Ein Prozent

Vor einem Jahr schrieb ich ans BSV, ich würde gerne die IV-Betrugs-Quote wissen, das BSV wollte die Quote aber nicht rausrücken.
Manche Dinge muss man dann halt an die Profis… outsourcen (Und die Rundschau hat zudem praktischerweise auch eine etwas grössere Reichweite als mein Blog):

brotz_iv

Gestern berichtete also die Rundschau über IV-Betrug und IV-Detektive. Im anschliessenden Gespräch war der Luzerner IV-Direktor Donald Locher geladen. Der Hirnscanner-sind-toll-Betrügerjagd-ist-noch-viel-toller-Herr-Locher.

Kurze Gesprächstranskription (aus dem Schweizerdeutschen, ab Min 14.49):

Moderator Sandro Brotz: Ich habe mir die Zahlen mal angeschaut. Wir reden landesweit von etwa 60’000 Dossiers, die man hervorholt, um sie anzuschauen. Unter denen sind rund 2000, die man dann noch genauer anschaut. Und von denen wiederum sind dann ein paar 100 Fälle* tatsächlich Missbräuche. Das sind ungefähr 1% effektive Missbräuche. Finden Sie das persönlich viel oder wenig?

Donald Locher: Es ist wenig. Ich denke, dass halt eben doch der kleinste Teil betrügen will, aber… *rechtfertigungsversuch*

Na also, geht doch mit den Zahlen, liebes BSV. Dankeschön an die Rundschau-Redaktion und special Thanks an Herrn Brotz dafür, Herrn Locher dazu zu bringen «Es ist wenig» zu sagen. That definitely made my day. Nach elf Jahren IV-Betrüger-Räubergschichtli. Endlich.

Zur Erinnerung, 20min (als eine unter vielen) schrieb beispielsweise am 14. März 2007 von einem Missbrauchsanteil von zwischen 5,3 Prozent und 6,7 Prozent. Und Alard du Bois-Reymond, damaliger IV-Chef, «bestätigte» dass sich diese Zahlen im «von der IV geschätzten Bereich bewegten».

*Konkret waren es im Jahr 2012 400 Missbrauchsfälle, das macht bei 60’000 überprüften Dossiers eine effektive Missbrauchsquote von 0,66 %. Na gut, die 0,34% noch als Bonus obenauf für die Unentdeckten. Wir sind ja grosszügig. Aber bei der in der Rundschau vorgestellten hochprofessionellen Betrugsbekämpfungsmaschinerie und all den denunziationswütigen aufmerksamen Nachbarn bleibt doch bestimmt kein Missbrauch mehr unentdeckt. Sie und Ihre Kollegen machen doch schliesslich gute Arbeit, oder… Herr Locher?

Eigentlich ist das eine Prozent sehr sehr grosszügig, denn nur in 44 Fällen haben die IV-Stellen im Jahr 2012 unrechtmässig bezogene Leistungen zurückgefordert, und in nur 60 Fällen wurde effektiv  Strafanzeige erstattet. Nicht alle «Betrüger» sind nämlich so dreiste Betrüger, wie der in der Rundschau gezeigte Fall, manchmal verbirgt sich hinter einem «Betrug» auch eine Meldepflichtverletzung. Sprich: jemand arbeitet beispielsweise mehr als der IV angegeben. Das haben sich die IV-Stellen allerdings auch selbst zuzuschreiben, da arbeitswillige IV-Bezüger auf Anfrage hin, wieviel sie arbeiten dürfen, von den IV-Mitarbeitern grundsätzlich nie eine konkrete Antwort bekommen, sondern mit einer nichtssagenden und hochgradig bevormundenden Floskel abgespiesen werden. Zum Glück bin ich nicht paranoid und glaube nicht, dass man mit dieser kruden Kommunikation die Betrugsquote künstlich hochhalten will. Und da man das ganz sicher nicht will, könnte man die dementsprechende Kommunikation ja auch einfach etwas kundenfreundlicher gestalten. Oder – liebe SVA’s?

Frühlingsstrauss

Zum Frühlingsanfang zur Abwechslung mal ein bunter Strauss mehrheitlich erfreulicher Meldungen:

In der Schaffhauser AZ vom 6. März 2014 zeichnete Bruno Bischof  (Leiter Sozialversicherungsamt Kanton Schaffhausen) im Interview unter dem Titel «Junge wollen keine Rente» ein differenziertes Bild psychisch erkrankter Jugendlicher – jenseits der von gewissen Kreisen propagierten Meinung, dass diese lieber eine «bequeme Rente» wollten, statt zu arbeiten:

«Unsere Beraterinnen und Berater machen die Erfahrung, dass junge Menschen in der Regel keine Rente wollen. Sie möchten arbeiten und ganz ‘normale’, unabhängige Mitglieder der Gesellschaft sein. Aber manchmal schätzen sie sich selber nicht realistisch ein, vielleicht setzen sie während einer guten Phase die Medikamente ab und erleiden prompt einen Rückfall. Oder sie können den Arbeitsalltag nicht in der erhofften Weise bewältigen. Es sind schwierige Lebenssituationen, die wir da miterleben.»

Und das BSV hat – wenn auch mit ungefähr 10-jähriger Verspätung – die Problematik endlich als ernstzunehmend erkannt und schreibt aktuell ein entsprechendes Forschungsprojekt aus:

«Profile von jungen IV-Neurentenbeziehenden mit psychischen Krankheiten»
Das ausgeschriebene Projekt soll die Profile der jungen IV-Neurentenbeziehenden mit psychischen Krankheiten näher analysieren und wichtige Einflussfaktoren identifizieren, die letztlich zu einer frühen Berentung beigetragen haben können. Gleichzeitig sollen diese Profile auch Hinweise auf die Wirksamkeit von Massnahmen in vorgelagerten wie im IV-System selbst geben. (Einreichung von Offerten bis 14.04.2014). #ilike

Und solange es nicht um böse IV-Bezüger mit psychischen Krankheiten geht, die man alle an den Lügendetektor anschliessen sollte, sondern um die Integration von Jugendlichen mit Sehbehinderungen, kann sogar der Luzerner IV-Direktor Donald Locher eine erstaunliche Sozialkompetenz und Einfühlsamkeit an den Tag legen: «Das Bewusstsein dafür, wie wichtig die berufliche Eingliederung für junge Menschen mit Behinderung ist, steigt – bei den Arbeitgebern, aber auch bei uns, bei der IV. Wir suchen heute zum Beispiel geeignete Module aus, die für die individuelle Ausbildung eines Jugendlichen passend sind. Und wir können auf die Berufsschulen Druck ausüben: Wenn ein Jugendlicher mit Sehbehinderung eine Ausbildung macht, müssen sie besser planen, Lehrmaterialien entsprechend aufbereiten und zum Beispiel Prüfungsfragen früher schicken.»

Geradezu frühlingshaft blumig klingt es es im weiteren Verlauf des Interviews:
«Meiner Erfahrung nach – und ich konnte bei meiner letzten Stelle als Direktor einer Krankenkasse sechs sehbehinderte junge Menschen in der Ausbildung erleben – spielen Familie, Schule und Umfeld eine gleichermassen wichtige Rolle. Dort findet Ermutigung statt. Natürlich stehen auch die Arbeitgeber in der Pflicht: Sie müssen sich auf das Abenteuer einlassen und bei ihren Mitarbeitenden eventuell Vorbehalte und Ängste abbauen. Wir haben damals eine Blindenschule besucht, waren in der „Blindenkuh“ zum Essen und haben uns über Hilfsmittel informiert. Das hat viel zur Sensibilisierung beigetragen – und zuletzt gewann das ganze Team soziale Kompetenz. Für unseren Betrieb waren die sechs Auszubildenden ein grosser Gewinn, und ich freue mich sehr, dass sie alle heute im Ersten Arbeitsmarkt tätig sind.»
Nachzulesen in Tactuel, der Fachzeitschrift für das Blinden, Taubblinden- und Sehbehindertenwesen. (Vielleicht könnte ja die Pro Mente Sana auch mal ein Interview mit Herrn Lochers einfühlsamer Seite… bezüglich Integration…? Weil…Frühlingsanfang und so… PMS-scher Winterschlaf vielleicht langsam mal vorbei…?)

Apropos Hirnstrommessung à la IV-Stelle Luzern: Die Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker möchte laut der BZ den Vorstoss «Einsatz von Hirnscans bei der IV in Luzern» einreichen. Konkret will Schenker von der Landesregierung wissen, ob die IV-Stelle Luzern das zuständige Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) vorgängig informiert hatte und ob Methoden wie diese bewilligungspflichtig sind. Ausserdem fragt sie nach wissenschaftlichen Studien und den Konsequenzen, falls IV-Entscheide aufgrund der Tests ohne entsprechende Studien getroffen wurden.

Im Parlament hat ausserdem nach dem Nationalrat auch der Ständerat am 4. März 2014 eine Motion von EVP-Nationalrätin Maja Ingold gutgeheissen, welche einen nationalen Aktionsplan zur Suizidprävention  fordert. Die Annahme der Motion erfolgte notabene gegen die Empfehlung des Bunderates, welcher zu bedenken gab, das man das Anliegen zwar wichtig fände, aber dem Bund nach der Ablehnung des Präventionsgesetzes die gesetzlichen Grundlagen für eine nationale Koordination – auch bereits bestehender – kantonaler Projekte fehlen würden.

Ein Interview zum Thema mit Maja Ingold im Tagesanzeiger vom 17. März 2014: «Zäune alleine reichen nicht»

Weniger erfreulich war auf den ersten Blick ein Tweet von Weltwoche-Journalist Markus Schär vom 7. März mit dem Text «Personenunfall: Die letzte Ambition in diesem Leben, den Freitagfeierabendverkehr lahmzulegen?» Schär beliess es nicht beim Tweet, sondern fragte in der darauffolgenden Weltwoche in einem 3500-Zeichen-Artikel mit dem Titel «Suizid am Feierabend»: «Müssen wir Verständnis aufbringen für Selbstmörder, die mit ihrem Abgang möglichst viel Schaden anrichten wollen?» Historiker Schär (Dissertation: «Selbstmörder und Gläubige: der Suizid im alten Zürich 1650-1750) erklärt, dass «ein Suizid auch ein aggressiver Akt sein kann, der Mitmenschen bestrafen soll» und rechtfertigte damit seine Ansicht, dass man kein Verständnis aufbringen müsste.

