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«Wenn man etwas erreichen will, muss man nicht warten, bis es uns jemand gibt. Wenn man Recht hat, muss man es sich holen»

Yves Rossier, der Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen hat am 14. September 2011 anlässlich des Festes zur Einführung der persönlichen Assistenz eine bemerkenswerte Rede gehalten – Er  umschreibt darin (jeweils auf deutsch und französisch) fünf Punkte, die er als BSV-Direktor gelernt hat:

Vollständige Transkription des deutschen Textes (Hervorhebungen durch die Blogautorin):
Yves Rossier: Ich werde mich darauf beschränken, die fünf Sachen, die ich gelernt habe in den letzten sieben Jahren als BSV-Direktor – nicht zu letzt dank dem Projekt Assistenz-Budget – zu schildern.

Also diese Macht der Strukturen ist etwas, das ich kennen gelernt habe. Wenn man Strukturen schafft, Institutionen, Finanzflüsse, auch mit den besten Zielen der Welt, führt es dazu, dass diese Strukturen und Institutionen eigene Macht haben. Und das Selbsterhalten, das Selbstfördern, weil es dann mit direkten, konkreten Interessen verbunden wird, wird dann ein Ziel für sich. Und das ist eine grosse Gefahr. Und obwohl ich in einer dieser Strukturen arbeite, muss ich sagen, dass das etwas sehr sehr schwieriges ist. Und Sie haben es am eigenen Leibe erlebt.

Also diese Machtspiele, die habe ich natürlich in der Verwaltung erlebt. Aber auch – Anfangs mit Erstaunen – unter den Organisationen. Dass man sich eigentlich nicht fragt: «Wozu arbeiten wir und sollen wir es nicht gemeinsam machen?» Sondern entscheidend ist: Wer wird es schaffen? Und dass man manchmal eher ein Interesse hat, dass jemand etwas nicht schafft, als dass man es gemeinsam schafft.

Eine dritte Feststellung ist, die Rede über die Behinderung. Ich sehe zwei Gefahren: Die erste ist die Haltung, wonach Behinderung eine Kultur ist. Das wird immer behauptet. Ich verstehe auch warum: Wenn man sich ausgegrenzt fühlt, zieht man sich zurück – mit Gleichgesinnten oder Gleichbetroffenen, und es wird daraus eine Kultur behauptet. Es ist für mich die Reaktion auf die Abgrenzung durch den Rest der Gesellschaft. Es ist aber eine sehr gefährliche Haltung. Die Behinderung ist keine Kultur. Die Kultur ist eine gemeinsame unter den Bürgern dieses Landes. Das ist unsere Kultur. Die Behinderung ist ein Leiden, aber keine Kultur.

Die zweite, gefährliche Entwicklung sehe ich in der Behauptung: «Wir sind alle behindert.» Es gab eine grosse Werbekampagne einer Organisation. Da standen behinderte Kinder und es war die Rede von gebrochenen Träumen: «Weil ich behindert bin, kann ich meine Träume nicht leben.» Das ist natürlich sehr nett
zu sagen, weil wir alle unerfüllte Träume haben. Ich wollte nicht Beamter werden. Ich hatte andere Träume als ich jung war. Das macht mich aber nicht behindert. Also wenn man behauptet, Behinderung sei nur, dass man seinen Traum nicht erleben kann, das ist falsch und das führt zu dieser Schluss-folgerung: «Wir sind ja alle irgendwie behindert.» Selbstverständlich, wir sterben alle einmal, aber das hat nichts damit zu tun. Die Behinderung in der Gesellschaft heute ist etwas anderes. Und diese Art über die Behinderung zu sprechen finde ich genau so gefährlich wie die erste.

