Nicht Menschen, sondern Strukturen ändern

Die meisten Menschen machen irgendwann in ihrem Leben einmal (oder mehrfach) die Erfahrung, dass sie etwas aufgeben müssen, was ihnen sehr am Herzen liegt. Sei es eine unerwiderte Liebe, den Traum vom Profisport aufgrund einer schwerwiegenden Verletzung, den Traum vom Konzertpianisten aufgrund nicht ausreichenden Talentes… was auch immer es ist, es gibt irgendwo einen Punkt, an dem man oft sehr schmerzhaft erkennen muss, dass auch mit grösster Anstregung das einst gesteckte Ziel nicht (mehr) erreichbar ist. Zwar werden Ausdauer, Disziplin und Kämpfergeist in unserer Gesellschaft unterstützt und als überaus erstebenswerte Eingenschaften angesehen – aber nur so lange, wie diese Anstrengungen von aussen betrachtet auch als mehr oder minder sinnvoll erscheinen. Wer sich «sinnlos» in etwas verrennt, gilt als verrückter Spinner.

Vernünftig gilt derjenige, der zwar durchaus gewisse Widerstände und Misserfolge zu überwinden weiss, aber insgesamt seine Möglichkeiten realistisch einschätzt, und nicht kramphaft an etwas festhält, was längerfristig keine Aussicht auf Erfolg vermuten lässt. Tut er dies trotzdem, gilt er – siehe oben – als Spinner.

Viele Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkankungen haben sich in oft sehr schmerzhafter Weise damit abfinden müssen, dass – so sehr sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch anstrengen – in der Arbeitswelt kein Platz (mehr) für sie ist. Nicht, dass es ihnen nicht einleuchten würde, dass ein Arbeit- geber dem gesunden und voll leistungsfähigen Mitbewerber um eine Stelle den Vorzug gibt. Das ist verständlich.

Nicht verständlich und äusserst schmerzhaft hingegen ist die ständige Implikation (und die FDP ist ganz gross in dieser Thematik), die Kranken und Beschädigten könnten – würden sie sich nur genug anstrengen, problemlos mit den Gesunden und voll Leistungsfähigen konkurrieren. Das ist in den aller-meisten Fällen einfach nicht wahr. Und es liegt auch nicht an den immer wieder bemühten «Nischenarbeitsplätzen« die angeblich fehlen – es liegt an der puren Ignoranz der Tatsache der «Behinderung». Behinderte oder chronisch Kranke sind nicht per se dumm, schlecht ausgebildet, nicht belastbar oder was all der Vorurteile mehr sind. Aber es muss mit der selben (bzw. oft durch die Erkrankung sogar noch verminderten) Energie massiv mehr geleistet werden, um das selbe Resultat wie ein Gesunder zu erreichen. Und wenn das Bundes-gericht immer öfter Schmerzen als «mit zumutbarer Willensanstrengung überwindbar» deklariert, dann ändert das nichts an der Tatsache, dass auch die Überwindung von Schmerzen (und anderen Symptomen) keine einmalige Entscheidung ist, sondern ein kräftezehrender tagtäglicher Kampf – und der kostet Energie, die anderswo wieder fehlt.

Die an Lupus erkrankte Christine Miserandino hat diese Tatsache einmal wunderschön anschaulich in ihrer Spoontheory erklärt.

Es klingt dann einfach nicht nur weltfremd, sondern geradezu höhnisch, wenn beispielsweise der FDP-Nationalrat Pierre Triponez in der Zeitschrift «der Arbeitsmarkt» sagt: «Es gibt Leute, die nach einem gescheiterten Berufseinstieg moralisch am Boden sind. Das ist natürlich verständlich. Trotzdem muss ein neuer Anlauf versucht werden. Man könnte die Situation mit einem Hochspringer vergleichen, der immer wieder versucht, seine persönliche Höchstmarke zu übertreffen. Auch wenn er es nicht schafft, sollte er einen neuen Versuch machen und nicht aufgeben. Analog gibt es IV-Bezüger, die eine gewisse Höhe niemals bezwingen können, und andere, die ihre persönlichen Grenzen überschreiten können.»

Wahrscheinlich stellt sich Herr Triponez das etwa so vor:

In der Sprechblase sagt die Schnecke: Man muss es nur wollen!

Auch Bundesrat Burkhalter hat kürzlich in seiner Rede am dem Rheintaler Wirtschaftsforum diese Sichtweise beschworen und die IV-Revision 6a mit folgenden Worten angepriesen: «Diese Revision beinhaltet eine Reihe von Massnahmen, welche die Leistungs- und Erwerbsfähigkeit der Renten-bezügerinnen und –bezüger erhöhen und damit die Wiedereingliederung fördern sollen.»

Das ist mal eine sehr elegante Beschreibung des mittels der IV-Revisionen immer weiter ausgebauten Zwangs- und Sanktionssystems. Es wird permanent so getan, als ob das Problem alleine die Behinderten wären, die sich einfach nicht genügend anstrengen, NICHT behindert zu sein.

Ich habe am Anfang dieses Artikels davon gesprochen, wie schmerzhaft es ist, Träume und Ziele aufzugeben – aber auch davon, wie diejenigen, die an aussichtslosen Unterfangen festhalten, als Spinner bezeichnet werden. Triponez, Burkhalter und viele andere verlangen aber genau dies von den Behinderten: Wie Verrückte an etwas festzuhalten, was sie realistischerweise kaum je erreichen können: Mit Gesunden zu konkurrenzieren.

Und diese Haltung ist mittlerweile auch an Orten angekommen, wo man sie so nicht erwartet hätte, beispielsweise in einer Stellenausschreibung der Stiftung Terra Vecchia, die da heisst:

«Wir suchen Mitarbeitende mit einer IV-Rente, welche sich in einem wirtschaftsnahen Umfeld bewegen möchten und gerne über ihre Leistungsgrenzen hinauswachsen möchten»

Was ist eigentlich so schwierig, zu verstehen an dem Wort Leistungsgrenze? Liegt die Ignoranz der Gesunden und Unversehrten möglicherweise in der Angst begründet, einst selbst in die Situation zu kommen, in der mit dem viel- gerühmten Willen nicht mehr alles erreichbar ist?

Die angeblich angestrebte Integration bisheriger IV-BezügerInnen in die Arbeitswelt wird aber niemals funktionieren, wenn man die Leistungsgrenzen der zu Integrierenden nicht akzeptiert oder wie es Nils Jent* es kürzlich an einer Vernstaltung der Uni Zürich zum Thema «Gleichstellung und Nichtdiskri-minierung» passend formulierte: «Nicht die Menschen muss man ändern, sondern die Strukturen den Bedürfnissen anpassen».

*Nils Jent ist Leiter des Kompetenzbereichs «Diversity» im Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen. Nach einem Motorrad-unfall sitzt er im Rollstuhl und ist blind und sprachbehindert.

Ein Gedanke zu “Nicht Menschen, sondern Strukturen ändern

  1. Wahrscheinlich will BR Burkhalter Rollstuhlfahrern den Hochsprung zwecks Wiedereingliederung vorschreiben. Oder geht es am Ende darum, ihnen den Tiefsprung von der Klippe ans Herz zu legen?

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