Schär erhielt daraufhin einen Brief der Tochter derjenigen Frau, deren Suizid ihn an jenem Freitagabend am Bahnhof Effretikon stranden liess. Sie schreibt: «Es tut mir leid, dass Sie am Freitagabend so lange warten und sich ärgern mussten. Ich möchte mich im Namen meiner über alles geliebten und wunderbaren Mama entschuldigen, denn das war nicht in ihrem Sinn, nein: Es war gegen ihre eigentliche Natur» Weiter erklärt die Tochter, dass ihre Mutter unter Depressionen gelitten hatte.
Schär antwortet in einem offenen Brief mit dem symptomatischen Titel «Hilflos» in der heutigen Weltwoche. Selbstverständlich geht das nicht ohne diverse Rechtfertigungsversuche («Eine Expertin sagte mir, wir könnten uns im Alltag nicht in alle Verzweifelten einfühlen und dürften als Betroffene auch Wut empfinden»). Nichtsdestotrotz lässt er eine gewisse Nachdenklichkeit durchblicken. Auf dem (nach unten offenen) Emotionsthermometer der Weltwoche könnte man es fast unter «sowas ähnliches wie ein Hauch von Mitgefühl» verbuchen.

Man hofft, diese direkte Rückmeldung einer Angehörigen klinge noch etwas länger nach und rufe sich Schär und seinen Kollegen bei der Weltwoche dann in Erinnerung, wenn sie mal wieder gerade dabei sind, einen weiteren hochgradig abschätzigen Artikel über psychische Erkrankungen/Suizid zu schreiben. (Man hält an der Förrlibuckstrasse eben ganz gerne mal «abschätzig» für «kritisch».)

Zum Frühlingsbeginn darf man sich ja durchaus auch mal etwas hoffnungserfüllt zeigen.

PID = Behindertenfeindlich?

Am 11. März 2014 hat der Ständerat – vorläufig – beschlossen (das Geschäft geht noch weiter in den Nationalrat), dass das sogenannte Chromosomenscreening bei künstlicher Befruchtung nicht erlaubt werden soll. Konkret geht es um rund 6000 Fälle pro Jahr, bei denen der im Reagenzglas gezeugte Embryo vor der Einpflanzung in die Gebärmutter nicht auf fehlende oder überzählige Chromosomen (sogenannte Aneuploidien) untersucht werden sollen darf. Mit diesem Verfahren könnten verschiedene Anomalien entdeckt werden, so zum Beispiel Trisomie 13 (Pätau-Syndrom), Trisomie 18 (Edwards-Syndrom) oder Trisomie 21 (Down-Syndrom).

Der Entscheid des Ständerates (sollte er aufrecht erhalten werden) führt zu der absurden Situation, dass wenige Tage alte Zellansammlungen Embryonen vor dem Einpflanzen nicht aufgrund ihrer «Chromosomenfehler» aussortiert werden dürfen («Eugenik!» riefen die Mahner) und betroffene Frauen, die sich gegen ein behindertes Kind entscheiden, dieses  – nach den entsprechenden Untersuchungen in der Schwangerschaft (möglich ab ca. der 10. Woche) – dann abtreiben müssen. Fast hört man daraus das Motto «Wenn ihr schon kein behindertes Kind wollt, dann sollt ihr zumindest noch eine Abtreibung erdulden müssen».

Dazu ist anzumerken, dass Trisomie 13 sowie Trisomie 18 zu äusserst schwerwiegenden Behinderungen führen, so dass die meisten Kinder, die davon betroffen sind, schon während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben. Frauen – notabene Frauen, die durch die Fruchtbarkeitsbehandlung sowieso schon einer grossen Belastung ausgesetzt sind – wissenden Auges eine solche Schwangerschaft zuzumuten, hat schon etwas sehr zynisches.

Selbstverständlich gibt es kein «Recht» auf ein gesundes Kind. Viele Behinderungen lassen sich nicht pränatal feststellen und können auch durch Krankheiten oder Unfälle erworben werden. Krankheit und Behinderungen gehören zum menschlichen Leben einfach dazu. Die Argumentation gewisser «Behindertenvertreter» dass der Zwang zu einer solchen Schwangerschaft die «Behindertenfreudlichkeit in der Gesellschaft erhöhen würde» erschliesst sich mir jedoch absolut nicht.

Natürlich argumentieren sie nicht so, sondern andersrum: Die Präimplationsdiagnostik (PID) würde zu einer behindertenfeindlichen Gesellschaft führen. Einen Tag vor der Debatte im Ständerat erschien im Politblog des Tagesanzeigers der Artikel: «Die Präimplantationsdiagnostik darf nicht zu einem Selektionswerkzeug werden» von Nationalrätin Christine Bulliard-Marbach (CVP). Sie schreibt:

«Meiner Ansicht nach gebietet uns die Moral, die Daseinsberechtigung und die Integration von Behinderten prioritär zu behandeln. Die generelle Anwendung der Früherkennung von Aneuploidien läuft dieser Prioritätensetzung zuwider, indem sie postuliert, es sei mit allen Mitteln zu verhindern, dass mittels In-vitro-Fertilisation Kinder mit Chromosomenanomalien zur Welt kommen.»

Dass Frau Bulliard-Marbach im Zentralvorstand von Insieme sitzt, wurde beim Artikel nirgends erwähnt. Insieme ist eine Organisation von Eltern, die Kindern mit einer geistigen Behinderung haben. Also kein Behindertenverband im «klassischen» Sinn, sondern eine Elternvereinigung. Das zeigt sich auch am Text mit dem der Entscheid des Ständerates auf insieme.ch kommentiert wird: «insieme Schweiz ist erleichtert über den heutigen Entscheid des Ständerates, bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) systematische Screenings von Embryonen nicht zuzulassen. Kinder mit Down Syndrom sollen nicht systematisch verhindert werden.»

und weiter:
«Eltern sollen sich weiterhin frei entscheiden können – auch für ein behindertes Kind. Es darf nicht sein, dass sich Mütter und Väter für ihr behindertes Kind rechtfertigen müssen oder dass ihnen gar die Unterstützung verweigert wird.»

Es geht also  – man verzeihe mir die Spitzfindigkeit – auch speziell darum, dass Eltern sich nicht rechtfertigen müssen. Selbstverständlich bin ich mit insieme einer Meinung, dass Eltern sich frei entscheiden sollen dürfen und falls sie sich für ein behindertes Kind entscheiden, auch alle dafür notwendige Unterstützung dafür bekommen sollen. Man kann allerdings – wenn man mal ganz ehrlich ist – nicht behaupten, dass die staatliche Unterstützung, welche Eltern mit behinderten Kindern bekommen, in der Schweiz in den letzten 100 Jahren schlechter geworden ist; damals gab es noch nichtmal eine Invalidenversicherung – einfach mal so als ganz grundsätzlicher Vergleich.

Hierzu auch der Zürcher Ständerat Felix Gutzwiller (FDP) aus der parlamentarischen Debatte zur PID:

«Vor fünfundzwanzig oder dreissig Jahren, bei der Einführung der pränatalen Untersuchung, also der Untersuchung in der elften, zwölften oder dreizehnten Woche der Schwangerschaft, gab es genau die gleiche Debatte; verschiedene Ratsmitglieder haben darauf hingewiesen. Ich muss Ihnen sagen, ich weiss nicht, wie Sie das subjektiv einschätzen, aber mein Gefühl sagt mir: Wenn wir die gesellschaftliche Entwicklung der letzten zwanzig Jahre ansehen, stellen wir fest, dass durch die adäquate Gesetzgebung, wie die Kollegen ausgeführt haben, die Akzeptanz und Unterstützung von Behinderten eher besser geworden ist als schlechter. Man kann wirklich nicht argumentieren, durch die Einführung der pränatalen Untersuchung vor rund fünfundzwanzig Jahren sei in der Gesellschaft eine Verschlechterung der Akzeptanz von Behinderungen eingetreten. Ich bin überzeugt, dass die Akzeptanz sich weiterhin verbessern wird und dass wir in zunehmendem Masse versuchen werden, allfällige gesetzliche Lücken zu schliessen.

Es kann auch keinesfalls die Rede davon sein, ich darf das sagen, dass eine unbeteiligte Person in einem Labor den Eltern die Verantwortung abnimmt. Lesen Sie Artikel 6a, der im Detail regelt, wie Ärzte und Ärztinnen – und wie gesagt nicht in irgendeinem Labor Beschäftigte – die Eltern einbeziehen und mit ihnen diskutieren müssen, welche Information sie ihnen geben müssen, damit der elterliche Entscheid eben in Würdigung aller Umstände gefällt werden kann.»

Gutzwillers Argumentation überzeugte jedoch die Mehrheit des Ständerats nicht. Vielmehr schien das entschlossene Lobbying der Elternvereinigung Insieme deutlichen Einfluss auf den Entschluss der Parlamentarierer gehabt zu haben. Wer will denn schon als behindertenfeindlich dastehen? Ausser natürlich es geht um die IV-Revision… dann ist es was anderes… Aber auch nur, weil es da um diese komischen unsichtbaren Krankheiten geht.
Aber bei «richtigen» Behinderten, denen man ihre Behinderung – wie Betroffenen mit Downsyndrom – gleich ansieht, da hat man dann doch irgendwie eine gewisse Beisshemmung, die sind ja dann doch irgendwie mehr «schützenswert».

Genau diese «Beisshemmung» gegenüber Menschen mit einer deutlich sichtbaren Behinderung nutzt insieme sehr geschickt zu Marketingzwecken. Was ja auch ok ist. Nur möchte ich dazu mal ein paar Zahlen und Fakten anfügen, denen sich vermutlich die Politiker eher weniger bewusst  sind.

insieme vertritt als Elternvereinigung – nach eigenen Angaben – die Interessen von rund 50’000 Menschen mit einer geistigen Behinderung in der Schweiz. Um «geistige Behinderung» bildhaft darzustellen, werden in aller Regel Fotos oder Filme von Menschen mit Down-Syndrom gezeigt. Im Schweizer Fernsehen waren in den letzten Jahren die Sendereihen Üsi Badi sowie Üse Zoo zu sehen. Ausserdem die Filme «Goethe, Faust und Julia», «Brüder à la carte» und «Simons Weg – Leben mit Downsyndrom» um nur mal eine kleine Auswahl zu nennen. Auch wenn an den Projekten Üsi Badi/Üse Zoo Protagonisten mit unterschiedlichen Formen von geistiger Behinderung (oder kognitiven Einschränkungen) teilnahmen, repräsentieren Menschen mit Down-Syndrom doch das, was sich der 0815-Zuschauer gemeinhin unter «geistiger Behinderung» vorstellt.

