Niklas Baer: «Viele psychisch Kranke könnten arbeiten, wenn die Arbeitsumgebung besser an ihre Behinderung angepasst wäre»

nbaerDer Basler Psychologe Dr. Niklas Baer leitet die Fachstelle für psychiatrische Rehabilitation der Kantonalen Psychiatrischen Dienste Baselland und beschäftigt sich seit 17 Jahren mit der Arbeitsintegration von Menschen mit psychischen Störungen. Im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen erstellten Niklas Baer und sein Team u.a. eine Forschungsarbeit zu den Ursachen der «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» (2009) und untersuchten in der Studie «Schwierige Mitarbeiter» (2011) die Probleme von Menschen mit psychischen Störungen am Arbeitsplatz.

Herr Baer, obwohl Ihre Studien immer wieder markante Defizite der Invalidenversicherung im Bereich der Integration von psychisch Erkrankten aufzeigen, heisst es aus dem BSV stets lapidar, dass «die Studienresultate die Ausrichtung der jeweils gerade aktuellen IV-Revision bestätigen würden». Liest man beim BSV eigentlich die von Ihnen erstellten Studien überhaupt…?

Ja, die Studien werden gelesen, wobei ich zunehmend den Eindruck habe, man wäre froh, sie würden nur im BSV gelesen und von sonst niemandem. Auf der praktischen Ebene der IV-Stellen sind die Fachleute jedoch sehr interessiert und dankbar für Untersuchungen, die sich ernsthaft und auch kritisch mit ihrem anspruchsvollen Berufsalltag auseinandersetzen.

Die Vorstellung, dass sich Menschen mit psychischen Erkrankungen «einfach mal zusammenreissen» sollten, ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Sind solche Willens-Appelle bei der beruflichen Integration von psychisch erkrankten Menschen hilfreich?

Wenn man jemandem sagt, er solle sich zusammenreissen, macht man das Gegenüber klein. Und das ist das Gegenteil von dem, was man anstrebt in der beruflichen Rehabilitation: Man sollte den Betroffenen ja Kraft geben, ihnen etwas zutrauen, Verständnis und Mitgefühl empfinden für ihre leidensbedingte Extraleistung, die sie bringen müssen. Ich glaube, dass Mitgefühl stark macht, nicht Druck.

Druck und Willens-Appelle sind vor allem ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Wenn jemand psychisch krank ist, Defizite hat und leidet, dann belastet dies das Gegenüber. Man kann mit dieser Belastung auf vielfältige Weise ungehen: Man kann sich wirklich darauf einlassen (die anspruchsvollste Variante) oder man kann es abwehren, wenn man es nicht erträgt. Diese Abwehr kann unterschiedlich aussehen: Man kann psychisches Leiden verleugnen («Das gibt es nicht, das sind alles Arbeitsscheue und Scheininvalide, die sollen sich zusammen reissen»), man kann es klein machen («Jeder hat mal eine Krise») oder man kann irgendeinen Schuldigen suchen. Hauptsache, die Betroffenheit wird dadurch geringer. Das sind alles verständliche Strategien, wie man mit der «Bedrohung» durch psychisches Leiden umgehen kann. Nicht in Ordnung wäre es aber, wenn eine solche Haltung in einem professionellen Umfeld wie der beruflichen Eingliederung zum Tragen käme.

In der beruflichen Rehabilitation wird seit einigen Jahren weniger auf die Defizite fokussiert, sondern auf die Ressourcen, also darauf, was jemand trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung (noch) kann – ist diese Strategie erfolgreich?

Diese Sichtweise hilft vor allem den Helfenden selbst, damit sie sich nicht nicht mit der Not auseinandersetzen müssen, aber weniger den Klienten. Menschen, die psychiatrische Behandlung und Eingliederungsangebote in Anspruch nehmen, tun dies, weil sie krankheitsbedingte Defizite haben, die sie daran hindern, sozial und beruflich das zu leisten, was sie eigentlich leisten könnten, wenn sie gesund wären. Sie kommen nicht wegen ihrer Ressourcen zu uns. In vielen Einrichtungen der Psychiatrie und des so genannten Behindertenwesens sind jedoch die Defizite zuwenig präzise bekannt.

Wenn ich einem psychisch kranken Menschen helfen will, dann muss ich seine subjektiven und objektiven Probleme möglichst präzise kennen – erst dann können wir gemeinsam überlegen, wie man diese am Arbeitsplatz am besten kompensieren kann. Beim Paraplegiker schaut man auch zuerst auf sein Defizit (Lähmung) und kompensiert diese so gut wie möglich (Rollstuhl). Ich glaube, dass wir bei psychisch kranken Menschen noch viel stärker Kompensations-möglichkeiten entwickeln sollten – sehr viele psychisch Kranke könnten besser funktionieren, wenn die Arbeitsumgebung besser an ihre Behinderung angepasst wäre.

Wie sieht eine Arbeitsplatzanpassung für jemanden mit einer psychischen Erkrankung aus?

