen (Unfall wie IV) und vor allem die Gerichte unter Garantie nicht mit Überlastung argumentieren, aber bei Frauen geht sowas ja klar. Die sind halt schnell mal überlastet

Und wo wir gleich bei der Objektivität der Medas sind: «Der Medas-Gutachter hat auch persönliche Wertungen eingestreut. So beschreibt er Bono als «46 Jahre alte, offene, kooperative, charmante und affektiv völlig unauffällige Dame, sieht jünger aus.»

Was hat das bitte schön mit einem seriösen ärztlichen Gutachten zu tun?!

Ich sags jetzt mal höchst uncharmant: Wer sonst als Arzt nichts gebacken kriegt, wird Versicherungs-Arzt. Da darf man sich dann wenigstens noch ein bisschen wichtig fühlen machen.

Betriebliches Gesundheitsmanagement II

Gewinnoptimierung der Firmen mittels Gesundheitsmanagement ist heute auch bei der NZZ Thema: «(…)Unternehmen, die von sich behaupten, die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu einem wichtigen Thema zu machen, gibt es dennoch. Etwa der Krankenversicherer Helsana, was sicher auch branchenbedingt erklärbar ist. Das Unternehmen mit 3000 Mitarbeitern – bis Ende 2011 will man sich von 300 trennen – hat eine eigene Gesundheitsförderungs-kommission(…)»

Weiter oben im Artikel heisst es, dass die Angst vor Arbeitsplatzverlust ein wichtiger Grund für die stark gestiegene psychische Belastung der Arbeitnehmer sei…

Merken die noch was im neoliberalen Wunderland?

Betriebliches Gesundheitsmanagement

Die Postfinance brüstet sich damit, dass sie die krankheitsbedingten Abwesenheitszeiten ihrer MitarbeiterInnen innerhalb von 4 Jahren um 40% reduzieren konnte und dadurch jährlich über drei Millionen Franken spart. Wie hat sie das geschafft? Unter anderem «würden bei Rekrutierungsverfahren für Stellen mit einem gewissen Stresspotenzial die Kandidaten einem Belastungstest unterzogen.»

Ahja. Gute Methode. Einfach nur 150% fitte und gesunde Mitarbeiter einstellen.

Auf einen Job bei der Postfinance sollten die 16’000 IV-Bezüger, die mittels der 6. IV-Revision wieder eingegliedert werden sollen, also mal lieber nicht hoffen.