«Gutes tun»

Das Hotel «Am Strassberger Tor» in Plauen (D) sieht von aussen aus wie ein ganz normales 4-Sterne Hotel für Tagungsgäste, Geschäftsreisende und Kurzurlauber. Und von innen auch. Im Gegensatz zu anderen sogenannten «Integrationsbetrieben», die sich die Integration gross auf die Fahne schreiben und damit auch aktiv Werbung machen ging man in Plauen einen anderen Weg. Als das Berufliche Trainingszentrum Plauen (BTZ) das Hotel vor einigen Jahren als Träger übernahm, riet der beigezogene Marketingberater zur Zusammenarbeit mit einer Hotelkette um die Qualität sichtbar zu machen. In der Folge konnte die Kooperation mit der internationalen Hotelkette Best Western erzielt werden, wodurch das Hotel am Strassberger Tor von Beginn an als Best Western Hotel in den einschlägigen Katalogen und Internetauftritten gelistet wurde.

Im Hotel selbst liegen zwar Flyer auf, die über die Trägerschaft und damit auch die Hintergründe des Hotels Auskunft geben (Rund die Hälfte der Angestellten sind Menschen mit Behinderungen, hauptsächlich mit psychischen Einschränkungen). Dass die Gäste aber oftmals gar nicht bemerken, dass sie sich in einem Integrationsbetrieb befinden und die Resonanz trotzdem sehr positiv ist, spricht für die Qualität. Der gute Service wird nämlich dann nicht gelobt, weil «die Behinderten das gut machen», sondern weil der Service gut ist.

Dass so etwas funktionieren kann, liegt auch an der engen Anbindung des Hotels an das Berufliche Trainingszentrum Plauen. Man verfügt dort über viel Erfahrung mit Menschen mit psychischen Einschränkungen und bei Problemen kann deshalb schnell und kompetent reagiert werden (beim Auftreten von Krisen bei Betroffenen werden zum Beispiel die Arbeitszeiten oder Arbeitsaufgaben angepasst ect). Die MitarbeiterInnen bekommen zwar die durch ihre Behinderung notwendige Unterstützung, gleichzeitig arbeiten sie aber in einem marktorientierten Unternehmen (Mehr zum Projekt hier). Man nennt das auch Inklusion:

inklusion

«Integration» hingegen – wie in obigem Bild beschrieben – ist das, was aktuell in der Schweiz schon als ziemlich fortschrittlich gilt. Ich berichtete vor einem Jahr über ein gemeinsames Integrationsprojekt der Stiftung Brändi und der Firma Schindler: «Das Konzept: 15 Personen der Stiftung Brändi arbeiten in Begleitung von zwei Gruppenleitern direkt in der Produktionsabteilung bei Schindler. Das «Unternehmen im Unternehmen»-Konzept erlaubt eine grösstmögliche Annäherung der geschützten Arbeitsplätze an den ersten Arbeitsmarkt.»

Mit über 1’070 Arbeits- und Ausbildungsplätzen ist die Stiftung Brändi eine der grösseren nationalen Institutionen für Menschen mit Behinderungen. Um die hergestellten Produkte zu verkaufen, hat die Stiftung Brändi nun ein Geschäft in der Stadt Luzern eröffnet. «Gutes kaufen – Gutes tun» – so das Motto. Und weiter – so die Webseite der Stiftung Brändi: «Jeder Einkauf macht doppelt glücklich. – Sie, weil Sie ein liebevoll gefertigtes Unikat erwerben. Und die Menschen mit einer Behinderung, weil sie dieses Stück mit Herzblut im angegliederten Brändi-Atelier gestalten durften. Werfen Sie einen Blick durch eines der fünf Schaufenster und schauen Sie unseren Gestaltern zu».

Es gibt Restaurants mit offenen Küchen, es gibt Schaukäsereien und es gibt – Zoos. Das Beobachten der «Behinderten, die im angrenzenden Atelier gestalten dürfen» könnte man wohl am ehesten mit «Zoo» umschreiben (siehe Bild zur Integration oben).

Ich habe mir bei der Recherche zu diesem Artikel (ausgehend vom Brändi-Internet-Shop sehr viele Onlineshops von geschützten Werkstätten angesehen. Und von grauenvoll (Artikel/Präsentation/Funktionalität des Shops) bis wundervoll alles mögliche gesehen. Eine Frage, die sich mir dabei immer deutlicher aufgedrängt hat, war: Wer kauft das alles? Kauft jemand diese zigtausend gebastelten Glückwunsch/Trauer/sonstwas Karten überhaupt? Und zwar, weil er sie wirklich «gut» findet oder vor allem, um damit «Gutes zu tun»? Ich weiss, über Geschmack lässt sich endlos streiten, aber eine weitere sich aufdrängende Frage war: Entspricht das, was hier präsentiert wird, wirklich dem, was die betroffenen Menschen am liebsten machen und am besten können? Ist – der Menge der Produkte nach zu urteilen – fast jeder Mensch mit Behinderung automatisch ein «Künstler»?

Und muss man das jetzt alles toll finden, weil’s jemand mit Behinderung gemacht hat?