Das konkreteste Beispiel einer Arbeitsplatzanpassung, das ich je erlebt habe, betraf einen Mitarbeiter mit einer paranoiden Schizophrenie, der in einem Grossraumbüro gearbeitet hat. Da er sich immer wieder vergewissern musste, dass in seinem Rücken keine Gefahr droht, hat er sich ständig umgedreht. Das fanden die anderen Mitarbeitenden merkwürdig, und auch seine Leistung litt darunter – ganz zu schweigen von seinem Befinden. Der Vorgesetzte liess dann hinter dem Arbeitsplatz des betroffenen Mitarbeiters eine Trennwand einziehen und die Situation entspannte sich merklich.

Bauliche Anpassungen sind pei psychischen Problemen aber wohl eher die Ausnahme…

Bei Mitarbeitenden, die an einer Persönlichkeitsstörung leiden, sind oft die Beziehungen am Arbeitsplatz betroffen. Dabei sind sich sowohl Vorgesetzte wie auch Mitarbeiter normalerweise nicht im Klaren darüber, dass es sich bei diesem «schwierigen» Verhalten um eine psychische Störung handelt. Die Folgen sind eine starke Verunsicherung auf allen Seiten und massiver Ärger. «Arbeitsplatz-anpassung» könnte in diesem Fall heissen, dass deutlicher als üblich informiert wird. Chef und Team müssen wissen, dass es sich nicht um moralisches Versagen, sondern um eine Behinderung handelt («Er kann nicht anders», «Er meint das nicht so», «Er sagt solche Dinge, weil er Angst hat, den Anforderungen nicht zu genügen»). Wenn wir wissen, dass jemand ein Problem hat, können wir mit mehr Verständnis auf diese Person reagieren. Da die sozialen Beziehungen für Mitarbeiter mit Persönlichkeitsstörungen zudem meistens Stress bedeuten, wäre es auch hilfreich, wenn sie ab und zu alleine arbeiten könnten.

Die wenigsten Arbeitgeber kennen sich mit psychischen Erkran-kungen aus und bräuchten Unterstützung und Beratung. Sind die Arbeitgeber denn dazu bereit?

Seitens Arbeitgeber und Mitarbeiter ist die Bereitschaft für konkrete Beratungen sehr gross – vor allem zu Beginn der Problemsituation und solange sie noch nicht völlig überfordert und ausgebrannt sind. Die in der Untersuchung «Schwierige Mitarbeiter» erfassten belastenden Problemsituationen dauerten ja knapp 3 Jahre, das heisst, alle Beteiligten haben über eine lange Zeit Energie und Nerven investiert, um das Problem zu lösen. Auch aus praktischer Erfahrung scheinen mir die Arbeitgeber über längere Zeit sehr offen für Hilfestellungen und wären oft auch bereit, einiges zu investieren, was helfen könnte.

Umso ernüchternder ist das Studienergebnis, dass nur ein geringer Anteil der Vorgesetzten von der IV – sofern diese überhaupt einbezogen wurde – ausreichend präzise beraten wurde. Dass die IV so selten einbezogen wurde – und auch künftig so selten kontaktiert würde – hängt damit zusammen, dass psychische Störungen nur dann als Störungen erkannt werden, wenn sie sich in einem ganz spezifischen oder sehr befremdlichen Symptom äussern, sei es in schweren Zwängen, manischem Verhalten, offensichtlichen Denkstörungen etc. Wenn sich die psychischen Probleme aber vor allem auf der zwischenmenschlichen Ebene in einem «schwierigen» Verhalten zeigen, werden sie als schlechter Wille ausgelegt. In diesen Fällen wird die IV entsprechend nicht kontaktiert.

Weitere Gründe liegen darin, dass die IV als zu bürokratisch oder als inkompetent wahrgenommen wird. Bezüglich Arbeitsplatzanpassungen ist demnach sicher viel Potential vorhanden – die IV könnte künftig kompetenter, frühzeitiger und unkomplizierter beraten und die Arbeitgeber könnten häufiger externe Unterstützung zuziehen. Die Teams jedenfalls sind laut den Studienergebnissen deutlich entlastet, wenn der Vorgesetzte externe Hilfe zuzieht: sie ärgern sich weniger über den belasteten Mitarbeiter und zeigen mehr Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.

Warum sollte ein Arbeitgeber eigentlich jemanden mit einer psychischen Erkrankung einstellen/nicht entlassen?

Zum einen wird er sonst nicht genügend MitarbeiterInnen finden (50% der Bevölkerung haben irgendwann in ihrem Leben eine psychische Störung – Krisen, Probleme und Krankheiten gehören einfach zum Leben und gehen in vielen Fällen auch wieder vorüber), zum anderen sagen psychische Probleme an sich nicht viel über die Leistungsfähigkeiten aus. Ausserdem wissen die Arbeitgeber meist nichts von der psychischen Störung der Bewerber und last but not least sind viele psychisch belastete Menschen sehr nette und besonders treue Mitarbeiter, die für ihren Arbeitgeber alles geben. Mitarbeiter, die schon einmal psychisch sehr gelitten haben, sind nicht selten sozial, intellektuell und emotional sehr kompetent, und sie verstehen, dass man Fehler machen kann, haben viel Verständnis – das sind Mitarbeiter, die für Vorgesetzte sehr angenehm sein können.

Arbeitgeber, welche psychisch Kranke einstellen, sollten sich jedoch bewusst sein, dass Schwierigkeiten auftreten können und unbedingt eine kompetente Begleitung verlangen. Die gibt es heute erst vereinzelt, aber mit zunehmender Nachfrage wird sich auch die Qualität im Coaching-Business verbessern.

