Misstrauen und Beweisfetischischmus sind kontraproduktiv

Eigentlich ist es ganz einfach: Wer permanent beweisen muss, dass er krank ist, kann nicht gesunden. Wer sich verstecken und selbst beschneiden muss, kann sich persönlich und beruflich nicht weiter entwickeln und entfalten. Beides (gesünder werden und beruflicher Fortschritt) wäre an sich gesellschaftlich erwünscht, aber eben doch nicht zu sehr, denn Betroffenen wird ein schier unmöglicher Spagat abverlangt:

Letztlich müssen die betroffenen Personen im Rahmen ihrer Identitätsarbeit einen Mittelweg finden. Sie müssen sich als angemessen «behindert» darstellen, um den Erwartungen der IV-Stellen gerecht zu werden und in der Öffentlichkeit nicht als «Schmarotzer» wahrgenommen zu werden. Zugleich dürfen sie als nicht zu beeinträchtigt erscheinen, damit sie in sozialen Interaktionen am Arbeitsplatz und darüber hinaus als «normal» wahrgenommen und adressiert werden.

Benedikt Hassler: Ambivalenz der Wiedereingliederung – Betriebliche und sozialstaatliche Integrationsmassnahmen aus der Sicht gesundheitlich beeinträchtigter Personen (2021)

Diesem künstlichen Bild von «genügend krank», aber an anderer Stelle dann doch wieder nicht «zu krank» zu entsprechen, wird besonders von Menschen mit einer unsichtbaren/psychischen Erkrankung erwartet. Es ist eine komplett sinnlose Ressourcenverschwendung, deren einziger Zweck darin besteht, dass «Gesunde» sich nicht mit der komplexen und teils auch widersprüchlichen Realität von psychischer Krankheit auseinandersetzen müssen. Es verunmöglicht auch eine ganz zentrale Aufgabe, die Menschen mit einer chronischen psychischen Beeinträchtigung bewältigen müssen: ihre aufgrund der Erkrankung veränderte Leistungsfähigkeit zu akzeptieren und gegebenenfalls trotz und mit der Erkrankung einen Platz in der Arbeitswelt zu finden. Was sie können und was sie nicht (mehr) können, ist dabei sehr individuell und ganz sicher nicht deckungleich mit der Vorstellung von Hansli Müller, wie eine «richtige» psychische Krankheit auszusehen habe.

Oftmals übernehmen Betroffene jedoch die – von Gesunden – entworfene Vorstellung von Rehabilitation, welche auf der primitiven Vorstellung eines kaputten Autos basiert, das in der (geschützten) Werkstatt wieder repariert und/oder wie ein bockiges Rennpferd trainiert wird und dann wieder tadellos läuft. Zwar können durch Training, Therapie, Medikamente usw. durchaus gewisse Verbesserungen erzielt werden, wenn aber die bisherige Integrationspraxis tatsächlich so hervorragend funktionieren würde, würden bei psychisch kranken Versicherten nicht 75% der IV-Eingliederungsmassnahmen fehlschlagen. Natürlich hätten Arbeitgeber gerne vollkommen gesunde Mitarbeitende, die tadellos funktionieren. Auch die Betroffenen selbst würden sehr gerne (wieder) tadellos funktionieren. Aber die Realität sieht halt leider oft anders aus.

IV-Stelle sucht Ärzt·in «mit kriminalistischen Flair»

An einer nicht existierenden Vorstellung von «Realität» festzuhalten, bindet nicht nur Energie der Betroffenen, es erfordert auch enorm aufwendige Abklärungs-/Gutachten- und Gerichtsverfahren, wo es bei unsichtbar/psychisch kranken Versicherten in teils wirklich absurder Weise oft nur noch darum geht, die kleinsten Anzeichen von Ressourcen ausfindig zu machen, um damit alle krankheitsbedingten Einschränkungen als «unglaubwürdig» abtun zu können. Die IV-Stelle St. Gallen sucht aktuell beispielsweise einen Arzt oder eine Ärztin «mit kriminalistischen Flair» [sic!], der oder die im Vollzeitpensum ausschliesslich «Verdachtsfälle auf nicht zielkonforme Leistungen» abklären soll. Zum Aufgabenbereich gehört unter anderem das «Sichten und beurteilen von Ermittlungsergebnissen (Observationsbeweise oder Erkenntnisse aus Open-Source-Quellen)». Mit den «Open-Source-Quellen» wären wir dann wieder beim bereits früher angesprochenen Thema, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung in der Öffentlichkeit und auch im Internet komplett unsichtbar sein müssen.
Nachdem ich das Inserat entdeckt hatte, twitterte ich dazu:

Die eingebette Twitteransicht zeigt nur einen Teil der Stellenanzeige, hier ist die vollständige Anzeige.

20min hat das Thema unter dem Titel «SVA St. Gallen sucht einen Arzt mit «kriminalistischem Flair» aufgegriffen und schreibt:

Ein Stelleninserat der SVA St. Gallen sorgt auf Social Media für Diskussionen. (…) Unter einem Twitter-Post zeigen sich diverse Nutzer und Nutzerinnen fassungslos.

Obwohl sich der Artikel explizit auf meinen Tweet bezieht, wird mein Tweet weder zitiert noch verlinkt, noch wurde ich von 20min für ein Statement angefragt. Wer aber prominent Stellung beziehen darf, ist der St. Galler Nationalrat Mike Egger. Sie erinnern sich? Der SVP-Jungpolitiker, der seine Karriere mit dem privaten Betrieb einer Missbrauchshotline startete? Ich schrieb gerade kürzlich darüber, wie Leute wie Egger das öffentliche Bild prägen, während Betroffene unsichtbar bleiben (müssen). Auch im 20min-Artikel kommen weder Betroffene noch Vertreter·innen von Behindertenorganisationen zu Wort. Stattdessen implizieren der SVP-Politiker Egger («Mit diesen Massnahmen hilft man Menschen mit richtigen Beschwerden») wie auch der Medienverantwortliche der SVA St. Gallen («Wir wollen zeigen, dass richtig hingeschaut wird und die Leistungen zu den richtigen Personen kommen, die wirklich einen Anspruch darauf haben»), dass eine hochgradig misstrauische IV-Maschinerie ganz im Sinne der «richtigen» Behinderten sei.

Rollstuhlfahrer·innen-Vergleich die 327.ste. (Ja, sorry, aber es gibt einfach so viele Beispiele!)

Unter «richtigen» Behinderten verstehen die beiden Herren vermutlich Rollstuhlfahrerinnen, die problemlos öffentlich kundtun können, dass sie gleich in zwei Disziplinen 40 Stunden pro Woche für Olympia trainieren, weil es halt einfach bewundernswert ist, wie sie mit ihrem Schicksal umgehen:

Resultatunabhängig hat der regelmässige Sport ihre Lebensqualität erhöht, es geht ihr heute wieder viel besser. «Ich konnte vorher nicht mehr alleine essen, und meine Hände nicht mehr kontrollieren», sagt sie ruhig. Dass sie sehr schnell müde wird und pro Tag zwischen 12 und 15 Stunden schlafen muss, akzeptiert sie. Man merkt: Sie fragt sich nicht dauernd, weshalb es nun genau sie getroffen habe. «Oh mein Gott, nein», sagt sie, erneut mit einem herzhaften Lachen: «Ich bin ein fröhlicher Mensch und sehr positiv.»

Szenenwechsel. Eine Blickschlagzeile von 2011:

Aus dem Artikel:

Ich boxe gegen meine Bulimie», sagt Aniya Seki. «Das Boxen gibt mir Halt. Die Kliniken haben mir im Kampf gegen meine Krankheit nicht geholfen.

und:

18-mal Kotzen am Tag ist anstrengender als Spitzensport. Wenn ich einen Absturztag habe, kann ich nicht trainieren. Ich kann an einem Tag nicht erbrechen und trainieren.

Im Prinzip steht in beiden Artikeln dasselbe; eine junge Frau mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung treibt erfolgreich Spitzensport und dies hilft ihr auch gesundheitlich. Im Artikel über die Rollstuhlsportlerin wird allerdings gar nicht erwähnt, dass sie eine IV-Rente bezieht, während dies im Artikel über die psychisch erkrankte Sportlerin das zentrale Thema ist. Der Blick legte an folgenden Tag sogar nochmals nach und fragte seine Leserschaft: Ist eine IV-Rente wegen Bulimie denkbar?

Wie wäre die Umfrage wohl ausgefallen, wenn gefragt worden wäre, ob einer erfolgreichen Rollstuhlsporlerin eine IV-Rente zusteht? Interessanterweise stellen die Medien diese Frage aber nie. Und im seltenen Fall, wo eine IV-Stelle bei einer Rollstuhlsportlerin tatsächlich aufgrund ihrer sportlichen Aktivität die IV-Rente reduzieren will, heisst die Schlagzeile dazu selbstverständlich nicht wie bei Seki: «Erfolgreiche Rollstuhlsportlerin kassiert IV-Rente». Die Appenzeller Zeitung fragt in völliger Unkenntnis der gesetzlichen Grundlagen sogar naiv «ob durch die Unterstützung einer erfolgreichen Sportlerin nicht das Image der IV aufgebessert werden könne?»

Weil dafür ist die «Behindertenversicherung» doch da? Um «richtigen Behinderten» zu unterstützen? Die machen es doch so gut mit ihren «Behindertensport». In dieser vermeintlichen «Bewunderung» liegt eine Abwertung, die möglicherweise die unterschiedliche Bewertung von sportlichen Aktivitäten von Menschen mit einer körperlichen und einer psychischen Beeinträchtigung erklärt. «Behindertensport» ist aus Sicht von Nichtbehinderten oft nicht «richtiger» Sport. Nichtbehinderte sind nicht selten der Meinung, dass es im Behindertensport nicht «ums Gewinnen» gehe, sondern ums «Dabeisein». Und zudem ist es doch auch «total inspirierend», wie diese (körperlich) Behinderten ihr tragisches Schicksal meistern. (Siehe dazu auch: Inspiration Porn: «We’re not here for your inspiration»). Kurz: Es wird nicht in erster Linie die sportliche Spitzenleistung bewundert, sondern die sportliche Leistung trotz Behinderung, die dann aber eben doch keine «richtige» Leistung ist, weil sonst wäre sie auch IV-relevant.

