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Gönnerhafte Almosen

Jahrelang kämpfte der Journalist und Jurist Dominique Strebel gemeinsam mit den Betroffenen für eine Rehabilitierung der sogenannt «administrativ Versorgten».
(Weitere Informationen unter www.administrativ-versorgte.ch)

Nun endlich geht es voran: Der Beobachter berichtet, dass sich Nationalrat und einige Kantone mit der Rehabilitation der administrativ Versorgten befassen. Nicht vorgesehen jedoch ist eine finanzielle Wiedergutmachung. Einzig die Errichtung eines Fonds, der Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in Notlagen helfen soll, wird von verschiedneen Regierungsräten in den Kantonen Bern, Luzern und Basel-Landschaft unterstützt.

Ein «Fall» für einen solchen Fonds wäre dann möglicherweise Hans-Jörg Klauser der in diversen psychiatrischen Anstalten und von 1973 bis 1976 in der Arbeitserziehungsanstalt Kalchrain «versorgt» worden war. Der Beobachter schreibt: «Trotz psychischen Problemen und starken Rückenschmerzen arbeitete er als Wachmann und bezog eine Teilrente der IV. Anfang dieses Jahres wurde dem 58-Jährigen die Rente nun gestrichen – er könne wieder voll arbeiten, war die lapidare Begründung der IV. Den jungen Klauser sperrte der Staat in Anstalten, weshalb er keine Lehre machen konnte. Mit bald 60 schickt derselbe Staat ihn zurück in den Arbeitsmarkt und sagt ihm, er solle trotz psychischen Problemen und Rückenbeschwerden gefälligst weiterarbeiten.»

Aber es gibt ja dann (vielleicht) diesen tollen staatlich finanzierten Unterstützungsfonds, wo Betroffene um Almosen betteln dürfen, weil sie in einer Situation sind, die der Staat selbst mitverschuldet hat. Grossartig. In etwa das selbe Muster wie bei den Behindertenorganisationen, wo man konstatiert, dass «die Beratung, Begleitung und Unterstützung von Menschen mit Behinderung im Jahr 2010 im Schnitt um 14 % gesteigert werden konnte.» Und das deshalb besonders wichtig für die Betroffenen sei, «weil ihnen seitens der Invalidenversicherung (IV) ein deutlich rauherer Wind entgegenbläst: Leistungskürzungen und Rentenstreichungen sind an der Tagesordnung. Oft ist die Beratung und Unterstützung durch die private Behindertenhilfe der einzige Ausweg aus existentiellen Notlagen.» (Aus der Medienmitteilung der Pro Infirmis zum «positiven Jahresabschluss»).

Auch der Schweizer Paraplegikerverband hatte ja verlauten lassen: «Bereits unter der heutigen strengeren IV-Gesetzgebung verzeichnet die Schweizer Paraplegiker-Stiftung im ersten Halbjahr 2010 eine Zunahme der Unterstützungsgesuche von 62%».

Weder Pro Infirmis, noch SPV befanden es aber für notwenig, gegen die IV-Revision 6a das Referendum zu ergreifen.

Man könnte fast den Eindruck bekommen, es liege im Interesse der Behindertenorganisationen, dass es den Betroffenen möglichst schlecht ginge, damit sie noch einige (selbstverständlich nichtbehinderte) JuristInnen, Psychologen und Sachbearbeiterinnen einstellen und ihr «Beratungsvolumen» steigern können. Das Ziel einer Behindertenorganisation scheint irgendwie nicht darin zu liegen, sich irgendwann selbst (mehr oder minder) überflüssig zu machen – oder zumindest immer weiter redimensioniert zu werden – weil man sich nachhaltig für die gesetzlichen Grundlagen zugunsten von Menschen mit Behinderungen eingesetzt hat, sondern sich die eigene Klientel möglichst abhängig, unselbstständig und beratungsbedürftig zu halten.

Auf dass man als wohltätige Organisation weiterhin Almosen an die Bedürftigen verteilen kann und möglichst viele Arbeitsplätze für Gesunde sichert, die sich dann auch noch gut fühlen dürfen, weil sie ja was Gutes tun für die «armen Behinderten».