Das selbe Unbehagen empfinde ich im Übrigen gegenüber Ausstellungen, Konzerten, Theater und Tanzaufführungen von «Behinderten». Es ist mir ehrlich gesagt komplett egal, ob und welche Behinderung jemand hat; ein Bild oder eine Vorführung berührt mich oder eben nicht. Aber eine Ausstellung mit dem Titel «Menschen mit Handicap stellen ihre Bilder aus» klingt in meinen Ohren genau so gruselig wie das Besuchen eines Ladens «um Gutes zu tun».

Ich schrieb es schon mal im Bezug auf die berufliche Integration, es trifft aus meiner Sicht auch auf «künstlerisches Schaffen» zu: «Behindert sein ist keine Qualifikation». Ich schrieb damals: «Arbeitgeber suchen keine «Behinderten», sie suchen qualifizierte, zuverlässige Mitarbeiter. Eine Einstellung muss sich für sie lohnen. Es schafft auch niemand extra Arbeitsplätze einfach so, «weil er sich ein bisschen sozial fühlt». In einen Unternehmen fällt ein gewisses Volumen an Arbeit an und dafür werden Mitarbeitende gesucht, die diese Arbeit gut ausführen können. Alles andere ist Sozialromantik.»

Man kann das jetzt ganz ekelhaft marktorientiert finden (und vor dem bösen Markt muss man die armen Behinderten doch in geschützten Werkstätten in Sicherheit bringen) oder sich mal anhören, was Betroffene selbst dazu meinen. Viele möchten nämlich gerne «normal» arbeiten.

Auch Menschen mit einer Lernbehinderung kennen sehr genau den Unterschied zwischen einer geschützten Werkstätte und «normal arbeiten». Und der eine oder andere wäre vielleicht glücklicher, wenn er (oder sie) zwei oder drei Nachmittage pro Woche in einem Supermarkt die Gestelle auffüllen könnte, statt in der geschützten Werkstätte bunte Karten zu kleben. Weil im Supermarkt auch Nichtbehinderte sind, weil das «richtig arbeiten» ist. Es ist natürlich nicht für alle möglich und für den Arbeitgeber muss sich Aufwand (zum Beispiel intensivere Betreuung) und Ertrag schon die Waage halten. Aber es wäre sicher mehr Inklusion möglich, als im Moment geschieht.

Dazu müsste man aber noch genauer die Neigungen und Fähigkeiten der Betroffenen in Betracht ziehen und fördern. Um nocheinmal auf die «Kunst« zurückzukommen. Selbstverständlich gibt es unter Menschen mit Behinderungen auch künstlerisch begabte, aber auch Nichtbehinderte mit solchen Begabungen besuchen – in der Regel – erstmal eine Schauspiel- oder Kunsthochschule. Stichwort hierzu: Barrierefreie Hochschulen.

Und irgendwann heisst es dann hoffentlich nicht mehr «Behinderten-Konzert», «Behinderten-Filme», «Behinderten-Ausstellung», sondern Konzert, Film, Ausstellung, wo ganz selbstverständlich auch Menschen mit Behinderungen Teil davon sind. Dito in der Arbeitswelt, wo die Beschäftigung behinderter MitarbeiterInnen nicht mehr unter «Wohltätigkeit» sondern unter «selbstverständlich» läuft.

Bis dahin kann die Stiftung Brändi in ihrem neuen Verkaufsladen ja vielleicht auf den einzelnen Produkten den Anteil vermerken, der an diejenigen geht, welche das Produkt hergestellt haben. Damit die KäuferInnen ihre Wohltätigkeit genau in Franken und Rappen bemessen können. (Stichwort: Löhne in Behindertenwerkstätten).

We’re not here for your inspiration

Im Juli 2012 veröffentlichte Stella Young, Redakteurin bei Ramp Up, den vielbeachteten Artikel «We’re not here for your inspiration»  in dem sie den Begriff «Inspiration porn» anhand eines auf Socialmedia oft geteilten Bildes erklärte (Um die Ironie der Geschichte, welche der Bild-Text-Kombination mit Pistorius inzwischen noch eine neue Dimension hinzugefügt hat, ging’s damals noch nicht):

Young schreibt:

«Inspiration porn is an image of a person with a disability, often a kid, doing something completely ordinary – like playing, or talking, or running, or drawing a picture, or hitting a tennis ball – carrying a caption like “your excuse is invalid” or “before you quit, try”. Increasingly, they feature the Hamilton quote.»

(…)

Let me be clear about the intent of this inspiration porn; it’s there so that non-disabled people can put their worries into perspective. So they can go, “Oh well if that kid who doesn’t have any legs can smile while he’s having an awesome time, I should never, EVER feel bad about my life”. It’s there so that non-disabled people can look at us and think “well, it could be worse… I could be that person”.

In this way, these modified images exceptionalise and objectify those of us they claim to represent. It’s no coincidence that these genuinely adorable disabled kids in these images are never named: it doesn’t matter what their names are, they’re just there as objects of inspiration.

But using these images as feel-good tools, as “inspiration”, is based on an assumption that the people in them have terrible lives, and that it takes some extra kind of pluck or courage to live them.

