Monatsarchiv: Oktober 2010

War da was…?

War da gestern nicht irgendso eine Demo…? Laut dem Tagesanzeiger war da nix. Aber laut 20 Minuten. In Langenthal demonstrierten gegen 100 Personen aus dem linksautonomen Lager  gegen «überdurchschnittlich viele rechtsextremen Aktivitäten» in der Region. 20 Minuten berichtet ausführlich und zeigt ein Foto:

(Bildquelle: 20 Minuten, Fotograf Lukas Lehmann)

War da nicht noch was? Irgendeine Demo… in… Bern? Ah ja doch, 2000 Menschen demonstrierten in Bern gegen die Abbaumassnahmen bei der Invalidenversicherung, 20 Minuten druckt die offizielle Pressemeldung ab und zeigt ein Foto von «einer Demo mit Behinderten» aus dem Jahr 2007 (sic!):

(Bildquelle: 20 Minuten, Fotograf Lukas Lehmann)

Heisser Tip an die Demo-Veranstalter: Nächstes Mal einfach 100 vermummte Linksautonome mieten, ist irgendwie pressewirksamer…

Und was sagt das Schweizer Fernsehen? Das Schweizer Fernsehen sagt in der Kurzerklärung zum Beitrag: «Die Revision der Invalidenversicherung soll den Schuldenberg der IV reduzieren. In Bern fand heute eine Demonstration der Gegner statt, die behaupten, es werde auf Kosten der Behinderten gespart».

Behaupten? Ich wüsste jetzt gad nicht, auf wessen Kosten sonst gespart wird? Das ist keine Behauptung, das ist eine Tatsache.

Und die NZZ hat auch noch ein paar Zeilen übrig.

Vielleicht bringt ein gestern am Rand der Demo aufgeschnappter Kommentar das Ganze am besten auf den Punkt: «Was wollen die denn noch mehr, die haben ja alles!»

Ja. Offenbar ist das so. Offenbar geht es vielen IV-Bezügern in der Schweiz zu gut. Und sie denken, wenn sie sich nur ja nicht rühren, werden sie nach dem Inkrafttreten der IV-Revision 6a ganz bestimmt nicht zu den 16’000 gehören, denen die Rente gestrichen wird. Das trifft bestimmt nur «Die Anderen».

Wenn’s einem dann selbst betrifft, aber nicht heulen,  ja?

Nachtrag: eben gesehen, Frau Frogg berichtet über einige persönliche Eindrücke von der Demo.

Zämestah – 30. Oktober, 14 Uhr, Bundesplatz

Nochmal zur Erinnerung: Morgen, Samstag 30. Oktober ab 14 Uhr, findet auf dem Bundesplatz in Bern unter dem Motto «Jetzt reicht’s!» die Demo für eine solidarische Invalidenversicherung statt.

  • Das Programm:
  1. Begrüssung Jean Baptiste Huber, Komitee Zämestah
  2. Rede HandicapéE (Suisse romande)
  3. Rede Prof.Dr.med. Rolf Adler, Schmerzspezialist (Lory-Haus, Inselspital Bern)
  4. Rede Silvia Schenker, Nationalrätin Sozialdemokratische Partei der Schweiz SPS BS
  5. Slam-Poet Laurin Buser Laurin Buser Slam-Poet
  6. Rede Peter Wehrli Zentrum für selbstbestimmtes Leben ZSL
  7. Rede Pierre Méan, ASSUAS Association Suisse des Assurés
  8. Rede Katharina Prelicz-Huber, Nationalrätin Grüne Partei Schweiz GPS ZH (und Präsidentin VPOD)
  9. Street Performance Tanz-Gruppe “Strandgut” mit “Touched/Untouched” Tanz-Combo Strandgut Touched-Untouched
  10. Rede Margrit Kessler und Barbara Züst, Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz
  11. Schlusswort Jean Baptiste Huber, Komitee Zämestah
  12. Jutz/Jodellied mit Christine Lauterburg und Chor  Jodlerin Christine Lauterburg

Weitere Infos auf der offiziellen Website: zaemestah.ch

Sue Marsh: Diary of a Benefit Scrounger

Hatte ich eben noch gesagt «Mögen die Weigeltschen Vorstellungen nie Wirklichkeit werden»? Nun, in Grossbritannien entsprechen die kürzlich von Schatzkanzler George Osborne vorgestellten massiven Ausgabenkürzungen im sozialen Bereich für Menschen mit Behinderungen (unter vielen anderen Massnahmen) exakt den Weigeltschen Vorgaben: Verfügen Behinderte über einen verdienenden Ehepartner, fallen ihre Zuschüsse in Zukunft komplett weg.