Komplett anders ist die Wahrnehmung hingegen, wenn jemand wie Seki mit einer nicht sichtbaren Beeinträchtigung im Nichtbehindertensport Erfolge erzielt. Dann ist es nicht bewundernswert, dass sie trotz ihrer Erkrankung erfolgreich ist, sondern es ist ein klarer Hinweis darauf, dass sie gar nicht «richtig» psychisch krank ist, denn sonst könnte sie ja nicht gegen «Gesunde» gewinnen.

Genau diese Schlussfolgerung wurde auch im BGE 8C_349/2015 gezogen. Einige Auszüge:

Der IV-Stelle waren im August 2009 sowie im November 2010 anonyme Hinweise zugestellt worden, wonach A.__ auf hohem Niveau Golf spiele (Handicap 4), sich bei jeder Witterung mehrere Stunden auf dem Golfplatz aufhalte, an diversen Golfturnieren in der ganzen Schweiz teilnehme und 2010 Clubmeister geworden sei.
(…)
Insgesamt ist somit der klaren Aussage des psychiatrischen Experten, wonach die Ausübung des Golfspiels bei Vorliegen einer mittelgradigen depressiven Episode möglich, die vom Versicherten erbrachten Höchstleistungen im Golfsport unter solchen Umständen jedoch als nicht möglich zu bezeichnen sind, nichts anzufügen.
(…)
Daran ändert auch die ärztliche Einschätzung nichts, dass das Golfspielen grundsätzlich gut für seine Gesundheit sei. Denn einerseits verfügten diese Ärzte über keine Kenntnisse des tatsächlichen Ausmasses seiner golferischen Betätigung; andererseits ist massgebend, dass der Versicherte gestützt auf die Schadenminderungspflicht gehalten gewesen wäre, dieses Potential an Aktivität in erwerblicher Hinsicht zu nutzen, anstatt es im Rahmen einer Freizeitbeschäftigung einzusetzen.

Hätte das Gericht gleich entschieden, wenn der Versicherte Rollstuhlgolf gespielt hätte? Die Frage ist eigentlich müssig, denn: Wie wahrscheinlich ist es, über einen golfspielenden Rollstuhlfahrer anonyme Hinweise bei der IV eingehen?

Öffentlicher Applaus und Unterstützung für die einen…

Es geht mir bei meinen Vergleichen nicht darum, verschiedene Arten von Einschränkungen gegeneinander auszuspielen oder darüber zu urteilen, wem eine IV-Rente zustehen sollte und wem nicht. Aber die massiv unterschiedlichen Massstäbe, die sowohl von der Öffentlichkeit als auch sozialversicherungsrechtlich bei der Beurteilung von sichtbaren und unsichtbaren Beeinträchtigungen angelegt werden, basieren stark auf (negativen wie positiven) Vorurteilen. Sie sind entgegen jeder juristischen Abhandlung alles andere als «objektiv». Die oben erwähnte Rollstuhlsportlerin kann das Ausmass ihrer Fatigue auch nicht beweisen, man sieht es auf keinem MRI, man «glaubt» es ihr einfach. Hätte sie hingegen eine unsichtbare Erkrankung, würde sie mit 40 Trainingsstunden pro Woche wegen Sozialversicherungsbetrug angeklagt.

Die unterschiedliche Glaubwürdigkeit, die man Versicherten (und oft auch ihren behandelnden Ärzt·innen) je nach Art der Beeinträchtigung zugesteht, ist nicht nur hochgradig diskriminierend, die unterschiedliche Bewertung verschiedener Behinderungsformen und welches Verhalten von den jeweiligen Betroffenen erwartet, belohnt oder sanktioniert wird, hat einen massiven Einfluss auf ihre Lebensgestaltung und damit auch ihre berufliche Möglichkeiten.

In einem früheren Artikel zitierte ich den Rollstuhlfahrer Jahn Graf, der letzten August im Migros Magazin über seine Moderation der Paralympics im Schweizer Fernsehen sprach:

Ich wünsche mir, dass ich meine selbständige Tätigkeit als Moderator so weit ausbauen kann, dass ich mindestens auf einen Teil meiner staatlichen Unterstützung durch IV und Ergänzungsleistungen verzichten kann.

Nach den Sommerspielen moderierte Graf kürzlich auch die Paralympischen Winterspiele. Eine Journalistin kommentierte in der Sonntagszeitung:

Am Mittwoch war Nik Hartmann zu Gast im «Para-Graf». Der Fernsehmann ist der Ansicht, Graf sollte auch Sendungen bekommen, in denen es nicht nur um Behinderung geht: «Du müsstest eigentlich die ‹Tagesschau› moderieren – ich setze mich dafür ein.»

Für die «Tagesschau» wird es nicht reichen, aber das ist in diesem Fall nicht schlimm: Hartmann ist Mitverantwortlicher für sämtliche Eigenproduktionen bei CH Media und entwickelt neue Formate. Da dürfte sich etwas Passendes schon finden lassen. Hoffen wir jedenfalls für Jahn Graf. Und nehmen Sie, Nik Hartmann, beim Wort!

«Nik Hartmann, wir nehmen Sie beim Wort!», Sonntagszeitung, 13.3.2022

Auch wenn das etwas gönnerhaft wirkt, muss sich Graf zumindest nicht damit herumschlagen, das man ihn aufgrund seiner gezeigten Leistung der «Scheininvalidität» verdächtigt. Er muss sich und seine Fähigkeiten nicht verstecken, er kann sich öffentlich ausprobieren und seine beruflichen Ambitionen stossen bei möglichen Förderern auf offene Ohren.

Erzwungene Unsichtbarkeit und Sanktionen für die anderen

Menschen, die aus psychischen Gründen eine IV-Rente beziehen, können ihre Fähigkeiten nicht öffentlich zeigen. Sie müssen viel Energie dafür aufwenden, sich selbst zu beschneiden und unsichtbar zu bleiben, um ja nicht den Verdacht zu erwecken, «nicht wirklich» krank zu sein. All die Energie, die seitens der IV darin fliesst, Menschen mit einer psychischen Erkrankung nachzuweisen, dass sie nur Betrüger sind und die psychisch Kranke dann wiederum aufwenden müssen um zu beweisen, dass sie keine Betrüger sind, ist komplett sinnlos verschwendete Energie. Es ist absurd, dass Versicherte mit einer IV-Rente in einer geschützten Umgebung im Vollpensum arbeiten können, während jegliche Tätigkeit, wo keine Arbeitsagogin daneben steht, sofort als «verdächtig» gilt.

Es wäre soviel sinnvoller, wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen die Energie, die ihnen krankheitsbedingt oft nur begrenzt zur Verfügung steht, genau so frei und öffentlich nutzen könnten, wie dies Menschen mit einer sichbaren Körperbehinderung zugestanden wird. Jahn Graf hat seinem Moderationsjob beim Schweizer Fernsehen bekommen, weil er mit seinem YouTube-Kanal öffentlich sichtbar war. Wer schwere gesundheitliche Einschränkungen und dadurch oft auch grosse Lücken im Lebenlauf hat, kommt in der Regel in einem konventionellen Bewerbungsverfahren nicht weit. Wer seine Fähigkeiten aber öffentlich präsentieren kann, findet möglicherweise genau dadurch eine Nische, wo er oder sie sich beruflich verwirklichen kann. Dass Menschen mit unsichtbaren/psychischen Erkrankungen diese Chance wegen einer bünzligen Vorstellung von «richtiger Behinderung» und überbordender Missbrauchsparanoia verwehrt wird, ist nicht nur bösartig, sondern auch sehr dumm.

Die Perspektive der Betroffenen fehlt – Das Narrativ gestalten andere

Ursprünglich wollte ich in einer Artikelserie einige gesellschaftliche und politische Hintergründe aufzeigen, welche bei der beruflichen Eingliederung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung eine relevante Rolle spielen. Das Ganze ist «ein bisschen» ausschweifender geworden als geplant. Die zentralen Punkte, die sich herausgeschält haben, möchte ich nun noch einmal beleuchten:

1. Die Perspektive der Betroffenen fehlt – Das Narrativ gestalten andere (dieser Artikel)
2. Misstrauen und Beweisfetischischmus sind kontraproduktiv (folgt)
3. Subjekt statt Objekt – auch bei der Eingliederung (folgt)

Die Ausgangslage

Bei psychisch Kranken verlaufen 75% der IV-Eingliederungsmassnahmen nicht erfolgreich und knapp die Hälfte der IV-Renten sind psychisch bedingt. Das bedeutet, dass über 100’000 Menschen in der Schweiz aufgrund einer schweren psychischen Erkrankung eine IV-Rente beziehen (müssen).

Psychische Erkrankungen sind also ein sehr zentrales Problem der Invalidenversicherung. Und nicht nur der IV, sondern der Gesellschaft überhaupt. Rund eine halbe Million Menschen nehmen in der Schweiz jedes Jahr eine ambulante psychiatrische Behandlung in Anspruch und 70’000 Menschen werden jährlich stationär in einer psychiatrischen Klinik behandelt. 4% der Bevölkerung nehmen Antidepressiva. Rund tausend Menschen nehmen sich in der Schweiz jährlich das Leben, häufig liegt eine psychische Erkrankung vor (Alle Zahlen: BAG).

Betroffene bleiben unsichtbar, denn Sichtbarkeit hat Folgen

Angesichts dieser Zahlen ist es schwer verständlich, weshalb mit dem Thema «psychische Erkrankung» (und damit zusammenhängend «Arbeitsintegration» und «Erwerbs(un)fähigkeit») seitens Politik, IV, Rechtsprechung und Gesellschaft immer noch dermassen vorurteilsbehaftet und dilettantisch umgegangen wird. Ein wichtiger Grund dafür liegt – wie aufgezeigt – darin, dass Betroffene Narrative und Prozesse, die sie betreffen kaum mitgestalten können:

Betroffene halten aus Angst den Mund und sind deshalb nicht im öffentlichen Diskurs präsent. Deshalb ändert sich nichts, weshalb Betroffene den Mund halten müssen, weshalb sich nichts ändert… ect.

