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Herr Ott fällt durch die Maschen

Die Rundschau berichtete vor zwei Tagen über den Lastwagenfahrer Gerhard Ott. Herr Ott ist an einer reaktiven Depression* erkrankt und laut seinem Arzt zu 100% arbeitsunfähig. Die CSS-Taggeld-Versicherung will nicht zahlen, denn laut deren Gutachten (Versicherungsgutachten. Aha.**) ist Herr Ott zu 100% arbeitsfähig, weil zu seiner Depression  v.a. soziale Faktoren (soziale Faktoren. Soso.**) beigetragen hätten und versichert wäre eben nur ein Burnout aus medizinischen Gründen (Ja, die Argumentation ist komplett verrückt, aber Argumentationen von Versicherungen müssen auch keinen Sinn ergeben). Der Arbeitgeber will nun den Lohn nicht weiter bezahlen und kündet Herrn Ott. Die Arbeitslosenversicherung, die will auch nicht zahlen, denn Herr Ott ist ja laut seinem Arzt zu 100% arbeitsunfähig und deshalb nicht vermittelbar.

Bleibt die Sozialhilfe. Doch die will, dass Herr Ott «zackig» – wie der FDP-Gemeinderat Herr Bhend betont – seinen Leasingvertrag fürs Auto und die um 30 Franken zu teure Wohnung kündet. Dies, obwohl absehbar ist, dass Herr Otts Zustand nur vorübergehend ist. Aber, so Herr Bhend, es sei schliesslich die Aufgabe der Sozialbehörde, dem Klienten «klar zu zeigen, wo seine Grenzen liegen».

Man würd’s ja gerne als Realsatire abtun. Aber das vielgerühmte «ausgezeichnete soziale Netz der Schweiz» hat mittlerweile grosse Löcher, die immer mehr Menschen schmerzhaft zu spüren bekommen. Doch schliesslich – so der Herr vom Arbeitsamt Aargau – mache die jeweilige Sachbearbeiterin nur ihren Job, es sei nicht ihre Aufgabe, sich über die Konsequenzen ihres Entscheides (der sich – natürlich – an Richtlinien halte) Gedanken zu machen.

Bleibt die Frage, an wem es denn nun ist, sich Gedanken zu machen, wenn alle Beteiligten «nach bestem Wissen und Gewissen nur ihren Job machen»?

Rundschaubeitrag online gucken

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*Muss man jetzt einfach mal sagen: ein «Burnout» ist keine medizinische Diagnose, auch wenn der Ausdruck von den Medien gern benutzt wird.

** Der Tag, an dem die erste Versicherung sich weigern wird, die Heilbehandlung für einen Herzinfarkt zu übernehmen, weil die Versicherungsgutachter festgestellt haben, dass der Herzinfarkt «mit überwiegender Wahrscheinlichkeit durch soziale Faktoren mitverursacht wurde» dürfte nicht in allzuferner Zukunft liegen. Dann wird dem einen oder anderen vielleicht einmal aufgehen, wie es wirklich um die vom Herrn von der CSS angesprochene «Verantwortung gegenüber den Versicherten» aussieht. Aber bis dahin rühmen wir uns noch ausgiebig unseres ausgezeichneten sozialen Netzes.

Ausländer stützen unsere Sozialwerke

Vor der Ausschaffungsinitiative stellte SVP-Nationalrätin Nathalie Rickli propagandamässig munter die Sozialhilfe- und IV-Bezugs(nicht Betrugs!)quote von Ausländern auf die selbe Stufe wie Schwerverbrechen.

Und keiner hat sich je berufen gefühlt, sich dazu kritisch in der Öffentlichkeit zu äussern – und nun just einen Tag nach der Abstimmung sendet das Wirtschafts-magazin ECO einen Beitrag der aufzeigt, dass die Ausländer in der Schweiz insgesamt mehr Beiträge in die Sozialversicherungen AHV und IV einzahlen (26,7 Prozent), als sie Leistungen (17,9 Prozent) daraus beziehen. Inbesondere bei der AHV ist der Unterschied frappant, doch auch bei der IV bezahlen Ausländer 26,7 Prozent und beziehen nur 25,6 Prozent der Leistungen.