«Vorbereitet» wurden die massiven Ausgabenkürzungen genau wie bei uns, indem mit kräftiger Mithilfe der Boulevardmedien – beispielsweise der Sun – eine regelrechte Hatz auf Sozialschmarotzer («If you know a benefits cheat then report them, in confidence, to our dedicated email or phone line») lanciert wurde.

Was bei uns die Scheininvaliden/Sozialschmarotzer, das sind in Grossbritannien die sogenannten «Benefit Scroungers» und genau so nennt die an einer seltenen und sehr schweren Form von Morbus Crohn erkrankte Britin Sue Marsh ihren Blog: «Diary of a Benefit Scrounger».

In ihrem gestrigen Eintrag erzählt sie humorvoll und gleichzeitig berührend vom ersten Date mit ihrem zukünftigen Ehemann, der unbedingt – trotz ihrer vielen Nahrungsunverträglichkeiten – für sie kochen wollte: «I arrived at 8, nervous and fluttery as you can only be on a first date, just in time to see him tipping bisto granules into his stew. I tried to stop him but it was too late. The granules have wheat in them and I’d already found out that I couldn’t tolerate it. Mortified with embarrassment, I explained to Dave, but far from being cross, he just started fishing meat out of the stew and oh-so-painstakingly scraping off all the gravy! I decided there and then that this one was a keeper.»

Und Dave blieb – bis heute. Sue beschreibt die Höhen und Tiefen, die eine Beziehung mit jemandem mit sich bringt, der schwer krank ist und ihr Beitrag schliesst mit den Worten: «His life has been turned upside down by my illness, his dreams crushed by my illness, his career stunted by my illness.
When he took his wedding vows, he took the words more seriously than most “For better and for worse, for richer and for poorer in sickness and in health, til death us do part.»

Und dann kommen irgendwelche Kasperlis und finden es völlig in Ordnung, wenn der Staat das Zusammenleben mit einem kranken/behinderten Menschen auch noch massiv finanziell bestraft. Wer ist hier eigentlich krank?

Im Zweifelsfall ist immer der Patient schuld

Die FMH fordert in ihrer Vernehmlassungsantwort zur IV-Revision 6b, dass die IV die Haftung übernimmt, für von ihr verordnete medizinische Massnahmen. Heisst: Verordnet die IV jemandem «zur Verbesserung seiner Erwerbsfähigkeit» beispielsweise eine Rückenoperation» und diese Rückenoperation führt zu Komplikationen, sollte die IV dafür haftbar gemacht werden können. Soweit so gut.

Nun verfügt aber die IV auch immer öfter über Massnahmen bei Menschen mit psychischen Erkrankungen, beispielsweise Therapien, Aufenthalte in psychia-trischen Kliniken oder Medikamenteneinnahme – wenn sie diese für die «Verbesserung der Erwerbsfähigkeit» für angezeigt hält.

Nur: Wie kann jemand «Komplikationen» im Rahmen einer psychiatrischen Behandlung geltend machen? Jegliche Verschlechterung des Gesundheits-zustandes lässt sich mehr oder minder problemlos auf die psychische Grunderkrankung oder ein mögliches «Fehlverhalten» des Betroffenen abwälzen.

Und auch unabhängig von der Invalidenversicherung: Sowas wie «Kunstfehler» existieren in der Psychiatrie kaum: laut Aussage der deutschen Bundesärzte-kammer betreffen nur 0,5 Prozent der Klagen auf ärztliche Kunstfehler die Psychiatrie. In der Schweiz dürften die Zahlen ähnlich aussehen.

Ist das etwa, weil die Psychiater viel weniger Fehler begehen als ihre Kollegen beispielsweise aus der Chirurgie…? Wohl kaum. Wohl viel eher, weil bei einer Fachrichtung deren Erfolge sich kaum messen lassen, deren Misserfolge erst recht nicht messbar sind.