Diese gleiche Würde, die wir haben sollen, ist meines Erachtens auf gravierende Weise in Frage gestellt durch die gesellschaftliche Entwicklung die wir in der Schweiz haben. Und wo ich immer staune, warum die Organisationen nicht mal
was dazu sagen. Ich gebe Ihnen nur ein Beispiel: Ich sprach mit einer Person von Exit Schweiz über den Zugang zur Beihilfe zum Suizid und diese Person sagte zu mir: «Aber Herr Rossier, wir machen es nicht für alle.» Darauf ich: «Ah nein? Für wen?» Darauf er: »Nur wenn eine Person eine gravierende Krankheit hat oder eine schwere Behinderung.» – Was bedeutet das, wenn diese Person das sagt? Das bedeutet, dass es für diese Person würdiges und unwürdiges Leben gibt. Bei den Einen lassen wir es nicht zu, geben ihnen das Gift nicht, aber bei den Anderen schon. Und ich fragte nach dem Grad der Schwere, ob Exit eine Liste von Behinderungen hat, anhand derer man dann ja sagt oder nein. Und da wurde meiner Frage entwichen. Da sind die gesellschaftlichen Entwicklungen, die mir wirklich Sorgen machen. Und dort würde ich mir manchmal wünschen, ein nisschen mehr von den Organisationen zu hören über solche Sachen, als über andere Themen, mit denen sie meistens mobil machen.

Und schliesslich, das ist jetzt die letzte Schlussfolgerung: Wenn man etwas erreichen will, muss man nicht warten, bis uns jemand gibt. Wenn man Recht hat, muss man es sich holen. Das habe ich auch in der Bundesverwaltung gelernt. Ein Direktor-Kollege sagte mir einmal: «Yves, du bist so mühsam, wenn du etwas nicht bekommst, dass du willst, dass man es dir lieber sofort gibt.» Ich glaube das ist eine Lektion, die Sie auch gelernt haben, die Frau Kanka auch gelernt hat und in die Praxis umgesetzt hat. Das ist natürlich sehr wichtig.
Natürlich müssen Sie auch Recht haben. Und Sie müssen nicht erwarten, dass man immer mit Ihnen einverstanden ist. Aber Sie dürfen trotzdem nicht nachgeben.

Voilà, ich werde Ihnen nicht danken, weil Sie mir nichts schulden und Sie haben
das gemacht, was Sie für richtig halten. Ich werde Ihnen auch nicht gratulieren, denn an Ihrer Stelle hätte ich das Gleiche gemacht. Ich sage Ihnen, ich bin sehr froh hier zu sein. Ich bin froh, dass es jetzt endlich startet und ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Danke schön!

Film und Transkription von David Siems von cripplepride.

Ich denke, für Gesprächsstoff ist gesorgt :-)
Dran denken: Bitte einigermassen kurz halten in den Kommentaren und auch die anderen Blogregeln beachten.

Lebenswertes Leben? Zwei Sichtweisen

Der Tagesanzeiger interviewt Daniel Regli, den Organisator der gestrigen Anti-Abtreibungs-Demo in Zürich: Sie haben vorher Ihr konservatives Gedankengut angesprochen. Konservative Kräfte wollen aber auch sparen, unter anderem bei der IV. Ist das nicht ein Widerspruch? Einerseits wollen Sie behinderten Kindern das Leben ermöglichen, anderseits verwehren Sie ihnen die nötigen Mittel?
Regli antwortet: Wir wehren uns nur gegen Missbrauch. Wäre die IV davon nicht so strapaziert, wäre das Problem gelöst.

Ah… ja. Regli ist – wen wunderts – übrigens Mitglied bei der Partei, die für ihre bestechend einfachen Lösungen für jedes Problem bekannt ist. Da hat man’s ja bekanntlicherweise nicht so mit den Fakten. Hatte das BSV doch schon vor einem Jahr erklärt, «dass der Versicherungsbetrug für das Defizit der IV nicht massgeblich sei.» Und von welcher Seite immer der grösste Widerstand kommt, wenn es um barrierefreie Gebäude oder ÖV geht brauche ich wohl auch nicht erwähnen...

Als Lektüre mit wesentlich mehr Substanz zu einer verwandten Thematik (Präimplantationsdiagnostik) sei ein Interview der WOZ von 2005 mit Luc Recordon empfohlen. Recordon ist Nationalrat der Grünen und selbst von einer Behinderung betroffen. Ein Auszug:

Es gibt aber viele Behinderte, die sich dagegen verwahren, sich als Unglück zu begreifen …
Ich bin heute auch sehr froh, auf der Welt zu sein. Aber ich bin überzeugt, dass es das Beste gewesen wäre, wenn mich meine Eltern nicht gemacht hätten. Das ist kein Widerspruch, das ist nur ein Paradox, ein Scheinwiderspruch.