Mich würde ja wirklich mal interessieren, wer in der ECO-Redaktion sich dermassen vor dem Vorwurf der «Linken Propaganda» gefürchtet hat, dass man sich nicht getraut hat, diesen Beitrag vor der Abstimmung zu senden. Das sind ja wohl keine ach so neuen Erkenntnisse, die man nicht auch schon vorher in Erfahrung hätte bringen können – insbesondere das (nicht besonders überzeugende) Interview mit BSV-Chef Yves Rossier bringt nichts Neues ans Licht, dass man nicht schon lange vorher gewusst hätte: Ja es gibt Betrug, er ist aber minimal, und wir kontrollieren die IV-Anträge von Türken und Jugoslawen viel stärker als andere, weil sie eine erhöhte Bezugs- (nicht Betrugs)quote aufweisen und konnten dadurch deren Anteil bei den Neurenten schon massiv senken. Bitte wie? Dazu gab’s doch eine BSV-Studie, die genau die Gründe aufzeigt, warum die Quote bei diesen Gruppen höher ist (niedriger qualifiziert, oft schwere körperliche Arbeit ect.?) und trotzdem hält es Rossier nicht für notwendig, die Resultate dieser Studie zu erwähnen, sondern sagt einfach: wir lösen das Problem, indem wir Jugoslawen und Türken bei der Renten-zusprechung strenger behandeln als alle anderen…?

Auch der einführende Beitrag, der Betrugsvorwürfe aufgreift, wiederholt mal wieder die Mär von den angeblich 550’000 Franken um die der Arzt aus Pristina die IV betrogen haben soll (60’000 Franken waren das).

Und noch ein kleines Detail am Rande: Anfang November wurde der Presse eine erfolgreiche Betrugsbekämpfung mit 240 Betrügern präsentiert. Im Eco-Beitrag spricht man nun von 180 gestrichenen Renten… heisst wahrscheinlich, dass bei 60 Fällen der Betrug schon bei der Anmeldung aufflog, die Betrüger also gar nie IV-Bezüger waren – ergo von den IV-Beziehenden ein noch kleinerer Ansatz wirkliche Betrüger sind, als mit der Aussage «240 IV-Betrüger» suggeriert wurde. Aber mit der Eins vornedran hätte das ja noch kümmerlicher ausgesehen… Edit, 30. November 2010: Titus und Cristiano Safado haben mich in den Kommentaren darauf aufmerksam gemacht, dass die Aufhebung von 180 Vollrenten bereits in der Pressemitteilung zur Betrugsbekämpfung erwähnt wurde. Mea culpa.

Grad entdeckt: Titus von der Augenreiberei schreibt auch über den ECO-Beitrag und meint völlig zurecht: «Der Anteil an Beiträgen an die AHV/IV seitens ausländischer Bevölkerung hat eigentlich nichts mit Betrugsfällen zu tun. Warum in diesem Beitrag ein Link zu einem Betrugsfall gemacht und dann die Schlussfolgerung gezogen wird, dass die ausländische Bevölkerung trotzdem mehr einbringe als brauche, ist unerklärlich.»

Sternstunde Philosophie «Verbrechen, Schuld und Strafe»

Neulich habe ich darüber nachgedacht, dass es mir noch nie in den Sinn gekommen ist, etwas zu stehlen. Und dann habe ich mich gefragt, ob ich stolz darauf sein kann, dass mir ganz generell noch nie in den Sinn gekommen ist, eine Straftat zu begehen.

«Aber was kann man denn dafür, dass sich gewisse Gedanken noch nie in den eigenen Kopf verirrrt haben? Ist das eine Leistung?» dachte ich weiter… Effektiv stolz, nie etwas gestohlen (oder ein sonstiges Delikt oder Verbrechen begangen zu haben) könnte ich ja eigentlich nur sein, wenn ich überhaupt je darüber nachgedacht hätte und mich dann bewusst dagegen entschieden hätte. Aber auch dann könnte ich ja auch nicht wirklich stolz darauf sein, denn was könnte ich denn dafür, dass ich die Möglichkeit habe (oder hätte) mich bewusst gegen eine Straftat zu entscheiden?

Wer wirklich eine Straftat begeht, hat ja diese Möglichkeit offenbar nicht, sich bewusst dagegen zu entscheiden, ansonsten würde er es ja tun.

Also kann ich auch nicht stolz darauf sein, niemals eine Straftat begangen zu haben, weil ich ja nichts dafür kann, dass ich noch nie in die Situation gekommen bin, wo ich keine andere Möglichkeit gesehen hätte, als eine Straftat zu begehen.