Auch angesichts der doch recht starken Präsenz am Fernsehen könnte man meinem, mit den vertretenen 50’000 seien fast ausschliesslich Menschen mit Down-Syndrom gemeint. Das ist jedoch nicht so. Der grosse Anteil der Menschen mit geistiger Behinderung hat nicht das Down-Syndrom, vielen sieht man ihre Behinderung auch gar nicht an. Und sie lässt sich auch nicht pränatal feststellen.

Das könnte man vielleicht mal jenen radikalen Stimmen entgegenstellen, die zuweilen behaupten, man wolle Menschen mit geistiger Behinderung durch die PID «zum Verschwinden» bringen.

Es ist zwar tatsächlich so, dass über 90% der werdenden Mütter sich für eine Abtreibung entscheiden, falls bei ihrem Kind eine Trisomie 21 festgestellt wird. Nur: Da Frauen zunehmend später Kinder bekommen, werden auch immer mehr Babies mit Downsyndrom gezeugt (Wahrscheinlichkeit ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen: Mit 25 Jahren: weniger als 0,1 Prozent, im Alter von 35 Jahren bei 0,3 Prozent, im Alter von 40 Jahren bei 1 Prozent und im Alter von 48 Jahren bei neun Prozent).

Anhand der Geburts- und IV-Statistiken kann man sehen, dass die pro Jahr geborenen bzw. Neuzugänge in der IV mit Downsyndrom sich in den letzten Jahren etwa im selben Rahmen bewegen. Ich hab leider nicht Zahlen für alle Jahre, aber beispielsweise wurden im Jahr 2004 in der Schweiz 41 Babies mit Trisomie 21 geboren, im Jahr 2010 waren es 77. Da die meisten Menschen mit Trisomie 21 (ab 18 Jahren) eine Rente der Invalidenversicherung beziehen, kann man die Betroffenen eines Jahrgangs auch – ungefähr – an der IV-Statistik ablesen: Im Jahr 2001 gab es 54 Neuzugänge mit dem Down-Syndrom, im Jahr 2012 waren es 57.*

Die gesamte Anzahl von Menschen mit Down-Syndrom in der IV hat seit 1990 sogar leicht zugenommen (1990: 2’270,  2012: 2590) was vermutlich auch durch den medizinischen Fortschritt begründet ist, durch den Menschen mit Down-Syndrom heute erfreulicherweise eine deutlich höhere Lebenserwartung haben. Der andere Punkt ist, dass heute selbst «perfekt integrierte» Menschen mit Down-Syndrom wie die beiden Brüder aus dem Film «Brüder à la carte» eine IV-Rente beziehen, wohingegegen es früher möglicherweise für einzelne Betroffene noch möglich war, irgendwo mit einfachen Hilfsarbeiten durchzukommen (das ist eine Vermutung, Beweise habe ich keine) oder aber Betroffene früher noch eher durch die Familie unterstützt wurden, wo heute stattdessen die Invalidenversicherung einspringt. (Soviel zum Thema «behindertenfeindliche» Gesellschaft).

Die Gesamtzahl der Menschen mit einer geistigen Behinderung (alle Formen, nicht nur das Down-Syndrom) in der Invalidenversicherung festzustellen, ist allerdings kaum möglich, da die IV in ihren Gebrechenskategorien zuweilen ein furchtbares Gnusch hat es sich u.a. auch oft um Mehrfachproblematiken mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen handelt. Die Kategorie «Oligophrenie» (= Intelligenzminderung) wurde zudem bis vor kurzen von der IV teilweise unter den psychischen(!) Beinträchtigungen eingeordnet.

Das mit den 50’000 Vertretenen müssen wir der Insieme jetzt einfach mal so glauben. Nichtsdestotrotz machen dabei die 2’500 Betroffenen mit Downsyndrom im IV-Alter (+ Kinder und Pensionierte) nur einen einstelligen Prozentsatz unter den «geistig Behinderten» sowie unter 1% aller IV-Bezüger aus.

Und das ist der Punkt: Menschen mit Downsyndrom sind nicht DIE Behinderten. Auch nicht «Die geistig Behinderten«. Und wer für PID ist, ist nicht «Gegen Behinderte» – er ist auch nicht «gegen Menschen mit Down Syndrom« sondern für die Entscheidungsfreiheit der betroffenen Eltern.

Ich finde es eine ganz verquere Sichtweise, eine Gesellschaft zur «Behindertenfreundlichkeit» erziehen zu wollen, indem man Frauen (auch moralisch) quasi dazu zwingen möchte, behinderte Kinder zu bekommen.

Zudem finde ich es geradezu unerträglich heuchlerisch, wenn (teilweise) die selben Parlamentarier, die vor drei Jahren mit einer unfassbaren Kaltschnäuzigkeit die gesetzlichen Grundlagen geschaffen haben, um tausenden real existierenden Menschen die IV-Renten zu entziehen, nun einen 3-5 Tage alten Embryo, der später mit grosser Wahrscheinlichkeit einmal auf die Unterstützung der IV angewiesen sein wird (Entschuldigung, das so klar zu sagen, aber die Realität ist nun mal so) im Namen der «Behindertenfreundlichkeit» als hochgradig schützenswert errachten (Relationen wtf?).

Die selben Parlamentarierer notabene, die dann z.B. bei Thema «barrierefreier öffentlicher Verkehr» überhaupt kein Musikgehör haben.

Das Schlusswort überlasse ich Luc Recordon, Ständerat der Grünen und selbst mit einer Behinderung zur Welt gekommen: «Ich bin nicht dafür, dass behinderte Embryonen per se ab getrieben oder gar nicht erst eingepflanzt werden. Ich bin lediglich dafür, dass alle das Recht haben sollen, selber darüber zu entscheiden. Gleichzeitig soll und muss die Solidarität mit denjenigen Eltern gestärkt werden, die sich ganz bewusst für ein behindertes Kind entscheiden.»

Lesenswert übrigens auch Recordons Interview in der WOZ zum Thema PID vom 23.6.2005.

Nachtrag 15. März 2014: Medizinethikerin Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert schreibt in der NZZ unter dem Titel «Dogmatischer Bio-Konservativismus»: «Wer vorgeburtliche genetische Selektion als Einfallstor für Behindertenfeindlichkeit ablehnt, sieht sich mit dem Faktum konfrontiert, dass freizügige Pränataldiagnostik und die Integration behinderter Kinder in vielen westlichen Gesellschaften gleichzeitig zunehmen».

Nachtrag 21. März 2014: Prof. Dr. Peter Schaber, Extraordinarius für Ethik an der Arbeits- & Forschungsstelle für Ethik der Universtiät Zürich legt in dieser Stellungnahme vom 20. Januar 2013 dar, dass es nicht nachvollziehbar ist, eine an sich ethisch weniger verwerfliche Praktik (die Selektion VOR Einpflanzung des Embryos = PID) zu verbieten, während die pränatale Diagnostik (PND) während der  – fortgeschrittenen – Schwangerschaft, sowie eine daraus möglicherweise folgende Abtreibung seit vielen Jahren gesetzlich erlaubt und gesellschaftlich auch mehrheitlich anerkannt ist.

. . . . . . . . .
*Ich danke Herrn Buri vom BSV (Geschäftsfeld Mathematik, Analysen, Statistik) für die entsprechenden Statistiken und die nette Unterstützung, um mich darin zurechtzufinden.

«Nicht stigmatisierende» Kommunikation à la Ritler

Vom IV-Chef Herrn Ritler hört man ja gemeinhin wenig in der Öffentlichkeit und wenn doch, dann zuweilen eher… Befremdliches. So verteidigte er in der NZZ vom 18. Januar 2014 die Hirnstrommessungen der IV-Stelle Luzern mit dem Satz «Es darf nicht sein, dass die IV wichtige Erkenntnisse der Wissenschaft verpasst» (Notabene gegen jegliche wissenschaftliche Evidenz) oder pries am 2. März 2011 im Tagesanzeiger «Arbeit als beste Ablenkung vom Schmerz».

Hier ein weiteres Zückerli Ritlers spezieller Art der Kommunikation (aus seinem Schlusswort in «Berufliche Inklusion von Menschen mit Behinderung – Best Practices aus dem ersten Arbeitsmarkt» hg. von Stephan A. Böhm et al., Berlin 2013):

«Invalidisierungen aufgrund von psychischen und physischen Erkrankungen stellen die Sozialsysteme aller entwickelten Volkswirtschaften vor große Herausforderungen. Auch wenn es in der Schweiz gelang, die Neuberentungen seit dem Jahr 2003 entscheidend zu verringern, ist die absolute Zahl von ca. 450.000 LeistungsbezügerInnen (im Jahr 2011) noch immer als hoch einzuschätzen. Zudem zeigen viele wissenschaftliche Studien, dass Menschen mit Behinderung arbeiten wollen und sich auch ihr Gesundheitszustand und Wohlbefinden dadurch verbessert – eine Berentung kann daher immer nur der letzte mögliche Schritt sein.

Die nach wie vor hohe Anzahl an IV-Renten liegt nicht zuletzt an der Zunahme der Berentungen aufgrund psychischer Krankheiten, die beispielsweise in der Schweiz inzwischen rund 40 % des gesamten Rentenbestandes ausmachen.»

Rechenaufgabe: Wieviele IV-Bezüger aus psychischen Gründen ergibt das?

180’000 würde man aufgrund der Zahlenangaben und Formulierung vermutlich spontan sagen. Was natürlich nicht stimmt, weil Ritler so formuliert, als ob Leistungsbezüger dasselbe wie Rentenbezüger wären. «Leistungsbezüger» sind aber all jene, die eine Leistung der IV beziehen, also auch der zu 100% arbeitende Rollstuhlfahrer, der keine IV-Rente erhält, aber seinen Rollstuhl von der IV finanziert bekommt. Oder der Bäcker mit Mehlstauballergie, der auf Kosten der IV eine Umschulungmassnahme absolviert. Nicht zuletzt sind rund 100’000 der «Leistungsbezüger» Kinder und Jugendliche, da die IV bis zum 20. Lebensjahr auch medizinische Massnahmen bezahlt, die auf sogenannte «Geburtsgebrechen» zurückzuführen sind (z.B. Operation eines angeborenen Herzfehlers, Physiotherapien u.s.w.).

Mit IV-Renten hat das alles herzlich wenig zu tun. Die effektive Zahl der Rentenbezüger im Jahre 2011 lag bei 276’000 (2012: 271’000). Davon 40% aufgrund einer psychischen Erkrankung ergibt 110’400. Das ist auch ziemlich viel, aber dann doch nicht ganz 180’000.