Dies betrifft nicht nur Personen, die eine IV-Rente beziehen und Angst haben, diese zu verlieren, sondern auch die vielen Personen, die sich trotz psychischer Erkrankung im Arbeitsprozess befinden und sich aus Angst vor Konsequenzen (Mobbing, Jobververlust, keinen neuen Job finden usw.) nicht outen.

Dass diese Befürchtungen durchaus begründet sind, zeigt folgendes Beispiel: Vor einigen Jahren hat mich der Kommunikationsverantwortliche einer IV-Stelle gebeten, den Upload eines alten Jahresbericht der besagten IV-Stelle von meinen Blog zu löschen. Der darin mit Foto und vollständigem Namen als «erfolgreich eingegliedert» portraitierte junge Mann hatte seine Stelle verloren. Bei der erneuten Stellensuche stellte es sich als grosses Hindernis dar, dass potentielle Arbeitgeber beim Googeln seines Namens erfuhren, dass er aufgrund einer psychischen Erkrankung von der IV bei der Eingliederung unterstützt worden war. Was für die IV-Stelle eine «gute Werbung» in eigener Sache ist, ist es für Betroffene eben nicht unbedingt.

Erfolgreich eingegliedert – auf dem Papier

Apropos «Werbung in eigener Sache»: Im Magazin des Schwyzer Wirtschaftsverbandes schrieb der Schwyzer IV-Stellenleiter Andreas Dummermuth unter dem Titel «Avenir Suisse lobt den Eingliederungsansatz der IV-Stelle Schwyz» letzten Sommer eine zweiseitige Eigenwerbung. Sie beginnt so:

Die Denkfabrik Avenir Suisse hat im Frühjahr 2021 eine breit angelegte Studie zum Thema Invalidität veröffentlicht. Der Titel spricht Bände: «Eingliedern statt ausschliessen – Gute berufliche Integration bei Invalidität lohnt sich.» (…) Die Fachleute vergleichen die Situation nach Kantonen und machen konkrete Empfehlungen. Die Eingliederungsarbeit der IV-Stelle Schwyz wird als vorbildlich bewertet.

Werfen wir doch mal einen kurzen Blick in die Studie von Avenir Suisse, um zu sehen, nach welchen Kriterien sie die Eingliederungsarbeit der IV-Stellen bewertet hat:

Die Wirkung einer beruflichen Massnahme lässt sich daran messen, ob ein Bezüger danach eine Rente erhält oder nicht.

«Eingliedern statt ausschliessen – Gute berufliche Integration bei Invalidität lohnt sich», Avenir Suisse 2021, Seite 42.

Als besonders «effizient» bewertet die Denkfabrik zudem jene IV-Stellen, die möglichst wenig Geld für Eingliederungsmassnahmen ausgeben und trotzdem nur wenige Renten sprechen. Konsequent zu Ende gedacht, wäre demnach jene IV-Stelle am «erfolgreichsten», die kein Geld für Eingliederungsmassnahmen ausgibt und gar keine Renten spricht. Weil wenn niemand eine Rente erhält, sind ja alle «eingegliedert.»

Aus Perspektive der Betroffenen ist man natürlich nicht «erfolgreich eingegliedert» wenn man keine Rente bezieht, sondern wenn man ein mindestens existenzsicherndes Einkommen erzielen kann. Wie die Zahlen des BSV zeigen, bezieht ein Drittel der Versicherten nach einer Eingliederungsmassnahme weder einer Rente noch erzielen sie ein Einkommen von mehr als 1000.-/Monat. Weitere 14% beziehen ebenfalls keine Rente und erzielen ein Einkommen zwischen 1000.- und 3000.-

Im Schweizer Durchschnitt erzielen also 60% derjenigen Massnahmeempfänger·innen, die laut Definition der Avenir Suisse als «erfolgreich eingegliedert» gelten, entweder kein, nur ein geringes oder allerhöchstens ein knapp existenzsicherndes Einkommen.

Eingliederungsmassnahmen für psychisch Kranke? Das «lohnt» sich doch eh nicht.

Es wäre ein wirklich interessantes Forschungsprojekt gewesen, zu eruieren, welche IV-Stellen die Versicherten denn tatsächlich am besten (und am nachhaltigsten) in den ersten Arbeitsmarkt integrieren. Aber das wollte man beim von der Schweizer Wirtschaft gesponserten liberalen Think Tank offensichtlich gar nicht wissen. Das Ziel war ein ganz anderes, denn Avenir Suisse empfielt – basierend auf ihren «Studienresultaten» – folgendes:

Um einen gezielteren und effektiveren Umgang der Mittel für die Integrationsmassnahmen und Massnahmen beruflicher Art zu fördern, sollte ein Kostendach pro IV-Stelle definiert werden.

Da Eingliederungsmassnahmen bei Versicherten mit einer psychischen Erkrankung wie eingangs erwähnt sehr häufig nicht erfolgreich verlaufen, würde die von der Avenir Suisse vorgeschlagene Ausrichtung auf die «Effizienz» dazu führen, dass psychisch Kranke seltener Eingliederungsmassnahmen zugesprochen bekommen, weil es sich bei «denen» ja eh nicht lohnt.

Unter diesem Gesichtspunkt erfüllt es mich mit gemischten Gefühlen, dass der Think Tank das von mir vorbereitete und von der Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter 2020 eingereichte Postulat für eine «Differenzierte Codierung von IV-Gebrechen» explizit erwähnt und unterstützt. Denn als ich im Vorstoss schrieb:

Dadurch wäre es möglich, frühzeitig auf Entwicklungen im Bereich der psychischen Erkrankungen zu reagieren oder auch auszuwerten, welche Eingliederungsmassnahmen bei welchen Diagnosen besonders wirkungsvoll sind.

ging es mir natürlich um die Verbesserung der Eingliederungsmassnahmen. Beim von der Avenir Suisse geforderten «Effizienzwettbewerb» zwischen den IV-Stellen könnte hingegen eine Auswertung nach Krankheitsbildern dazu führen, dass Versicherte mit bestimmten Diagnosen diskriminiert werden.

. . .

Kleine Randbemerkung: Im Vorfeld der oben zitierten Studie wurde ich von Avenir Suisse für ein Experteninterview angefragt. Meine Rückfrage, ob Zeit und Aufwand vergütet werden, wurde abschlägig beantwortet, denn «Avenir Suisse sei eine nicht-profitorientierte Stiftung und selber auf die Generosität seiner Förderer angewiesen. Deshalb richte man bei solchen Gesprächen keine finanzielle Entschädigung aus.» Zu den Förderern von Avenir Suisse zählen unter anderem: UBS, ABB, Glencore, Nestlé, Pfizer, Swiss Re, McKinsey (…). Ich habe dann dankend abgelehnt. Verstehe ich natürlich, dass meinetwegen nicht die Schweizer Wirtschaft ruiniert werden kann. Den Slogan «Arbeit muss sich lohnen» möchte ich dann aber von der Seite bitte nicht mehr hören.

Wir machen, was wir wollen, und ihr könnt nichts tun

Dem Schwyzer IV-Stellenleiter, der sich und seine IV-Stelle stolz mit dem Prädikat «vorbildlich» schmückt, kann es nur recht sein, dass die Avenir Suisse nicht eruiert hat, ob die «erfolgreich Eingegliederten» auch tatsächlich (existenzsichernd) erwerbstätig sind. Genau so recht vermutlich, wie die Tatsache, dass ihn das Schwyzer Bezirksgericht letztes Jahr vom Vorwurf der Amtsgeheimnisverletzung freisprach, nachdem er ein IV-Überwachunsgvideo an die Medien weitergegeben hatte:

Der Freispruch erfolgte aufgrund der Erkenntnis, dass Dummermuth fahrlässig, ohne Wissen und Willen, also ohne Vorsatz, gehandelt habe. (…) Zudem seien die Rechtfertigungsgründe für eine Veröffentlichung gegeben: öffentliches Interesse, Wahrung der Anonymität sowie Erforderlichkeit.

Der Bote, 15. April 2021

Die Anonymität wurde übrigens so gut «gewahrt» dass mehrere Fernsehzuschauer den Überwachten im Beitrag erkannten. Und «ohne Wissen und Willen» ist eine sehr gewagte Auslegung für einen IV-Stellenleiter, der vor der Abstimmung über die Sozialversicherungsdetektive dermassen intensiv lobbyierte, dass in der bundesrätlichen Fragestunde unter anderem gefragt wurde:

Ist Herr Dummermuth – ausserhalb von Vollzugsfragen – befugt, im Parlament zu lobbyieren?

18.5745 · Sozialversicherungen. Problematisches Lobbying

und:

Wird geprüft, ob Herr Dummermuths Lobbytätigkeit als Arbeitszeit abgerechnet wird oder nicht?

18.5738 · Lobbytätigkeit und Arbeitszeit

Doch genau wie bei seinem Luzerner Ex-Kollegen Donald Locher hatte auch für Dummermuth die eigene Inszenierung auf Kosten der Betroffenen keinerlei Konsequenzen.

Das Signal an die Betroffenen ist klar: Die IV (und ihre Vertreter) kann bzw. können euch von Detektiven überwachen lassen, das Observationsmaterial an die Medien weitergeben (die das dann auch senden), sich mit komplett irreführenden Studien schmücken und dubiose Gutachter beauftragen usw. Kurz: Wir können machen, was wir wollen. Und ihr könnt gar nichts dagegen tun. Und wehe, ihr engagiert euch politisch gegen irgendwas davon. Das nehmen wir dann als Beweis, dass ihr gar nicht «richtig» krank seid. Nämmli.