Wir haben einige Male die «Normalisierung» von psychisch Kranken angesprochen – z.B. durch Druck oder «Training». Ist das überhaupt realistisch?

Wenn man «Normalität» mit psychischer Gesundheit gleichstellt, dann sind psychisch Kranke natürlich nicht «normal». Psychisch Kranke oder zwischendurch mal Erkrankte wären normal, wenn ein Bewusstsein dafür bestehen würde, dass die meisten von uns schon psychische Probleme hatten oder haben. Man kann gewisse Symptome (Angstsymptome o.ä.) therapeutisch so wegtrainieren, dass sie sich weniger behindernd auswirken. Auch Medikamente sind bei gewissen Störungen und Situationen sehr hilfreich. Es gibt Patienten, die nur mit Medikamenten überhaupt arbeitsfähig sind. Und es gibt schliesslich Psychotherapien – aber die haben selten einen genügend starken Fokus auf die Arbeit. Man kann also einiges tun, aber «Normalität» herstellen kann man nicht. Schwerere psychische Erkrankungen sind Extremerfahrungen, danach ist nichts mehr «normal». Das heisst jedoch nicht, dass solche Menschen nicht wieder arbeiten und ihren Platz in der Gesellschaft finden können.

Wenn man psychisch kranke Menschen selbst fragt: Was wünschen sie sich die bezüglich Arbeitsintegration? Welche Befürchtungen haben sie?

Psychisch Kranke wollen arbeiten, ihren Teil beitragen, nützlich sein und sich kompetent fühlen können – wie die mehr-oder-weniger-Gesunden auch. Aber sie haben extrem viel Angst. Diese Angst kommt oft aus frühreren Erfahrungen am Arbeitsplatz, wo diese Menschen die gewohnte Leistung nicht mehr erbringen konnten, als sie schon erkrankt waren, dies aber niemand bemerkt hat und die Erkrankung auch nicht behandelt wurde. Hinzu kommt, dass eine psychische Krankheit einen Menschen grundlegend verunsichert, auch wenn die Symptome stabilisiert sind – man ist einfach nicht mehr derselbe wie zuvor. Hauptängste der Betroffenen sind, dass sie den Anforderungen und dem Druck nicht mehr gerecht werden, zuviele Fehler machen, einen Rückfall erleiden oder auf Ablehnung stossen. Hier wird ihnen viel zu wenig geholfen, beispielsweise werden diese Dinge in der psychiatrischen Behandlung viel zu wenig aufgegriffen. Mit mehr Selbstvertrauen könnten mehr psychisch Kranke arbeiten.

Einmal Salto rückwärts à la Ritler

Als Stefan Ritler im März diesen Jahres im Tagesanzeiger «Arbeit als die beste Ablenkung von Schmerzen» pries und sich daraufhin die Kommentierenden empörten, der IV-Chef wäre ein Zyniker erster Güte, da schrieb ich in einem Artikel, dass nicht unbedingt Ritler der Zyniker wäre, sondern vielmehr die politischen Vorgaben, die er zu verteidigen hätte, ziemlich zynisch wären. Ich schrieb auch, dass Ritler keinen einfachen Job hat, denn egal was er sagt, von irgend einer Seite wird er garantiert kritisiert.

Heute also mal von meiner Seite. Es wurde da ja am 3. Mai diese BSV-Studie veröffentlicht, die mich – zumindest im Geiste – zum Singen brachte: Es war die Studie von Baer et al. über schwierige bzw. psychisch kranke Mitarbeiter, in der konstatiert wurde, dass die IV-Stellen die Arbeitgeber im Bezug auf den Umgang mit psychisch kranken Mitarbeitern sagen wir mal… leicht suboptimal beraten. Falls die IV denn überhaupt zur Beratung beigezogen wird, was in den allermeisten Fällen von den Arbeitgebern nicht mal in Betracht gezogen wird, da sie die IV in dieser Hinsicht (und dies offenbar durchaus gerechtfertigt) nicht für besonders kompetent halten.

Das sind jetzt nicht unbedingt die besten Vorrausetzungen für die Eingliederung von 17’000 IV-Bezügern in den Arbeitsmarkt – denn dabei dürfte es sich bei einem ziemlich grossen Prozentsatz um Menschen mit psychischen Problemen handeln.

Es ist ja irgendwie schon klar, dass man als IV-Chef nicht sagen kann: «Hm ja also ehrlich gesagt, wir wissen schon, dass das mit der Eingliederung speziell von psychisch Kranken irgendwie nicht so rund läuft, wie wir das der Bevölkerung immer verkaufen. Und das mit dem 17’000 Einzugliedernden, ganz ehrlich… so richtig überzeugt sind wir selbst auch nicht, ob das klappt. Das macht aber eigentlich nichts, denn unser primäres Ziel als IV mit einem zweistelligen Mia Defizit ist vor allem die Ausgliederung von möglichst vielen IV-Bezügern aus der IV, das mit der Eingliederung in den Arbeitsmarkt, das ist eher so – naja, sagen wir mal «nice to have…»

Kann man natürlich als IV-Chef definitiv nicht sagen. Schon klar. Deshalb sagt man immer nur soviel, wie man grad zugeben muss. Das sieht dann in der Praxis so aus, dass die obenerwähnte BSV-Studie über die massiven Probleme bei der Integration von psychisch kranken Mitarbeitern (Zur Erinnerung: in 9 von 10 Fällen wird ein solches Arbeitsverhältnis früher oder später durch den Arbeitgeber aufgelöst) laut FoP-IV zwar schon im Januar 2011 hätte publiziert werden sollen – dies auf ganz wundersame Weise aber erst im Mai 2011 geschah.