Im weiteren Verlauf des Textes schreibt Ritler:

«Um eine nachhaltige Verbesserung der Situation zu erreichen, sollten die beteiligten Akteure – Invalidenversicherung, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Privatversicherungen, Rehabilitation, Ärzteschaft, Sozialversicherungsgerichte sowie Politik – eine breite öffentliche und nicht stigmatisierende Diskussion zur Haltung gegenüber Mitarbeitenden mit seelischen, geistigen und körperlichen Behinderungen am Arbeitsplatz initiieren.»

Um eine nicht stigmatisierende öffentliche Diskussion zum Thema IV und Integration herbeizuführen, wär’s vielleicht auch mal ganz hilfreich, wenn der IV-Chef selbst mit korrekten Zahlen hantieren würde.

Und da bald wieder Missbrauchs-Bulletin-Zeit ist: Vielleicht klappt’s ja dieses Jahr auch endlich mal mit der Bekanntgabe der effektiven Betrugsquote. Im Sinne einer sachlichen und «nicht stigmatisierenden» Diskussionsgrundlage wäre das sehr zu begrüssen.

«Für viele Betroffene bedeutet die Vorbereitung der Stellensuche auch die schwierige Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeitsbiografie. Dabei sehen sie sich mit den Bruchstellen in ihrem Lebensentwurf konfrontiert und die Einschränkungen der Leistungsfähigkeit werden zur schmerzlichen Tatsache» [Zürcher Eingliederungspilotprojekt ZHEPP]

. . . . . . . . . . . . . . .

In der aktuellen Ausgabe der BSV-Publikation «Soziale Sicherheit CHSS» berichten Wolfram Kawohl (Leiter des Zentrums für Soziale Psychiatrie, PUK Zürich), Bettina Bärtsch und Micheline Huber vom Zürcher Job-Coach-Projekt ZHEPP über ebendieses Projekt, welches im Rahmen der Pilotversuche zur Förderung der Eingliederung (Art. 68quater IVG) durchgeführt und evaluiert wird.

Da der Abschluss der wissenschaftlichen Evaluation des Projektes erst auf Mitte 2015 geplant ist, sind noch keine endgültigen Aussagen über die quantitative Wirksamkeit möglich. Es ist dem Projekt aber zu wünschen, dass sich die Umsichtigkeit und das tiefe Verständnis für die spezifischen Problematiken bei der Arbeitsintegration psychisch kranker Menschen, welche aus dem Artikel sprechen, auch in der Realität umsetzen liessen und dem Projekt zum Erfolg und den beteiligten Betroffenen zu einer nachhaltigen Integration verhelfen mögen.

. . . . . . . . . . . . . . .

Hier der empfehlenswerte Artikel aus der CHSS 1/2014:

ZHEPP – Pilotprojekt nach Art. 68quater  IVG

Im Zentrum des Zürcher Eingliederungspilotprojekts ZHEPP steht das Job-Coaching. Dabei erfahren IV-Rentenbezüger und -bezügerinnen mit einer psychiatrischen Diagnose, die eine Reintegration in den ersten Arbeitsmarkt anstreben, Beratung und Unterstützung. Dank der sorgfältigen Orientierung an ihren besonderen Bedürfnissen lässt sich dadurch das Prinzip first place then train auch bei psychisch Kranken umsetzen.

Eine schwere psychische Erkrankung und eine Rentenzusprache der Invalidenversicherung stellen einen bedeutenden Einschnitt im Leben der Betroffenen dar. Vor diesem Hintergrund erweisen sich die berufliche Neuorientierung oder der Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt als schwierige Aufgaben. Im Rahmen des Pilotprojekts ZHEPP soll abgeklärt werden, inwiefern ein Job-Coaching nach der Supported-Employment- Methode Individual Placement and Support (IPS) sich eignet, das vorhandene Eingliederungspotenzial auszuschöpfen und die Integration der Betroffenen in den ersten Arbeitsmarkt  wirksam zu unterstützen. Das vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) nach Art. 68quater IVG geförderte Zürcher Eingliederungsprojekt wird seit Januar 2011 am Zentrum für Soziale Psychiatrie der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und  Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) erprobt. Das Projekt folgt dem mit der 5. IVG-Revision eingeführten Grundsatz first place, then train und berücksichtigt auch die Bestimmungen der IVG-Revision 6a, wonach IV-Rentenbezüger und -innen Eingliederungsmassnahmen in Anspruch nehmen können.

Das Supported Employment nach der IPS-Methode

Die IPS-Methode wurde 1993 als Gegenentwurf zur traditionellen Arbeitsrehabilitation eingeführt, bei der nach dem Leitsatz first train, then place eine allfällige Integration im ersten Arbeitsmarkt erst im Anschluss an eine langwierige Aufbauphase in einem stationären oder  teilstationären Setting, gefolgt von einer Trainingsphase im geschützten Umfeld, vorgesehen ist. Kritik erfährt der traditionelle Ansatz insbesondere aufgrund seiner Langwierigkeit und die häufige mangelnde Beständigkeit der Beziehungen, welche die Beteiligten im Verlauf des Integrationsprozesses erfahren und welche die Motivation der Beteiligten zu strapazieren vermag. Zudem empfinden viele Klientinnen und Klienten geschützte Arbeitsplätze – wie verschiedene Studien zu zeigen vermochten – zurecht als eine Sackgasse.

Kernelemente des Supported-Employment-Ansatzes sind die Motivation der Klientinnen und Klienten, die aktive Begleitung der Arbeitgebenden und das Weiterführen des Job-Coachings am Arbeitsplatz. Die Unterstützung bei der Rückkehr in den Arbeitsmarkt  ist hoch individualisiert. Die Möglichkeiten, Bedürfnisse und Wünsche der Klientinnen und Klienten werden möglichst breit berücksichtigt. Ihr Einverständnis vorausgesetzt, begleiten Job-Coaches bei Bedarf auch die Personen im unmittelbaren Arbeitsumfeld der Betroffenen.

Untersuchungsmethode und Rekrutierung der Freiwilligen

Um ein belastbares und empirisch fundiertes Ergebnis zu erhalten, wird das Projekt als randomisierte kontrollierte Studie durchgeführt. Dem zufolge wurden alle 250 Freiwilligen nach dem Zufallsprinzip einer Interventions- oder einer Kontrollgruppe zugeteilt. Die Teilnehmenden der Interventionsgruppe erhalten während maximal 24 Monaten ein Job- Coaching nach IPS, die Kontrollgruppe wird nicht gecoacht.

Die Rekrutierung der meisten Teilnehmenden erfolgte über wöchentlich stattfindende Informationsveranstaltungen, zu der die IV-Stelle Zürich Klientinnen und Klienten einlud, die aufgrund einer psychischen Störung maximal ein Jahr zuvor eine Rentenzusprache erhalten hatten. Das Interesse der Zielgruppe an ZHEPP war gross, die Reaktionen gemischt. Neben geradezu begeisterten gab es auch kritische Stimmen. Mehrheitlich aber wurde eine allfällige Teilnahme an der Studie als Chance gesehen, wieder Anschluss an den ersten Arbeitsmarkt zu finden.

Job-Coaching nach IPS

Bei vielen psychischen Erkrankungen sind nichtlineare Verläufe ein geradezu konstituierendes Merkmal. Demzufolge ist das Job-Coaching eng auf die individuellen Bedürfnisse der Begleiteten abgestimmt. Der Prozess besteht aus vier sich ergänzenden Bausteinen (Ausloten der Wünsche und Möglichkeiten, Stellensuche, Begleitung während Stellenantritt, Job-Coaching nach Stellenantritt) die je nach Bedarf unterschiedlich gewichtet und mehrfach wiederholt werden können.

Dem Ausloten der Wünsche und Möglichkeiten der Klientinnen und Klienten wird in der Anfangsphase des Coachings ein grosser Stellenwert beigemessen. Gemeinsam bestimmen Betroffene und Job-Coach die Branchen und Funktionen, auf die der Integrationsprozess ausgerichtet werden soll. Auch bei der Termingestaltung und bei den Vereinbarungen zur angepeilten Intensität der Stellensuche werden die individuellen Ressourcen und das Leistungspotenzial berücksichtigt. Zentral ist zudem die Abstimmung der Wünsche mit den Realitäten der Arbeitswelt. Allfällige parallel verlaufende Wiedereingliederungsmassnahmen kantonaler IV- Stellen (Belastungstraining, Arbeitstraining o.ä.) lassen sich problemlos mit dem Coaching  kombinieren.

Auch die Stellensuche ist als Gemeinschaftsaufgabe konzipiert. Dabei vereinbaren Job-Coach und Betroffene gegenseitig die jeweiligen Verantwortlichkeiten. Die Auswahl der Betriebe, die eine Bewerbung erhalten, orientiert sich an den zuvor gemeinsam erarbeiteten Kriterien zu den gewünschten Tätigkeiten, möglichen Arbeitsorten oder geeigneten Anforderungen. Bestehen Unsicherheiten über die Eignung einer potenziellen Arbeitsstelle, können mit dem Einverständnis der Klientinnen und Klienten auch Ärztinnen, Therapeuten, Familienangehörige oder weitere Unterstützende mit zu Rate gezogen werden.

Gemeinsam überarbeiten Coach und Stellensuchende meist auch die Bewerbungsunterlagen, die vor dem Hintergrund häufig lückenhaft und nicht geradlinig verlaufender Berufsbiografien einer sorgfältigen und umsichtigen Vorbereitung bedürfen. Insbesondere gilt es zu bestimmen, wie allfällige Lücken kommuniziert werden. In Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche werden auch Rollenspiele durchgeführt. Für viele Betroffene bedeutet die Vorbereitung der Stellensuche auch die schwierige Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeitsbiografie. Dabei sehen sie sich mit  den Bruchstellen in ihrem Lebensentwurf konfrontiert und die Einschränkungen der Leistungsfähigkeit werden zur schmerzlichen Tatsache. Deshalb empfiehlt es sich, diesen Prozess professionell zu begleiten.

Der Stellenantritt bedeutet für die begleiteten Klientinnen und Klienten meist als erstes eine Umstellung des Tagesrhythmus, der bis anhin von Rehabilitation oder Arbeitslosigkeit bestimmt war. Die direkte Konfrontation mit der Arbeitsrealität kann zur Entstehung von Ängsten und zu einem Anstieg von Krankheitssymptomen führen. Zum Auffangen von Unsicherheiten und einer allfälligen gesundheitlichen Verschlechterung, bedarf der Klient oder die Klientin einer situationsangepassten Begleitung am Arbeitsort oder nach Arbeitsende, die in enger Zusammenarbeit mit der behandelnden psychiatrischen Fachperson erfolgen sollte. Je nach Wunsch der Klientinnen und Klienten nehmen die Job-Coaches gegenüber den Arbeitgebenden eine mehr oder weniger aktive Rolle ein. Neben der Begleitung an Schnuppertage, Arbeitsversuche oder bei Stellenantritt, kann der Job-Coach sich mit Einverständnis der Klienten auch regelmässig mit den Arbeitgebenden austauschen.

