Diffuse Wahrnehmungsstörungen bei der Weltwoche

Soll man die Weltwoche ignorieren? «Ja». Hatte ich eigentlich beschlossen. Dann hat mich neulich jemand auf den Artikel «Wie im Selbstbedienungsladen» aufmerksam gemacht und ob ich nicht etwas darüber schreiben…? Hm. Die Weltwoche. Schon wieder. Fällt denen nix Neues ein, um ihr Blatt zu füllen? Alex Baur. Der mal wieder nach seinen ganz eigenen Regeln die folgende Tabelle interpretiert hat (aus der BSV-Studie «Migrantinnen und Migranten in der Invalidenversicherung – Soziale Unterschichtung, gesundheitliche Lage und Invalidisierungsrisiko» Guggisberg et al. 2010):

Anteil Renten am Total der laufenden Renten aufgrund psychischer Krankheiten und Krankheiten der Knochen und Bewegungsorgane nach Staatszugehörigkeit:

Sieht irgendjemand in obiger Tabelle das Wort «Nicht objektivierbar?» Ich nicht. Aber Herr Baur offenbar schon. (Dinge sehen, die nicht da sind – das ist aus gesundheitlicher Sicht betrachtet aber gar kein gutes Zeichen, Herr Baur…)

Baur behauptet nämlich (in der Weltwoche 25/10) – konkret bezugnehmend auf obige Tabelle – 80 Prozent der IV-Rentner aus der Türkei litten an angeblichen seelischen Beschwerden oder an körperlichen Schmerzen, die sich nicht objektivieren lassen» Auch bei den Schweizern, so liest Baur aus der obigen Tabelle heraus, sollen 55% der IV-Bezüger ihre Rente angeblich aufgrund «diffuser» Beschwerden erhalten.

Was Baur «entgangen» ist: die Tabelle zeigt den Anteil aller* Krankheiten der Kategorien Knochen/Bewegungsorgane/Psychische am Gesamtrentenbestand. Baur stellt damit alle Menschen mit körperlichen Krankheiten an Knochen und Bewegungsorganen und schweren psychische Erkrankungen wie Schizophrenien samt und sonders einfach mal pauschal in die Simulanten- ecke.

Und wie schreibt Baur noch dazu: «Leider hat sich anscheinend niemand dazu überwinden können, die Studie zu lesen. Tatsächlich ist die Lektüre des achtzig Seiten dicken Dokumentes in schwerverständlichem Sozialarbeiter-Kauder-welsch eine Zumutung. Nimmt man sich jedoch die Mühe, die harten Fakten aus den gestelzten Formulierungen und gewundenen Relativierungen heraus-zuschälen, öffnen sich Abgründe.»

Ja, allerdings eröffnen sich da Abgründe – speziell im Hinblick auf die «Fakten» die der Weltwochejournalist da «herausgeschält» haben will. Wenn man die Studie nicht versteht, hält man sich eben einfach an die schönen Bildchen mit den Tabellen – nur sollte man dann zumindest noch korrekt interpretieren können, was die Tabellen eigentlich aussagen.

Nach dem letzten Diffamierungsversuch rechtfertigte Baur hier im Blog seine inkorrekte Darstellung des Migrantenanteils bei der Invalidenversicherung (in der Weltwoche 22/10) damit, dass «der Satz ursprünglich anders formuliert war, dann aber beim redigieren verkürzt worden wäre». Und was ist wohl diesmal – selbstverständlich unabsichtlich - schiefgegangen?

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*Die Invalidenversicherung teilt die sogenannten Gebrechensarten folgendermassen ein:

  • Geburtsgebrechen
  • Psychische Krankheiten
  • Nervensystem
  • Knochen und Bewegungsorgane
  • andere Krankheiten
  • Unfall

Alle Zusammen = Gesamtbestand der Renten

Und entgegen der Weltwoche-Propaganda werden Renten nicht einfach so «verteilt» sondern haben sich nach dem Gesetz zu richten, dass da heisst: Art. 7 Abs. 2 ATSG: «Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist».
Passend zum Thema: Plündern Ausländer die IV? – reoladed

Nachtrag 9. Juli 2010: und wenn das Vorsorgeforum solche Wewo-Artikel in Twitter mit den Worten: «Zum Glück gibt es die Weltwoche. Zur IV und der kürzlichen Studie bringt sie ein paar bemerkenswerte Überlegungen» anpreist und grosszügig Auszüge aus ebendiesen Artikel 1:1 kritik- und kommentarlos in den Blog übernimmt – dann wird auch klar, in wessen Interesse es liegt, dass möglichst viele IV-Bezüger des angeblich «unrechtmässigen» Bezugs verdächtigt werden. Mitglieder des Vorstands des Vorsorgeforums sind: Verwaltungsräte von Krankenkassen, FDP-ler, ehemaliger Vizedirektor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands und so weiter…)

6 Gedanken zu „Diffuse Wahrnehmungsstörungen bei der Weltwoche

  1. Dabei weiss doch jeder, dass die Weltwoche die einzig unabhängige, objektive Zeitung im Land ist… Hat der Blocher zu mir gesagt und der muss es ja wissen.

  2. Wie kommst du dazu Herrn Blocher zu sprechen? Es ist schwerlich vorstellbar, dass er in behinderten Kresen verkehrt. Hast du dich für ein Podiumsgespräch bei der SVP einladen lassen?

  3. Das war ein Scherz, Christophorus. Ich hatte bislang leider noch nicht das Vergnügen, mich mit der Zwingli-Reinkarnation persönlich unterhalten zu dürfen.

    In dem ich demonstrativ die Unabhängigkeit der Weltwoche hervorstrich und auf Christoph Blocher verwies, deutete ich das genaue Gegenteil, also die Befangenheit dieser Zeitung, an.

    Dieses Konzept wird glaube ich allgemein als “Ironie” bezeichnet, ist ein weit verbreitetes Stilmittel und wird auch “die Waffe der Machtlosen” genannt.

    Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Ironie

  4. Schade, die Vorstellung, dass du ihm einige deiner pointierten Meinungen ins Gesicht sagst, ist sehr vergnüglich.

  5. Für mich ist es eher abschreckend. Manche Leute sind dermassen jenseits von Gut und Böse, dass es ziemlich sinnlos ist zu versuchen, mit ihnen zu kommunizieren. Ich versuche ab und zu, das Gezwitscher der Amseln in meinem Garten zu immitieren. Davon erhoffe ich mir mehr Erfolg.

  6. sehr gut geschrieben. und unterstützt meine meinung ebenfalls: herr baurs texte passen wunderbar zum aktuellen weltwoche-…. öhmmm… ähhh… *fingeranschubse*-journalismus und ebenso die rechtfertigungen, die er jeweils bereit hält sind liniengetreu.

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