Und ganz zufälligerweise wurde zwischen dem geplanten und dem effektiven Erscheinungstermin der Studie eine sehr heftige parlamentarische Diskussion darüber geführt, ob eine gewisse Schlussbestimmung, die die Integration den Ausschluss von IV-Leistungen für rund 17’000 Menschen mit vorwiegend psychischen Problemen vorsieht, nun rechtens sei oder nicht. Und als die IV-Revision 6a (inklusive der Schlussbestimmung) dann unter Dach und Fach war und auch der Zeitrahmen für ein Referendum sich schon seinem Ende zuneigte; da befand man dann beim BSV, man könnte es nun doch wagen, diese Studie zu veröffentlichen.

Allerdings wurden die Studienergebnisse nicht etwa mit einer offiziellen Medienmitteilung aus Bern kundgetan, wie man das sonst so kennt von anderen BSV-Studien. An die ganz grosse Glocke hängen wollte man das dann lieber doch nicht, also wurden die Studienresulate in einem Lokalanlass vom Arbeitgeberverband Basel vorgestellt (Da bei der Studie  – aus organisatorischen Gründen – hauptsächlich Arbeitgeber aus der Region Basel befragt worden waren). Die Verteter des BSV hielten sich bei diesem Anlass sehr dezent im Hintergrund. Und wie das so ist bei Lokalanlässen, da berichten dann auch nur die lokalen Medien darüber. Dachte man sich wohl beim BSV. Und als das Regional-journal Basel von Radio DRS von einem vernichtenden Studienergebnis für die IV sprach – so hörte man das immerhin nicht in der ganzen Schweiz.

Kaum ein überregionales Medium berichtete über die Studie oder fragte beim BSV genauer nach und wenn doch – so zum Beispiel Eric Breitinger in der Zeitschrift Saldo vom 25. Mai 2011 – dann hiess es von Seiten Ritlers: Man würde bei der IV keine konkreten Konsequenzen ziehen und ausserdem sei «Die Studie vor allem regional aussagekräftig». Das dürfte dann wohl die IV-Stellen Leiter der beiden Basel sehr freuen… Denn schliesslich hiesse das ja, nur die IV-Stellen in Basel seien inkompetent, alle anderen, die machen die Arbeit schon gut… Und das, wo ausgerechnet in der Einleitung zum Jahresbericht der IV-Stelle Basel Stadt folgendes zu lesen ist: «Die von einer gesundheitlichen Beeinträchtigung Betroffenen aus allen Alterskategorien sind aufgefordert, mit ihrer Kraft, ihrer Motivation und mit ihren Möglichkeiten im Erwerbsleben weiter zu bestehen oder einen Weg dorthin zurückzufinden. Wir begegnen in unserem Alltag bei der IV-Stelle diesen Menschen und sehen die schwierigen Situationen, die sie zu meistern haben. Für einmal möchte ich an erster Stelle meinen respektvollen Dank an diese Versicherten richten, die ernsthaft und im Rahmen des Zumutbaren Vieles auf sich nehmen.» Und ebendiese IV-Stelle Basel soll also ihre Arbeit bezüglich der Eingliederung soviel schlechter machen, als beispielsweise die Kollegen von der CSI-IV Stelle Aargau? Hm.

Mittlerweile hat aber die Basler Nationalrätin Silvia Schenker (SP) eine Interpellation vorbereitet, in der sie vom Bundesrat wissen möchte, welche Schlüsse er aus den Studienresultaten zieht. Und was er zu tun gedenke, um die Integration von Menschen mit psychischen Problemen in den Arbeitsmarkt besser zu fördern. Und so haben es die unliebsamen Studienergebnisse unter dem Titel Ein «höchst bedenkliches Zeugnis» für die IV doch noch ins Newsnetz geschafft und Ritler spricht nicht mehr von einem «nur regional aussagekräftigen Studienergebnis» sondern «er will das Ergebnis der Studie nicht schönreden». Und ausserdem: «Wir haben das Problem erkannt und wollen an der Front mehr tun».