Erhellendes dazu auch vom Psychiater Peter Schneider (Die Presseschau, DRS 3) heute im Tagesanzeiger zum Thema Weglaufhäuser und Antipsychiatrie: «Man könnte auch sagen: Während die gängige Psychiatrie ihre oft rat- und hilflosen Trial-and-Error-Verfahren mit dem flexiblen Ideologie-Mäntelchen einer «multifaktoriellen» Verursachung der psychischen Erkrankung und eines ebenso multifaktoriellen Behandlungskonzepts umgibt, steht das Konzept des Weglaufhauses dafür, dass die Behandler nicht wesentlich klüger sind als die Behandelten, dafür im Augenblick belastbarer als diese. Das mag manchem nach therapeutischem Pessimismus klingen; anderen wiederum nach einem sehr realistischen Verzicht auf mancherlei therapeutische Illusion

Suchen Sie mal einen Psychiater/Psychologen, der öffentlich bekennt, dass die eigene Fachrichtung in vielerlei Hinsicht noch in den Kinderschuhen steckt und vieles, was man heute so «Therapie» nennt, eigentlich passender unter dem Titel «Forschung am Menschen» laufen sollte. Sie werden lange suchen müssen. Es gibt sie, die löblichen Ausnahmen. Aber es sind Ausnahmen.

Die Folge dieses erfolgreichen Selbstmarketings eines bisher noch nicht so wirklich ausgereiften Fachgebietes: In der öffentlichen Meinung ist in der Regel nicht «die Psychiatrie/der Psychologe/der Psychiater» verantwortlich wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht gesund (oder gesünder) werden, sondern immer der Betroffene. (Zuwenig Krankheitseinsicht, zuwenig Motivation, zu wenig XY – niemand stellt in Frage, ob es denn nicht genau die Aufgabe eines erfolgreichen Behandlers wäre, eben diese Dinge zu fördern…)

Man stelle sich das selbe in der Medizin vor… Operation misslungen? Na der Patient ist schuld! (….?) Doch auch dort ist es im Übrigen bei neuen/wenig erforschten Krankheitsbildern genau so: Was die Medizin noch nicht kennt/auf Monitoren erkennen kann, das KANN nicht sein und muss deshalb in irgendwelchen unzureichenden Charaktereigenschaften des Patienten begründet liegen. Das sehen wir aktuell bei den sogenannten somatoformen Schmerz-störungen, bei CFS und vielem mehr. Neu ist das alles nicht. Als die Cellistin Jaqueline du Pré Anfang der 1970iger Jahre in ihren 20igern keine Konzerte mehr spielen konnte, war der Grund dafür vermeindlich schnell zur Hand: «weibliche Hysterie» lautete die Diagnose. Erst später wurde erkannt: Jaqueline du Pré war an Multipler Sklerose erkrankt.

Zurück in die Vergangenheit – Heute mit Kurt Weigelt

Ich möchte hier nochmal kurz die Publikation «Sozialstaat Schweiz – zu
viele Schulden, zu wenig sozial
» von 2008 aus der IHK-Schriftenreihe aufgreifen. Nicht, dass mich das übliche neoliberale «weniger Geld schafft mehr Anreize» überrascht hätte – die Platte kennen wir ja schon. Auch dass für «Sozialfälle aller Art» die Mindeslohnvorschriften aufgehoben werden sollten, überrascht kaum mehr als Forderung von wirtschaftlicher Seite. Aber dass laut Kurt Weigelt «künftig bei allen Sozialwerken der Haushalt die Berechnungseinheit einer Rente darstellen soll, wie dies heute bei der Sozialhilfe der Fall ist» – das lässt dann doch wiedermal tief blicken. Sehr tief.

Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfebezug sind in der Regel vorübergehende «Epdisoden» – Invalidität bleibt lebenslang. Und dafür finanziell aufkommen sollen nun laut Herr Weigelts Vorstellung ersteinmal die Angehörigen – in der Regel der Partner/die Partnerin oder wenn Behinderte aufgrund ihrer Behinderung auch als Erwachsene noch bei Ihren Eltern wohnen; die Eltern.

Hat Herr Weigelt die allerleiseste Vorstellung, was die Krankheit oder Behinderung eines Familienmitgliedes für die ganze Familie bedeutet? Offenbar nicht. Er ist scheinbar der Meinung, neben der Assistenz und Pflege, die unbezahlt von Familienangehörigen geleistet wird und den ganzen emotionalen Herausforderungen wäre es völlig in Ordnung, solchen Familien auch noch die finanzielle Verantwortung für den kranken/behinderten Angehörigen aufzuerlegen.

Aber natürlich, sie bekommen ja Hilfe… wenn sie dem Amt ihre Finanzen offenlegen und «glaubhaft» machen können, dass sie sich ihren kranken oder behinderten Angehörigen «nicht leisten können».

Behinderte als Kostenfaktor und Sippenhaft für die ohnehin schon belastete Familie – sonst noch was auf Lager?

Nun, mir fällt da noch was ein: Als nicht mehr Erwerbsfähiger mit jemandem Erwerbstätigen zusammenziehen und demjenigen damit im wahrsten Sinne das Wortes finanziell «zur Last fallen» zu müssen. Demütigender geht’s wohl kaum mehr. WG oder Partnerschaft mit jemand «Gesundem» als finanziell eigenständiger Mensch? Fehlanzeige.