Fazit

Die gesellschaftliche und politische Teilhabe von Menschen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung erschöpft sich nicht darin, dass auch Menschen die unter Vormundschaft stehen, wählen und abstimmen dürfen. Das tut niemandem weh. Relevant, anspruchsvoll und an gewissen Orten auch unbequem wird es dort, wo Nichtbehinderte das Narrativ nicht mehr ausschliesslich aus ihrer Perspektiv gestalten können, sondern sich auf Augenhöhe mit denjenigen auseinandersetzen müssen, die sie in ihrer Arbeit, ihren Studien oder ihren PR-Stunts bisher einfach oft nur als Objekte behandelt und benutzt haben. Die Einbindung von Menschen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung ist dabei kein Gefallen, für den die Betroffenen dankbar sein müssen, sondern der Einbezug von deren Perspektiven und Fachwissen sollte schlicht professionelle Selbstverständlichkeit sein. Genauso wie eine entsprechende Entlöhnung. Anders als IV-Direktoren können Betroffene solchen Tätigkeiten nämlich nicht während ihrer (anderweitig bezahlten) Arbeitszeit nachgehen.

(Oh übrigens: Hi EBGB und BSV: Wurden unterdessen eigentlich die Grundlagen geschaffen, die es ermöglichen, Betroffene für ihre Mitarbeit bei IV-Forschungsprojekten zu entlöhnen? Oder hat man das nach 6 Jahren immer noch nicht hinbekommen?)

Fortsetzung folgt.

[5/x] Das grosse Verdrängen und Verleugnen – so wird das nix

Das zentrale Fazit meines letzten Artikels lautete:

Es scheint so, als ob von der Bundesrichterin bis zum gehässigen Nachbarn wirklich jeder in der Schweiz über die Kriterien (z.B. eigenes Bauchgefühl) mitbestimmen darf, nach denen beurteilt wird, ob Personen mit einer psychischen oder unsichtbaren Krankheit erwerbsunfähig sind oder nicht.

Kurz nach der Publikation des Artikels las ich ein aktuelles Urteil des Versicherungsgerichts St. Gallen. Es betraf einen Versicherten mit mehreren psychiatrischen Diagnosen, bei dem über die Jahre hinweg zahlreiche Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken dokumentiert waren. Doch das war für die IV und das Gericht irrelevant. Relevant war für das Gericht vor allem Folgendes:

Selbst für einen Laien ist nachvollziehbar, dass eine schwer depressive Person, die sich auch in Menschenansammlungen nicht wohlfühlt und zurückgezogen lebt, keine Tischfussballtrainings und Tischfussballturniere absolvieren kann, bei denen volle Aufmerksamkeit, Schnelligkeit und rasche Reaktionsfähigkeit gefordert sind und sozialer Kontakt mit anderen Menschen unvermeidlich ist.

Weshalb gibt die IV eigentlich jedes Jahr Millionen für ärztliche Gutachten aus, wenn «jeder Laie» eine Erwerbs(un)fähigkeit erkennen und einschätzen kann?

«Richtige» Behinderte: Yay! Psychisch Kranke: Nay!

Während «Tischfussball» bei einem Versicherten mit mehreren psychiatrischen Diagnosen der absolute sichere Beweis dafür ist, dass die Person keinen Anspruch auf eine IV-Rente hat, kann eine Rollstuhlsportlerin übrigens völlig problemlos öffentlich kundtun, dass sie keine Kapazitäten zum Arbeiten hat, weil sie für die olympischen Spiele trainiert:

Sie trainiert 14 Stunden pro Woche und ist Halbprofi. Einer geregelten Arbeit kann die kaufmännische Angestellte daneben nicht mehr nachgehen. «Durch die IV-Rente und die Sponsoring-Beiträge kann ich mich voll dem Sport widmen», sagt sie.

Ich nehme an, es ist eben selbst für Laien nachvollziehbar, dass Rollstuhlfahrer·innen «richtige Behinderte» sind und deshalb ganz grundsätzlich Anrecht auf eine IV-Rente haben, damit sie in Ruhe für Olympia trainieren können.

Dass Rollstuhlfahrer sowieso die einzigen «richtigen Behinderten» sind, war letzten Herbst auch in der Sendung «Club» des Schweizer Fernsehens zum Thema «Menschen mit Behinderung – Mittendrin oder am Rand?» überdeutlich zu sehen. Die Betroffenen wurden nämlich durch drei Männer im Rollstuhl repräsentiert. Frauen? Andere Arten der Behinderung? Fehlanzeige.

Dagegen ist die Pro Infirmis geradezu divers aufgestellt mit ihrem neuen Ausschuss «Partizipation und Inklusion», den sie sich als «grösste Fachorganisation der Schweiz» (42 Mio. IV-Subventionen/Jahr) 100 Jahre nach ihrer Gründung als «Schweizerischen Vereinigung für Anormale (SVfA)» selbst zum Geburtstage schenkte. Der Ausschuss besteht aus drei Personen mit einer Körperbehinderung, zwei mit einer Sinnesbehinderung und einer Person mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Die Betroffenen mit einer psychischen Erkrankung, die mit 50% die weitaus grösste Gruppe unter die IV-Beziehenden stellen, sind allerdings nicht vertreten. Da hält man es mit der guten alten Tradition, wonach die Pro Infirmis nur «richtige Behinderte» und explizit keine psychisch Kranken vertritt:

Statuten der Pro Infirmis von 1949 – offiziell wurden sie seither zwar erneuert, innoffiziell weht der alte Geist aber offenbar munter weiter.

Sollen die «Psychos» ihren Anliegen halt auf andere Weise Gehör verschaffen. Gibt heute schliesslich genug Möglichkeiten mit diesem Internet. Also schauen wir doch mal genauer hin, wie das mit den sozialen Medien so funktioniert. Kürzlich wurde ein Tweet bzw. Artikel von mir folgendermassen kommentiert:

Weil ich den Kommentar treffend fand, hätte ihn ihn gerne retweetet, damit ihn auch meine rund 1600 Follower·innen auf Twitter sehen können. Da aber die verfassende Person mit einer unsichtbaren Erkrankung lebt, hat sie ihren Twitternamen anonymisiert und zudem ihre Tweets geschützt. Das bedeutet, dass ihre Tweets nicht öffentlich sichtbar sind und nur von wenigen handverlesenen Followern gelesen werden können (die Publikation hier im Blog erfolgt in Absprache mit der betroffenen Person). Zu gross ist die Sorge, dass aus den öffentlichen Äusserungen Nachteile erwachsen könnten. Eine Sorge übrigens, die viele andere Betroffene teilen. Regelmässig habe ich in den letzten Jahren von Menschen mit psychischen/unsichtbaren Erkrankungen gehört, dass sie sich ganz bewusst nicht öffentlich äussern, denn die IV-Rente sei quasi ein «Schweigegeld».

Dies bewirkt einen perfiden Teufelskreis: Betroffene halten aus Angst den Mund und sind deshalb nicht im öffentlichen Diskurs präsent. Deshalb ändert sich nichts, weshalb Betroffene den Mund halten müssen, weshalb sich nichts ändert… ect.

Und so formen weiterhin andere die Erzählungen über Menschen mit einer psychischen Erkrankung: Karrieregeile Politiker, Juristen mit ihren 500 Shades of Missbrauchsfantasien und der sprichwörtliche Mann von der Strasse.

Die Realität aushalten

Die einzige Erzählung, in der sich Betroffene ohne negative Konsequenzen öffentlich inszenieren dürfen, ist die instagrammable Erfolgsstory mit Happy-End. Also sowas wie: Engagierte Managerin erleidet aufgrund beruflicher Überlastung ein Burnout, findet in einer exklusiven Klinik im Bündnerland zu ihrem «wahren Ich», verwirklicht sich mit einer schicken Praxis als Klangschalentherapeutin selbst und begrüsst fortan glücklich und im inneren Gleichgewicht jeden Morgen energiegeladen mit dem Sonnengruss und anschliessendem Grünkohlsmoothie.

Solche Geschichten widerspiegeln die Realität vieler psychisch Erkrankter nicht einmal in Ansätzen. Menschen, die seit ihrer Jugend (50% aller psychischen Störungen beginnen vor dem 14. und 75% vor dem 25. Altersjahr) so schwer krank sind, dass sie nur mühevoll oder vorübergehend/prekär den Weg ins Erwerbsleben finden, sind in der Regel nicht durch «zuviel Arbeit» krank geworden. Vielmehr verhindert «zuviel psychische Krankheit» einen erfolgreichen Einstieg oder erschwert den Verbleib ins Berufsleben, weil sich «Krankheit» und «Arbeit» nicht oder nur bedingt gleichzeitig managen lassen. Das ist eine brutale Realität für die Betroffenen, wie auch für die Professionellen:

Alle, die mit psychisch kranken Menschen arbeiten, wissen, wie oft man sich hilflos, frustriert, verärgert fühlt und wie schwierig es ist, Menschen zu begegnen, die grosse Fähigkeiten haben und diese wegen ihrer Krankheit nicht umsetzen können. Das Aushalten dieser Tatsache ist enorm anstrengend und oft eben «kaum auszuhalten». Das «Nichtaushalten» dieser Realität kann dazu führen, dass es diese Realität nicht mehr geben darf. (…) Das Verleugnen der Krankheit und deren Folgen ist eine typische Abwehrstrategie, die dazu dienen sollte, den Umgang mit der hoch belastenden Realität psychisch Kranker zu erleichtern. Das Abwehren bringt jedoch gravierende kontraproduktive Konsequenzen mit sich.

Domingo A, Baer N. Stigmatisierende Konzepte in der beruflichen Rehabilitation, Psychiatrische Praxis 2003; 30: 355-357

Anna Domingo und Niklas Baer zeigen in diesen äusserst lesenswerten Artikel auf, wie das Verleugnen der Realität die ohnehin anspruchsvolle Rehabilitation von Menschen mit einer psychischen Erkrankung noch zusätzlich erschwert und plädieren für eine radikale Ehrlichkeit:

Es würde leichter fallen, ehrlich zu sagen: «Hier ist ein Klient, der sehr gerne arbeiten würde und das auch kann, aber er hat Absenzen, wenn es ihm nicht gut geht, er ist besonders sensibel für unausgesprochene Konflikte, er hat schnell das Gefühl, man schätze seine Arbeit nicht, man kann ihm mit gutem Willen allein nicht dauerhaft helfen und zum Betriebsfest kommt er auch nur, wenn ihn jemand begleitet. Aber wir werden ihn am Arbeitsplatz betreuen und können den Arbeitskollegen genaue Informationen über seine Probleme und Fähigkeiten sowie über nötige konkrete Anpassungen am Arbeitsplatz vermitteln.

