Hätte ich heute morgen den Sonntag beim Frühstück gelesen, hätte ich hier wohl erstmal die Augenbrauen hochgezogen: «Ich war bisher der Ansicht, dass es Wadenbeisser wie Köppel und die ‹Weltwoche› braucht, um vom Mainstream links liegen gelassene Missstände aufzudecken», sagt zum Beispiel Grünliberalen-Chef Martin Bäumle. Im Sinne der Medienvielfalt wäre das ja noch durchgegangen, spätestens an dieser Stelle aber, hätte ich mich wohl an meinem Konfibrot verschluckt: «Nach dem Fall Hildebrand muss ich sagen, dass ich zu naiv war. Das hat mit Journalismus nichts mehr zu tun.»
(Quelle: sonntagonline.ch)
Noch eine Stufe energischer äussert sich René Zeyer vom Journal 21, unter dem Titel «Köppel muss gehen»: Angesichts der Verhältnisse bei uns sollte dem Schweizer Boulevardblatt das Verwenden von illegal erhaltenen privaten Kontoinformationen und ihre Ausschmückung mit falschen Vorwürfen das Genick brechen. (…) «Die Alternative wäre schrecklich. Denn sie würde beinhalten, dass jeder Staatsbürger, Amtsträger oder Politiker in der Schweiz damit rechnen müsste, unversehens mit kriminell erworbenen Informationen aus seinem Privatbereich, ehrenrührigen und völlig haltlosen Beschuldigungen und Verleumdungen attackiert zu werden. Und während der dadurch verursachte Image- und Reputationsschaden irreparabel bleibt, könnte sich der Angreifer mit einem «da haben wir wohl einen Fehler gemacht» aus der Affäre schleichen. Das kann niemand wollen.
Von Mitte-rechts (Bäumle) bis Links (Zeyer) regt man sich nun masslos darüber auf, dass die Weltwoche sich erdreistet, den Herrn Nationalbankpräsidenten durch den Kakao zu ziehen. Zugegeben, die feine Art ist das nicht gerade, aber das war es bei der Weltwoche noch nie – Nur: solange es nicht um den Herrn Nationalbankpräsidenten ging, hat weder Stil noch Wahrheitsgehalt von Weltwocheartikeln irgendjemanden interessiert. Weder Links und Rechts schon gar nicht. Sozialstaatgegner Bäumle hielt offenbar «das Aufdecken von vom Mainstream links liegen gelassener Missstände» nach Art der Weltwoche gar für echten Journalismus. Und es ist zweifelhaft, ob er sich nun wirklich die Frage stellt, ob das, was er bei der Weltwoche über die letzten Jahre hinweg so gelesen hat, tatsächlich der Wahrheit entspricht.
Nun denn mal etwas Nachhilfe zu dem Thema für Herrn Bäumle, und zwar ein Ausschnitt aus einem Interview der Limmattaler Zeitung vom Frühjahr 2010 mit Herrn Köppel: LiZ: Also könnte man zwischendurch ja auch mal aufhören, immer in die Kerbe vom Sozialschmarotzer zu hauen und stattdessen zeigen, dass jemand – dank Sozialprogrammen – aus der Unmündigkeit findet? Köppel: «Wir sind ganz dezidierte Kritiker des real existierenden Sozialstaats und seiner Missbräuche. Und da würde ich nie, um diesem Argument die Kraft zu nehmen, eine ganz andere Geschichte hineinflechten»
Ausgewogener Journalismus? Nun ja.
Und auch mit der Wahrheit nahm man es bei der Weltwoche bekanntlicherweise noch nie so besonders genau, da darf Alex Baur auch mal fälschlicherweise behaupten, dass 80% der IV-Bezüger einen Migrationhintergrund haben – und sich dann (nach langem Herumeiern) damit herausreden, dass da «beim Redigieren etwas schiefgangen sei» (aber Korrigendum ins Blatt? Sicher nicht). Und auch weitere absolut krude Falschdarstellungen sind im IV/Sozialhilfebereich für die Weltwoche kein Problem und werden nur allzugerne und komplett unkritisch von anderen Stellen übernommen.
Oh ja, das sind natürlich kleine unbedeutende Details im Vergleich mit der Anschwärzung eines Nationlbankpräsidenten. Klar. Wenn einem Nationalbankpräsidenten «Betrug» vorgeworfen wird – Huch, dann ist das was anderes, als so ein paar ausländischen Bezügern von staatlichen Geldern. Die haben ja keinen Ruf mehr zu verlieren (daran arbeitet die Weltwoche auch seit acht Jahren). Und die haben auch kein Bundesrats- und Nationalbanksgremium im Rücken, geschweige denn die Möglichkeiten für pompöse Pressekonferenzen, denen wird nicht mal ein mickriges Korrigendum zugestanden.
Alles nicht so schlimm? Ja? Hat ja auch keine Auswirkungen? Nun, wenn das, was in der Weltwoche steht, angeblich keine Auswirkungen hat, warum denn das ganze Theater nun rund um Hildebrand? Und warum hievt dann die Weltwoche regelmässig tendenziöse bis schlichtweg massiv fehlerhafte Artikel zu den «Missständen» (vornehmlich im Sozialbereich) ins Blatt?