Im Rahmen der Nachbegleitung achtet der Job-Coach auf ein regelmässiges Feedback der direkten Vorgesetzten an die Integrationswilligen. Dadurch sollen die Betroffenen Sicherheit im Arbeitsalltag gewinnen und ihre Weiterentwicklung im Betrieb gefördert werden. Der enge Austausch mit der medizinischen Begleitperson ermöglicht ein optimales Eingehen auf und Abfedern von krankheitsbedingten Leistungsschwankungen.

Erste Erkenntnis

Der Abschluss der wissenschaftlichen Evaluation des Projektes ist auf Mitte 2015 geplant. Zum derzeitigen Projektstand sind deshalb keine quantitativen Aussagen zu den Auswirkungen des Job-Coaching auf allfällige Anstellungsverhältnisse oder den Gesundheitszustand der begleiteten Klientinnen und  Klienten möglich. Die ersten Erfahrungen weisen auf die grosse Bedeutung einer zielgerichteten und engen Zusammenarbeit aller am Eingliederungsprozess beteiligten Akteure hin. Eine zentrale Funktion kommt dabei den Job-Coaches zu. Sie koordinieren die einzelnen Akteure und erbringen die nötigen Übersetzungs- und Vermittlungsleistungen,  die gegenseitige Vorurteile frühzeitig erkennen lassen und abbauen helfen.

. . . . . . . . . . . . . . .

Autoren:
Wolfram Kawohl, PD Dr. med., stv. Chefarzt, Leiter des Zentrums für Soziale Psychiatrie, PUK Zürich
Bettina Bärtsch, lic. phil., Leitung Job-Coach und stellvertretende Leitung ZHEPP
Micheline Huber, lic. phil., Job-Coach ZHEPP

Weiterführende Literatur:

Becker, Deborah R. und Robert E. Drake, A working Life: The Individual Placement and Support (IPS) Program, New York 2003

Huber, Micheline und Wolfram Kawohl, «Massnahmen und Konzepte am Beispiel des Supported Employment der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich», in Berufliche Inklusion von Menschen mit Behinderung – Best Practices aus dem ersten Arbeitsmarkt, hg. von Stephan A. Böhm et al., Berlin 2013, S. 303-313

Bärtsch, Bettina und Micheline Huber, «Job Coaching für Menschen mit psychischen Erkrankungen – konkret», in Job Coaching: Qualifizieren und Lernen im Betrieb – Schwerpunkt  Betriebliche Teilhabe von Menschen mit psychischer Erkrankung, hg. von Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung, S. 54–83, [Hamburg] 2011

Burns, Tom et al., «The effectiveness of supported employment for people with severe mental illness: a randomised controlled trial», in The Lancet 370, Nr. 9 593 (2007), S. 1 146–1 152

Siehe auch: zhepp.ch/publikationen

Integration in den freien Arbeitsmarkt trotz Behinderung/psychischen Problemen? – Aber klar geht das!

Die Sendung «Schweiz aktuell» zeigte am 20. Februar 2014 zwei Beipiele gelungener Integration von Jugendlichen mit einer Behinderung oder psychischen Problemen in den freien Arbeitsmarkt. Tolle Arbeitgeber – und die Fernsehbeiträge wurden auf Augenhöhe mit den Betroffenen umgesetzt. Zur Nachahmung empfohlen.

Lehrlingsprojekt Migros Bern
Rund 700 Jugendliche pro Jahr beantragen im Kanton Bern eine Invaliden-Rente. Wegen ihrer körperlichen oder psychischen Probleme haben sie fast keine Chance auf eine Lehrstelle. Die Migros bietet diesen jungen Leuten als erstes Grossunternehmen im Kanton Bern einen Ausbildungsplatz. Ein Besuch in der Filiale Bubenberg. Im Portrait: Eine junge Frau mit psychischen Problemen.
Beitrag angucken

Metzgerei Angst
Viele Betriebe schrecken davor zurück, Menschen mit Behinderung anzustellen, da sie den Arbeitsablauf bremsen könnten. Stiftungen wie die RGZ, die sich für die Förderung von Menschen mit einer Behinderung einsetzt, treffen oft auf grossen Widerstand und viele Befürchtungen. Der Chef der Zürcher Grossmetzgerei Angst aber hatte keinerlei Berührungsängste, er stellte zwei behinderte Mitarbeiter ein – gegen den grossen Widerstand des Kaders.
Beitrag angucken

Ausländische AHV-Betrüger: Korrigendum

Im letzten Artikel «Ausländische AHV-Betrüger» (mittlerweile gelöscht) habe ich umständliche Zahlenakrobatik betrieben, die offenbar für mich selbst zu hoch war. Zum Glück wird ivinfo auch im BSV gelesen und so hat mich Harald Sohns, Pressesprecher BSV, verdankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich da und dort ein bisschen verrechnet habe.

Hier das Korrigendum: Entgegen meiner Behauptung beträgt der Ausländeranteil bei den in der Schweiz wohnhaften IV-Bezügern nicht 28,3% sondern nur 22,7%. Und bei den IV-Renten gehen nicht 29,5% des Geldes an Ausländer, sondern nur 26,1%.
Die Behauptung der SVP, dass der Ausländeranteil bei der IV bei 46,2% läge, ist zudem komplett falsch und lässt sich mit keiner noch so akrobatischen Rechnung belegen. Der Ausländeranteil bei allen IV-Bezügern (im In- und Ausland) beträgt laut BSV exakt 30,88%. Ich hätte mir also den ganzen letzten Artikel sparen können, wäre ich auf die Idee gekommen, dass die SVP im Extrablatt schlicht und einfach lügt (aber wer kommt denn schon auf solche Ideen?!):

SVP_Tab

Hier noch die weiteren korrekten Zahlen (mit den gerundeten Zahlen in der IV-Statistik 2012 gerechnet, die ganz ganz genauen Ausgangszahlen gibt es beim BSV in hübschen Excel-Tabellen (Tabellen T5.2.1 [Bezüger/innen] und 5.2.2. [Rentensummen]).

IV-Bezüger
Schweizer in CH (181’000) + Ausländer in CH (53’000) = Total IV-Bezüger in CH: 234’000 – Ausländeranteil: 22.7%
Alle Schweizer (187’000) + alle Ausländer (84’000) = Total IV-Bezüger in CH + Ausland: 271’000 – Ausländeranteil: 31% (exakt wie gesagt: 30,88%)

Geldsummen
IV-Renten an Schweizer in CH (276 Mio) + IV-Renten an Ausländer in CH (69 Mio) = Gesamtsumme: 345 Mio – Anteil an Ausländer in CH: 20%
IV-Renten an alle Schweizer (285 Mio) + IV-Renten an alle Ausländer: (98 Mio) = Gesamtsumme 382 Mio – Anteil an Ausländer: 25,7%

IV-Renten + Kinderrenten:
An Schweizer in CH: 307 Mio + an Ausländer in CH (79 Mio), Gesamtsumme: 386 Mio – Anteil an Ausländer in CH: 20,5%
An alle Schweizer (317 Mio) – an alle Ausländer (112 Mio), Gesamtsumme 429 Mio – Anteil an Ausländer: 26,1%

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Dass wie im besagten Artikel erwähnt, 36% aller AHV-Bezüger Ausländer sind, ist jedoch nach wie vor korrekt und zeigt im Vergleich zu den 30.9% Ausländeranteil bei der IV, dass die Ausländer eben noch viel besser sind im die AHV als die IV betrügen, dass man die IV bzw. AHV-Quote nicht mit dem Ausländeranteil in der in der Schweiz wohnhaften Bevölkerung in Relation setzen kann, denn wie schon gesagt:

«Um den effektiven Prozentsatz der IV-beziehenden Ausländer korrekt wiedergeben können, müsste man auch wissen, wieviele – heute im Ausland wohnhafte – Ausländer in den ungefähr letzten 40 Jahren – vorübergehend – in der Schweiz gearbeitet und lange genug AHV/IV-Beiträge einbezahlt haben. Wodurch sie nämlich bei der AHV/IV versichert sind und bei Eintritt des versicherten Ereignisses (sprich: AHV-Alter oder Invalidität) Leistungen aus der jeweiligen Kasse erhalten. Erst wenn man die Gesamtzahl der Ausländer, die IV-Beiträge einbezahlt haben, derjenigen gegenüberstellen kann, die IV-Leistungen beziehen, lässt sich die korrekte IV-Quote der Ausländer wirklich ermitteln.»

Ich entschuldige mich für die Fehlinformationen im letzten Artikel. Falls mir jemand mal ein Buch schenken möchte: «Prozentrechnen für Dummies» könnte ich ganz gut gebrauchen…

OECD-Länderbericht Schweiz zur psychischen Gesundheit und Arbeit

Die Hauptfrage, die die Schweiz im Bezug auf Menschen mit psychischen Erkrankungen seit 10 Jahren bewegt, ist ja vor allem: Wie verwehren wir denen bestmöglichst den Zugang zur IV-Rente bzw. wie kriegen wir die aus der IV wieder raus? Der medial/politisch/juristische Lösungsweg dazu lautet: Wir erklären die einfach für gesund! Problem gelöst. (Oder auch nicht…)

Der Ansatz des heute veröffentlichten OECD-Länderberichts Schweiz zum Thema psychische Gesundheit und Beschäftigung ist ein komplett anderer. Nämlich: Was muss man tun, damit Menschen mit psychischen Problemen gar nicht erst aus der Arbeitswelt herausfallen, bzw. wie finden sie überhaupt den Einstieg (wieder)?

Das ist ein fundamental andere Sichtweise auf die ganze Problematik. Sie beinhaltet nämlich die Anerkennung, dass psychische Krankheiten tatsächlich in nicht unerheblichem Ausmass in der Bevölkerung vorhanden sind und sich in der Arbeitswelt sehr behindernd auswirken können. Ich zweifle ehrlich gesagt ein kleines bisschen daran, ob «Die Schweiz» wirklich schon an dem Punkt angekommen ist, endlich mal diesen Richtungswechsel zu vollziehen. Das würde nämlich bedeuten, dass eine ganze Menge Akteure ihr bisheriges Verhalten ändern müssten und die ganze Eingliederungsverantwortung (Stichwort Mitwirkungspflicht) nicht mehr einseitig den Betroffenen übertragen würde.

