Drei Leseempfehlungen

1. «Was zählt, ist die berufliche Teilhabe» (Soziale Psychiatrie Nr. 134 – Heft 4, Oktober 2011)
Barrierefreier Zugang zu Arbeit – was heißt das für psychisch erkrankte Menschen?
Auszug: Sachliche Barrieren können auch abgebaut werden, indem man versucht, die Arbeitsplätze für psychisch Erkrankte zu entschleunigen und ihre innere Uhr zu respektieren, beispielsweise Arbeitszeiten anzupassen, zu flexibilisieren etc. Hilfreich für psychisch Kranke ist auch die Möglichkeit, soziale Stimulation und Lärm oder Ablenkung zu kontrollieren, beispielsweise durch Rückzugsmöglichkeiten in einem Großraumbüro. Ebenso profitieren sie von übersichtlichen betrieblichen Strukturen und klaren Ansprechpartnern. Aber all dies ist nicht nur gut für psychisch erkrankte Mitarbeiter, sondern für alle Arbeitnehmer. Allgemein kann man sagen, dass psychisch Erkrankte nichts anderes brauchen als andere Arbeitnehmer auch, allerdings ein bisschen mehr davon. Viele psychisch erkrankte Menschen fühlen sich wie “Teststäbchen”. Sie spüren die Belastungen in der Arbeitswelt früher und deutlicher als andere, aber auch die Kollegen leiden irgendwann darunter. Inklusion bringt insofern auch Vorteile für das Klima in der Arbeitswelt.

2. Wo die wilden Kerle wohnten (faz.net, 13.02.2012)
Ritalin ist eine Pille gegen eine erfundene Krankheit, gegen die Krankheit, ein schwieriger Junge zu sein. Immer mehr Jungs bekommen die Diagnose. Die Pille macht sie glatt, gefügig, still und abhängig.
Auszug: „Die ADHS-Patienten in meiner Praxis sind ausschließlich Jungen“, sagt der Arzt Ulrich Fegeler, der zugleich Sprecher des Berufsverbandes für Kinder und Jugendmedizin ist. „Aufmerksamkeitsdefizit“ hält er eigentlich für einen irreführenden Begriff. Im Gegenteil seien diese Jungen eher zu aufmerksam. „Jeder Reiz wird wichtig genommen.“ Früher habe es einen großen Bedarf an solchen Menschen gegeben, die in kürzerer Zeit mehr mitbekommen als andere. „Das waren ideale Kämpfer, Jäger und Wächter mit einem besonderen Gespür für ihre Umwelt“, sagt Fegeler, „aber in unserer Gesellschaft braucht man sie nicht mehr.“ Oder glaubt, sie nicht mehr zu brauchen.
Fegeler hält die Begleiterscheinungen von ADHS wie Lese- und Rechtschreibschwächen, Tics und Auffälligkeiten im Sozialverhalten in Wirklichkeit für psychische Reaktionen darauf, wie die Gesellschaft mit diesen Jungen umgeht. „Sie kriegen ständig eins drauf, das macht sie psychisch krank“, sagt er.

3. Sozialhilfe: «Man hat den Missbrauch missbraucht» (zeit.de, 09.02.2012)
Interview mit Walter Schmid, dem Präsidenten der schweizerischen Sozialhilfekonferenz
Auszug: Man muss in der Wirtschaft Formen finden, mit denen auch leistungseingeschränkte Menschen im Arbeitsprozess verbleiben können. Das zu tun ist nicht ganz einfach. Die heutige Wettbewerbsphilosophie und die Vorstellung, die Kosten um jeden Preis senken zu wollen, verhindern viele praktische Möglichkeiten. Frühere Gesellschaften haben es immer geschafft, Leute mit Leistungseinschränkungen in die Arbeitswelt zu integrieren. Ich ärgere mich seit Langem, dass man so wenig Fantasie hat, wie das zu machen ist.

Und auch: «Die Missbrauchsdebatte hat den Missbrauch missbraucht, um den Sozialstaat zu diskreditieren. Das war eine politische und mediale Kampagne.»

4 Antworten zu Drei Leseempfehlungen

  1. Andres Müller

    Und auch: «Die Missbrauchsdebatte hat den Missbrauch missbraucht, um den Sozialstaat zu diskreditieren. Das war eine politische und mediale Kampagne.»

    Da würde nun noch viel weiter gehen, man betreibt selbst aktiv Missbrauch um dem Verdacht zu begegnen einen Missbrauch zu dulden.

    Bei der IV besteht der Missbrauch (aus eigener Erfahrung) in totalitärer Unterstützung von bewusst mangelhaften Abklärungen durch Gutachter die es verstehen selbst objektivierbare Fakten auszublenden oder zu verleugnen. Zum Handwerk des Missbrauch gehört die ganze Palette der Persönlichkeitsverletzung bis hin zur Behauptung falscher Tatsachen über Behinderte, bis hin zur Urkundenfälschung und der bewussten Täuschung. Man nimmt dabei auch ohne weiteres psychische Schäden der Behinderten in Kauf. Nach einer negativen Medas Abklärung verweigert die IV jegliche eigene Begründung und versucht das rechtliche Gehör durch Verschleppung und Dummstellen zu torpedieren. Ich würde die SVA-IV Zürich als Mafia der Angst bezeichnen, als eine Art modernes Inquisationsorgan.

  2. @Andres Müller ich bedaure das dass Sie wegen so selbsternannten Experten weitere leiden auf sich nehmen müssen. Ich denke das diese Medas Ärzte eigentlich abgeschafft werden müssen genau so wie die IV- Detektive die nur Kosten und Schaden an Menschen anrichtet

  3. Andres Müller

    Vielen Dank für Ihren Zuspruch Herr Vögelin. Das BSV schaut dem Treiben jedenfalls tatenlos zu und schiebt die Aufklärung absurder Gutachten alleine auf die Versicherten via privatrechtliches Gerichtsverfahren ab. Genauso schlimm ist es mit der Eingliederung, die Aussagen von Herrn Ritler -nämlich dass die IV seit der 5. IV-Revision nicht mehr eine funktionalistische Sicht pflegen soll, sondern eine systemische Sicht pflege, die den Betroffenen und seinen Kontext in den Mittelpunkt stellen soll -ist in der Praxis beim Medas Einbezug nicht vorhanden. Gemäss Herrn Ritler sollen die IV MitarbeiterInnen innerhalb der gesetzlichen Vorgaben im laufenden Abklärungsprozess Massnahmen ergreifen können um das Ziel einer Existenzsicherung des Betroffenen zu erreichen. Entgegen dieser Darstellung werden bei der SVA IV Zürich aber ALLE Abklärungsschritte bis zur Verfügung aneinander gereit, bevor auf Eingliederung entschieden wird. Dabei wird auch (trotz Teilarbeitsfähigkeit) eine mögliche IIZ mit der Arbeitslosenkasse übergangen. Andersweitige Aussagen sind falsch -ich kann das belegen. Sobald eine MEDAS angeordnet ist, gibt es bis zur Verfügung KEINE Eingliederungsmassnahme. Da solche Prozesse über 2 Jahre dauern können folgt daraus -die Existenzsicherung durch die IV ist für viele Versicherte reine Propaganda. Da wird gar nichts geholfen-im Gegenteil.

  4. Ich freue mich über Kommentare in meinem Blog, aber es wäre schön, wenn sich die Diskussionen (mehr oder minder) auf den jeweiligen Artikel beziehen würden.