Man darf gespannt sein. Fast noch lieber als diese Ankündigung wäre mir ja,  man würde einfach mal alle PR-Fachleute aus dem BSV verbannen. Auf dass die Aussagen von dort einfach mal von Anfang an klar, deutlich, der Wahrheit entsprechend und für jeden verständlich wären. Ja, ich weiss, dass das nicht realistisch ist, und ja, ich verstehe auch die Gründe für Ritlers Art der Kommunikation, weil die ganze Angelegenheit natürlich – natürlich – hochpolitisch ist. Trotzdem wünschte ich mir, es wäre anders. Und wünschen, das wird man ja noch dürfen…

Psychisch erkrankte Mitarbeiter werden oft als «schwierig», und nicht als «krank» wahrgenommen [BSV-Studie]

Falls ich singen könnte, würde ich mich wohl heute Abend ans Zürcher Bellevue stellen und dort die heute veröffentliche BSV-Studie über «Schwierige Mitarbeiter» als Oper in fünf Akten aufführen. Mit ziemlich viel fortissimo. Ich bin aber leider nicht besonders musikalisch und kann überhaupt nicht singen. Deshalb wird daraus leider nichts. Dass sich die Resultate der Arbeitgeberbefragung über Mitarbeiter mit psychischen Problemen klangvoll über den abendlichen Zürichsee ausbreiten, finde ich aber eine überaus reizvolle Vorstellung. Oder in wessen Ohren klingt beispielsweise eine Auswahl der Antworten der Arbeitgeber, weshalb man bei psychischen Problemen von Mitarbeitern nicht die IV konsultiert, nicht wie Musik?

  • Erwarte keine Hilfe von dort
  • Fehlende Praxisorientierung
  • Geht zu langatmig, ist zu unpersönlich
  • Ich erlebte bisher die IV als zuwenig fachkompetent bei psychischen Problemstellungen
  • Ich habe in einem andern Fall die IV kontaktiert und die Unterstützung war sehr unbefriedigend
  • IV scheint mir dafür nicht kompetent zu sein
  • Kann mir keine Lösung des Problems vorstellen
  • Kann mit nicht vorstellen, dass die IV diese Art Probleme lösen kann
  • Kein Vertrauen in IV
  • Kompliziert, Entscheide, die der Betroffenen nicht helfen
  • Nicht hilfreich. Sind Beamte
  • Nur falls die nötige Kompetenz da wäre
  • Schlechte Erfahrungen in anderen Fällen
  • Schlechte frühere Erfahrung mit IV gemacht
  • Zu grosse Bürokratie
  • Zu grosse Distanz
  • Schlechte Erfahrungen mit der IV
  •  Zuerst die Selbsthilfe versuchen, da die IV sowieso nur die Betrüger unterstützt

Naja gut, in den Ohren derjenigen, die seit Jahren ein anderes Lied singen, nämlich dasjenige von der IV als Eingliederungsversicherung, klingt das alles eher nach Kakophonie… Aber für diejenigen, die diesbezüglich zuweilen gewisse Zweifel hegten, sind es höchst wohltuende Klänge. Nicht, weil man sich nicht wünschen würde, dass die IV ihre Aufgabe als Eingliederungsversicherung besser (viiiiel besser!) wahrnehmen würde, sondern weil es dem Volk jahrelang so verkauft wurde, also ob dies längst der Fall wäre, und es eigentlich nur an den unwilligen Kranken und Behinderten läge, die eben gar nicht eingegliedert werden wollen und die man deshalb unbedingt mit einer immer radikaleren IV-Gesetzgebung zum Wollen zwingen müsste. Seltsam nur, dass augerechntet die Arbeitgeber (die ja immer gerne vorne mit dabei sind, wenn es um IV-Revisionen geht) der IV nicht so unbedingt die Kompetenzen zutrauen, die es für die Eingliedeurng von psychisch erkrankten Mitarbeitern benötigt. Aber auch das klärt die Studie; denn die Arbeitgeber selbst halten ihre psychisch erkrankten MitarbeiterInnen in vielen Fällen nicht für krank, sondern für «schwierig», deshalb lautet auch der Titel der Studie «schwierige Mitarbeiter».

So und nun noch einige nüchterne Fakten (von Pro Mente Sana) zur Thematik:

Eine neue Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen zeigt auf, dass viele Arbeitnehmende relevante psychische Probleme aufweisen und die Betriebe belasten. An einer Pressekonferenz der Basler Arbeitgeberverbände und der beteiligten Forscher Niklas Baer und Ulrich Frick wurde die neueste Studie des Bundesamtes für Sozialversicherung (BSV) mit dem Titel „‘Schwierige‘ Mitarbeiter” vorgestellt. Forschungsgegenstand war die Wahrnehmung und Bewältigung psychisch bedingter Problemsituationen durch Vorgesetzte und Personalverantwortliche in den Kantonen Basel-Landschaft und Basel-Stadt.

Die Resultate der Studie lassen aufhorchen, stellen sie doch den erwarteten Erfolg der eingeleiteten IVG-Revisionen in Frage. Ebenso weisen sie darauf hin, wie gross die Anzahl ArbeitnehmerInnen mit psychischen Belastungen ist, welche die Betriebe belasten. Die Studie zeigt ferner, dass der Bedarf an Qualifizierung der Arbeitgeber und der IV-Stellen im Umgang mit solchen Situationen immer noch hoch ist.