For many of us, that is just not true.

(…)

I can’t help but wonder whether the source of this strange assumption that living our lives takes some particular kind of courage is the news media, an incredibly powerful tool in shaping the way we think about disability. Most journalists seem utterly incapable of writing or talking about a person with a disability without using phrases like “overcoming disability”, “brave”, “suffers from”, “defying the odds”, “wheelchair bound” or, my personal favourite, “inspirational”.

If we even begin to question the way we’re labelled, we slide immediately to the other end of the scale and become “bitter” and “ungrateful”. We fail to be what people expect.

Which brings us back to Scott Hamilton and his mantra. The statement “the only disability in life is a bad attitude” puts the responsibility for our oppression squarely at the feet, prosthetic or otherwise, of people with disabilities. It’s victim blaming. It says that we have complete control of the way disability impacts our lives. To that, I have one thing to say. Get stuffed.

By far the most disabling thing in my life is the physical environment. It dictates what I can and can’t do every day. But if Hamilton is to be believed, I should just be able to smile at an inaccessible entrance to a building long enough and it will magically turn into a ramp. I can make accessible toilets appear where none existed before, simply by radiating a positive attitude. I can simply turn that frown upside down in the face of a flight of stairs with no lift in sight. Problem solved, right?

I’m a natural optimist, but none of that has ever worked for me.

Inspiration porn shames people with disabilities. It says that if we fail to be happy, to smile and to live lives that make those around us feel good, it’s because we’re not trying hard enough. Our attitude is just not positive enough. It’s our fault. Not to mention what it means for people whose disabilities are not visible, like people with chronic or mental illness, who often battle the assumption that it’s all about attitude. And we’re not allowed to be angry and upset, because then we’d be “bad” disabled people. We wouldn’t be doing our very best to “overcome” our disabilities.

I suppose it doesn’t matter what inspiration porn says to us as people with disabilities. It’s not actually about us. Disability is complex. You can’t sum it up in a cute picture with a heart-warming quote. So next time you’re tempted to share that picture of an adorable kid with a disability to make your facebook friends feel good, just take a second to consider why you’re really clicking that button.»

Obiges sind nur einige Auszüge aus Youngs Artikel «We’re not here for your inspiration». Ich empfehle den gesamten Text zur Lektüre.

Ebenfalls empfehlenswert sind die daran anlehnenden deutschsprachigen Artikel «Inspiration» von Laura Gehlhaar («Fremde klopfen mir anerkennend auf die Schulter allein deswegen, weil ich existiere. Und genau in diesem Moment fühle ich mich zum Objekt degradiert. In diesem Augenblick verschwinden mein Charakter, meine Eigenschaften und mein Wesen hinter meiner Behinderung.») und «Wir sind hier nicht zur Inspiration» von Raúl Krauthausen.

Sprachleitfaden Behinderung

Sprachleitfäden (beispielsweise auch für gendergerechte Sprache) wirken auf viele Menschen erstmal unangenehm moralisierend und rufen deshalb oft heftige Abwehrreaktionen hervor, wie etwa: «Sprachpolizei!», «Verschandelung der deutschen Sprache!» oder auch «Viel zu kompliziert!».

Ich selbst gehe im Blog ziemlich schlampig ungezwungen mit «politisch korrekter» Sprache um, ich benutze oft die männliche Form, manchmal auch das Binnen-I und schreibe von «Behinderten» oder «Menschen mit Behinderung» in buntem Durcheinander. Ich halte es nicht für so besonders wichtig, sich permanent zu 100% politisch korrekt zu verhalten, aber man sollte wissen, wie’s geht. So ähnlich wie es von Vorteil ist, über Tischsitten Bescheid zu wissen, auch wenn man sie je nach Situation strenger oder weniger streng befolgt.

Tischsitten wie Sprachleitfäden sind nicht dazu da, um unser Leben besonders mühsam zu gestalten (obwohl wir alle als Kinder beim Erlernen der Tischsitten wohl genau diesen Eindruck hatten), deren (ungefähre) Beachtung zeigt aber u.a. auch den Respekt im Umgang miteinander.

In diesem Sinne möchte ich hier den «Sprachleitfaden Behinderung» der Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern nicht mit erhobenem Zeigefinger präsentieren, sondern eher als Anregung, sich über das eine oder andere doch mal Gedanken zu machen, da die Sprache, die wir verwenden, auch unser Denken und Handeln als Gesellschaft prägt:

Einleitung
Menschen mit Behinderungen sollen einen respektvollen Umgang erfahren – auch dann, wenn über sie geschrieben oder gesprochen wird. Der Leitfaden soll aufzeigen, wie Menschen mit Behinderungen dargestellt werden möchten und auf welche Formulierungen zu verzichten ist.

Haltung

  • Stellen Sie sich vor dem Schreiben oder Sprechen vor, wie Sie gerne dargestellt würden, wenn Sie eine Behinderung hätten.
  • Menschen mit Behinderungen möchten ernst genommen und als Bürgerinnen und Bürger wahrgenommen und respektiert werden. Sie als hilfsbedürftig darzustellen mag zwecks Generierung von Spendengeldern attraktiv erscheinen, entwürdigt sie aber auch.
  • Überlegen Sie sich, inwiefern die Behinderung von Bedeutung ist und ob diese überhaupt thematisiert werden soll.