Nach einer eingehenden Bestandesaufnahme der aktuellen Situation und der beteiligten Akteure kreist die OECD sechs Problemfelder ein und formuliert entsprechende Strategieempfehlungen für die politischen Entscheidungsträger in der Schweiz:

1. Arbeitgeber sind für den Umgang mit psychisch erkrankten Arbeitnehmern nicht optimal gerüstet. In Sachen Krankheitsmonitoring und Vorgehensweisen bestehen grosse Unterschiede.

  • Den Arbeitgebern adäquate Instrumente und Unterstützung zur Verfügung stellen, damit psychische Risiken am Arbeitsplatz angegangen werden können.
  • Arbeitsplatz-Output überwachen (z. B. Personalfluktuation und krankheitsbedingte Abwesenheiten) anstatt den Input (z. B. Arbeitsbedingungen).
  • Finanzielle Anreize für Arbeitgeber stärken durch vermehrte Einführung von erfahrungsbasierten Versicherungsprämien.
  • Die Ankerkennung von psychischen Krankheiten als Berufskrankheiten in Erwägung ziehen.

2. Die Invalidenversicherung zieht die Arbeitgeber immer noch zu wenig mit ein und bietet zu geringe Anreize für die Arbeitnehmer.

  • Anstrengungen unternehmen, um sicherzustellen, dass mehr Arbeitgeber sich bei psychischen Problemen der Angestellten an die Invalidenversicherung wenden.
  • Arbeitsplatzbezogene Frühinterventionsmassnahmen auf reguläre Arbeitsplätze aus  dehnen und Frühinterventionen vermehrt auf psychisch Erkrankte anwenden.
  • Multidisziplinäre medizinisch-berufliche Abklärungen öfter berücksichtigen und die Qualität der medizinischen Abklärungen und Rentenneubeurteilungen im Allgemeinen verbessern.
  • Arbeit lohnenswert machen für alle, die weiterarbeiten oder ihr Pensum erhöhen, auch durch sinnvollen Einsatz von Teilrenten und der Beseitigung von Schwellen im IV-Rentensystem.

3. Regionale Arbeitsvermittlungszentren (RAV) und Sozialdienste bieten Personen mit psychischen Störungen begrenzt Unterstützung.

  • Psychische Probleme bei Klienten identifizieren und diese rasch und mit der nötigen Fachkenntnis angehen.
  • Leistungsumfang der RAV erweitern, um Ausrichtung auf Klienten mit psychischen Erkrankungen, kranke Arbeitslose und Ausgesteuerte zu ermöglichen.
  • Kapazitäten der Sozialhilfe dahingehend stärken, dass mit psychischen Problematiken umgegangen werden kann, auch durch neue regionale bzw. kantonale Dienste für kleine Gemeinden.

[Anmerkung der Bloggerin: Aufgrund der kürzlich erschienenen BSV-Studie über die Profile von neuen IV-Rentenbeziehenden, die ergab, dass fast die Hälfte vorher Sozialhilfe oder Arbeitslosengelder bezogen, schreibt der Arbeitgeberverband am 21. Januar 2014 unter demt Titel: «Früherkennung und Reintegration: Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe sind gefordert»: «Die Untersuchung wirft die Frage auf, ob sich Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe nicht zu wenig auf die Früherkennung von psychisch belasteten Menschen und deren Arbeitsmarktfähigkeit ausrichten.(...) Die Studie spielt den Ball einerseits dem Bundesrat (Arbeitslosenversicherung), andererseits den Städten und Gemeinden (Sozialhilfe) zu. Auf die Schlüsse, die Bundesrat und Sozialhilfe-Behörden ziehen, darf man gespannt sein.»

An dieser Stelle heisst es für den Arbeitgeberverband: Zurück zu den Punkten eins und zwei der OECD-Empfehlungen und den weitergereichten Schwarzen Peter mal schön wieder einpacken. VOR Sozialhilfe- oder Arbeitslosengeldbezug haben die Leute nämlich in der Regel einen Job - solange der ihnen nicht aufgrund ihrer Erkankung gekündigt wird. Das mit der Früherkennung und Prävention darf sich der Arbeitgeberverband also mal schön selbst gross auf die Fahne schreiben.]

4. Interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ) wird den aktuellen Problemen nicht gerecht

  • Finanzielle Anreize zur Zusammenarbeit der Hauptpartner der IIZ (RAV, Sozialhilfe, IV) verstärken und angleichen.
  • Gesundheitswesen zum gleichwertigen IIZ-Partner machen, um systematische Zusammenarbeit mit den psychiatrischen Diensten zu ermöglichen und bessere Vernetzung zwischen IIZ Caseteams und Arbeitgebern aufbauen.
  • Zusammenarbeit der Dienste ergänzen durch Integration von Dienstleistungen innerhalb der involvierten Institutionen.

5. Das psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgungssystem könnte durch eine bessere Nutzung der vorhandenen Ressourcen bessere Ergebnisse liefern.

  • Vermehrt erwerbstätigkeitsbezogene Module in der Grundausbildung von Ärzten miteinbeziehen.
  • Einführung von arbeitsbezogenen Richtlinien zur Behandlung von psychischen Problemen und verstärkte Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern.
  • Verlagerung von stationärer auf vermehrte ambulante Behandlung und Tageskliniken und verstärkte Ausrichtung auf arbeitsbezogene Probleme.
  • Reduktion der Unterversorgung mittels verbesserter Zusammenarbeit und definierten Überweisungswegen zwischen der Allgemeinmedizin und der Psychiatrie und bessere Abgeltung der psychologischen Psychotherapeuten.

6. Die Ressourcen im Schulsystem werden zu wenig wirkungsvoll eingesetzt, um Schulabbrüche und häufige Wechsel in die IV anzugehen.

  • Den Schulen sollen Informationen darüber bereitgestellt werden, welche Angebote sie zur Verfügung stellen sollten und wie diese am besten zu nutzen wären um psychische Gesundheitsprobleme von Schüler/innen zu verhindern oder sie anzugehen.
  • Senken der vorzeitigen Schulabgänge auf Sekundarstufe II und der Lehrabbrüche durch systematisches Erfassen von Abbrüchen und verbesserte Zusammenarbeit mit RAV, IV  Stelle und den psychiatrisch-psychotherapeutischen Gesundheitsdiensten.
  • Übergänge in IV verhindern durch bessere Arbeitsanreize für gefährdete Jugendliche.

Die offizielle Medienmitteilung der OECD stellt das ganze unter dem Titel «Schweiz muss psychische Probleme in der Erwerbsbevölkerung angehen» kompakter und flüssiger lesbar dar, aber ich hatte den Artikel schon vor Erscheinen der Medienmitteilung geschrieben und bin zu faul das jetzt nochmal zu ändern. Ausserdem werden die meisten Zeitungen ja die Kurzform der Medienmitteilung publizieren – wie beispielsweise die Handelszeitung (erstaunlich flink) unter dem Titel «Jeder dritte Arbeitslose leidet an psychischer Störung».

. . . . . . . . . . .

Solche Empfehlungen haben natürlich immer auch etwas idealistisches (ist ja auch ok), besonders schön zeigt sich die Ideal vs. Realitäts-Schere angesichts der aktuellen Geschehnisse:

OECD zum Thema wie man bei der IV mit den Betroffenen umgehen sollte: «Dann sollten Leitlinien zu einer Reihe von Punkten ausgearbeitet werden, z.B. wie ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut wird(…)»

Aktuelle Kommunikation der Schweizer IV: «Ihr kommt alle an den Lügendetektor, ihr Simulanten!»

Bei der «Vertrauensfördernden Kommunikation» gibt’s offenbar noch Entwicklungspotential… Wie in vielen anderen Bereichen auch. Mehr dazu im OECD-Bericht «Psychische Gesundheit und Beschäftigung».

Der Länderbericht zur Schweiz ist Teil des OECD Mental Health and Work Project.

. . . . . . . . . . .

Nachtrag 23. Januar 2014, 18.50 – Während man bei Pro Mente Sana oder dem Netzwerk für Psychische Gesundheit*offenbar noch über dem OECD-Bericht meditiert (Preview der Studie war bereits einige Tage im Vorraus für Pressseleute/Interessierte erhältlich) Kräutertee trinkt und darüber nachdenkt, ob man sich dazu vielleicht in ca. zwei bis drei Monaten mal auf der eigenen Website äussern könnte, nutzt der Arbeitgeberverband den OECD-Bericht unter dem Titel Unbestrittene Massnahmen der IV-Revision 6b jetzt umsetzen! bereits als Schützenhilfe: «Der Schweizerische Arbeitgeberverband will die mehrheitsfähigen Massnahmen der gescheiterten IV-Revision 6b schnellstmöglich umsetzen. Sukkurs erhält er nun auch von der OECD. Laut der Organisation sah 6b wichtige Massnahmen für den Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit und die Integration psychisch handicapierter Menschen vor. Viele Arbeitgeber engagieren sich diesbezüglich bereits – alleine können sie die zunehmenden Herausforderungen aber nicht meistern. Die erforderlichen Massnahmen müssen daher rasch umgesetzt werden, zumal sie unstrittig und bereits ausgearbeitet sind.(…)»

Ich werde die Bedächtigkeit der Schweizer Behindertenorganisationen nie verstehen.

*Nachtrag 24. Januar 2014, 18.00: Immerhin, das Netzwerk für Psychische Gesundheit verlinkt nun Medienmitteilung und Studie. Aber… Stellungsnahme? Wo denken wir hin!?

Hirnstrommessungen – Die Presseschau

«Luzern leistet Pionierarbeit» - hiess der Artikel in der Zentralschweiz am Sonntag vom 5. Januar 2014, der den BlätterMedienwald ins grosse Rauschen brachte. Seither gab es unzählige Artikel/Fernseh- und Radiosendungen über die pionierhafte IV-Stelle Luzern, die mittels Hirnstrommessungen auf Betrügerjagd geht. Auf einige ausgewählte Artikel/Sendungen möchte ich hier hinweisen.

Da mir der ursprüngliche Artikel aus der ZaS bei meinem letzten Artikel zum Thema noch nicht vorlag, hier allerdings erstmal eine weitere Folge aus unserer unbeliebten Serie «IV-Direktor Locher nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau», in der ZaS ist nämlich zu lesen:

«Die mit Abstand häufigste Invaliditätsursache in der Schweiz sind psychische Krankheiten. (…) Dies bereitet Donald Locher, Direktor der Luzerner IV-Stelle Sorgen: «In der Schweiz stellen wir in den vergangene Jahren eine deutliche Zunahme an psychisch bedingten IV-Renten fest» sagt er.
Das geht ins Geld. Ganz anders ist die Entwicklung im OECD-Raum. Hier ist die Anzahl an Renten aufgrund von psychischen Erkrankungen seit Jahren stabil. Deshalb entschloss sich die IV-Luzern vor zwei Jahren, bei komplexen Fällen neue Wege zu beschreiten(…).