Fazit des Artikels:

Die Energie, die heute durch einen unerfüllbaren und deshalb resignationsfördernden Normalitätsanspruch gebunden wird, wäre wieder frei. Diese Energie wird dringend benötigt, um die fachliche Weiterentwicklung zu fördern und um die Idee umzusetzen, dass psychisch kranke Menschen viel beitragen können, wenn sie sich unterscheiden dürfen.

Obwohl der zitierte Text von Domingo und Baer fast 20 Jahre alt ist, zieht sich immer noch die unfassbar bünzlige (und diskriminierende) Vorstellung quer durch grosse Teile der Gesellschaft, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung in geschützten Settings erstmal zur «Normalität» trainiert und erzogen werden sollen, bevor sie dann – genügend normalisiert und ohne Bezug einer IV-Rente – am regulären Arbeitsmarkt und gesellschaftlichen/öffentlichen Leben (Hobbies, Socialmedianutzung, Beziehungen) teilnehmen dürfen.

Eine Gesellschaft, die offenbar problemlos fähig ist, die Ambivalenz auszuhalten, dass Menschen, die im Rollstuhl sitzen und eine IV-Rente beziehen, gleichzeitig sportliche Höchstleistungen erbringen, Fernsehsendungen moderieren oder sich politisch engagieren, könnte dieselbe Ambivalenzfähigkeit ja auch bei Menschen mit psychischen Erkrankungen aufbringen.

Aber offenbar will sie das halt einfach nicht.

Fortsezung folgt… (Ich verspreche, im nächsten Artikel keine Vergleiche mit Rollstuhlfahrer·innen mehr zu machen und endlich ein paar konkrete Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen)

[4/x] Sie reden von «Objektivität», aber meinen «Misstrauen»

Dass eine psychische Erkrankung die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigen oder eine Teilnahme am ersten Arbeitsmarkt gleich ganz verunmöglichen kann, scheint für sehr viele Menschen in der Schweiz nicht nachvollziehbar. Doch es ist nicht einfach Unverständnis, mit dem Menschen mit einer psychischen/unsichtbaren Erkrankung begegnet wird, es ist ein fundamentales Misstrauen, das sich vom Stammtisch und Politik («Scheininvalide») über die IV (Gutachter, Detektive) bis ins Bundesgericht (Indikatoren) zieht. Dieses Misstrauen ist nicht «gottgegeben», es wird aktiv bewirtschaftet. Unter anderem von Personen Männern, die das Misstrauen als äusserst erfolgreiches Mittel zum Zweck der persönlichen Profilierung benutzen. Drei Beispiele:

2012 kandidierte der damals 19-jährige Mike Egger für den St. Galler Kantonsrat. Das St. Galler Tagblatt brachte ein ausführliches Interview mit dem SVP-Jungpolitiker. Einziges Thema: Die von Egger persönlich betriebene «Hotline», wo jedermann – gerne auch anonym – «Sozialmissbräuche» melden konnte. Egger war daraufhin überall bekannt und wurde gewählt. Seine politische Karriere ging steil weiter, mittlerweile sitzt der SVP-Politiker im Nationalrat. Was er dort tut? Er fordert unter anderem «Meldestellen für Sozialversicherungsmissbrauch».

Für den Juristen Kaspar Gerber dürfte seine vom Schulthess-Verlag publizierte Dissertation über «Psychosomatische Leiden und IV-Rentenanspruch» (2018) ebenfalls eine äusserst nützliche Stufe auf der Karriereleiter darstellen. Gerber zelebriert auf rund 500 Seiten das Mantra «Aber die können ihre Einschränkungen ja über-haupt-gar-nicht beweisen!» und plädiert deshalb unter anderem dafür, dass bei «unklaren» Leiden Detektivüberwachungen nicht nur bei einem konkreten Missbrauchsverdacht, sondern standardmässig als «reguläre Abklärungsinstrumente» eingesetzt werden sollten. Als ausgewiesener Experte für angeblich «unklare» Beschwerdebilder schreibt Herr Gerber bestimmt gerade eine ausführliche juristische Abhandlung über «Long Covid». Den Grundtenor können wir uns alle lebhaft vorstellen.

Auch der ehemalige Luzerner IV-Direktor Donald Locher inszenierte sich gerne als heroischen Kämpfer gegen (angeblich) ungerechtfertigte Leistungsbezüge. Anfang 2014 stand in der Zentralschweiz am Sonntag in grossen Lettern: «Luzern leistet Pionierarbeit». Im Artikel war zu lesen, dass die IV-Stelle Luzern mittels «Hirnstrommessungen» exakt ermitteln könne, wie eingeschränkt Versicherte mit psychischen Erkrankungen tatsächlich seien. In der Folge berichteten Medien aus der ganzen Schweiz über das revolutionäre Verfahren. Unter anderem:

Die IV-Stelle in Luzern zieht bei der Beurteilung strittiger IV-Gesuche neuropsychologische Tests an Patienten zu Hilfe. Eine Mehrheit der Patienten gaukelte eine übertriebene psychologische Erkrankung vor.

NZZ, 5.1.2014

oder:

Die Tests ergaben bei 60 Prozent, dass sie ihre Leiden wirklich übertrieben haben. Bei 40 Prozent der Probanden hingegen waren die Hirnleistungen stärker beeinträchtigt, als sie selber gedacht hatten.

20min, 6.2.2014

Take-Home Message: Die Mehrheit der psychisch Kranken übertreibt ihre Einschränkungen und die restlichen können ihre eigene Beeinträchtigung auch nicht richtig einschätzen. Diesen psychisch Kranken ist einfach nicht zu trauen. Die Hirnstrommessungen hingegen, die liefern präzise und vertrauenswürdige Resultate über die effektive Leistungsfähigkeit der Versicherten.

Apropos «präzise und vertrauenswürdig»…

Knapp drei Jahre nachdem sich der Luzerner IV-Direktor Locher in diversen Medien als grosser Innovator inszeniert hatte, hiess das Kantonsgericht Luzern am 10. November 2016 eine Beschwerde eines Versicherten gut, der sich während der IV-Abklärung einer solchen Hirnstrommessung unterziehen musste – und dem infolgedessen eine Rente verweigert worden war:

Bei den vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) durchgeführten Hirnstrommessungen (elektrophysiologische Funktionsdiagnostik mittels quantitativer Elektroenzephalographie [QEEG] und ereigniskorrelierter Potentiale [ERP]) handelt es sich nicht um eine wissenschaftlich anerkannte Methode hinsichtlich der Diagnosestellung psychischer Gesundheitsstörungen oder hinsichtlich der Simulations-/Aggravationsdiagnostikin der Einzelfallbegutachtung (E. 5.7.2). Damit lässt sich die Anwendung der QEEG- und ERP-Verfahren zur Abklärung eines Leistungsanspruchs in der Invalidenversicherung nicht rechtfertigen.

Urteil 5V 14 621

Und zum Waldfeldwiesenpsychiater Dr. C. (effektiv: Dr. H.) der die QEEG-Messungen bei der IV initiierte, durchführte und auswertete, meinte das Gericht:

Gemäss Prof. Dr. F entbehren bestimmte Aussagen von Dr. C „jeder wissenschaftlichen Grundlage, sind massiv irreführend und haben entsprechend in einem medizinischen Gutachten nichts verloren“, andere Aussagen (zu den spektralanalytischen Daten) seien „einfach grotesk“.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen hatte die IV-Stelle(n) übrigens bereits Anfang 2015 angewiesen, diese Methode nicht weiter anzuwenden. An die grosse Glocke hängte man dies aber nicht.

Hatte dieser Missbrauch von psychisch kranken Versicherten – sowohl auf individueller Ebene bei der Abklärung mittels QEEG Lügendetektor als auch durch die Brandmarkung in den Medien als zu 100% unglaubwürdig – irgendwelche Konsequenzen für Luzerner IV-Direktor? Natürlich nicht. Donald Locher blieb bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2019 im Amt, wurde mit einem freundlichen Zeitungsinterview verabschiedet, in dem mit keinem Wort seine «meisterhafte Pionierleistung» erwähnt wurde, das er aber wie gewohnt für seine Selbstinszenierung nutzte:

Neben den Ämtern im Stiftungsrat vom «Roten Faden» und dem «Ronald-McDonald-Haus» bleibe ich weiterhin der Integration von Menschen mit psychischen Schwierigkeiten verbunden: Ich freue mich sehr, dass ich soeben zum Präsidenten des sozialen Unternehmens Wärchbrogg gewählt wurde!

Hat grad jemand was von «Bock» und «Gärtner» gesagt?

Für Menschen mit einer psychischen Erkrankung hat die Bewirtschaftung negativer Narrative über sie natürlich sehr wohl Konsequenzen und die sind anders als für die obigen Herren weder image- noch karrierefördernd. Laut einer kürzlich vom BSV veröffentlichten Arbeitgeberbefragung könnten sich zwar 51% der befragten Arbeitgeber vorstellen, Arbeitnehmende mit einer körperlichen Beeinträchtigung zu beschäftigen, Mitarbeitende mit einer psychischen Erkrankung könnten sich hingegen nur 16% der Arbeitgeber vorstellen:

Es ist ein totales Mysterium, woher diese Vorbehalte gegenüber Menschen mit einer psychischen Erkrankung kommen…

«Objektiv», aber aus wessen Sicht?

Im Rahmen der 5. IV-Revision (in Kraft seit 2008) wurde der Artikel 7 des ATSG ergänzt durch folgenden Passus:

Eine Erwerbs­unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist.

Art. 7 ATSG

Im IV-Kreisschreiben steht ergänzend zum Artikel 7:

Das subjektive Empfinden der versicherten Person (z.B. Schmerzen) ist dabei nicht massgebend.

Kreisschreiben über Invalidität und Rente in der Invalidenversicherung (KSIR), gültig ab 1. Januar 2022.