Mögen die Weigeltschen Vorstellungen und die ihnen innewohnende Gesinnung nie (mehr) Realität werden.

Die neue Sachlichkeit beim St. Galler Tagblatt

Die Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell tingelt mit einigen Wirtschaftvertretern, bürgerlichen und rechten Politikern und jeweils einem Quotenlinken als wandernde Sozialstaatabschaffungs-Propagandamaschinerie politische Podiumsdiskussion durch die Ostschweizer Dörfer Kleinstädte. Offiziell nennt sich das Ganze «IHK-Arena – Die Ostschweizer Politdiskussion: Ist der Sozialstaat am Ende?»
Das St. Galler Tagblatt schrieb über die Veranstaltung vom 19. Oktober in Wattwil unter anderem folgendes: «Eine «Arena» war angesagt. Was die Diskussionsteilnehmer boten, war dann weniger der vom TV-Vorbild gewohnte hitzige Schlagabtausch, sondern eine sachliche Podiumsdiskussion unter bürgerlichen Politikern und Unternehmern. Die politische Linke war, anders als an den IHK-Veranstaltungen in Rorschach oder Bad Ragaz, nicht vertreten. Gleich im Anfangsvotum von Toni Brunner fielen Schlagworte wie «Schein-Invalide» und «Balkanisierung des Sozialsystems». (…) In der Invalidenversicherung und in der Sozialhilfe gäbe es falsche Anreize: «Die IV ist zum Selbstbedienungsladen für arbeitsunwillige Frührentner geworden.»

Moment mal, nochmal kurz zurückspulen: «Was die Diskussionsteilnehmer boten, war (…) eine sachliche Podiumsdiskussion unter bürgerlichen Politikern und Unternehmern.» Und dann Toni Brunner: «(…) Scheininvalide (…) Die IV ist zum Selbstbedienungsladen für arbeitsunwillige Frührentner geworden.»

Eigenwillige Vorstellung von «Sachlichkeit» hat man da beim St. Galler Tagblatt. (Oder bei den bürgerlichen Politikern?). Da braucht man sich dann auch nicht mehr drüber wundern, warum der eine oder andere Appenzeller bei Begegnungen mit Rollstuhlfahrern im Tonfall etwas danebengreift – in der Ostschweiz nennt man einen solchen Umgang mit Menschen mit Behinderungen eben «sachlich».

Ich denke, die eine oder andere wohlüberlegte wirklich sachliche Frage «aus dem Publikum» könnte diesen Veranstaltungen ganz gut tun… Es lohnt sich dabei zu wissen, dass die IHK letztes Jahr vor der Abstimmung über die Mehrwertsteuererhöhung zugusten der Invalidenversicherung die Nein-Parole herausgab und der Direktor der IHK Kurt Weigelt (der bei jeder Veranstaltung dabei sein wird) seine Vorstellungen eines idealen Nichtmehrsozialstaates unter dem Titel «Zurück an die Arbeit!» ausführlich dargelegt hat (kann man als PDF downloaden). Wer also hingehen möchte, hier die Daten:

Mittwoch, 10. November, 20 Uhr – Kursaal Bad Ragaz Diskussionsteilnehmer:
Peter Hartmann, Gewerkschaftssekretär SEV, Kantonsrat SP
Urs Marquart, Geschäftsführer MARQUART Elektroplanung + Beratung AG
Walter Müller, Nationalrat FDP
Dr. Kurt Weigelt, Direktor IHK St.Gallen-Appenzell

Dienstag, 23. November, 20 Uhr – Stadtsaal Rest. Kreuz Rapperswil Diskussionsteilnehmer:
Jakob Büchler, Nationalrat CVP
Dr. Yvonne Gilli, Nationalrätin GRUENE
Beat Jud, Kantonsrat CVP
Dr. Kurt Weigelt, Direktor IHK St.Gallen-Appenzell

Dienstag, 18. Januar 2011, um 20 Uhr – Stadtsaal Wil Diskussionsteilnehmer:
Dr. Yvonne Gilli, Nationalrätin GRUENE
Lukas Reimann, Nationalrat SVP
Peter Spenger, CEO Telsonic AG, Vorstand IHK
Dr. Kurt Weigelt, Direktor IHK St.Gallen-Appenzell