Benennung

  • Die Person resp. die Personen, über die Sie berichten, sind in erster Linie Menschen. Diese Menschen (resp. Arbeitnehmende, Bürgerinnen und Bürger, etc.) haben eine Behinderung. Folglich sollen sie auch so genannt werden: Mensch mit einer Behinderung, Menschen mit Behinderungen
  • Der Terminus «der Behinderte» oder «die Behinderte» sollte nicht benutzt werden. Er reduziert den Menschen auf seine Einschränkung.

Klischees

  • Vermeiden Sie eine Darstellung, die Menschen mit Behinderungen als leidende Wesen, Opfer oder Sorgenkinder charakterisieren. Das Leben mit einer Behinderung kann zwar schwierig sein, die Behinderung selbst stellt aber nur einen Aspekt des Lebens dar. Die Reduktion des Lebens auf ein tragisches, sorgenvolles Dasein, wirkt stigmatisierend und fördert die Angst vor Behinderung.
  • Auf solche und ähnliche Formulierungen sollte verzichtet werden: «Die Person mit einer Behinderung trägt ein schweres Los», «hat ein trauriges Schicksal», «leidet an ihrer Behinderung», «ist an den Rollstuhl gefesselt».
  • Vermeiden Sie eine Darstellung, die Menschen mit Behinderungen als Helden charakterisieren. Menschen mit Behinderungen überwinden Hindernisse nicht trotz, sondern mit einer Behinderung. Heldendarstellungen erwecken den Eindruck, dass für eine erfolgreiche Lebensführung der individuelle Effort allein ausschlaggebend ist. Hindernisse im Alltag (beispielsweise bauliche Hindernisse) rücken hierbei in den Hintergrund.
  • Auf solche und ähnliche Formulierungen sollte verzichtet werden: «Die Person mit einer Behinderung meistert tapfer und mutig ihr Leben», «verfügt trotz Behinderung über viel Lebensfreude», «bewältigt das Leben auf bewundernswerte Weise».

Begriffe und Redewendungen

  • Invalid: Verwenden Sie den Begriff «Invalidität» mit Vorsicht. Zwar wird dieser von der IV verwendet und ist zur Bezifferung des Grades der Erwerbsfähigkeit zulässig. Eine Person als «invalid» zu charakterisieren meint im Wortsinne jedoch, dass diese Person wertlos sei.
  • Handicap: Im deutschsprachigen Raum wird Handicap fast synonym mit Behinderung gebraucht. Der Begriff kommt in jenen Ländern, aus denen er stammt, aber kaum mehr zur Anwendung. Mit gutem Grund: Der Begriff «Handicap» verweist auf die mittelalterliche Praxis von alten und gebrechlichen Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Betteln bestreiten mussten, mit der Mütze in der Hand (cap in the hand).
  • Normale Menschen: Menschen mit Behinderungen werden oft «normalen» Personen gegenüber gestellt. Auch wenn unbeabsichtigt, so impliziert dieser Begriff dennoch, dass ein Mensch mit Behinderung «abnormal» ist.
  • Rollstuhl: Häufig werden Menschen mit Behinderungen mit ihren Hilfsmitteln gleichgesetzt. So wird oft gesagt, dass der Rollstuhl den Hintereingang benützen darf. Hierdurch wird der im Rollstuhl sitzende Mensch unbewusst zum geschlechtsneutralen Objekt degradiert.
  • An den Rollstuhl gefesselt sein: Normalerweise sitzt jemand im Rollstuhl und erlebt diesen als dienliches Hilfsmittel und fühlt sich nicht daran gefesselt. Falls Sie jemanden sehen, der tatsächlich an den Rollstuhl gefesselt ist – binden Sie ihn los.
  • Er verbringt sein Leben in absoluter Dunkelheit: Diese Charakterisierung von Blindheit wird von Menschen mit Sehbehinderungen in aller Regel nicht geteilt – sie sehen zwar nichts, aber dunkel erscheint ihnen die Welt nicht.

Obiger Leitfaden als PDF

Mehr zum Thema unter leidmedien.de

Ausserdem empfehlenswerter und (leider) immer noch aktueller Artikel von Cornelia Renggli im Medienheft vom 23. November 2004 über die stereotype Darstellung von Behinderung in den Medien.

Nils Jent: Learning from Diversity

«Jene Arbeitskraft, die sich im Wirkungsfeld des traditionellen Grundsatzes zur Nichtdiskriminierung bewegt, sieht sich veranlasst, ihre nichtidealtypischen Eigenheiten zu vernachlässigen oder gar aufzugeben, um den fremddefinierten idealtypischen Vorgaben möglichst nachzukommen.