Das ist ein bisschen absurd, weil bei sehr vielen (auch rein körperlichen) Erkrankungen subjektives Empfinden (wie Schmerz, Erschöpfung usw.) massgebende Faktoren für die Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit darstellen. Was der Gesetzgeber sagen will ist; es geht nicht, dass die Leute sich einfach «selbst» eine IV-Rente geben können. Das muss man also schon «objektiv» überprüfen. Selbstverständlich muss man das. Nur, wer oder was bestimmt denn eigentlich, was aus «objektiver Sicht überwindbar ist»?

  • Der Jungpolitiker, der mit einer Sozialmissbrauchs-Hotline zum Denunzieren aufruft, sich damit erfolgreich Aufmerksamkeit für seinen Wahlkampf verschafft und im Nationalrat über die IV-Gesetzgebung mitbestimmt, ist der «objektiv»?
  • Der Jurist, dessen 500-seitige «Die-können-ja-gar-nichts-beweisen-Dissertation auch als Bewerbungsschreiben für einen SVP-Richterposten gelesen werden kann, den er bekanntermassen anstrebt, ist der objektiv?
  • Der IV-Stellendirektor, der den öffentlichen Auftritt liebt und sich mit obskuren Abklärungsmethoden als grosser Innovator inszeniert, ist der objektiv?
  • Die Betreiber einer Eingliederungs-GmbH, deren Projekt mit psychisch kranken Jugendlichen überhaupt nicht funktioniert hat und die die Schuld dafür einseitig beiden «faulen» Jugendlichen verortet, sind die objektiv?
  • Die Bundesrichter·innen, die einst ohne jegliche medizinische Evidenz diverse Krankheitsbilder als «mit zumutbarer Willensanstrengung überwindbar» erklärten, sind die objektiv?
  • Die Bunderichter·innen, die mit ebenso wenig Evidenz über die eingliederungsrelevante Aussagekraft von «Hobbies» die Indikatorenprüfung einführten und auf fragwürdige Weise anwenden, sind die objektiv?
  • Die SVP-Bundesrichterin, die sagt, beim Indikatorenverfahren sei davon auszugehen, der Mensch sei gesund, ist die objektiv? (Dr. Jörg Jeger, ehemaliger Chefarzt der Medas Zentralschweiz hat ernsthafte Zweifel)
  • Der gehässige Beobachter, dessen Denunziationsschreiben einer IV-Stelle als Grundlage für die Herabsetzung einer IV-Rente dient, ist der objektiv?
  • Die IV-Gutachter, die….

Ich könnte endlos weiterfahren. Es scheint so, als ob von der Bundesrichterin bis zum gehässigen Nachbarn wirklich jeder in der Schweiz über die Kriterien (z.B. eigenes Bauchgefühl) mitbestimmen darf, nach denen beurteilt wird, ob Personen mit einer psychischen oder unsichtbaren Krankheit erwerbsunfähig sind oder nicht. Absolut jeder, ausser die betroffene(n) Person(en) selbst. Denn Betroffene sind subjektiv und wollen nur das eine (nicht arbeiten/eine Rente – obwohl die Arbeitgeber siehe Abbildung weiter oben, sie doch mit offenen Armen empfangen würden!). Der gesamte Rest der Bevölkerung hat hingegen keinerlei eigene Agenda und strotzt nur so vor «Objektivität».

Es wäre vielleicht mal an der Zeit, dass auch Betroffene als Stakeholder (und nein, ich meine nicht die gesunden Vertreter·innen der Behindertenorganisationen, ich meine Betroffene/Peers) bei Prozessen mitwirken, in denen Gutachterleitlinien, juristische Grundlagen zur Beurteilung der Erwerbs(un)fähigkeit und Eingliederungsinstrumente für Versicherte mit psychischen/unsichtbaren Erkrankungen entwickelt werden. Denn Nichtbetroffene haben schon eine sehr subjektive Vorstellung vom Thema. Die wissen doch gar nicht, wie das wirklich ist mit so einer schweren Erkrankung. Ausserdem sind sie sehr stark beeinflusst von ihren Vorurteilen, Fantasien, Ängsten und Karriereambitionen. Da kann ja am Schluss gar keine wirkliche Objektivität dabei herauskommen.

Wie, das geht nicht? Wo kämen wir denn dahin, wenn zum Beispiel auch die Bauern bei Gesetzen und Vorschriften, die sie selbst betreffen, mitred…. ohhh. Ach, das ist was ganz anderes.

Fortsetzung folgt.

[3/4] Einschränkungen von Menschen mit einer psychischen Erkrankung anerkennen und ernst nehmen – was bedeutet das konkret?

In den letzten beiden Beiträgen habe ich aufgezeigt, dass es grundsätzlich (politisch) gewollt ist, Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in die Arbeitswelt einzugliedern. Das Problem dabei ist, dass die Betonung vor allem auf «Eingliedern» liegt und die Bedeutung, welche die «psychische Erkrankung» dabei hat, vernachlässigt oder gar verleugnet wird. Es herrscht immer noch in vielen Köpfen – teils auch in Eingliederungsinstitutionen oder bei der IV – die Idee vor, dass sich psychische Erkrankungen durch «richtige» Therapie, Medikamente, Druck, Training, erzieherische Massnahmen und vor allem «Anstrengung und guten Willen» der Betroffenen grösstenteils soweit minimieren lassen, dass die Erkrankung im Arbeitskontext kaum mehr eine Rolle spielt. Also kurz: Wenn sich psychisch Erkrankte nur richtig Mühe geben würden, wären sie gar nicht krank und könnten «normal» arbeiten.

Auch das Bundesgericht geht davon aus, dass Versicherte mit einer psychischen Beeinträchtigung ihre krankheitsbedingten Einschränkungen im Arbeitsleben grundsätzlich übertrieben darstellen und unterzieht die Betroffenen deshalb standardmässig einem Indikatorenverfahren Simulantentest. So stellte es beispielsweise im Falle eines depressiven Mannes fest, dass er nicht so krank sein könne, da er angab, drei Freunde zu haben (BGE 8C_703/2018). Bei einem anderen Versicherten befanden die Richter·innen, dass das Verbringen der Wochenenden mit der Partnerin auf «Ressourcen» hindeute (BGE 9C_780/2019). Man ist versucht zu fragen: Für welchen Beruf genau? Heiratsschwindler? Oder Callboy? Auch das Moderieren eines öffentlichen Anlasses war für das Bundesgericht ein «Beweis», dass die betreffende Person wohl kaum an einer relevanten psychischen Störung leiden könne (BGE 8C_285/2018).

Frappierend – und diskriminierend – ist, dass all diese Faktoren (Freundschaften, Partnerschaft, öffentliche Auftritte) bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit von körperlich Erkrankten nicht nur keine Rolle spielen, sondern dass das Bundesgericht die Anwendung der Indikatorenpraxis bei körperlich nachweisbaren Krankheiten explizit als unzulässig erachtet (BGE 9C_106/2019).
Siehe dazu auch: Staatliches Handeln darf nicht auf Vorurteilen beruhen (2020)

Öffentliche Sichtbarkeit? Haha, you Dreamer, du!

Speziell die öffentliche Sichtbarkeit, sei es durch Auftritte, politisches Engagement oder in den sozialen Medien, ist etwas, das psychisch bzw. generell unsichtbar erkrankten Menschen sowohl gesellschaftlich wie auch sozialversicherungsrechtlich nur in äusserst engen Grenzen zugestanden wird. Denn zeigen sie sich in etwas Anderem, als der ihnen zugestandenen Krankenrolle, ja offenbaren sie gar Fähigkeiten, machen sie sich gleich der Simulation, oder wie es das Bundesgericht nennt, der «Ressourcen» verdächtig.

Ganz anders war die Wahrnehmung, als der Rollstuhlfahrer Jahn Graf letzten Spätsommer im Schweizer Fernsehen regelmässig eine Sendung zu den Paralympics moderierte. Niemand bezeichnete ihn als Scheininvaliden. Im Gegenteil, seine Leistung wurde anerkennend – und zu Recht – gewürdigt. Graf wurde unter anderem vom Migros Magazin interviewt:

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Fernsehengagement, das Sie mit Sicherheit innert Kürze zu einer ziemlich bekannten Person machen wird?

Schön wäre, wenn meine Fernsehpräsenz auch anderen jungen Menschen mit einer Behinderung Mut machen würde, sich mehr zuzutrauen und beruflich selbstbewusster zu werden. Für mich persönlich ist es zudem eine Chance, meine Fähigkeiten einem noch grösseren Publikum zu präsentieren. Ich wünsche mir, dass ich meine selbständige Tätigkeit als Moderator so weit ausbauen kann, dass ich mindestens auf einen Teil meiner staatlichen Unterstützung durch IV und Ergänzungsleistungen verzichten kann.

Die gleiche Szenerie (Sich öffentlich beruflich ausprobieren, TV-Moderation, Interview mit Anpreisen der eigenen Fähigkeiten) mit einer Person, die aus psychischen Gründen eine IV-Rente bezieht?

Un-denk-bar.

Würde jemand mit einer psychischen Erkrankung auch nur in der Krachenwiler Turnhalle beim weihnachtlichen Krippenspiel den 5. Engel spielen, läge bei der entsprechenden IV-Stelle am nächsten Tag eine Betrugsverdachtsmeldung auf dem Tisch und im Zuge des darauf eingeleiteten Revisionverfahrens hätte sich die versicherte Person zusätzlich zu rechtfertigen, weil sie im Krachenwiler Gemeindeblatt auch einmal über ihre Teilnahme am vom kirchlichen Frauenverein organisierten Makramee-Kurs Auskunft gegeben hatte («Sie, also das sind ja schon enorme Ressourcen, die sie der IV da verschwiegen haben!»).

Wenn eine sichtbar behinderte Person (gerne junge Männer im Rollstuhl, siehe dazu auch: «Zweierlei Mass», 2018) irgend etwas öffentlich macht (sich politisch engagieren, YouTube-Videos erstellen, Fernsehsendung moderieren usw.) heisst es von allen Seiten: «Toll, dass diese Person trotz ihrer Behinderung XY macht!» Bei Menschen mit einer unsichtbaren Erkrankung heisst es hingegen nie: «Toll, dass er oder sie das trotz ihrer Beeinträchtigung macht.» Da heisst es: «Wenn er XY macht, kann er ja wohl auch arbeiten!»