Einige Tage nach diesem Gedankengang stiess ich auf die Sternstunde Philosophie zum ebendiesem Thema: «Verbrechen, Schuld und Strafe»

Der Strafrechtler und Rechtsphilosoph Reinhard Merkel im Gespräch mit Barbara Bleisch.

«Strafe muss sein», sagen wir leichthin, wenn sich jemand etwas zu Schulden kommen lässt. Doch welche Strafe muss sein? Oder mehr noch: Welche Strafe ist gerecht? Diese Frage wird in der Rechtsphilosophie seit Jahrtausenden kontrovers diskutiert. Die meisten gehen davon aus, Strafe diene dem Tilgen einer Schuld. Doch gesetzt der Fall, wir sind gefangen in unseren neuronalen Impulsen und genetischen Veranlagungen, welche Konzepte von Schuld und Strafe sind dann angemessen? Sind Strafen somit nichts anderes als Abschreckungsmanöver für andere Verbrecher? Oder dienen Strafen – wie etwa der Begriff der ‚Verwahrung’ anklingen lässt – allein dem Schutz der Bevölkerung?

Insgesamt ein sehr spannendes Gespräch. An einer Stelle allerdings redet der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel mit solch überschwänglicher und kritikloser Begeisterung von den «bald greifbaren» Möglichkeiten, als gefährlich eingestufte Straftäter mittels operativen Eingriffen im Gehirn «zu heilen», dass einem doch ein bisschen ungemütlich zumute wird beim Zuhören. Mir zumindest. Solche Entwicklungen, so wunderbar sie auf den ersten Blick scheinen mögen, haben immer eine dunkle Kehrseite. Insgesamt aber auf jeden Fall ein sehenswertes Interview mit vielen Denkanstössen.

SF DRS – «Psyche am Abgrund»

Gestern gab SF DRS in der Sendung Reporter einen Einblick in den Alltag von vier Menschen in der psychiatrischen Klinik Königsfelden. (-> Sendung online bei SF DRS anschauen).

Wie auch der Tagesanzeiger schreibt, reicht die 25 Minuten dauernde Sendung bei weitem nicht aus, um den Geschichten der einzelnen Protagonisten gerecht zu werden und sie wirklich zu verstehen. Vordergründig haben fast alle ein Suchtproblem: Alkohol, Drogen oder Tabletten. Nur wer genau hinhört, merkt, dass alle damit versuchen, Gefühle zu unterdrücken – man kann nur erahnen, was Iris als 14-jähriges Mädchen erlebt haben muss oder wie Beats Kindheit von der Erkrankung und dem Suizid seiner Mutter überschattet wurde.

Wer aber beispielsweise seit vielen Jahren jegliche Gefühle mit Tabletten unterdrückt, wird nicht innerhalb weniger Wochen und nach einem neuen Haarschnitt auf einmal damit klarkommen, sich selbst und die Welt nun nicht mehr Benzodiazepin-gedämpft wahrzunehmen. Natürlich möchte der Zuschauer mit einem wohligen «alles wird gut» Gefühl aus der Sendung entlassen werden.

Aber man könnte sich vielleicht auch mal fragen, warum es in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen gibt, die ihre Gefühle mit Alkohol, Drogen und Tabletten unterdrücken. Warum heutzutage sogar bei Trauerfällen Antidepressiva verschrieben werden, wie Psychiater Daniel Hell im Tagesanzeiger-Interview aufzeigt: «Ärzte geben oft Antidepressiva,wenn es gar nicht nötig wäre».

Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen ist eine normale menschliche Reaktion. Ebenso ist es normal, das die Psyche durch andere schwerwiegende Lebensereignisse erschüttert wird. Nicht normal wäre es, wenn wir, die wir eben Menschen und keine Maschinen sind, durch solche Dinge nicht erschüttert oder zuweilen aus der Bahn geworfen würden. Krank ist aber vor allem, dass unsere Gesellschaft diese Reaktionen immer weniger zulässt.