Der Nutzen für diese Arbeitskraft besteht in einer geringeren und daher kontrollierbareren Reibungsfläche mit der Arbeitsumgebung sowie dem Schutz und der Anerkennung in einer uniformen Wir-Identität. Sind der Arbeitskraft die Opportunitätskosten dieser Handlungsalternative zu hoch, oder sind die individuellen Merkmale zu stark und/oder augenfällig, so erfolgt die Ausgrenzung aus der Wir-Identität (oder es erfolgt lediglich eine Scheinintegration in die Arbeitsumgebung (Alibi-Nichtdiskriminierung)).

Folge für das Humanpotential des Unternehmens ist eine überproportionale Zahl an Mitarbeitern, die ein ähnliches Denk- und Handlungsmuster zeigt. Eine dergestalt harmonisierte Belegschaft ist weitgehend seiner Innovationsfähigkeit beraubt, da die kritische Masse an Individualität und Teambildung unterschritten wird, um Neues zu generieren und diesem zum Durchbruch zu verhelfen.»

Nils Jent: Learning from Diversity: Die Überwindung der Gleichsetzung von Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit durch heterogen zusammengesetzte Arbeits-Partnerschaften, Dissertation Universität St. Gallen, 2002

Mehr dazu: Managing Diversity – Ein neuer Umgang mit der Vielfalt von Mitarbeitenden (Vortrag Jent)

IV-Chef Ritler: Ein Buchhalter ohne Visionen

Der Assistenzbeitrag – so die Idee – sollte auch Menschen mit schwerster Behinderung ermöglichen, zu Hause ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Anhand des Beispiels von Johanna Ott zeigte die Rundschau nun gestern, dass (anders als im Pilotprojekt zur persönlichen Assistenz), die Leistungen von der IV so knapp bemessen werden, dass schwerbehinderte Menschen mit einem sehr hohen Assistenzbedarf nicht davon profitieren können und ihnen nun doch wieder der Eintritt ins Heim droht. Pikantes Detail dazu: Ein Platz im Heim ist nicht etwa insgesamt günstiger (im Gegenteil). Für die IV jedoch ist ein Heimeintritt sehr wohl günstiger, da andere Kostenträger (z.B. Kantone) einen Teil der Kosten übernehmen müssen.

Und das ist politisch genau so gewollt. Aus diesem Grund war IV-Chef Ritler, der danach von Moderator Sandro Brotz im Rundschau-Gespräch in die Mangel genommen wurde, eigentlich der falsche Gesprächspartner. Brotz sagte an einer Stelle: «Herr Ritler, Sie reden wie ein Buchhalter!» Ritler redet aber nicht nur wie einer, er ist ja tatsächlich auch der IV-Buchhalter. Wie Ritler nämlich völlig zurecht bemerkte, kommen die IV-Sparvorgaben vom Parlament. Ritler sieht seinen Job (das wurde während des Gesprächs mehr als klar) vor allem darin, zu erreichen, dass die IV wieder schwarze Zahlen schreibt.

Wie dabei gespart wird, ist ihm egal. Es war aber auch den ParlamentarierInnen herzlich egal (das konnte man damals in den entsprechenden IV-Debatten sehr deutlich spüren). Und auch die IV-MitarbeiterInnen auf den IV-Stellen machen ja nur ihren Job. Irgendwie. Und am Schluss ist keiner verantwortlich für die Schicksale, die sich daraus ergeben. Aber – wie Moderator Brotz richtig bemerkte – Es gibt da draussen noch ganz viele «Johanna Otts».

Und all die anderen, die unter dem Sparzwang der IV zu leiden haben, haben kein Rundschau-Team, das dem IV-Chef dafür persönlich auf die Füsse tritt. Was, wie oben aufgeführt, an sich ja auch sinnlos ist, da Ritler die IV-Gesetze nicht gemacht hat und daran auch nichts ändern kann und ganz offensichtlich auch nichts ändern will. Ritler ist durch und durch Beamter. Er hat keine Visionen für die IV – eine Vision in dem Sinne beispielsweise, dass durch die IV das Leben für Menschen mit Behinderungen in irgendeiner Weise zumindest ein bisschen einfacher werden sollte. Im Gegenteil; es wird zunehmend klarer, dass Ritlers einzige «Vision» für die IV darin besteht, den Zugang zu Leistungen (seien dies nun persönliche Assistenz, Hörgeräte für schwer Hörgeschädigte, Renten ect) dermassen schwierig und demütigend zu gestalten, dass die Betroffenen irgendwann aufgeben (müssen) und/oder schlussendlich bei anderen Kostenträgern (zb Sozialhilfe, aber auch Kantone und Private) landen.