Das müssen Sie erklären.
Niemand hat sich logischerweise je beklagt, nicht geboren worden zu sein.

Und warum ist Ihnen diese Art Logik so wichtig?
Vielleicht, weil ich nie wirklich gedacht habe, mein Leben sei nötig. Aber ich denke generell, kein Leben ist nötig. Nicht geboren worden zu sein, ist kein Problem. Wäre ich nicht geboren worden, hätte ich nie gefragt, warum bin ich nicht nicht geboren? Sterben oder schwer leben, das bringt Schaden. Aber wenn das Kind da ist, soll man alles tun, um ihm die besten Chancen, die maximale Liebe zu geben. Besonders, wenn das Kind behindert ist, das ist sehr wichtig. Ich hatte dieses Glück.

Willst du tauschen?

Wenn du meinen Parkplatz nimmst, dann nimm auch meine Behinderung

Der Kanton Wallis hat eine Sensibilisierungskampagne lanciert, damit die für Behinderte reservierten Parkplätze frei gehalten werden für Personen mit eingeschränkter Mobilität. (via Procap)

Der Slogan «Wenn du meine IV-Rente willst, dann nimm auch meine Behinderung» käme sicher auch ganz gut.

«Barrierefreies Bauen = Diktatur der Minderheiten»

Das «PME Magazine» aus der Romandie ist eine Publikation des Axel Springer Verlages, laut Eigenwerbung «das führende Magazin für Personen, die von einer Wirtschafts-Publikation eine ausgeprägte Praxisrelevanz fordern und hohe Erwartungen an Qualitätsjournalismus stellen. Gut recherchierte Reportagen und praktikable Lösungsvorschläge ermöglichen Unternehmern und “Machern”, der Konkurrenz eine Nasenlänge voraus zu sein. Eine unverzichtbare Informationsquelle für Entscheidungsträger und solche, die es werden wollen. Seriös, kompetent, nah an der Unternehmenspraxis.»

Im Editorial des PME Magazine vom 1. Juli 2010 war dann zum Einsatz von Behindertenverbänden für einen (mehr oder minder) barrierefreien Neubau des EPFL Learning Centers Folgendes zu lesen: «

(…)Diese Baustelle zeigt, dass bestimmte Lobby-Gruppen eine riesige Verhinderungsmacht besitzen, eine Macht, die diese sich dank der (zu) zahlreichen Beschwerdewege, die das Gesetz bietet, anmassen. Im Fall der EPFL gehen Behindertenverbände noch einen Schritt weiter und fordern eine buchstabengetreue Anwendung des Behindertengleichstellungsgesetzes.

Diese Verbände setzen sich zu Recht für die Interessen ihrer Mitglieder ein. Das Gesetz lässt dies zu, aber einmal mehr handelt es sich um eine Diktatur der Minderheiten, welche die Kosten solcher Beschwerden vergessen. Und sie vergessen sie umso eher, als dass sie sie nicht direkt zu tragen haben. Die Gemeinschaft bezahlt mit Steuergeldern. Was endgültig bestätigt, dass die öffentliche Hand in der Schweiz so viel Geld hat, dass es den Leuten egal ist, wenn man dieses verschleudert.» (via agile)

Nur mal so, wir reden hier von einem 110-Millionen-Franken Projekt – getragen durch den Bund und private Investoren. Im Rahmen eines solchen Budgets dürfte eine barrierfreie Bauweise (wenn man sie den von Anfang miteinplanen würde) kaum ins Gewicht fallen. Und: verehrter Schreiber von PME: Ja, wo kämen wir denn da hin, wenn jeder auf die Einhaltung der geltenden Gesetze bestehen würde…?

Bleibt anzumerken, dass im Parlament damals um praktisch jede Zeile ebendieses Behindertengleichstellungsgesetzes (das seinen Namen eigentlich gar nicht verdient) gerungen und gehändelt wurde und dass schlussendlich nur eine sehr «zahnlose» Version überhaupt in Kraft trat.