Donnerstag 17. Februar 2011, 20 Uhr – Hotel Sonne Altstätten Diskussionsteilnehmer:
Roland Rino Büchel, Nationalrat SVP
Hildegard Fässler, Nationalrätin SP
Heinrich Spoerry, Delegierter des Verwaltungsrates SFS Holding AG
Dr. Kurt Weigelt, Direktor IHK St. Gallen-Appenzell

Mittwoch, 30. März 2011, 20 Uhr – Pfalzkeller St. Gallen Diskussionsteilnehmer:
Hans-Jürg Fehr, Nationalrat SP
Dr. Eugen David, Ständerat CVP
Dr. Konrad Hummler, Geschäftsführender Teilhaber Wegelin & Co. Privatbankiers, Präsident IHK
Dr. Kurt Weigelt, Direktor IHK St. Gallen-Appenzell

Die Veranstaltungen sind öffentlich. Die Podiumsdiskussion dauert jeweils ca. eine Stunde, danach darf das Publikum Fragen stellen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Infos bei der Industrie- und Handelskammer

Schlechte Kinderstube

An denjenigen ca. 50 jährigen Herrn* mit dem Appenzeller Dialekt der heute in einer Migrosfiliale (er weiss schon wo) einem Rollstuhlfahrer auf die höfliche Bitte, ihm etwas aus dem Regal zu nehmen mit «Das kannst du selbst machen, du Schnösel» geantwortet hat: Erstens dutzt man jemanden nicht, nur weil derjenige im Rollstuhl sitzt und zweitens hilft man (sofern man eine einiger-massen gute Erziehung genossen hat) Menschen, die um Hilfe bitten. Ist das angekommen?

Beim nächsten Mal könnte nämlich zufällig jemand in der Nähe stehen, der bei einer solchen Antwort mal kurz ausrastet. Ich zum Beispiel. Ich könnte dann mal kurz meine gute Erziehung vergessen und ein bisschen lauter und ein bisschen ausfällig in der Wortwahl werden. Ich mag es nämlich nicht, wenn man Menschen so behandelt.

Gilt im Übrigen auch für denjenigen älteren Herrn, der (auch der weiss wo) gerne mal Rollstuhlfahrer auf Behinderten-Parkplätzen durchs Autofenster hindurch beschimpft und behauptet «ihr Behindertenparkplatzausweis wäre gefälscht».

Aber sonst geht’s allen gut hier im Land? Zuviel Scheininvalidenpropaganda intravenös abgekriegt, oder was ist da eigentlich los?

——–
* Selbstverständlich war es kein Angestellter der Migros, sondern ein Kunde.

Allgemeinwissen? Brauchen wir nicht.

In etwa diesen Eindruck bekomme ich immer wieder von neuem von Herr und Frau Schweizer wenn ich mich am Montag Abend beim Zappen zufällig zu SF DRS und dessen Spielshow 1 gegen 100 verirre. Blöd nur, dass es bei dieser Show genau darum geht: Um Allgemeinwissen nämlich – oder müsste ich besser sagen: um die allwöchentliche Zurschaustellung, dass ein solches bei Herr und Frau Schweizer offenbar nur äusserst notdürftig vorhanden ist. Beim gestrigen Hineinzappen stand gerade folgende Frage auf dem Bildschirm:

Welches Land hat als eines der Letzten in Europa das Frauenstimmrecht eingeführt:

  • Finnland
  • Türkei
  • Schweiz

Die Kandidatin tippte auf… die Türkei. Und mit ihr tippten 31 von 74 übrig-gebliebenen ihrer sogenannten «Gegner» ebenfalls nicht auf die Schweiz und ich würde wetten, die meisten tippten auch auf die Türkei. Das ist peinlich. Dass die Schweiz das Frauenstimmrecht im europäischen Vergleich unrühmlicherweise erst ausserordentlich spät (nämlich 1971) einführte, sollte man als Schweizer (und als Schweizerin erst recht) eigentlich wissen. Weiss man aber offenbar nicht (die Kandidatin wusste es jedenfalls nicht).

Was man aber auf jeden Fall zu wissen glaubt: «Die rückständigen Moslems, die haben es ja nicht so mit den Frauenrechten, die waren garantiert am spätesten dran.» Nun, liebe Schweizerinnen und Schweizer, die «rückständigen» Türken führten das Frauenstimmrecht ganze 41 Jahre VOR den ach so «fortschritt-lichen» Schweizer Männern ein. Die Finnen gar schon 1906.

Ein bisschen weniger SVP-Propaganda und ein bisschen mehr Bildung würde diesem Land wirklich nicht schlecht anstehen. Dann würde nämlich der eine oder andere vielleicht auch mal erkennen, dass es es bereits früher Parteien gab, die die «geistigen Eliten» beschimpften und dass das nie ein gutes Zeichen war.