Man ist fast versucht zu sagen: Schafft die Behindertenorganisationen ab und gebt das Geld (das ja zu grossen Teilen vom BSV kommt) stattdessen direkt den Betroffenen. Genau so sollte es auch bei den administrativ Versorgten sein. (Stichwort «finanzielle Wiedergutmachung»). Dass Betroffene um Almosen betteln müssen, ist (ein weiteres Mal) degradierend und unwürdig.

Pro Infirmis Spot: Kommen Sie näher

Jung von Matt/Limmat hat den obigen Spot für Pro Infirmis produziert. An sich eine schöne Sache. Auch wenn man sich die kreative Leistung daran wahr- scheinlich etwa so vorstellen darf: «Was waren nochmal die richtig guten Awareness-Kampagnen der letzten Jahre…? Da gab’s doch 2007 Gold an den New York Festivals Advertising Awards für den Aids-Spot von BETC Euro RSCG in Paris. Machen wir doch einfach sowas ähnliches.»

 

Nachtrag: Und dann war da noch der Spot von Florian Meimberg mit einem «verblüffend ähnlichen» Plot:

Das seltsame Verständnis von Pro Infirmis für Gleichstellung

In Deutschland sieht man die Sache folgendermassen: «Ein Behinderten-parkplatz ist eine spezielle Parkmöglichkeit für behinderte Menschen. Er ist eine (von vielen) Massnahmen zum Ausgleich von Nachteilen, die Behinderte haben». Die spezielle Parkkarte für Behindertenparkplätze erlaubt auch das Parkieren auf normalen Parkplätzen – und zwar umsonst.

In Aarau sieht man es folgendermassen: «Wer als Behinderter länger als 2,5 Stunden parkieren will (Parkzeitbegrenzung auf Behindertenparkplätzen in Aarau, in Deutschland sind es 24 Stunden), soll gefälligst die öffentlichen Parkplätze benutzen und dafür bezahlen. Dieser Meinung sind nicht nur das aargauische Stadtbauamt und die Stadtpolizei sondern auch der Sprecher von Pro Infirmis Mark Zumbühl, der von der Aargauer Zeitung folgendermassen zitiert wird: «Man kann als behinderter Mensch nicht erwarten, dass man nichts zahlt für einen Parkplatz. Das wäre nicht zu Ende gedachte Gleichstellung. Falls es aber die finanzielle Situation eines Rollstuhlfahrers nicht zulassen würde, einen Parkplatz zu bezahlen, müsste er bei einer zuständigen Stelle Erlass beantragen.»

Man könnte ja nun annehmen hoffen, dass es bei der Pro Infirmis auch den einen oder anderen Rollstuhlfahrer unter den Mitarbeitenden oder in der Geschäftsleitung gibt, der Herr Zumbühl mal erklären könnte, worin der tiefere Sinn von speziellen Behindertenparkplätzen liegt. Dass nämlich Rollstuhl-fahrerInnen zum Ein- und Aussteigen eine Türbreite Abstand zur Wand, zum Bordstein oder zum nächsten Auto benötigen und Behindertenparkplätze deshalb in der Regel breiter sind als reguläre Abstellplätze. Und dass Geh- behinderte oder Rollstuhlfahrer oftmals nicht einfach beliebig weite Distanzen zurücklegen können.

Ausserdem scheint es Herr Zumbühl offenbar auch nicht bekannt zu sein, dass der öffentliche Verkehr in der Schweiz noch alles andere als barrierefrei ist. Mobilitäts-Behinderte also nicht frei entscheiden können, ob sie nun lieber mit dem Bus oder dem Auto in die Stadt fahren möchten.

Und und zu guter Letzt vervollständigt der Hinweis, dass «Behinderte, die sich den Parkpatz eben nicht leisten können, doch bei den zuständigen Stellen um Erlasse bitten betteln sollen» mal wieder das von der pro Infirmis zur Spenden-generierung fleissig bewirtschaftete Bild der armen unselbständigen Behin-derten als Bittsteller und Almosenempfänger.

Hallo, Pro Infirmis? Diese parternalistische Haltung Behinderten gegenüber ist einfach nicht mehr angebracht. Wir sind nicht mehr im 19. sondern mittlerweile im 21. Jahrhundert. Einfach so als Hinweis, falls das irgendwie an den Büros der Pro Infirmis vorbeigegangen sein sollte…

Und eigentlich dachte ich, dass Behindertenorganisationen dazu da sind, sich für die Belange von Behinderten einzusetzen und nicht, sich gegen die Betroffenen zu wenden.

Oder hat da die Aargauer Zeitung in ihrem Artikel über den Rollstuhlfahrer Nicolas Hausammann und die Aargauer Behindertenparkplatzpolitik den Pro Infirmis-Sprecher Mark Zumbühl einfach nur falsch zitiert?

Wollen wir’s mal hoffen.

30. Oktober 2010 · 14 Uhr · Bundesplatz – Demo für eine solidarische Invalidenversicherung

Regelmässigen LeserInnen dieses Blogs brauche ich nicht mehr zu erklären, warum eine Kundgebung gegen die Abbaumassnahmen bei der Invalidenversicherung wichtig und richtig ist. Den allermeisten sogenannten Behindertenorganisationen in diesem Land allerdings müsste man das ganz offensichtlich doch noch mal genauer erklären.

Oder aber man würde sich zumindest eine offizielle Stellungnahme beispielsweise einer Pro Infirmis wünschen, warum ausgerechnet die (laut Eigenwerbung) «grösste Fachorganisation für behinderte Menschen in der Schweiz» eine Demo gegen die Abbaumassnahmen bei der Invalidenver-sicherung nicht nur für nicht unterstützungswürdig, sondern nicht mal für auf der Website erwähnenswert hält.

Eine solche Erklärung würde ich wirklich gerne mal lesen. Was schreibt man denn da als Pro-Infirmis PR-Mensch so? Vielleicht: «Pro Infirmis als grösste Fachorganisation für behinderte Menschen in der Schweiz konzentriert sich lieber auf ihr Kerngeschäft, mittels der erniedrigenden Abbildung von Behinderten auf Plakaten und Bettelbriefen das Klischee des hilflosen Behinderten weiterhin zu festigen und damit die Löhne ihrer gesunden Angestellten zu sichern?» Naja, war ja nur ein Versuch…

Nachtrag 21. Oktober 2010: Pro Infirmis macht auf ihrer Website mittlerweile auch auf die Demo aufmerksam.

Pro Mente Sana will zwar auch nicht auf der offiziellen Demo-Website als unterstützende Organisation der Demo aufgeführt werden, ruft aber immerhin auf der eigenen Website höflich (sic!) dazu auf, an der Demo teilzunehmen – dies jedoch mit überdeutlicher Distanzierung zu den Veranstaltern, die laut PMS «v.a. die Interessen von Unfall- und Schleudertrauma-Opfern vertreten würden».

Am Beispiel von Pro Mente Sana sehen wir klar die Problematik im schweizerischen Behindertenwesen: Es kann nicht einfach irgendeine Vereinigung daherkommen und sagen: «Jetzt reichts, am 30. Oktober gibt es eine Demo für eine solidarische Invalidenversicherung auf dem Bundesplatz. Wer macht mit?

Nein, nein, so geht das nicht. Da fühlen sich alle erstmal betüpft, übergangen oder sind sonstwie eingeschnappt. Kommt dazu: praktisch jede Behinderten-organisation in der Schweiz erhält finanzielle Beiträge von der Invaliden-versicherung – im Falle der Pro Infirmis beispielsweise sind das mehrere Millionen Schweizer Franken im Jahr – nun beisst man eben nicht so gerne die Hand, die einem füttert – nämlich die Invalidenversicherung. Und die Invalidenversicherung füttert die gesunden Mitarbeiter bei den Behinderten-organisationen ganz gut. (Pro Infirmis bezahlte 2009 beispielsweise 1’254’286.- an seine sechs Geschäftsleitungsmitglieder).

Viele Organisationen (was insbesondere gerade bei einer Pro Mente Sana doch sehr erstaunt) tun dann auch noch so, als ob das Thema «Sparmassnahmen bei der Invalidenversicherung» ihre Klientel ja eigentlich gar nicht betreffen würde.

Da fragt man sich dann auch hier wieder: Wieviele Stellen bei der Pro Mente Sana existieren überhaupt nur, weil Menschen mit psychischen Problemen aufgrund der harschen IV-Politik rechtlich und psychosozial betreut und beraten werden müssen?

Bei Procap ist unter «News» kein Hinweis auf die Demo zu finden. Dafür dies hier: «Jede Münze zählt!» – Praktische Solidarität für Menschen mit Behinderung – Wer aus den Ferien zurückkehrt, bringt oft auch eine Hand voll übrig gebliebenes Feriengeld in ausländischer Währung mit. Dieses Geld kann aber oft nicht zurückgewechselt werden und liegt nutzlos herum. Procap, die grösste Mitgliederorganisation von und für Menschen mit Handicap, bietet (…) eine Möglichkeit an, wie solches Restgeld für einen guten Zweck eingesetzt werden kann.»

Unter «Solidarität» versteht man bei Procap also kein gemeinsames demonstrieren, sondern «nutzlos herumliegendes Geld mit dem grossartigen Gefühl der Wohltätigkeit an nutzlose Menschen äh… arme Behinderte zu spenden.»

Nachtrag 15. 10. 2010 zu Procap: Procap hat sich in den Kommentaren zu Wort gemeldet und ruft auf Ihrer Website nun offiziell und gut sichtbar zur Demo auf.

Hoffen wir, diesem guten Beispiel werden noch viele weitere Organisationen folgen und diese Liste der unterstützenden Organisationen verlängern:

Weitere Informationen zur Demo auf der offiziellen Website: zaemestah.ch

Die IV macht gute Arbeit – aber niemand merkt es?

Urs Dettling ist stv. Direktor bei Pro Infirmis und schreibt abwechslungsweise mit Nationalrätin Jasmin Hutter (SVP) in einem Blog bei der NZZ über die geplante Zusatzfinanzierung der Invalidenversicherung, über die wir am 27. September abstimmen werden. Seine bisherigen Voten waren nicht eben überzeugend, aber der neuste Eintrag von Herr Dettling bringt mich wirklich zum weinen: Ganz der Tradition der Institution folgend, für die er tätig ist, versucht er Jasmin Hutters üblichem SVP-Missbrauchs-Gerede mit einem herzerweichenden Appell zu begegnen, dass «die IV vielen Menschen mit einer Behinderung Chancen vermittle und deren Integration fördere» und die Negativ-Werbung der SVP nur deshalb so erfolgreich sei, weil die IV es bisher versäumt habe, positive Werbung für sich zu machen mit all dem, was sie für die behinderten Menschen tue.

Die Leistungen der IV seien einfach zu wenig bekannt, schreibt Herr Dettling, obwohl es doch in beinahe jeder Famile irgend einen Onkel oder Cousin gebe, der auf die Invalidenversicherung angewiesen sei.

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300’000 IV-Rentner und die unzähligen weiteren Bezüger von Leistungen wie Hilfsmitteln, Umschulungen werden von der IV angeblich formidabel unterstützt und trotzdem schafft es die SVP, die IV in ein so schiefes Licht zu rücken…?

Und das liegt nur daran, dass IV keine Werbung mit ihren Wohltaten macht?

Dürfen wir nun auch von der IV noch paar mitleiderregende Plakate im Stil der pro Infirmis zur Imgeförderung erwarten? Ein neues Logo? Schön designte Geschäftspapiere?

Ich schlage vor; die IV spart sich die teure PR-Beratungsfirma und veranstaltet stattdessen regelmässig bezahlte Workshops mit wirklichen Fachleuten – ihren Klienten – fragt nach Zufriedenheit, Wünschen und Verbesserungsmöglich-keiten und lässt diese Anregungen in ihre tägliche Arbeit einfliessen. Das würde mit Sicherheit schon einges am negativen Image der IV ändern.