Die OECD sieht das allerdings ein kleines bisschen anders als Herr Locher: «Over the past two decades, most OECD countries have seen a sharp increase in the number and share of people claiming disability benefit on the grounds of mental ill-health» (Quelle: «Sick on the Job? Myths and Realities about Mental Health and Work» OECD 2012) Deshalb untersucht die OECD im seit einigen Jahren laufenden Forschungsprogramm «The OECD Mental Health and Work Project» die Hintergründe der steigenden Invaliditätsraten aufgrund psychischer Erkrankungen in den OECD-Ländern.

Als einziges Medium im ganzen «Hirnscanrummel» deutet die WOZ  in ihrem Artikel «Anleitungen zur Kränkung» vom 16.1.2014 zumindest darauf hin, dass sich die Problematik der steigenden Invaliditätsraten aus psychischen Gründen wohl kaum mit – notabene unwissenschaftlichen – Abklärungsmethoden aus der Welt schaffen lässt. Psychiater Daniel Hell in der WOZ: «Noch in den fünfziger Jahren arbeiteten in der Schweiz 75 Prozent der Beschäftigten hauptsächlich körperlich. Logischerweise waren die Folgeschäden vor allem körperlicher Art. Heute arbeiten 75 Prozent der Beschäftigten vorwiegend mental. Die Belastungsstrukturen haben sich also vom Körperlichen ins Psychische verschoben – und damit auch von objektivierbaren zu weniger objektivierbaren Beschwerdebildern.»

Und ausserdem: «Eine nicht notwendige Hirnstrommessung kann eine weitere Kränkung in der Krankheitsgeschichte der Betroffenen bedeuten», sagt dazu Daniel Hell. «Der Patient befindet sich in einer schamvollen Situation, indem ihm misstraut wird und er zum blossen Objekt gemacht wird. Ich erlebe immer wieder, dass ein Patient nach einer solchen Abklärung noch bedrückter ist als vorher.»

Da liegt aus meiner Sicht der eigentliche Punkt an der ganzen Sache. Der Luzerner IV-Dirkektor Donald Locher wollte sich auf Kosten psychisch kranker IV-Bezüger mit seiner «innovativen Pionierarbeit» profilieren. Man hätte das Ganze aber auch ohne allgemeinen Missbrauchsverdacht und ohne Angaben falscher Tatsachen (Siehe oben, Stichwort OECD) kommunizieren können. Etwa so: «Wir machen hier aktuell einen (wissenschaftlich begleiteten) Versuch, indem wir bei IV-Antragstellern mit den Beschwerdebildern X, Y, Z EEG’s ergänzend zur genaueren Abklärung einsetzen. Das ganze basiert auf folgender Methode, die laut Studien A, B, C folgende Aussagen zulässt: (…)».

Aber nein, Locher und seine Kollegen Dr. Peter Balbi (Leiter RAD Zentralschweiz, Internist) und der Psychiater Horst-Jörg Haupt (der die Hirnstrommessungen innitierte und auch durchführt) wählten einen anderen Weg. Am Netzwerkapéro des Luzerner Forum für Sozialversicherungen und Soziale Sicherheit vom 4. November 2013 referierten sie zum Thema «Innovative IT-Diagnoseinstrumente bei der Abklärung von psychischen Störungen in der IV». Die entsprechende Präsentation (als PDF) fällt vor allem durch eines auf: keine einzige Quellenangabe, keine Studien oder sonstige Referenzen, nur leere Behauptungen. Aber schön bunte Bilder, die zb. eine Depression «zeigen»:
qeeg_depression

Kleine Rinks-Lechts-Schwäche haben sie auch die Autoren (Danke @vivereintristitiaetanxietas für den Hinweis) Wie gesagt, keine Angabe der Bildquelle. Das könnte daran liegen, dass das alles auf sehr wackligen wissenschaftlichen Beinen steht. Neurologe Jan Conradi von der psychiatrischen Uniklinik Zürich sagt es in der empfehlenswerten Puls-Sendung vom 13.1.2014 deutlich: Ihm sei keine wissenschaftlichen Untersuchungen bekannt, wonach man mittels eines EEGS spezifische psychische Erkankungen oder deren Schwerergrad nachweisen konnte. Aber hey, der Innerschweizer Feld-Wald-Wiesen-Psychiater Horst-Jörg Haupt, dessen fachlicher Schwerpunkt laut Internet vor allem im engagierten Kampf für die Rechte Transsexueller besteht, weiss da sicher mehr als der Kliniker Conradi. Nicht falsch verstehen, die Rechte transsexueller Menschen sind ein überraus wichtiges Thema, nur weiss ich nicht genau, inwiefern dieses Schwerpunktthema Horst-Jörg Haupt dafür qualifizieren soll, mittels EGG-Messungen bei IV-Antragstellern psychische Krankheiten zu erkennen.

Haupt gibt sich dann auch in der NZZ von heute 18. Januar 2014 unter dem Titel «Zusätzliches Puzzleteil für die IV» auf einmal betont zurückhaltend: «Bei dieser Beurteilung sei man zudem äusserst vorsichtig, ergänzt Haupt. So sei ein auffälliger ERP-Befund nur dann für den Rentenentscheid relevant, wenn andere Untersuchungen, allen voran die neuropsychologischen Tests, in die gleiche Richtung zeigten. Umgekehrt führten «normale» ERP-Werte nicht automatisch zur Verweigerung der Rente, solange andere Tests eine klare Sprache sprächen. Diese Zurückhaltung sei nötig, weil in rund zehn Prozent der Fälle die ERP-Untersuchung trotz Funktionsstörung «stumm» bleibe.»

10% Fehlerquote? Hatte Herr Locher zu Beginn der ganzen Debatte nicht stolz betont, man hätte mittels der Untersuchungen genau feststellen können, dass 60% der Untersuchten ihre Beschwerden übertrieben und 40% untertrieben hätten? Ergo sagen also laut Locher/diesen Untersuchungen genau 0% der IV-Antragsteller die Wahrheit (?)

Ich hoffe, der Reputationsschaden für Herrn Lochers Glaubwürdigkeit ist mindestens so gross, wie derjenige den er hier – einmal mehr – den IV-Bezügern mit einer psychischen Krankheit angetan hat. Aber wenn ich das heutige Interview mit Herrn Ritler in der NZZ lese, habe ich so meine Zweifel, denn Herr Ritler findet: «Es darf nicht sein, dass die IV wichtige Erkenntnisse der Wissenschaft verpasst».
Humor hat er ja. Oh, er meint das ernst? Nun dann, soweit ich weiss, forscht die Wissenschaft auch kräftig daran, Biomarker bei chronischen Schmerzen ausfindig zu machen. Viel Spass dann mit den entrenteten Schmerzpatienten, die plötzlich alle auf einem EPR bestehen.

Da wird die Firma HBimed, welche Software und Untersuchungsmaterial anbietet, noch gute Geschäfte machen. Falls die bannbrechende Forschung der Firmengründer Dr. Andreas Müller (Chur) und Prof. Dr. Juri Kropotov (Russland) irgendwann auch noch in der Fachwelt breite Annerkennung findet. Moment, wozu wissenschaftliche Anerkennung von Fachleuten, wenn’s Herr Ritler und Herr Locher «wissenschaftlich» finden, reicht das doch… Gibt ja noch genug IV-Stellen in der Schweiz, die man mit dem Equipement beliefern kann…

Ergänzung 16. Februar 2014: In der NZZ diskutieren der Psychiater Michael Rufer und der Neuroinformatiker Enno Stephan über die Chancen neuer Technologien zur Krankheitserkennung: Erfasst der Blick ins Hirn die Psyche?
Auszug: Die IV will damit beweisen, ob jemand simuliert oder nicht. Ist das möglich?
Rufer: Nein, das ist wissenschaftlich absolut unhaltbar. Im Einzelfall kann man nie sicher sagen, wie das Ergebnis zu bewerten ist. Und ausserdem müsste bei der Interpretation das ganze Setting mit einbezogen werden: Lässt jemand freiwillig seine Hirnströme messen, wie beispielsweise im Rahmen von Forschungsprojekten, funktioniert das Gehirn ganz anders als in einer Stresssituation. Steht jemand unter Druck und ist nervös, verändert das die biologischen Reaktionen des Gehirns.

Kommunikation des Luzerner IV-Direktors: Was kümmern uns die Details…

Donald Locher ist IV-Direktor in Luzern. Er redet ausgesprochen gerne über IV-Missbrauch. Vorzugsweise in der lokalen Presse, die das ganze regelmässig prominent und mit knackigen Headlines (Motto: «Je Betrüger umso besser») an die Leserschaft bringt. Vergangenen Sonntag aber erlebte Herr Locher’s Sendungsbewusstsein bezüglich dem engagierten Kampf gegen den IV-Missbrauch eine reichweitenmässige Sternstunde: Blick, 20 Minuten, Tagesanzeiger u.s.w. und gar die NZZ griffen die SDA-Meldung auf, laut der die innovative Luzerner Stelle neuerdings mittels Hirnstrommessungen die IV-Betrüger von den ehrenwerten und berechtigten IV-Bezügern zu unterscheiden wisse.

Besonders subtil der folgende Teil der SDA-Meldung: «Psychische Störungen sind in der Schweiz die häufigste Ursache für IV-Renten. 2012 bezogen gemäss dem Bundesamt für Sozialversicherungen rund 234 800 Personen eine IV-Rente. 102 300 Personen wegen einer psychischen Erkrankung.»

Und weil diese hohen Anzahl natürlich darauf zurückzuführen ist, dass da eine ganze Menge Simulanten darunter sind (Was denn sonst?) braucht es für die IV-Abklärungen bei psychisch Kranken «Lügendetektoren». Und was die IV-Stelle Luzern diesbezüglich für Resultate vorzuweisen hat, ist für die Psychiatrieforschung geradezu revolutionär: «Bei einer Mehrheit der überprüften 60 Fälle sei vom Patienten bei der angeblichen psychischen Krankheit übertrieben worden, sagte der Luzerner IV-Direktor Donald Locher. Daneben habe es aber auch Leute gegeben, die untertrieben hätten. Diesen Leuten sei es schlechter gegangen, als sie wahrhaben wollten.»

Wow. Die absolute Schwere einer psychatrische Erkrankung mittels ein paar Testaufgaben und Hirnstrommessung festlegen können? Ich hoffe, die IV-Stelle Luzern hat dazu schon einen Review-Artikel bei einer angesehenen psychiatrischen Fachzeitschrift eingereicht.