Aus der Studie ergeben sich folgende wesentlichen Erkenntnisse:

  • Die Personalverantwortlichen schätzen den Anteil von Mitarbeitenden, die jemals ein psychisches Problem hatten, das sich auf ihre Arbeitsfähigkeit ausgewirkt hat, auf 25 %. In den kleinen Unternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitern, also jener Betriebsgrösse, die 90% aller Unternehmen in der Schweiz betrifft, liegt der Anteil sogar bei rund 50%.
  • Die „Lösung” des Problems besteht in 9 von 10 Fällen in einer Kündigung, auch wenn die Auflösung des Arbeitsverhältnisses oft erst nach länger dauernden Lösungsversuchen erfolgt.
  • Ein grosser Teil der ArbeitnehmerInnen, die den Betrieb belasten, sind Menschen, denen der Laie gerne „Charakterprobleme” zuschreibt. Die Studiendaten lassen vermuten, dass ein wesentlicher Teil die diagnostischen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung erfüllen würde. Nun machen solche Menschen unter jenen IV-RentnerInnen, die gemäss der jüngsten IVG-Revision 6a wieder beruflich eingegliedert werden sollen, gerade den grössten Teil aus. Solange also im betrieblichen Umgang mit solchen Mitarbeitenden kein derart qualifizierter Umgang erfolgt, dass die Anstellung aufrechterhalten werden kann, ist die berufliche Wiedereingliederung der 6. IVG-Revision nicht nachhaltig durchführbar.
  • Die Vorgesetzten und Personalverantwortlichen verfügen zwar durchaus über eine präzise Wahrnehmung des „schwierigen” Mitarbeiterverhaltens. Aber die Intervention der Arbeitgebervertreter erfolgt gemäss Studie in keiner Weise problemspezifisch. Ihre Reaktion scheint mehr ihrem eigenen Führungsstil zu entsprechen – unabhängig von der Art der psychischen Probleme. Dadurch verfehlt die Intervention das Problem und kann sich kontraproduktiv auswirken. Hier wären Schulungsprogramme für Führungskräfte zu entwickeln.
  • Wie stark Mitarbeitende mit psychischen Problemen den Betrieb belasten, hängt weiter auch mit der Teamkultur zusammen: Teams mit einem transparenten Umgang mit Fehlern scheinen weitaus tragfähiger zu sein als Teams, in denen Probleme eher verheimlicht werden.
  • Bei den IV-Stellen schliesslich besteht ein bedeutender Qualifizierungsbedarf bei ihrer Informations- und Beratungstätigkeit gegenüber den Arbeitgebern. Die IV wird seitens der Arbeitgeber häufig als wenig praxisbezogen und kompetent sowie als bürokratisch erfahren.
  • Die Studie belegt, dass die häufige berufliche Ausgliederung von Mitarbeitenden mit psychischen Problemen nicht ausschliesslich an deren “schwierigem” Verhalten festgemacht werden kann. Vielmehr tragen alle Beteiligten (Vorgesetzte, Teams, IV-Stellen etc.) zum – bisher meist negativen – Verlauf in einem komplexen Umfeld bei.

Angesichts der Häufigkeit psychischer Probleme am Arbeitsplatz sind Sozialversicherungen, Arbeitgeber und Politik nun gefordert, dieses Thema fundiert anzugehen und gemeinsam wirksame Lösungen zu entwickeln.

«Schwierige» Mitarbeiter. Wahrnehmung und Bewältigung psychisch bedingter Problemsituationen durch Vorgesetzte und Personal-verantwortliche» als PDF

Interessant auch, wie der Arbeitgeberverband Basel (welcher die Studie unterstützt hat) die Resultate präsentiert. Das klingt dann dochmal ne ganze Ecke anders, als man sich das sonst so gewöhnt ist von Seiten der Arbeitgeber: «Alle beteiligten Akteure (IV, Arbeitgeber, Versicherungen, externe Angebote, Ärzteschaft und Politik) sollten eine breite, öffentliche, nicht stigmatisierende Diskussion zur Wertung des Phänomens und zur Haltung gegenüber psychischen Problemen am Arbeitsplatz initiieren.»

Klingt doch gut, ausser dass man bei den «beteiligten Akteuren» die Betroffenen mal wieder nicht erwähnt hat bzw. nicht einbeziehen will… Die Richtung ist aber jedenfalls schon mal gut, am Feintuning muss halt noch ein bisschen gearbeitet werden…

So sieht’s aus

Schon mehrfach wurde in diesem Blog auf die Resultate der BSV-Studie «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» verwiesen – auch darauf, dass diese Resulate (bewusst?) keiner breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden – so dass sich die Stammtischgespräche landauflandab weiterhin ungestört um die bösen Simulanten und/oder Ausländer, die unsere Sozialwerke plündern, drehen können.

Dr. Niklas Baer, Leiter der BSV-Studie und Leiter der Fachstelle für psychiatrische Rehabilitation der Kantonalen Psychiatrischen Dienste Basel stellt seine Resultate zumindest immer wieder einem interessierten Fachpublikum vor. Aus seiner Präsentation vom 10. Mai 2010 an der Psychiatrischen Klinik Zugersee hier drei Abbildungen. Die erste zeigt auf, dass die Invalidenversicherung bei den untersuchten Fällen (rund tausend Dossiers mit Gebrechenscode 646 wurden untersucht) nur 3% der AusländerInnen eine Eingliederungsmassnahme zugesprochen hat, im Gegensatz zu 17% bei den SchweizerInnen. Bei Ausländern wie bei Schweizern wurden aber in 36 bzw. 40% der Fälle vom behandelnden Arzt berufliche Massnahmen empfohlen.