Überdeutlich wurde Ritlers Buchhaltermentalität im gestrigen Gespräch auch, als er Brotz entgegnete, man würde nun viel Geld in die Eingliederungen investieren, ja richtiggehend «klotzen». Wie mittlerweile jeder weiss, besteht ein Hauptproblem der IV in der sehr hohen Zahl an Invalidisierungen aus psychischen Gründen. Das BSV hat dazu zwar Studien in Auftrag gegeben, die das Problem näher beleuchten, jedoch werden die entsprechenden Studienresultate (die für die IV sehr unschmeichelhaft ausfielen) weder breit noch ehrlich kommuniziert, geschweige denn reale Konsequenzen daraus gezogen. Sprich: Es interessiert schlicht gar niemanden, wie man psychisch Kranke wirklich eingliedern kann. Oder wie es der Hauptautor der BSV-Studien zu psychischen Invalidisierungen, Niklas Baer, formuliert: «Für Arbeitsplatzerhalt und Eingliederung von Menschen mit komplexen Erlebens- und Verhaltensproblemen in ebenso komplexe Arbeitsumgebungen gibt es nach wie vor weniger Anleitungen als für das Layout eines BSV-Forschungsberichts». (Quelle: Infos Insos, Juli 2012)

Auch hier zeigt sich Ritlers Buchhaltermentalität ohne jeglichen Bezug zur Realität: Was nützt denn «Klotzen» in teure «Integrationsangebote» der Sozialindustrie, wenn die ihren Zweck gar nicht erfüllen? Im Dezember letzten Jahres veröffentlichte das BSV eine Evaluation zur 5. IV-Revision. Ohne nähere Überprüfung übernahmen alle Medien die schöngefärbte Pressemitteilung des BSV. David Siems hat sich damals die Mühe gemacht, die Zahlen aus der Studie bildlich darzustellen. Und so sehen die «Erfolge» der 5. IV-Revision tatsächlich aus:Renten+Eingliederungsversicherung
Wieviele Versuchskaninchen (wie beispielsweise auch Elsbeth Isler oder Matilde Gonzalez) müssen noch durch die ganzen belastenden IV-Prozedere durchgeschleust werden, bis man endlich erkennt, dass Behinderungen und Krankheiten weder einfach verschwinden noch weniger kosten, weil man das halt irgendwann im Parlament gerne so haben wollte?

tl;dr: IV-Chef Ritler sieht seine Aufgabe darin, dass die IV möglichst schnell schwarze Zahlen schreibt und nicht darin, das Leben von Behinderten einfacher zu gestalten.

Gleichberechtigung

David Signers Antwort in der Kategorie «Leser fragen, die Weltwoche antwortet» auf die Frage:
Darf ich aufdringliche Behinderte ohne schlechtes Gewissen unsympathisch finden?
Unbedingt. Es ist ein Zeichen von echter Liberalität, wenn man auch einzelne Behinderte, Schwarze oder Transvestiten unsympathisch finden kann. So zu tun, als ob man jeden und jede mag, bloss weil sie zu einer Minderheit gehören, ist heuchlerisch. Nicht umsonst spricht man auch von «positivem Rassismus». Wer behauptet, er möge alle Behinderten (weil sie so sensibel, oder alle Juden, weil sie so intelligent, oder alle Schwarzen, weil sie so leidenschaftlich) seien, dem ist so wenig zu trauen wie dem unverhüllten Rassisten. Oft auch verwandelt sich Ersterer, werden seine sentimentalen Vorurteile enttäuscht, zu Letzterem. Mitleid und Idealisierung sind schlechte Berater im Umgang mit einer Minorität und oft nur kaschierte Überheblichkeit. Gerne schlagen sie in blanke Verachtung oder Schlimmeres um, falls sich das «Opfer» einmal als «undankbar» oder einfach als gewöhnlicher Mensch erweist.
Quelle: Weltwoche 28/2008

Jawohl. Eine Behinderung/Erkrankung macht aus niemanden weder einen besseren noch einen schlechteren Menschen. Und Gleichberechtigung heisst auch, dass man eine Person, die neben x anderen Eigenschaften auch eine Behinderung hat, genau so unsympathisch oder nervig finden darf wie jeden anderen Menschen auch.

Von guten Behinderten…

Aus dem aktuellen Positionspapier «Die 1. Säule als Fundament der
sozialen Sicherheit stärken» der CVP:
Die CVP nimmt mit Freude zur Kenntnis, dass sich in der Wirtschaft mehr und mehr durchsetzt, dass Menschen mit Handicaps auch Teilzeitstellen besetzen können. (…) Und gerade Menschen mit klar definierten gesundheitlichen Einschränkungen bewähren sich als treue, engagierte und motivierte Mitarbeiter.

Klar definierte gesundheitliche Beeinträchtigungen? Gibt’s dafür mittlerweile eigentlich ein Pro-Infirmis-Echtheits-Zertifikat?

Es war übrigens Alt-Nationalrat Reto Wehrli von der CVP, der sich vehement dafür eingesetzt hat, dass denjenigen IV-Bezügern mit sogenannt «schwer objektivierbaren» Erkrankungen die IV-Rente entzogen werden kann. (Die sind gar nicht krank, die können alle arbeiten!) Also erst die Betroffenen aus der IV rauswerfen und nun nochmal sanft nachtreten. (Wirklich behindert ist jemand, der sich gut integrieren lässt). Die offensichtliche Paradoxie an dieser Logik bemerkt man bei der CVP offenbar nicht. Genauso wenig wie anno dazumal SVP-Nationalrat This Jenny.