Man sollte in Luzern aber vielleicht vorher vorsichtigerweise noch die BSV-Studie «Der Einsatz von Beschwerdevalidierungstests in der IV-Abklärung»(2008) lesen oder zumindest die entsprechende Zusammenfassung im CHSS 2/2009. Die Autoren schreiben nämlich:

«Fast alle in der Fachliteratur beschriebenen Tests wurden nicht in einem realen Setting geprüft, sondern bei ProbandInnen, die im «Labor» SimulantInnen schauspielern. Der Nachweis der Übertragbarkeit dieser Labor Ergebnisse auf die Praxis einer regionalen Abklärungsstelle in der Schweiz steht bei vielen Tests noch aus. Zum anderen sind Sensitivität und Spezifität eines Beschwerdevalidierungstests auch von der Häufigkeit (Prävalenz) von Aggravation oder Simulation in der Grundgesamtheit der Klientinnen und Klienten einer Abklärungsstelle abhängig. Bei sehr geringer Häufigkeit nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, dass eine Person mit positivem Testbefund auch tatsächlich vom zu überprüfenden Phänomen wie z.B. Simulation betroffen ist»

Heisst:
«Trotz der wachsenden Forschungstätigkeit bleibt aber das Problem bestehen, dass all diese Tests, auch die wissenschaftlich gut untersuchten(…) eine nicht zu vernachlässigende Rate von falschen Ergebnissen liefern.»

Die Autoren raten dennoch, die Beschwerdevalidierungstests in Zukunft vermehrt einzusetzen. Jedoch unter der Prämisse, dass «ausgewählte Verfahren bei Stichproben realer IV-Klientinnen und Klienten einer wissenschaflichen Prüfung unterzogen werden».

(Die NZZ hatte schon im Januar 2010 unter dem Titel «Neue psychologische Tests gegen IV-Betrug» über die diesbezüglichen Absichten des BSV berichtet, wie auch hier im Blog damals erwähnt)

Ich zweifel allerdings schwer an der von den Studienautoren gewünschten «wissenschaftlichen Prüfung» der Feldwaldwiesenmethode aus Luzern. Weil nämlich die saloppe Kommunikation von Herr Locher bezüglich IV-Betrug nicht gerade darauf schliessen lässt, dass man bei der IV-Stelle Luzern besonderen Wert auf wissenschaftliche Präzision legen würde. Dazu mal ein paar Müsterchen:

Im 20 Minuten vom 30. Januar 2011 wurde Herr Locher folgendermassen zitiert: «Zudem konnten wir rund 140 Betrüger selbst überführen». Weil ich 140 Betrüger allein aus dem Kanton Luzern für ziemlich viel hielt, habe ich damals bei Herrn Locher nachgefragt; er antwortete, er sei beim Wandern auf seinem Handy angerufen worden und hätte von «140 bearbeiteten und erledigten Verdachtsfällen im 2010 gesprochen». Auf meine nochmalige Nachfrage hin, wieviele der Verdachtsfälle sich denn nun tatsächlich als Betrug herausgestellt hätten, erhielt ich keine Antwort. Richtigstellung scheinbar unwichtig.

Am 12. Juli 2013 erschien in der neuen Luzerner Zeitung ein Artikel (nicht online) unter dem Titel «IV deckt mehr Missbräuche auf» – Noch mehr als die vom 20 Minuten berichteten 140 im Jahr 2010? Kriminelles Pflaster, dieses Luzern… Nun ja, der Artikel spricht von 21 aufgedeckten Betrugsfällen im Jahr 2012. Was der Artikel verschweigt: die Gesamtzahl der IV-Bezüger im Kanton Luzern im Jahr 2012 beträgt 10’682. Der Betrugsquotient läge damit (allerdings nur aufs aktuelle Jahr gerechnet natürlich) bei 0,2%.

Aber an solchen Details hält sich Herr Locher nicht auf. Lieber erwähnt er stolz, dass 2012 (aufgrund erfolgreicher Eingliederung) 1047 Personen «von der Liste der IV-Bezüger entfernt werden konnten». Auch das ist so nicht richtig. Dem Jahresbericht der IV-Stelle Luzern ist nämlich zu entnehmen, dass diese 1047 Personen «vermittelt und eingegliedert» wurden. Datei handelt es sich aber in den meisten Fällen nicht um IV-Bezüger, sondern um sogegannte «Früherfasste» die vorher gar keine IV-Rente bezogen. Der Jahresbericht zeigt auf, dass effektiv nur 335 IV-Renten aufgehoben wurden.

Aber auch hinter diese Zahl ist ein dickes Fragezeichen zu setzen, denn die IV-Stelle Luzern wurde vom Bundesgericht zurückgepfiffen, weil sie bei der Aufhebung der Renten nach Schlussbestimmung der IV-Revision 6a eine ganz eigene Auslegung der Vorgabe «Ausgenommen sind Personen, die seit mehr als 15 Jahren eine Rente beziehen» anwandte und somit eine im schweizweiten Vergleich sehr hohe Zahl von 180 Rentenaufhebungen vorweisen konnte:

«Die I. Sozialrechtliche Abteilung in Luzern hat nun entschieden, dass für die Bemessung der 15 Jahre der Beginn des Rentenanspruchs massgeblich ist und nicht, wie die IV-Stelle Luzern im konkreten Fall beantragt hatte, der Moment, in dem die Rente verfügt wird und die Auszahlung beginnt. Laut den Richtern werden Rentenverfügungen oft erst Jahre nach dem Ausscheiden der Person aus dem Arbeitsleben gesprochen und Leistungen rückwirkend ausgerichtet. Deshalb könne einzig der Beginn des Rentenanspruchs massgebend sein, da nur er die lange Absenz vom Arbeitsmarkt und die Aussichtslosigkeit auf eine Wiedereingliederung belege.»
BGE Urteil 8C_324/2013 vom 29.8.13 (Quelle: nzz.ch)

Aus den fulminanten 180 Rentenaufhebungen der IV-Stelle Luzern aufgrund der Schlussbestimmung der IV-Revision 6a dürften also noch einige weniger werden. Aber das sind jetzt eher nicht so die Dinge, die Herr Locher gerne in der Öffentlichkeit breittritt und auch seinem bevorzugten Publikationsorgan, die neue Luzerner Zeitung hat da andere Präferenzen: (nochmal aus der Ausgabe vom 12. Juli 2013):
«Wichtig sei die Bereitschaft zur Arbeit bei den IV-Bezügern. Dass dies nicht immer so ist, versteht sich von selbst. [Ja, ne is klar...] Deshalb bietet die IV Luzern Beratungen und Arbeitstrainings an. Locher nennt ein Beispiel: «Kürzlich haben wir einen ehemals drogenabhängigen Mann als IV-Betrüger, der in Thailand lebte, entlarvt. Zurück in der Schweiz, musste er lernen, morgens wieder aufzustehen und verlässlich zu werden.»

Okok. ich nehm alles zurück, man ist bei der IV-Stelle Luzern so dermassen sozial, dass man sogar IV-Betrügern (aus Thailand! einself!) Wiedereingliederung, Arbeitstraining und einen persönlichen Weckdienst anbietet.

Lieber Herr Locher,  liebe Luzerner Zeitung, was erzählt ihr da eurer Leserschaft für einen ausgemachten Quatsch? Entweder jemand war/ist krank, dann bekommt er (eventuell) eine Wiedereingliederung zugesprochen, oder aber er ist ein Betrüger, somit gesund und bekommt von der IV garantiert kein Resozialisierungsprogramm finanziert.

Aber «Faule IV-Betrüger aus Thailand, die Morgens wieder aufstehen lernen müssen» ist offenbar der Stoff von dem der NLZ-Journalist Stephan Santschi und sein Gespänli im Geiste IV-Direktor Locher nachts träumen. Aber wie das bei Träumen eben so ist: Mit der Realität hat das nichts zu tun.

Bei fulminanten Erfolgsberichten aus der IV-Stelle Luzern dürfte in Zukunft also immer ein Quäntchen Zweifel anbracht sein. Man nimmt es da mit den Details offenbar ganz generell nicht so genau.

Und allen VertreterInnen von Behinderten- und Patientenorganisationen, die sich nun öffentlich über die «Lügendetektortests» empören, seis ‘s ans Herz gelegt: Wenn Sie schon lamentieren über die Anwendung solcher Tests (Die btw. nicht nur bei der IV-Stelle Luzern angewandt werden, wie der Tagi heute schreibt) dann tun Sie das doch bitteschön nicht substanzlos, sondern schlagen Sie das BSV mit seinen eigenen Waffen, nämlich mit deren urgeigenster Studie, die aufzeigt, dass die Aussagekraft dieser Tests nicht ganz so eindeutig ist, wie der Herr Locher uns das gerne weismachen möchte. Er hat’s ja eben nicht so mit den Details, wie wir mittlerweile wissen.

Nachtrag 1 – 7. Januar 2014:
Psychiater Erich Seifritz im Tagesanzeiger «Ein Hirnscanner ist kein Lügendetektor». Es ist nicht möglich, allein damit beim Patienten eine Diagnose wie Schizophrenie oder Depression zu stellen oder seine Arbeitsfähigkeit für die IV zu beurteilen.

Nachtrag 2 – 7. Januar 2014:
(Quelle: derarbeitsmarkt.ch) Das Bundesamt für Sozialversicherungen steht hinter solchen Verfahren, wie Peter Eberhard, stellvertretender Leiter des Geschäftsfeldes Invalidenversicherung, auf Anfrage sagte. Die neuropsychologischen Tests müssten aber wissenschaftlich breit anerkannt sein und kämen auf jeden Fall nur als Ergänzung für ärztliche Abklärungen in Frage.

Noch 2008 hatte das Bundesamt für Sozialversicherungen in einem Forschungsbericht Zweifel an der Zuverlässigkeit von sogenannten Beschwerdevalidierungstests geäussert. Solche Tests lieferten «primär Momentaufnahmen». Auch die wissenschaftlich gut untersuchten Tests wiesen zudem eine «nicht zu vernachlässigende Rate» von falschen Ergebnissen auf.

«Die Wissenschaft hat in diesem Bereich in den vergangenen Jahren Fortschritte bezüglich Aussagekraft gemacht», sagte Eberhard. Bevor die Tests schweizweit eingeführt werden könnten, müssten die Ergebnisse aus Luzern aber noch weiter ausgewertet werden.

Weitere Pressestimmen zum Thema: Hirnstrommessungen – Die Presseschau (18. Januar 2014)