Bei allen Portraitierten ist ersichtlich, dass sie ihre Problematiken schon sehr lange mit sich herumtragen. Die Sucht ist dabei nicht das Hauptproblem. Von aussen mag das vielleicht so erscheinen, wie das Gespräch zwischen Stefan und seiner Schwester exemplarisch aufzeigt (für sie ist es zentral, dass er seine «Sucht» in den Griff bekommt, dann ist er aus ihrer Sicht «geheilt«). Für die Betroffenen ist die Sucht aber schlicht eine Problemlösungsstrategie mit schwierigen oder schmerzhaften Gefühlen umzugehen. Und solange sie damit nicht unangenehm auffallen (zb bei Tablettensucht) ist das eine von der Gesellschaft durchaus «anerkannte» Problemlösungsstrategie. Hauptsache, die Menschen «funktionieren». Bis sie es dann eben irgendwann nicht mehr tun.

Entzug ist dann das eine. Einen neuen, anderen Umgang mit Schmerz, Ängsten, Aggression oder Trauer zu finden, ein ganz anderer und viel länger dauernder Prozess, der wohl auch nur sehr schwer im Rahmen einer Fernsehsendung vermittelt werden kann.

Der Club: Platzhirsche ohne Schleudertrauma

Thema gestern im Club von SF DRS: Schleudertrauma – alles nur Einbildung? Wer sich den in Christoph-Mörgelischer Manier süffisant grinsenden Rechtsprofessor Erwin Murer und seinen nicht minder überheblichen Compagnon Rechtsanwalt Rolf P. Steinegger von der «Versicherer gegen Scheinschleudertraumpatienten-Front» antun mag: Club online ansehen.

Die ganze Konstellation ist vor allem auf der Metaebene interessant. Wer wird eingeladen und auf welche Seite gesetzt? Warum wird beispielsweise der einzige Arzt in der Runde auf Seite derjenigen plaziert, die behaupten, «es gäbe gar kein Schleudertrauma»?

Warum sitzt auf Seiten der Betroffenen keiner, der sich ebenso geschliffen und arrogant ausdrücken kann wie die Herren Murer und Steinegger? Zufall, dass auf «Opferseite» schon wieder zwei Frauen sitzen, auf Gegnerseite aber keine? (Diese Geschlechterverteilung ist im Club immer wieder augenfällig, prominentes Beispiel war die Ausgabe vom 5. Januar 2010 «Arm in der reichen Schweiz – ein Luxusproblem?» Wo zwei sozialhilfebeziehende Frauen eingeladen wurden, die sich dann von den Anzugherren in den leitenden Positionen die Welt erklären lassen mussten (Die da waren: Hugo Fasel, Direktor Caritas Schweiz, Thomas Daum, Direktor Schweizerischer Arbeitgeberverband, Toni Bortoluzzi, Schreinermeister, Sozialpolitiker im Nationalrat SVP/ZH und Rolf Maegli, Leiter Sozialhilfe Basel-Stadt, Vizepräsident Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS).

Der Club gab gestern metaebenenmässig Auskunft, als dass sich die beiden älteren Herren einfach selbst extrem gut gefallen zu scheinen in ihrer Rolle als heroische Kämpfer gegen die angeblichen Schein-Schleudertraumapatienten.

Um die Menschen (und das sollten sich alle Opfer der ganzen verirrten Sozialpolitik immer wieder bewusst vor Augen halten) geht es hier doch gar nicht. Es geht um die Egos der Anzugträger. Bezeichnend war, als der Arzt Andreas Siegenthaler verschiedene Risikogruppen für chronische Schmerzen aufzählte: «Menschen mit Migrationshintergrund, fehlender Ausbildung, niedrigem sozialen Status…»- und dann zur betroffenen Anwältin Frau Bono gewandt: «Äh ja, das alles trifft ja in ihrem Fall nicht zu…»

Schöner hätte man (wenn auch unfreiwilligerweise) nicht aufzeigen könne, dass jeder Fall einzigartig ist und man kranke Menschen eben nicht in Kategorien stecken kann, wie das die Politik noch so gerne macht – von wegen: alles niedrigqualifizierte Simulanten mit Migrationshintergrund…

Aber darum ging’s ja (inoffiziell) auch gar nicht, sondern um männliche Egos mit übersteigertem Geltungsdrang. Fehlte eigentlich nur noch der Bundesrichter Ulrich Meyer um die Antischleudertrauma-Gang komplett zu machen.

Irgendwie wären diese Herren ja niedlich zu beobachten in ihrem wichtigtuerischen Platzhirschgebaren, wenn sie sich dabei nur ein anderes Thema ausgesucht hätten. Hat denen eigentlich im Kindergarten nie jemand beigebracht, dass sich nur Feiglinge mit Minderwertigkeitskomplexen Schwächere als Gegner aussuchen?