«Arbeiten» ist weit mehr als einfach «irgendetwas tun».

Dass öffentliche Auftritte oder Postings in den sozialen Medien herzlich wenig über die effektive Erwerbsfähigkeit einer Person aussagen, steht bei sichtbaren Behinderungen sowohl in der breiten Öffentlichkeit wie auch seitens IV und Gerichten ausser Frage. Bei unsichtbaren Behinderungen gelten solche Aktivitäten hingegen als «Beweise», dass die Betroffenen doch offensichtlich «gar nicht so eingeschränkt» seien. Wenn ein ausstehender Betrachter (ja, Bundesrichter·innen sind hier mitgemeint) jemandem laienhaft attestiert, «gar nicht so eingeschränkt zu sein», bedeutet das allerdings noch lange nicht, dass die versicherte Person fähig ist, im ersten Arbeitsmarkt eine verwertbare Leistung zu erbringen, die ausreicht, um damit ein (mindestens) existenzsicherndes Einkommen zu erzielen.

Um längerfristig ein existenzsicherndes Einkommen generieren zu können, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Es reicht beispielsweise nicht, in unregelmässigen Abständen jeweils ein paar Tage oder auch Wochen lang «einigermassen arbeitsfähig» zu sein. Denn Arbeitnehmende, die regelmässig (aber natürlich unvorhersehbar) immer wieder Tage- oder Wochenlang krankheitsbedingt ausfallen, sind ungefähr das Letzte, was Arbeitgeber sich wünschen. Und selbst wenn eine gewisse Stabilität vorhanden ist oder erreicht werden kann, bedeutet «Arbeiten» für Personen mit einer schweren chronischen Krankheit, dass sie gleichzeitig zwei Jobs managen müssen: Einerseits ihre Erkrankung, die oft viel Energie zur Bewältigung braucht – und gleichzeitig ihren Job mit der Erkrankung. Krankheitssymptome, Therapien, Medikamenteneinnahme (Nebenwirkungen) usw. müssen so «organisiert» werden, dass sie die Arbeitsleistung möglichst wenig tangieren.

Und genauso wie körperlich eingeschränkte Menschen für Körperpflege und Anziehen ein vielfaches an Zeit- und Energieaufwand benötigen wie Nichtbehinderte, können auch Menschen mit psychischen Störungen für an sich «einfache» Alltagstätigkeiten enorm viele Ressourcen benötigen. So kann nur schon der Arbeitsweg mit öffentlichen Verkehrsmittel für Menschen mit einer Angststörung oder Autismus (Reizüberflutung) eine kräftezehrende Herausforderung darstellen. Auch die Verhaltensmuster bei einer ausgeprägten Zwangs- oder Essstörung mit einem normalen Arbeitsalltag zu vereinbaren, kann sich äusserst schwierig gestalten. An dieser Stelle könnte man noch 100 andere Beispiele anführen, wie psychische Erkrankungen «normales« Arbeiten erschweren. Das wäre angesichts der diesbezüglichen vollumfänglichen Bildungslücken allerorten zwar dringend nötig, würde aber den Umfang dieses Artikels sprengen (Machen Sie sich bitte anderswo kundig – wenn möglich nicht auf dem Generalsekretariat der SVP).

Dass solche inneren Anstrengungen von aussen nicht oder kaum sichtbar sind, bedeutet nicht, dass sie nicht enorm kräfteraubend sein und sich dementsprechend auch auf die Arbeitsfähigkeit auswirken können. Zusätzlich ist es so, dass viele schwer psychisch kranke Menschen nicht nur mit einer Erkrankung kämpfen, sondern mehrere Diagnose gleichzeitig haben. Auch körperliche Begleiterkrankungen sind eher die Regel als die Ausnahme.

Bei der Einschätzung der Erwerbsfähigkeit müsste die Ressourcenfrage deshalb eigentlich komplett anders gestellt werden, nämlich: Für welche alltäglichen UND beruflichen Tätigkeiten benötigt die versicherte Person aufgrund ihrer Erkrankung(en) deutlich mehr Zeit/Kraft/Ressourcen/Unterstützung als eine – soweit – gesunde Person. Dabei sind explizit auch Wechselwirkung zwischen Beruf und Privatleben einzubeziehen. Da die Beurteilung durch die IV meist stattfindet, wenn die versicherte Person gar nicht mehr im Erwerbsleben steht, sind Aussagen zu Hobbies oder Sozialkontakten wenig aussagekräftig. Solche angeblichen «Ressourcen» können bei einer Arbeitsaufnahme nämlich ganz schnell wegfallen, weil die betroffene Person schon neben einem geringen Arbeitspensum gar nicht mehr über die Ressourcen verfügt, ihre angeblichen «Ressourcen» (wie z.B. Freundschaften) zu pflegen.

Denn auch für kranke Menschen hat der Tag leider nicht 48, sondern bloss 24 Stunden.

Da ich mich bei der Textmenge mal wieder verschätzt habe, wird noch ein weiterer Artikel zum Thema folgen (oder auch zwei)…

[2/3] Psychisch krank, geistig beeinträchtigt, straffällig oder faul – ist doch alles Hans was Heiri

Der letzte Artikel endete mit der Frage, ob bei der beruflichen Eingliederung «Krankheit und subjektives Leiden» von psychisch kranken Menschen ernst genommen worden sei. Schauen wir doch auch hier mal ein bisschen zurück:

Die Zürichsee-Zeitung berichtete am 25. September 2012 über die Stiftung Brunegg, die (damals) seit 20 Jahren als klassisches Arbeits- und Wohnheim für Menschen mit einer geistigen Behinderung (wie etwa Trisomie 21) betrieben wurde. Seit einigen Jahren bildete die Stiftung auch Jugendliche mit psychischen Problemen aus:

Die Arbeit mit den psychisch beeinträchtigten Jugendlichen war für die Ausbildner der Brunegg-Stiftung eine grosse Umstellung. «Die Leistungsfähigkeit dieser Lehrlinge unterliegt grossen Schwankungen, und manche haben Mühe, sich Strukturen anzupassen», sagt Thomas Schmitz. «Solche Schwierigkeiten hat man mit Menschen mit einer geistigen Behinderung seltener.» Zudem sei die Durchmischung der «alten» und «neuen» Klientel nicht immer einfach. Der Mix wirke sich hin und wieder aber auch therapeutisch aus: «Manchmal nimmt ein Mitarbeiter mit Down-Syndrom einen Jugendlichen, dem es schlecht geht, einfach in den Arm», sagt Schmitz.

Man steckt in eine explizit auf Menschen mit geistiger/kognitiver Behinderung ausgerichtete Institution zusätzlich psychisch kranke Jugendliche hinein und ist dann verwundert, dass das doch nicht ganz das Gleiche ist. Aber hey, die fachkompetente therapeutische Begleitung der psychisch kranken Jugendlichen wird immerhin gewährleistet durch Umarmungen von den anderen Klient·innen mit Down Syndrom. Wie war nochmal die Frage? Ob Krankheit und subjektives Leiden» von psychisch kranken Menschen ernst genommen worden sei? Ähhh… wenden wir uns doch einem nächsten Projekt zu:

Beim vom BSV unterstützten Pilotprojekt «RegioFutura» war man beim Start guten Mutes, dass man psychisch kranke Jugendliche erfolgreich ins Berufsleben führen könne. In der Jungfrau Zeitung vom 9. November 2009 gab sich André Wernli, Geschäftsleiter der durchführenden qualifutura GmbH optimistisch:

Er gehe von einer hohen Erfolgsquote aus, weil nur eingliederungswillige Jugendliche, aber keine «Härtefälle» in das Projekt aufgenommen würden, sagte Wernli. «Nicht alle IV-Bezüger sind faul. Viele von ihnen haben den Willen zur Veränderung», betonte er.

Das ist doch mal beruhigend, dass nicht alle IV-Bezüger faul sind. Dummerweise stellte sich dann heraus, dass psychisch kranke Jugendliche eigentlich eben doch einfach «faul» sind. Zumindest war das das Fazit der im Mai 2013 erschienenen Schlussberichterstattung zum Projekt für das BSV. Darin steht:

Das Pilotprojekt REGIOfutura (…) muss aber angesichts der fast vollständig ausgebliebenen Integrationsergebnisse als Misserfolg bezeichnet werden.

Zum einen hatten statt 20 – 25 nur fünf Jugendliche am Projekt teilgenommen, zum anderen waren von diesen vier vorzeitig wieder ausgestiegen. Die Gründe sieht man bei der qualifutura GmbH selbstverständlich nicht darin, dass einem selbst ganz offensichtlich die Qualifikationen im Umgang mit psychisch kranken Jugendlichen fehlte, sondern dass die Jugendlichen einfach nicht «motiviert» waren. Das angewandte «Konzept» hätte nämlich bisher bei Jugendlichen mit Mehrfachproblematiken (aber ohne psychiatrische Diagnose), die vom Sozialamt, der Jugendanwaltschaft oder den Vormundschaftsbehörden zugewiesen werden, ganz famos funktioniert. Im Artikel «Frustrierte Integrationspezialisten» (2014) zeigte ich auf, dass den den Durchführenden des Projektes zwar die Diagnosen und Problematiken der einzugliedern Jugendlichen bekannt gewesen waren, aber von den «Fachleuten» in keiner Weise beachtet worden waren. Soviel zum Thema:

Vereinfacht gesagt lässt sich die Situation der Befragten nicht verstehen und lässt sich auch keine fundierte Eingliederungsplanung vornehmen, solange man Krankheit und subjektives Leiden ausblendet.

«Beruflich-soziale Eingliederung aus Perspektive von IV-Versicherten», BSV-Forschungsbericht (8/18)

Interessant übrigens auch, wie die immer noch bestehende qualifutura GmbH das komplett gescheiterte Projekt aktuell auf ihrer Website darstellt:

Im Rahmen eines Pilotprojekts, welches in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen BSV umgesetzt wurde, nutzten wir die sozialen Strukturen im Oberhasli, um integrationsfähige und -willige junge Erwachsene aus der IV mit dem ersten Arbeitsmarkt zu verbinden.

Soso.