Man braucht sich nur die massiven Gesetzverschärfungen der letzten Jahre im Bereich der Sozialversicherungen anschauen und weiss, das sowas sehr wohl Einfluss hat. Nicht umsonst werden die Medien schliesslich als die «vierte Gewalt» bezeichnet.
Aber eben; solange es nicht um den Nationalbankpräsidenten persönlich ging, interessierte der effektive Wahrheitsgehalt von Weltwocheartikeln so gut wie – niemanden. Bleibt nur zu hoffen, dass die schweren Zeiten für Köppel, Blocher, Hummler und Co. noch möglichst lange andauern werden und der Fokus zur Abwechslung mal auf die Missstände bei der Weltwoche/Hochfinanz/Politik und der ganzen Verbandelung untereinander gelegt werden.
Leseempfehlung dazu: Kaspar Surbers grossartig recherchierter Artikel «Hummlers Hofstaat» über den Bank-Wegelin-Geschäftsführer und NZZ-Verwaltungsatspräsident Konrad Hummler, dem u.a. die halbe St. Galler Altstadt gehört. Der Artikel ist zwar schon drei Jahre alt, aber im Anbetracht dessen, dass gerade drei von Hummlers Bankern in New York wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung und Verschwörung gegen die USA angeklagt sind, höchst aktuell.
Und wer den ebenfalls grossartig recherchierten Artikel «Christoph Blocher – der Profi» von Constantin Seibt noch nicht gelesen hat; sollte das jetzt tun. U.a. erfährt man, mit welchen nicht ganz sauberen Tricks Blocher sich die Ems zu eigen machte und viele weitere Details über die nicht immer ganz so akuraten Geschäfte Blochers.
Danke, sprichst mir aus dem Herzen. Darüber hinaus fragt sich, warum die Medien die Hildebrand-Weltwoche-Blocher-Geschichte SOOO wahnsinnig ernst nehmen? Der Tages-Anzeiger z.B. widmet dem Thema zweimal fast den ganzen ersten Bund – wobei die mageren neuen Fakten auf 3 Zeilen Platz hätten. Dass das Weltbankensystem seit Monaten immer näher und schneller auf den Kollaps zu schlittert (und wir heilfroh sein können, wenn Hildebrand und Co. nebst diesem Bullshitskandal auch noch ein bisschen Zeit haben um die Schweizer Währung vor dem Schlimmsten zu schützen) ist wohl Peanuts dagegen für unsere Medien.
Mit scheint, dieses künstliche Skandälchen kommt vielen so ungemein praktisch grad um von vielen anderen echten Skandalen abzulenken. Es gäbe ja schon auch wichtige Arbeit für neugierige Journalisten: War da nicht auch noch die Geschichte wie Blocher und Kumpane die Basler-Zeitung unter ihre Kontrolle brachten? (Was ist eigentlich mit den Besitzverhältnissen der Weltwoche?) Was sind das für nette Konstrukte, die sich die Bankenwelt ausgedacht hat, um den Steuerhinterziehern aller Welt weiterhin bequeme Fluchtmöglichkeiten anzubieten? Und wieviele Milliarden werden diese Schlaumeiereien die Schweiz kosten, wenn die USA, Deutschland und andere Länder dahinter kommen? Warum eigentlich will niemand wissen, wie unsere Banken den reichen Schweizern beim Steuerhinterziehen behilflich sind und wieviel Steuergelder so gestohlen werden? Und – mal abgesehen von BAZ und Weltwoche – wie verfilzt mit den Steuerhinterziehern und Megaboni-Abzockern sind eigentlich die anderen Medien in der Schweiz?
Die eher faulen Journalisten könnten dann auch noch mal berichten, wieviele Menschen mit Behinderung die IV nun tatsächlich integriert hat in den letzten Jahren. Die mickrigen Zahlen werden keinen grossen Forschungsaufwand erfordern.
Ich habe die Weltwoche genau ein Mal gekauft und gelesen. Damals, als es um AutorInnen als Subventionsjäger ging. Ein Teil der Behauptungen im Artikel wurde danach widerlegt. ABER: Der Schaden war angerichtet. Der voreingenommene Leser bekam zu lesen, was er lesen wollte. Die Autoren konnten zusammenpacken. Damals habe ich mir gedacht: Wenn die alles so schludrig “recherchieren”, dann gute Nacht.
@Alice, Ah ja genau der Subventions-Artikel… Danke, dass du mich daran erinnerst. Ich bin sicher, mit etwas Fachwissen zum jeweiligen Thema kann man bei sehr sehr vielen Weltwocheartikeln Ungereimtheiten feststellen. Im Bereich IV ist es mir einfach irgendwann zu blöd geworden… Aber eben: Es wird damit Schaden angerichtet. (Was ja auch der Sinn dahinter ist).
@ Mia
Jetzt wissen wir, dass die Kampagne auch bei vermeintlich Mächtigen genau die Früchte trägt, die Blocher, Köppel und Co. wollen. Herr Hildebrand war nur ein kleines Zwischenziel. Die Finanzministerin ist weder aus den Augen noch aus dem Sinn.
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