Ausserdem sind es doch die immer wirtschaftsnahen Kreise, die nie müde werden, das Integration-statt-Rente Mantra zu wiederholen? Denken die, alle Menschen mit Behinderung arbeiten in einer geschützten Werkstätte und von «denen» verirrt sich sowieso keiner je in eine Hochschule?

Ich warte noch auf den Architekten, der fähig ist, Design UND barrierefreis Bauen elegant miteinander zu verbinden. Das wäre doch mal wirkliches «Können».

Die Unsichtbaren

Die sich selbst zugeschriebene «Fachkompetenz» der Kommentarschreiber in Onlineforen zum Thema Invalidenversicherung bezieht sich in geschätzten 95% der Fälle darauf, dass der Kommentarschreiber angeblich mindestens einen, oder besser zwei bis zehn Nachbarn hat, die

  1. aus dem Balkan/der Türkei/«irgendeinem einem südlichen Land» stammen
  2. aus (für den Kommentarschreiber) nicht nachvollziehbaren Gründen (wahrscheinlich) eine Invalidenrente beziehen (Schmerzen, psychische Probleme oder sonst irgendwas Obskures)
  3. einen (oder zwei bis zehn) Mercedes/BMW/Porsche besitzen
  4. In Schwarzarbeit eine/n eigene/n Dönerladen/Gemüsehandel/Import-Exportfirma betreiben
  5. Regelmässig beim Rasenmähen/Möbelschleppen/Polieren ihres Mercedes/BMWs/Porsches gesehen werden

Selten bis nie scheint der gemeine Kommentarschreiber Nachbarn, Kollegen oder gar Familienangehörige zu besitzen, die aus seiner Sicht (was anderes ist schliesslich nicht massgebend) gerechtfertigterweise eine Invalidenrente beziehen oder aber die trotz schwerer Erkrankung/Behinderung von der Invalidenversicherung keine Leistungen erhalten und deshalb gezwungen sind, von der Sozialhilfe zu leben.

Warum das so ist, zeigen zwei Beispiele aus der Medienberichterstattung (eines eher unfreiwillig, das zweite ganz bewusst) über die gestern im Ständerat verabschiedete IV-Revision 6a exemplarisch.

Die 10vor10-Redaktion musste sich nach längerer Suche von ihrer ursprünglichen Absicht verabschieden, in ihrem Beitrag den Menschen hinter den grauen Zahlen der geplanten Revision «ein Gesicht zu geben». Von den Betroffenen, auf welche die Revision vor allem abzielt, nämlich jene mit den unsichtbaren Erkrankungen/Behinderungen ist schlicht niemand bereit, sich öffentlich im Fernsehen zu zeigen und sich damit freiwillig zur Zielscheibe zu machen. Zum Beispiel zur Zielschreibe von Nachbarn, die genau wissen, wem eine IV-Rente gebührt und wem nicht – siehe oben…

Erst, wenn der IV-Bezüger wieder eine Arbeit hat – und er somit der Gesellschaft «nicht mehr auf der Tasche liegt» ist es für einen Betroffenen möglich, sich öffentlich zu seiner Erkrankung zu bekennen. Wer arbeitet (auch wenn die IV nach wie vor einen Teil seines Lohns bezahlt) ist gleich eine ganz andere Kategorie Mensch – und wenn der Betroffene dann noch treuherzig in die Kamera sagt, dass er eben «kein Typ zum zu Hause herumsitzen» sei, dann ist die Welt in Allschwil, Münsingen und Wallisellen vor den Fernsehgeräten doch gleich wieder in Ordnung. Denn «Die chöi ja alli schaffe, we si numä wellä…»

Auch die Journalistin Karen Schäfer von der Aargauer Zeitung (Artikel leider nicht online) hat keine IV-Bezüger gefunden, die bereit gewesen wären, mit vollem Namen in der Zeitung zu erscheinen. In erfrischend unkonventioneller Weise hat sie jedoch diese Problematik gleich zum Thema ihres Hintergrundartikels gemacht («IV-Bezüger halten IV-Rente geheim» – Untertitel: Aus Furcht vor Ächtung und Diffamierung imformieren IV-Rentner nur nächste Angehörige) und ermöglicht dem Leser einen Blick in die Welt und das Empfinden der Betroffen bei denen die Scheininvalidenkampagne der SVP und die immer rigoroseren Sparmassnahmen der Invalidenversicherung tiefe Spuren hinterlassen haben.