Die nächste Grafik fächert die empfohlenen und erhaltenen beruflichen Massnahmen nach Diagnosen auf («POS» ist der IV-Code für ADHS):

Das letzte Diagramm schliesslich zeigt die Bemühungen (bzw. Nichtbemühungen) der Arbeitgeber zur Weiterbeschäftigung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen auf.

Warum regt sich an den Stammtischen dieses Landes eigentlich niemand über die Arbeitgeber auf, die erkrankte Mitarbeiter nicht im Betrieb halten oder die Invalidenversicherung, die psychisch beeinträchtigen Menschen trotz ärztlichem Rat kaum Eingliederungsmassnahmen anbot und zusprach? Und den Ausländern schon mal gar nicht? Ist das zu komplex für den Stammtisch?

Verschenktes Potential durch Zwang zur «Normalität»

Stigmatisierende Konzepte in der beruflichen Rehabilitation

Ein Artikel von Anna Domingo und Niklas Baer erschienen in «Psychiatrische Praxis» -> vollständiger Artikel als PDF

Auszüge:

(…)Alle, die mit psychisch kranken Menschen arbeiten, wissen, wie oft man sich hilflos, frustriert, verärgert fühlt und wie schwierig es ist, Menschen zu begegnen, die große Fähigkeiten haben und diese wegen ihrer Krankheit nicht umsetzen können. Das Aushalten dieser Tatsache ist enorm anstrengend und oft eben „kaum auszuhalten”. Das „nichtaushalten” dieser Realität kann dazu führen, dass es diese Realität nicht mehr geben darf. (…) Das Verleugnen der Krankheit und deren Folgen ist eine typische Abwehrstrategie, die dazu dienen sollte, den Umgang mit der hoch belastenden Realität psychisch Kranker zu erleichtern.

(…) In der inneren Welt eines psychisch kranken Menschen gibt es andere Prioritäten als Ordnung. Ihr Alltag ist oft mit einer einzelnen Frage besetzt: Wie kann ich meinen psychischen Schmerz etwas lindern? (…) Es ist nicht hilfreich, der intrapsychischen Welt des psychisch Leidenden eine äußere Ordnung und – von psychisch nicht kranken Menschen festgelegte – Normalitätskriterien aufzudrängen.

(…) Die Rehabilitation hat sich jedoch zunehmend erzieherischen Prinzipien angenähert, die zum Ziel haben, die psychisch kranke Person durch pädagogische Interventionen „zu verbessern”. (…) Erfolg bedeutet in der Rehabilitation, normal zu funktionieren und zurückzukehren in den allgemeinen Arbeitsmarkt, in die Welt der Normalen, die ihr Brot selber verdienen. Je nach Rehabilitationseinrichtung schaffen das etwa 70 – 95 % der Klientinnen nicht, und wir wissen im Voraus, dass dieses Ziel unter den heutigen Bedingungen oft nicht erreicht werden kann. Die meisten Menschen, die berufliche Rehabilitation benötigen, sind sehr krank, und viele von ihnen werden nie ein ganzes Pensum arbeiten können. Sie werden jedoch weitertrainiert, um dieses unerreichbare Ziel zu erreichen – die Normalität. Psychisch Behinderte normalisieren zu wollen, beinhaltet eine klare Wertung: Normal sein hat mehr Wert als psychisch krank zu sein. Das ist stigmatisierend.

(…) Ein weiteres Konzept verhindert die Integration psychisch kranker Menschen in der Gesellschaft: Die Überbewertung des Willens. Psychisch kranke Menschen müssten arbeiten wollen und höhere Leistungen bringen wollen, sonst sei eine Eingliederung nicht möglich. Können und wollen werden leicht verwechselt, da die Behinderung des psychisch Kranken nicht äußerlich zu erkennen ist wie bei anderen Behinderungen.(…) Niemand würde einem blinden Jugendlichen sagen, er solle sich mehr Mühe geben, dann werde er wieder besser sehen und normal arbeiten können.

(…) Die Energie, die heute durch einen unerfüllbaren und deshalb resignationsfördernden Normalitätsanspruch gebunden wird, wäre wieder frei. Diese Energie wird dringend benötigt, um die fachliche Weiterentwicklung zu fördern und um die Idee umzusetzen, dass psychisch kranke Menschen viel beitragen können, wenn sie sich unterscheiden dürfen.

Wen würden Sie einstellen?

Die Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation des Kantons Basel-Landschaft hat bei 800 KMU’s in der Region eine Umfrage durchgeführt, in der die Betriebe gebeten wurden, eine Rangliste aus 9 fiktiven Stellenbewerbern zu erstellen. Die Bewerber hatten alle – bis auf einen– eine chronische Krankheit, waren aber laut Arzt dank Behandlung und Medikamenten stabil, 100 Prozent arbeitsfähig und gut qualifiziert. Der neunte Bewerber war gesund, aber im Gegensatz zu den acht Behinderten weder besonders zuverlässig noch besonders leistungs-bereit.