Aber eben: Allgemeinwissen? Brauchen wir nicht.

«behindert = dumm» denkt Herr Daum

Wer sich mit der Schweizer Behindertenpolitik intensiver befasst, tut gut daran, sich eine dicke Haut zuzulegen, einen gewissen inneren Abstand zu bewahren und manche Dinge mit einer Prise Sarkasmus zu betrachten. Es gibt Momente, wo mir das alles nicht gelingt, und zwar wenn ich Kommentare wie diese hier (zur Androhung verschiedener Behindertenverbände gegen die IV-Revision 6b das Referendum zu ergreifen) lese:

«Das Referendum gefährde die Sanierung der Invalidenversicherung insgesamt» sagte Thomas Daum, Direktor des Arbeitgeberverbandes. «Diejenigen, die bereits jetzt eine «Totalopposition» ankündigten, müssten sich fragen, wie sie den Behinderten gegenüber auftreten würden, wenn die IV «gegen die Wand gefahren» werde.» (Quelle: Radio DRS)

Es ist nichtmal die dreiste Lüge (oder gar Drohung) selbst, die mich hierbei sprachlos macht. Es ist die an Überheblichkeit nicht zu überbietende Unverfrorenheit mit der der Lügende davon ausgeht, dass die «dummen Behinderten» nicht merken würden, wem sie es in Wirklichkeit zu «verdanken» haben, dass die IV immer mehr zu einer Scheinversicherung verkommt. (Auf das bloss niemand merkt, dass die Wirtschaftsverbände sich seit 15 Jahren gegen eine Erhöhung der IV-Lohn- und Arbeitgeber-Beiträge sperren).

Es ist die schiere Arroganz, mit welcher Daum sich für so unfassbar «clever» hält, dass er glaubt, es würde niemandem auffallen, wie er die Schuld elegant in fremde Schuhe schiebt und sich heimlich darauf freut, wie der Keil, den er so geschickt zwischen die Betroffenen und ihre Verbände zu treiben plante, langsam aber sicher seine Wirkung entfalten würde. Man macht sich doch nicht selbst die Hände schmutzig an einem Thema wie Behindertenpolitik – ich bitte Sie – einige Fäden geschickt gespannt, an den richtigen Enden gezogen, et voilà: Die Betroffenen und ihre Verbände zerfleischen sich gegenseitig. Und Daum und Konsorten schauen sich das ganze Massaker entspannt bei einem Glas Sekt Champagner von ihrem plüschbesetzen Logenplatz aus an.

Und woraus kann Daum sein Selbstvertrauen schöpfen? Weil es funktioniert. Mit der Trennung in «echte» und angeblich «falsche» Behinderte wurde das Terrain schon seit Jahren bestens vorbereitet. Und das zur grossen Freude der Drahtzieher (und zu meinem persönlichen grossen Erschrecken) auch unter kräftiger Mithilfe der Behinderten und ihren Organisationen. Denn wo der Vorwurf im Raume steht, das knappe Geld ginge an die Falschen, ist es auch für Behindertenorganisationen und Behinderte die einfachste Möglichkeit, die eigenen Pfründe zu retten, indem mit dem Finger auf andere Gruppen gezeigt wird, die – beispielsweise – keine herzerweichenden Infobroschüren mit Fotos von Kindern im Rollstuhl drucken können, weil Schmerzpatienten oder psychisch Kranke sich marketingtechnisch äusserst miserabel «verwerten» lassen. Da ist es dann schon befremdlich wenn manche Verbände, die für ihre eigene Klientel lautstark um «Solidarität» werben, diese für andere selbst nicht aufbringen mögen.

Praktisches Beispiel sehen wir jetzt aktuell bei der geplanten Demo in Bern. Da haben die einen oder anderen immer noch nicht verstanden, dass eine spärlich unterstütze und besuchte Demo (wo sie jetzt schon mal organisiert ist) eine wohltuende Bestätigung bei all jenen auslösen dürfte, die «die Behinderten» für eine Art dumme manipulierbare graue Masse halten, die sich sowieso nicht wehrt und auf deren Kosten weiterhin ganz trefflich gespart werden kann. Die nächsten Sparmassnahmen werden dann halt einfach auch diejenigen treffen, die heute noch denken, das ginge sie ja alles gar nichts an, sie würden ja schliesslich zu den «echten Behinderten» gehören. Oder jene, die denken, falls sie mal selbst krank oder behindert würden, dass sie ganz bestimmt nur eine Krankheit/Behinderung mit dem immer seltener zugestandenen IV-Echt-heitszertifikat bekommen.

Sie denken nach wie vor, es ginge bei der Aufteilung in «echte» und angeblich «falsche» Behinderte ernsthaft um «Betrugsbekämpfung»? Dann erklären Sie mir doch bitte mal, weshalb heute als «unrechtmässiger Bezüger einer IV-Rente» (aka «Betrüger») gilt, wer eben diese IV-Rente noch vor wenigen Jahren aufgrund einer durch Ärzte und IV anerkannten Erwerbsunfähigkeit völlig rechtmässig zugesprochen erhielt? Möglicherweise weil mangels genügend «echter» Betrüger der «Beweis» für die von verschiedenen Kreisen seit Jahren herbeigeredete «hohe Betrugsquote» nun mittels der gesetzlichen Umwandlung von rechtmässigen Bezügern in «Betrüger» erfolgen muss?

Die Lügenden verfügen über genügend Mittel und Wege ihre Lügen zu verschleiern und zu vertuschen. Und Sie rechnen mit der Dummheit derjenigen, die sich willig für Ihre Zwecke instrumentalisieren lassen. Es ist zu hoffen, dass sie sich diesmal gründlich verrechnet haben.

Ein Hoffnungsschimmer dazu findet sich in den Vernehmlassungsantworten verschiedener Behindertenverbände zur IV-Revision 6b, in denen der «verschleiernde Sprachgebrauch» des BSV massiv kritisiert wird, als exemplarisches Beispiel ein Auszug aus der Vernehmlassungsantwort des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben, in der die Sprache des BSV treffend mit George Orwells Neusprech aus «1984» verglichen wird:

«Beim sorgfältigen Lesen der BSV Vorlagen der letzten Jahre fällt auf, dass das Amt sich offenbar immer mehr darauf spezialisiert, die für die Betroffenen schmerzlichen Einschnitte mittels „Neusprech“ als deren Gegenteil – als Wohltat – darzustellen. Rentenkürzungen werden als „Integrations-anzreize“ verkauft – obwohl klar ist, dass ein Bezüger die Rente nur für den Teil erhält, zu welchem er sogar nach den überaus strengen Kriterien der IV-Ärzte nicht erwerbsfähig ist. Die Verengung des Zugangs zur Rente wird als „Verstärkte Eingliederung“ verkauft, Kürzungen bei den Kinderrenten und den Reisekostenvergütungen als „Neuregelungen“ und – Gipfel der Unehrlichkeit – die Verweigerung von Ausbildungen als „Neugestaltung der beruflichen Integration“. Der massive Abbau der Versicherungsdeckung (bzw. die extrem hohe Zahl der verweigerten Leistungen) wird wahrheitswidrig als Erfolg der Integrations-bemühungen gepriesen. Die Absicht dahinter ist klar: die PolitikerInnen, die im Informationsüberfluss sowieso viele Dokumente nur quer, wenn überhaupt, lesen, sollen über die Konsequenzen ihrer Entscheide im Dunkeln gelassen werden, bzw. soll das Gewissen der Täter nicht mit der Verantwortung belastet werden. „Ignorance is bliss“ scheint die Informationsmaxime.» (Vernehmlassungsantwort des ZSL als PDF).

Dass die Politiker im Dunkeln gelassen werden (wollen) ist das eine, aber eine solche Sprache in einem offiziellen Dokument des Bundes zeugt schon von einer ganz miserablen Gesinnung gegenüber Menschen mit Behinderung. Sei es, dass es denjenigen, deren kongnitive und intellektuellen Fähigkeiten durch die Behinderung eingeschränkt sind, absichtlich enorm erschwert wird, den wahren Gehalt der Vorlage zu erfassen, sei es, dass diejenigen deren Kopf trotz Behinderung ganz tadellos funktioniert (ja liebes BSV, das gibt es tatsächlich, und es ist gar nicht so selten wie man bei euch scheinbar denkt) sich ernsthaft fragen, für wie dumm man sie eigentlich hält.

30. Oktober 2010 · 14 Uhr · Bundesplatz – Demo für eine solidarische Invalidenversicherung

Regelmässigen LeserInnen dieses Blogs brauche ich nicht mehr zu erklären, warum eine Kundgebung gegen die Abbaumassnahmen bei der Invalidenversicherung wichtig und richtig ist. Den allermeisten sogenannten Behindertenorganisationen in diesem Land allerdings müsste man das ganz offensichtlich doch noch mal genauer erklären.

Oder aber man würde sich zumindest eine offizielle Stellungnahme beispielsweise einer Pro Infirmis wünschen, warum ausgerechnet die (laut Eigenwerbung) «grösste Fachorganisation für behinderte Menschen in der Schweiz» eine Demo gegen die Abbaumassnahmen bei der Invalidenver-sicherung nicht nur für nicht unterstützungswürdig, sondern nicht mal für auf der Website erwähnenswert hält.

Eine solche Erklärung würde ich wirklich gerne mal lesen. Was schreibt man denn da als Pro-Infirmis PR-Mensch so? Vielleicht: «Pro Infirmis als grösste Fachorganisation für behinderte Menschen in der Schweiz konzentriert sich lieber auf ihr Kerngeschäft, mittels der erniedrigenden Abbildung von Behinderten auf Plakaten und Bettelbriefen das Klischee des hilflosen Behinderten weiterhin zu festigen und damit die Löhne ihrer gesunden Angestellten zu sichern?» Naja, war ja nur ein Versuch…

Nachtrag 21. Oktober 2010: Pro Infirmis macht auf ihrer Website mittlerweile auch auf die Demo aufmerksam.

Pro Mente Sana will zwar auch nicht auf der offiziellen Demo-Website als unterstützende Organisation der Demo aufgeführt werden, ruft aber immerhin auf der eigenen Website höflich (sic!) dazu auf, an der Demo teilzunehmen – dies jedoch mit überdeutlicher Distanzierung zu den Veranstaltern, die laut PMS «v.a. die Interessen von Unfall- und Schleudertrauma-Opfern vertreten würden».

Am Beispiel von Pro Mente Sana sehen wir klar die Problematik im schweizerischen Behindertenwesen: Es kann nicht einfach irgendeine Vereinigung daherkommen und sagen: «Jetzt reichts, am 30. Oktober gibt es eine Demo für eine solidarische Invalidenversicherung auf dem Bundesplatz. Wer macht mit?

Nein, nein, so geht das nicht. Da fühlen sich alle erstmal betüpft, übergangen oder sind sonstwie eingeschnappt. Kommt dazu: praktisch jede Behinderten-organisation in der Schweiz erhält finanzielle Beiträge von der Invaliden-versicherung – im Falle der Pro Infirmis beispielsweise sind das mehrere Millionen Schweizer Franken im Jahr – nun beisst man eben nicht so gerne die Hand, die einem füttert – nämlich die Invalidenversicherung. Und die Invalidenversicherung füttert die gesunden Mitarbeiter bei den Behinderten-organisationen ganz gut. (Pro Infirmis bezahlte 2009 beispielsweise 1’254’286.- an seine sechs Geschäftsleitungsmitglieder).

Viele Organisationen (was insbesondere gerade bei einer Pro Mente Sana doch sehr erstaunt) tun dann auch noch so, als ob das Thema «Sparmassnahmen bei der Invalidenversicherung» ihre Klientel ja eigentlich gar nicht betreffen würde.

Da fragt man sich dann auch hier wieder: Wieviele Stellen bei der Pro Mente Sana existieren überhaupt nur, weil Menschen mit psychischen Problemen aufgrund der harschen IV-Politik rechtlich und psychosozial betreut und beraten werden müssen?

Bei Procap ist unter «News» kein Hinweis auf die Demo zu finden. Dafür dies hier: «Jede Münze zählt!» – Praktische Solidarität für Menschen mit Behinderung – Wer aus den Ferien zurückkehrt, bringt oft auch eine Hand voll übrig gebliebenes Feriengeld in ausländischer Währung mit. Dieses Geld kann aber oft nicht zurückgewechselt werden und liegt nutzlos herum. Procap, die grösste Mitgliederorganisation von und für Menschen mit Handicap, bietet (…) eine Möglichkeit an, wie solches Restgeld für einen guten Zweck eingesetzt werden kann.»

Unter «Solidarität» versteht man bei Procap also kein gemeinsames demonstrieren, sondern «nutzlos herumliegendes Geld mit dem grossartigen Gefühl der Wohltätigkeit an nutzlose Menschen äh… arme Behinderte zu spenden.»

Nachtrag 15. 10. 2010 zu Procap: Procap hat sich in den Kommentaren zu Wort gemeldet und ruft auf Ihrer Website nun offiziell und gut sichtbar zur Demo auf.

Hoffen wir, diesem guten Beispiel werden noch viele weitere Organisationen folgen und diese Liste der unterstützenden Organisationen verlängern:

Weitere Informationen zur Demo auf der offiziellen Website: zaemestah.ch