Es ist viel von Angst die Rede in den Aussagen der Betroffenen. Angst, angefeindet zu werden, Angst, die Rente wieder zu verlieren, Angst vor der Überwachung durch IV-Detektive. Und von Verzicht ist ebenfalls die Rede: um ja nicht aufzufallen, wird beim Museumseintritt der volle Beitrag bezahlt, obwohl es für IV-Bezüger reduzierte Eintrittspreise gäbe, es wird auf Gartenarbeit oder das Verlassen der Wohnung tagsüber gleich ganz verzichtet, denn es könnte ja ein Nachbar oder IV-Detektiv zuschauen.

Und weil diese Menschen unsichtbar sind, sozusagen nicht existieren, ist es ein leichtes, sie mittels Revisionen aus der Invalidenversicherung auszuschliessen – sie wehren sich nicht, sie erheben keinen öffentlichen Einspruch, sie wenden sich nicht an Politiker. Dazu ist die Angst zu gross. Denn wer genug gesund sei, sich zu wehren – so könnte es heissen  – der sei schliesslich auch genug gesund, um zu arbeiten. Deshalb schweigen sie und bleiben unsichtbar.

Jüdische Neger in Alabama

So der Titel eines Artikel in der brand eins 01/2010:

«Für viele Behinderte ist Selbstständigkeit die einzige Chance auf einen Job. Dummerweise traut ihnen das kaum jemand zu. Zu Unrecht, wie eine Berliner Initiative* zeigt (…)» weiterlesen -> Jüdische Neger in Alabama (Leider tappt der Autor des Artikels in die eine oder andere Klischeefalle, aber die «brand eins» gibt sich ja gerne hip und trendy, was Behinderung nun mal überhaupt gar nicht ist – von daher passt der Titel gleich doppelt)

*Enterability in Berlin unterstützt Menschen mit Behinderung, die sich beruflich selbständig machen wollen.

Behinderung als Disneyland

In Rathausen LU ist ein Invaliden-Erlebnispark geplant: das Paradrom. Das 22-Millionen-Projekt wird aber von Behindertenorganisationen kritisiert. Zu Recht. Laut Vereinspräsident Pius Segmüller* geht es nämlich nicht darum, «mit dem Paradrom in erster Linie sozialpolitische Veränderungen zu bewirken.»

Dazu kann man nur Ruedi Prerost, Gleichstellungsbeauftragter von Pro Infirmis zitieren: «Statt eine künstliche Welt mit Behinderungen aufzubauen, würden besser die realen Behinderungen im Alltag behoben»Der 62-jährige Jurist, selber Paraplegiker, findet es verfehlt, dass Behinderung auf eine Funktions-störung reduziert wird. Jede Behinderung habe auch soziale und psychische Auswirkungen und betreffe alle Lebensbereiche. Wer nur im Rollstuhl fährt, weiss nicht, was Behinderung bedeutet.»

Die 22 Millionen könnte man anderweitig tatsächlich wesentlich sinnvoller für die Aufhebung von Barrieren einsetzen, denen Menschen mt Behinderungen tagtäglich begegnen. Und wer wissen will, wie sich diese Einschränkungen anfühlen, kann versuchen sich einfach mal einen Tag lang in einem Rollstuhl in der ganz realen Welt fortzubewegen. Da gibt’s nach wie vor genügend Hinder-nisse, dazu braucht man keine extra «Erlebniswelt» aufzubauen. So ein «Erleb-nistag» in der realen Welt würde auch den Mitgliedern des Vereins «Paradrom» vielleicht ganz interessante Einblicke gewähren – dem Vorstand gehört nämlich kein/e RollstuhlfahrerIn an.