Kämpferherzen [Filmtipp]

Für Patricia Kneubühl und Anja Nussbaum war die Schulzeit alles andere als einfach. Die beiden 17-jährigen haben in der Schule oft gefehlt, wurden ausgelacht und ausgegrenzt. Anja Nussbaum kam mit einer leichten Form von Spina Bifida, einem offenen Rücken, zur Welt. Sie ist gehbehindert und hat eine eingeschränkte Nierenfunktion. Patricia Kneubühl leidet unter Morbus Crohn, einer chronischen Darmentzündung.

Als Patricia und Anja endlich die Schule beendet haben, müssen sie merken, dass die Arbeitswelt nicht auf Jugendliche wie sie gewartet hat. Doch die jungen Frauen wollen das nicht akzeptieren. Beide träumen von einer Lehrstelle als medizinische Praxisassistentin. Sie wollen ihr Leben selbständig meistern und finanziell auf eigenen Füssen stehen.

So bleibt ihnen nichts anderes übrig: Patricia Kneubühl und Anja Nussbaum kämpfen weiter für eine Lehrstelle. Reporterin Belinda Sallin hat sie dabei begleitet. (Text und Bild: SF)

Film bei SF ansehen

«Wenn man etwas erreichen will, muss man nicht warten, bis es uns jemand gibt. Wenn man Recht hat, muss man es sich holen»

Yves Rossier, der Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen hat am 14. September 2011 anlässlich des Festes zur Einführung der persönlichen Assistenz eine bemerkenswerte Rede gehalten – Er  umschreibt darin (jeweils auf deutsch und französisch) fünf Punkte, die er als BSV-Direktor gelernt hat:

Vollständige Transkription des deutschen Textes (Hervorhebungen durch die Blogautorin):
Yves Rossier: Ich werde mich darauf beschränken, die fünf Sachen, die ich gelernt habe in den letzten sieben Jahren als BSV-Direktor – nicht zu letzt dank dem Projekt Assistenz-Budget – zu schildern.

Also diese Macht der Strukturen ist etwas, das ich kennen gelernt habe. Wenn man Strukturen schafft, Institutionen, Finanzflüsse, auch mit den besten Zielen der Welt, führt es dazu, dass diese Strukturen und Institutionen eigene Macht haben. Und das Selbsterhalten, das Selbstfördern, weil es dann mit direkten, konkreten Interessen verbunden wird, wird dann ein Ziel für sich. Und das ist eine grosse Gefahr. Und obwohl ich in einer dieser Strukturen arbeite, muss ich sagen, dass das etwas sehr sehr schwieriges ist. Und Sie haben es am eigenen Leibe erlebt.

Also diese Machtspiele, die habe ich natürlich in der Verwaltung erlebt. Aber auch – Anfangs mit Erstaunen – unter den Organisationen. Dass man sich eigentlich nicht fragt: «Wozu arbeiten wir und sollen wir es nicht gemeinsam machen?» Sondern entscheidend ist: Wer wird es schaffen? Und dass man manchmal eher ein Interesse hat, dass jemand etwas nicht schafft, als dass man es gemeinsam schafft.

Eine dritte Feststellung ist, die Rede über die Behinderung. Ich sehe zwei Gefahren: Die erste ist die Haltung, wonach Behinderung eine Kultur ist. Das wird immer behauptet. Ich verstehe auch warum: Wenn man sich ausgegrenzt fühlt, zieht man sich zurück – mit Gleichgesinnten oder Gleichbetroffenen, und es wird daraus eine Kultur behauptet. Es ist für mich die Reaktion auf die Abgrenzung durch den Rest der Gesellschaft. Es ist aber eine sehr gefährliche Haltung. Die Behinderung ist keine Kultur. Die Kultur ist eine gemeinsame unter den Bürgern dieses Landes. Das ist unsere Kultur. Die Behinderung ist ein Leiden, aber keine Kultur.

Die zweite, gefährliche Entwicklung sehe ich in der Behauptung: «Wir sind alle behindert.» Es gab eine grosse Werbekampagne einer Organisation. Da standen behinderte Kinder und es war die Rede von gebrochenen Träumen: «Weil ich behindert bin, kann ich meine Träume nicht leben.» Das ist natürlich sehr nett
zu sagen, weil wir alle unerfüllte Träume haben. Ich wollte nicht Beamter werden. Ich hatte andere Träume als ich jung war. Das macht mich aber nicht behindert. Also wenn man behauptet, Behinderung sei nur, dass man seinen Traum nicht erleben kann, das ist falsch und das führt zu dieser Schluss-folgerung: «Wir sind ja alle irgendwie behindert.» Selbstverständlich, wir sterben alle einmal, aber das hat nichts damit zu tun. Die Behinderung in der Gesellschaft heute ist etwas anderes. Und diese Art über die Behinderung zu sprechen finde ich genau so gefährlich wie die erste.