Die Auswertung der Antworten auf die Frage «Wen würden sie einstellen?» ergab folgende Rangliste:

  1. gesund, nicht sehr zuverlässig
  2. Insulinpflichter Diabetes
  3. Rheuma
  4. chronische Darmentzündung
  5. Harnblasenkrebs
  6. Multiple Sklerose
  7. Depression
  8. Schizophrenie
  9. Alkoholabhängigkeit

Das heisst, die KMU ziehen es vor, einen nicht sehr zuverlässigen und nicht sehr leistungsbereiten Gesunden anzustellen, obwohl sie zuvor angegeben hatten, dass Zuverlässigkeit das wichtigste Merkmal bei der Auswahl sei. Und sie würden den chronisch körperlich Kranken klar den Vorzug geben vor psychisch Kranken.*

Und nun setzen wir das Ganze in Relation zur Motion der FDP «IV-Sanierung. Druck muss aufrechterhalten bleiben» in der sie fordert, dass bei Personen mit schwer definierbaren körperlichen oder psychischen Erkrankungen die Leistungen der IV sich auf die Behandlungsqualität und auf die Eingliederungs-massnahmen konzentrieren und eine IV-Rente grundsätzlich nicht ausge-sprochen wird. Und der Bundesrat in seiner Antwort die Annahme der Motion empfiehlt und gleich noch nachdoppelt: «Der Bundesrat hat die Eckwerte der Revision 6b noch nicht festgelegt. Für ihn ist aber bereits jetzt klar, dass angesichts des Auftrages des Parlamentes Massnahmen insbesondere in denjenigen Bereichen unumgänglich sind, in denen die Kosten im Verlaufe der letzten Jahre besonders stark angestiegen sind. Dazu gehören in erster Linie die Berentungen aufgrund der schwer definierbaren psychischen Störungen (Kategorie 646) [Anmerkung der Blogautorin: Das Märchen der angeblich «schwer definierbaren Störungen der Kategorie 646», war zum Zeitpunkt der Motion bereits durch die BSV-Studie «Invalidisierungen aus psychischen Gründen wiederlegt»]. Der Bundesrat wird deshalb Massnahmen zur Reduktion der Anzahl Renten bzw. zur Einschränkung der Rentenanspruchsberechtigung bei dieser Personenkategorie vorschlagen.»

Raus aus der IV – rein in die Wirtschaft. Grossartige Idee, liebe FDP: Aber bevor ihr solche Anträge stellt, bemüht euch doch erstmal in den eigenen Reihen darum, dass die “Wirtschaft” die psychisch Kranken dann auch wirklich anstellen würde. Ansonsten kommt der leise Verdacht auf, dass ihr es gar nicht ernst meint, mit der “Integration” und die Betroffenen einfach mittels der helvetischen Sozialverschiebungsmatrix in die Sozialhilfe abschieben wollt.

*Die obigen Umfrageergebnisse wurden in verschiedenen Vorträgen und Artikeln vorgestellt von Niklas Baer, Leiter Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation, Kantonale Psychiatrische Dienste Basel-Landschaft

Psychisch Behinderte büssen für jahrelange Fehler der IV

Wer die Studie über die «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» selbst gelesen hatte, konnte die dazugehörige Pressemitteilung der IV nur als Hohn bzw. als PR-Glanzleistung des BSV interpretieren, denn darin hiess es unter anderem salbungsvoll, die Stossrichtung der 5. IV-Revision werde durch die Studie bestätigt und die vielen gravierenden Fehler der IV, welche die Studie ebenfalls zu Tage gebracht hatte, liess man elegant unter den Tisch fallen.

Der Beobachter stellt endlich einmal die beachtenswerten Resultate dieser Studie einem breiten Publikum vor und geht dabei mit der IV hart ins Gericht. Unter anderem wird aufgezeigt, dass die IV das übermässige Wachstum bei den IV-Rentern aus psychischen Gründen auch selbst zu verantworten hat: «Bei 40 Prozent der Betroffenen haben die Ärzte zwar berufliche Massnahmen empfohlen, aber nur bei 13 Prozent hat die IV diese auch bewilligt; bei Ausländern sogar nur in drei Prozent der Fälle. Fazit: Die IV selbst hat die hohe Zahl der Rentner mit psychischen Erkrankungen mitverursacht.»

Und weiter:

«Im Klartext heisst das: Früher liess die Invalidenversicherung die psychisch Kranken im Regen stehen, und heute, wo eine Integration fast unmöglich ist, will man ihnen die Rente nehmen.»

Leider stolpert auch der Beobachter über die Komplexität des Themas und illustriert den Artikel mit einer komplett falsch übertitelten Grafik. Aus den in der Studie erhobenen «Vorbelastungen» der IV-RentnerInnen (wie beispielsweise familär psychiatrisch vorbelastete) werden auf einmal Gründe, wieso psychisch Kranke IV bekommen. Dabei stellt die Studie doch gerade fest, dass Renten aus psychischen Gründen aufgrund von Medizinischen bzw. Psychiatrischen Diagnosen verfügt werden. Und eine «familäre Belastung» ist nun mal keine Diagnose – sondern «nur» ein Riskofaktor für eine spätere psychische Erkrankung. Wie ein Kommentar unter dem Beobachterartikel völlig richtig bemerkt: IV-Rente wegen schwerer Kindheit – ein gefundenes Fressen für jeden SVP-Wahlkampfstrategen.

Die Originalgrafik aus der Studie gibt Aufschluss über die wirklichen Gründe für die Berentungen aus psychischen Gründen:

Diagramm - IV aus psychischen Gründen