*Pius Segmüller (CVP-Nationalrat und ehemaliger Kommandant der Schweizer-garde) weiss auch ganz genau, was «gute» und «richtige» Behinderte sind:

Es freut mich, wenn ich sehe, wie Behinderte ihr Leben meistern, sich ins Berufsleben integrieren und es schaffen auf die IV zu verzichten. Andere wiederum schlängeln sich durch und versuchen mit fadenscheinigen Besch-werden eine IV zu ergattern. Das darf es nicht sein. Solche Leute müssen zur Eigenverantwortung gezwungen werden. Meiner Meinung nach gibt es keine entwürdigende Arbeit. Wenn man arbeiten kann, soll man es auch tun. Aus dem christlichen Gedanken heraus, muss man am richtigen Ort sozial sein.

Die CVP sollte wieder verstärkt Themen ansprechen, die sie über Jahrzehnte geprägt und dann etwas vernachlässigt hat, weil diese nicht mehr als modern empfunden wurden. Wir dachten, dass wir uns in gesellschaftlichen Angelegen-heiten nach links öffnen müssen. Dabei muss man aber beachten: die CVP ist aus dem christlichen Gedanken heraus sozial! Wir sollten den Menschen Wertvorstellungen, die durchaus als konservativ bezeichnet werden können, zurückgeben. (Quelle: Pro Luzern)

Lassen wir das mal so stehen…

Rechtfertigungsdruck

Georges Pestalozzi­ Seger (von Integration Handicap) in soziale Sicherheit 1/2010:

«Die seit einigen Jahren unablässig vorgetragenen Vorwürfe, die IV werde von Scheininvaliden missbraucht, haben tiefe Spuren hinterlassen: Nicht nur bei der Verwaltung selber, die mittlerweile diese Vorwürfe teilweise selber verinnerlicht hat, sondern auch bei den Menschen mit Behinderung. Mit einer Invalidenrente zu leben, ist heute für all jene, die nicht eine offensichtliche, gegen aussen sichtbare Behinderung aufweisen, schwierig geworden. Etliche Betroffene (nicht nur Menschen mit einer psychischen Behinderung, sondern auch solche mit Beeinträchtigungen der inneren Organe oder entzündlichen Schmerzkrank-heiten) erleben in ihrem Umfeld Anfeindungen. Sie sehen sich gezwungen, ihre «Invalidität» rechtfertigen zu müssen. Für sie ist die IV nicht nur ein Segen, sie kann auch zum Fluch werden.
Auch das Verhältnis der Menschen mit einer Behinderung zu den IV-Organen ist nicht unbeschwert: Das Grundvertrauen ist einer gewissen Vorsicht gewichen, die hin und wieder gar in Misstrauen und Verärgerung umschlägt. Wer sich mit jahrelangen Abklärungen konfrontiert sieht, immer wieder zu neuen Gutachtern geschickt und mit ultimativen Mitwirkungsaufforderungen konfrontiert wird, verliert den Glauben an ein faires Verfahren. Und wird ängstlich. Wenn schon ein knappes Jahr nach der Gewährung einer Rente deren Überprüfung ansteht, dann dominiert verständlicherweise bei vielen die Angst, die endlich erworbene Existenzsicherung schon wieder zu verlieren. Auch die politische Debatte um den Abbau von Leistungen löst vielerorts Ängste aus, sie wird als bedrohlich erlebt.»

Selbstbestimmt Sterben, fremdbestimmt Leben

Der Psychiater Daniel Hell im Tagesanzeiger zum Thema “Sterbehilfe”: (…)Es ist deshalb zynisch, wenn von Exit und Dignitas-Vertretern gleiches Recht für psychisch und körperlich Kranke bei der Suizidbeihilfe gefordert wird, ohne dass zuvor das Unrecht der Ungleichbehandlung im Leben dieser Krankheits-gruppen angeprangert und beseitigt wird. Hier zeigt sich, dass persönliche Entscheidungen nicht von gesellschaftlichen Haltungen getrennt werden können und dass es eine zentrale Aufgabe der Gemeinschaft ist, Gerechtigkeit zunächst im Leben herzustellen. Wie sich ein Mensch entscheidet, hängt massgeblich von den sozialen Bedingungen sowie vom Hilfsangebot der Mitmenschen ab. Todeswünsche können auch gefördert werden, wenn Menschen offen oder versteckt vermittelt wird, dass sie der Gesellschaft zur Last fallen.

Direkt auf den Punkt gebracht: