Die Gefühlswelt eines Mülleimers

Da schreibt man kürzlich, es wäre höchste Zeit für eine Kampagne für Prävention/gegen Stigmatisierung psychischer Krankheiten und erwähnt noch nebenbei die ohne-Dings-kein-Bums-Kampagne. Und was kriegt man postwendend? Die Zuger Sensibilisierungs-Kampagne «Psyche krank? Kein Tabu!» an deren Konzeption auch die ohne-Dings-kein-Bums-Werber mitbeteiligt waren.

Im Folgenden einige Kampagnen-Sujets (weitere hier) im vorgesehenen Anwendungsbereich, nebenstehend jeweils der zugehörige Text in Vergrösserung:

boden

plakat

bier

abfall

Psychisch kranke Menschen mit Bierdeckeln, schiefen Plakaten und dreckigen Mülleimern vergleichen. Wie originell. Und so witzig.

Mal eine ernsthafte Frage an die Werber: Was nehmt ihr eigentlich für Drogen?
Und sieht damit auch lila auf einmal echt sexy aus? (Lila ist eine der unbeliebtesten Farben überhaupt. Schon mal ein lilafarbenes Auto gesehen? Eben)

Und für die allerlustigste Version «Ich fühle mich beschissen – Bei Toiletten kann das sein. Bei Menschen auch» waren’s dann doch nicht genug Drogen oder wie? Ach ihr hättet ja schon… aber die Auftraggeber hatten Bedenken (Ich wünschte, die hätten tatsächlich Bedenken gehabt) Und jetzt heult ihr, weil ihr mit dieser orginellen Idee (Kleber auf öffentlichen Toiletten!) bestimmt zu den Werbern des Jahres gekürt worden wärt….? [Anmerkung: Die letzten Zeilen ich mir jetzt einfach mal so ausgedacht].

Wie auch immer, man hielt die Idee offenbar für umwerfend - völlig ungeachtet dessen, dass psychisch Erkrankte mit einer geballten Ladung ausschliesslich negativer Aussagen («Durchhängen», «Am Boden sein», «Tiefpunkt» «Schräg drauf sein») in Verbindung zu bringen und als Nonplusultra «Mir geht’s dreckig» auf einem Abfalleimer (Wtf?!) zu platzieren antistigmatisierungs-technisch hochgradig kontraproduktiv ist. Aber wen kümmert das schon. (Ich dachte eigentlich, Antistigmatisierung wäre die Grundaufgabe solcher Kampagnen…?)

Mal zum Vergleich: Bei der Insieme hat man das mit den «lustigen Sprüchen» immerhin einigermassen gut hingekriegt. Zwar ist «Sprung in der Schüssel» auch ein negativ konnotiertes Attribut  – und man kann wahrlich drüber diskutieren, ob das nun wirklich glücklich gewählt ist – Nichtsdestotrotz wird im Gesamtzusammenhang von Bild, Text und Darstellung ein spürbares Selbstvertrauen der Betroffenen vermittelt (Geistig behindert? So what!):

insieme

Eine geistige Behinderung ist natürlich was grundlegend anderes als eine psychische Erkrankung (Zur Erinnerung: geistige Behinderung IQ < 70; Psychische Erkankung = kein Einfluss auf den IQ) Trotzdem: Warum kann oder will man Informationen über psychische Krankheiten in der Schweiz nicht selbstbewusst und positiv kommunizieren? Dass das möglich ist, zeigte die schottische Kampagne «See me»:

boss

teen
Eine psychische Erkrankung macht nur einen Teil eines Menschen aus, nicht den ganzen Menschen. Einem Krebspatienten in der Chemo geht’s auch dreckig. Trotzdem käme man bei der Krebsliga bzw. deren Werbeagentur wohl kaum auf die Idee, Krebspatienten mit Abfall/Dreck in Verbindung zu bringen.

Warum ich eigentlich immer meckern muss? Weil es mich ärgert, wieviel im Sozialbereich als «gut gemeint» durchschlüpfen darf, obwohl es einfach schlecht gemacht, nicht zu Ende gedacht und schlussendlich kontraproduktiv ist.

Könnte bei der nächsten Kampagne psychische Krankheiten betreffend bitte drauf geachtet werden, dass endlich mal eine ordentliche Portion «positive Grundstimmung» und «Selbstwert von und für die Betroffenen» vermittelt wird? Nach dem jahrelangen Scheininvalidengeplärr (und dem damit einhergehenden Lächerlichmachen und Verleugnen psychischer Krankheiten) ist das nämlich bitter nötig. Aber für diesen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang hat die nötige Sensibilität hier offenbar  – einmal mehr – gefehlt.

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Nachtrag 20. Agust 2013: Natürlich habe ich das alles total falsch verstanden und die Idee ist «richtig kreativ» – Sagt jedenfalls die Werberselbstbeweihräucherungsplattform: «Doch weil den Menschen das Reden so schwer fällt, brauchte es die “richtige kreative Idee”: Gegenstände, die keine Scham kennen, sollen es vormachen und nennen ihre Probleme offen und ehrlich beim Namen(…)»

Ach so: Sprechende Mülleimer, die keine Scham kennen, als Vorbilder für die psychisch Kranken. Ja das macht’s natürlich viel besser.

Und dann noch bei HR Today: «Psyche krank? Kein Tabu!» sei eine «mutige Kampagne», sagte der Zuger Gesundheitsdirektor Urs Hürlimann (FDP). Die Plakataktion habe schon vor dem Start erzürnte Reaktionen ausgelöst – vor allem die Kleber an den Abfallkübeln. Das zeige, dass das Thema psychische Erkrankungen ein höchst sensibler Bereich sei.

Bitte mal eine Abfalleimer-Aktion mit Krebspatienten (oder MS, Paraplegie oder Down-Syndrom – sucht Euch was aus) durchführen und die geharnischten Reaktionen aus der Bevölkerung beobachten. Dann reden wir nochmal über «sensible Bereiche».

See me – I’m a person not a label

Plakate aus der mehrjährigen Schottischen Kampagne «see me» gegen Stigmatisierung, Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Great.

Davon ist die Schweiz noch Lichtjahre entfernt. Hierzulande hat man noch nicht begriffen, dass Arbeitsintegration nicht ohne soziale Integration funktioniert. Solange Menschen mit psychischen Erkrankungen von einem Grossteil der Schweizer Bevölkerung ausgegrenzt, stigmatisiert und nicht als Mitarbeiter oder Arbeitskollegen akzeptiert werden, braucht man sich auch nicht wundern, wenn die Betroffenen aus der Arbeitswelt herausfallen.