Diese gleiche Würde, die wir haben sollen, ist meines Erachtens auf gravierende Weise in Frage gestellt durch die gesellschaftliche Entwicklung die wir in der Schweiz haben. Und wo ich immer staune, warum die Organisationen nicht mal
was dazu sagen. Ich gebe Ihnen nur ein Beispiel: Ich sprach mit einer Person von Exit Schweiz über den Zugang zur Beihilfe zum Suizid und diese Person sagte zu mir: «Aber Herr Rossier, wir machen es nicht für alle.» Darauf ich: «Ah nein? Für wen?» Darauf er: »Nur wenn eine Person eine gravierende Krankheit hat oder eine schwere Behinderung.» – Was bedeutet das, wenn diese Person das sagt? Das bedeutet, dass es für diese Person würdiges und unwürdiges Leben gibt. Bei den Einen lassen wir es nicht zu, geben ihnen das Gift nicht, aber bei den Anderen schon. Und ich fragte nach dem Grad der Schwere, ob Exit eine Liste von Behinderungen hat, anhand derer man dann ja sagt oder nein. Und da wurde meiner Frage entwichen. Da sind die gesellschaftlichen Entwicklungen, die mir wirklich Sorgen machen. Und dort würde ich mir manchmal wünschen, ein nisschen mehr von den Organisationen zu hören über solche Sachen, als über andere Themen, mit denen sie meistens mobil machen.

Und schliesslich, das ist jetzt die letzte Schlussfolgerung: Wenn man etwas erreichen will, muss man nicht warten, bis uns jemand gibt. Wenn man Recht hat, muss man es sich holen. Das habe ich auch in der Bundesverwaltung gelernt. Ein Direktor-Kollege sagte mir einmal: «Yves, du bist so mühsam, wenn du etwas nicht bekommst, dass du willst, dass man es dir lieber sofort gibt.» Ich glaube das ist eine Lektion, die Sie auch gelernt haben, die Frau Kanka auch gelernt hat und in die Praxis umgesetzt hat. Das ist natürlich sehr wichtig.
Natürlich müssen Sie auch Recht haben. Und Sie müssen nicht erwarten, dass man immer mit Ihnen einverstanden ist. Aber Sie dürfen trotzdem nicht nachgeben.

Voilà, ich werde Ihnen nicht danken, weil Sie mir nichts schulden und Sie haben
das gemacht, was Sie für richtig halten. Ich werde Ihnen auch nicht gratulieren, denn an Ihrer Stelle hätte ich das Gleiche gemacht. Ich sage Ihnen, ich bin sehr froh hier zu sein. Ich bin froh, dass es jetzt endlich startet und ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Danke schön!

Film und Transkription von David Siems von cripplepride.

Ich denke, für Gesprächsstoff ist gesorgt :-)
Dran denken: Bitte einigermassen kurz halten in den Kommentaren und auch die anderen Blogregeln beachten.

Lebenswertes Leben? Zwei Sichtweisen

Der Tagesanzeiger interviewt Daniel Regli, den Organisator der gestrigen Anti-Abtreibungs-Demo in Zürich: Sie haben vorher Ihr konservatives Gedankengut angesprochen. Konservative Kräfte wollen aber auch sparen, unter anderem bei der IV. Ist das nicht ein Widerspruch? Einerseits wollen Sie behinderten Kindern das Leben ermöglichen, anderseits verwehren Sie ihnen die nötigen Mittel?
Regli antwortet: Wir wehren uns nur gegen Missbrauch. Wäre die IV davon nicht so strapaziert, wäre das Problem gelöst.

Ah… ja. Regli ist – wen wunderts – übrigens Mitglied bei der Partei, die für ihre bestechend einfachen Lösungen für jedes Problem bekannt ist. Da hat man’s ja bekanntlicherweise nicht so mit den Fakten. Hatte das BSV doch schon vor einem Jahr erklärt, «dass der Versicherungsbetrug für das Defizit der IV nicht massgeblich sei.» Und von welcher Seite immer der grösste Widerstand kommt, wenn es um barrierefreie Gebäude oder ÖV geht brauche ich wohl auch nicht erwähnen...

Als Lektüre mit wesentlich mehr Substanz zu einer verwandten Thematik (Präimplantationsdiagnostik) sei ein Interview der WOZ von 2005 mit Luc Recordon empfohlen. Recordon ist Nationalrat der Grünen und selbst von einer Behinderung betroffen. Ein Auszug:

Es gibt aber viele Behinderte, die sich dagegen verwahren, sich als Unglück zu begreifen …
Ich bin heute auch sehr froh, auf der Welt zu sein. Aber ich bin überzeugt, dass es das Beste gewesen wäre, wenn mich meine Eltern nicht gemacht hätten. Das ist kein Widerspruch, das ist nur ein Paradox, ein Scheinwiderspruch.

Das müssen Sie erklären.
Niemand hat sich logischerweise je beklagt, nicht geboren worden zu sein.

Und warum ist Ihnen diese Art Logik so wichtig?
Vielleicht, weil ich nie wirklich gedacht habe, mein Leben sei nötig. Aber ich denke generell, kein Leben ist nötig. Nicht geboren worden zu sein, ist kein Problem. Wäre ich nicht geboren worden, hätte ich nie gefragt, warum bin ich nicht nicht geboren? Sterben oder schwer leben, das bringt Schaden. Aber wenn das Kind da ist, soll man alles tun, um ihm die besten Chancen, die maximale Liebe zu geben. Besonders, wenn das Kind behindert ist, das ist sehr wichtig. Ich hatte dieses Glück.