Ein weiteres vom BSV unterstütztes Pilotprojekt führte das international tätige Eingliederungsunternehmen Ingeus durch. Der Tages Anzeiger berichtete am 10.4.2010:

Als erstes machen wir mit unseren Klienten deshalb immer eine Art Gesundheitsplan», erzählt Geschäftsleiter Daniel Sieber. Oft geht es darin um ganz banale Tipps wie regelmässiges Essen, genügend Schlaf und angemessene Kleidung. Es kann aber auch vorkommen, dass ein Berater seine Klientin eine Zeit lang jeden Morgen anruft, um sie zum Aufstehen zu bewegen.

Ich kommentierte damals unter dem Titel «Verwahrloste IV-Rentner»:

Mich würde ja mal interessieren, welche Behinderung sich mittels Weckanrufen und Stylingtipps kurieren lässt. Muss wohl ein gut gehütetes Geschäftsgeheimnis von Ingeus sein.

2014 lag dann der Abschlussbericht über das Ingeus-Projekt vor und die Eingliederungserfolge waren äusserst mager. Besonders schlecht waren sie bei Menschen mit psychischen Erkrankungen. Ich schrieb damals:

Diesbezüglich bemerkt der Bericht dann immerhin noch am Rande (sehr am Rande), dass die erheblich geringere Erfolgsquote bei den psychischen Kranken (im Gegensatz zu Körperbehinderten) möglicherweise auch daran liegen könnte, «dass den Beratern von Ingeus die in Bezug auf den Umgang mit diesen Personengruppen benötigten „speziellen“ Beratungskompetenzen gefehlt haben». Allerdings eben wie hier wiedergegeben, das «speziell» in Anführungszeichen, was dann doch etwas despektierlich wirkt. Es geht nicht um «spezielle» Beratungskompetenz, es geht schlichtweg um Fachkompetenz.

Dies nur einige Müsterli, mit welch überwältigender Fachkompetenz man die Integration von psychisch beeinträchtigten Menschen in der Vergangenheit angegangen ist. Das Motto schien zu lauten: «Geistig, psychisch, straffällig, verwahrlost, faul… ist doch alles Hans was Heiri. Und wenn es nicht klappt, dann liegt das ganz sicher und nie und nimmer an der mangelnden Kompetenz der Eingliederungsfachleute, sondern es sind einfach die psychisch Kranken schuld, weil die sind halt einfach nicht motiviert!» Es ist wirklich zu hoffen, dass das Wissen über psychische Erkrankungen und deren spezifische Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit bei den Eingliederungsorganisationen und der IV in der Zwischenzeit etwas zugenommen hat.

Wenn man sich mal das aktuelle Projekt «Inclusive Job Design» der Stiftung Profil anschaut, hat sich doch zumindest am Bild der im letzten Artikel (bzw. vor 10 Jahren) kritisierten hineinzuintegrierenden Zimmerpflanzen etwas geändert:

Wer kennt es nicht: Es mangelt an Fachkräften und die, die da sind, sind überlastet, bei Krankheitsausfällen rotieren alle und es bleiben immer mehr Arbeiten liegen. Gleichzeitig möchten sich viel mehr Unternehmen für die Inklusion von Menschen mit Behinderung in die Arbeitswelt engagieren, doch sie wissen nicht wie vorgehen oder haben keine Ressourcen und zuwenig Erfahrung damit.

Oha! Das klingt doch schon mal vielversprechend, so von wegen «Arbeitgeber suchen keine «Behinderten», sie suchen qualifizierte, zuverlässige Mitarbeiter.» Weiter im Text:

Inclusive Job Design analysiert Arbeitsprozesse und optimiert die bestehenden Jobprofile auf die Qualifikationen der Mitarbeitenden. Gleichzeitig entstehen neue Jobs für weniger qualifizierte Mitarbeitende, so zum Beispiel Menschen mit Behinderung oder einer gesundheitlichen Beeinträchtigung. Die Fachkräfte werden entlastet und Menschen mit Behinderung erhalten die Chance, sich im ersten Arbeitsmarkt zu betätigen.

Hat hier gerade jemand «weniger qualifiziert» gesagt?

Einfach mal zur Erinnerung: 50% der IV-Beziehenden habe eine psychische – und keine geistige – Beeinträchtigung. Wenn eine Stiftung wie Profil (gehört zu Pro Infirmis) Menschen mit einer Beeinträchtigung (auch einer körperlichen) einfach mal pauschal als «weniger qualifiziert» anpreist, haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

Einen sehr weiten.

[1/3] Leitfaden «Arbeiten mit psychischer Erkrankung» – Die Hintergründe

In einer dreiteiligen Artikelserie werde ich einige Aspekte rund um die Entstehung des Leitfadens «Arbeiten mit psychischer Erkrankung» beleuchten. Im ersten Teil geht es um Erfahrungen, die ich während der Arbeit am Projekt gemacht habe, sowie politisch-historische Hintergründe.

Für den Leitfaden habe ich mit vielen verschiedenen Menschen gesprochen (potentiellen Geldgebern, Mitarbeiter·innen von Eingliederungsinstitutionen, Expert·innen, Job Coaches, Betroffenen usw.). Nachdem ich jeweils mein Vorhaben erklärt hatte, erlebte ich regelmässig folgende drei Reaktionen:

  • «Von welcher Organisation (oder Institution) sind Sie?» Beziehungsweise: «In wessen Auftrag schreiben Sie diesen Leitfaden?» War die Frage, die mir von der Vorstellung des Konzeptes bis zur Distribution der fertigen Broschüren am häufigsten gestellt wurde. Meine Antwort, dass es sich dabei um mein eigenes Projekt handle (selbstverständlich fachlich von ausgewiesenen Expert·innen begleitet) sorgte regelmässig für eine gewisse Irritation beim Gegenüber. Ich hatte es offenbar versäumt, das ungeschriebene Gesetzbuch des Behindertenbereichs zu konsultieren, wonach es laut Art. 57 Absatz 3 nur Institutionen, Organisationen oder zumindest Vereinen erlaubt ist, so ein Projekt umzusetzen. Scherz beiseite; effektiv ist es tatsächlich so, das viele Stiftungen oder andere Geldgeber grundsätzlich keine Projekte von Privatpersonen unterstützen – was auch bei diesem Unterfangen eine erhebliche Hürde darstellte. (Wo kämen wir denn hin, wenn einfach «irgendwelche Leute» anfangen, Dinge zu realisieren, weil es die aus ihrer Sicht braucht – und nicht 10 weitere Jahre darauf warten, dass sich die Behindertenorganisationen dazu bequemen?!)

  • Bei der Suche nach Geldgebern hörte ich auch (mehrfach): «Das gibt es doch schon!» Bei genauerer Nachfrage konnte mir dieser «bereits existierende Leitfaden» dann jedoch nie gezeigt werden. Verwiesen wurde beispielsweise auf eine Publikation für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Dass zum einen davon ausgegangen wird, dass «für die psychisch Kranken» schon genug getan werde (die tiefen Eingliederungsquoten sprechen eine andere Sprache), während man sie zum anderen mit Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung gleichsetzt, ist ein nicht unbeträchtlicher Teil des Problems der nach wie vor oft suboptimal verlaufenden beruflichen Eingliederung bei Menschen mit einer psychischen Erkrankung (Ich werde im zweiten Artikel nochmal darauf zurückkommen).

  • Die für ihre Expertise kontaktierten Fachpersonen begrüssten es grösstenteils, dass es – endlich – einen Leitfaden geben sollte, der sich all den Fragen widmen würde, die ihnen von ihren Klient·innen regelmässig gestellt werden. Vereinzelt war allerdings auch eine gewisse Konsternation darüber spürbar, dass man nicht selbst auf diese Idee gekommen war und dass die Publikation nicht unter dem Lead und dem Namen *ihrer* Organisation veröffentlicht werden würde. Das wäre doch gut für’s Image der eigenen Organisation/Institution gewesen, wenn man so etwas herausgegeben hätte. Ja, wäre, hätte, Fahrradkette. Hier liegt ein weiterer Teil des Problems: Wenn einem erst einfällt, dass man etwas hätte machen sollen, weil es dem Ansehen der eigenen Organisation nützt, und es nicht schon vorher von sich aus gemacht hat, weil es den Betroffenen nützt, läuft etwas grundlegend falsch.

Der teils immer noch fehlende Wille, beim Thema Eingliederung die Erfahrungen, Schwierigkeiten und Befürchtungen von Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung wirklich wahr- und ernst zu nehmen, betrifft allerdings nicht nur die Organisationen. Dieses Defizit zieht sich durch die gesamte Sozialpolitik der vergangenen Dekade. Im Folgenden werfe ich deshalb einige Blick zurück, wie die berufliche Eingliederung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung bisher angegangen wurde.

Hehre Ziele

Als der heutige IV-Chef Stefan Ritler im Mai 2010 sein Amt antrat, waren die Arbeiten für IV-Revision 6a in vollem Gange. Aufgrund der angespannten finanziellen Lage der Invalidenversicherung standen dabei strengere Zugangsbedingungen bzw. die Streichung von IV-Renten aufgrund von bestimmten – angeblich unklaren – Krankheitsbildern im Vordergrund. Verkauft wurde das Ganze unter dem wohlklingenden Titel: «Bessere Instrumente für die Eingliederung». Speziell bei Versicherten mit psychischen Erkrankungen sollten die neuen «Instrumente» eingliederungstechnische Wunder bewirken. Im August 2010 erschien in der Aargauer Zeitung ein Interview mit Ritler. Ein kurzer Auszug:

Das grosse Ziel der 6. IV-Revision ist die Wiedereingliederung von 17’000 Personen in den Arbeitsmarkt. Ist diese Zielsetzung angesichts der Wirtschaftslage überhaupt realistisch?

Ritler: Ja.

Wie soll das aufgehen? Derzeit sind in der Schweiz nur 17’000 freie Stellen ausgeschrieben.

Ritler: Mit der 4. und 5. IV-Revision wurde bei den IV-Stellen ein Kulturwandel eingeläutet. Uns wurde bewusst, dass wir viel mehr Face-to-face-Arbeit leisten und die Wiedereingliederung planen müssen. Meine Erfahrung in Solothurn hat mich gelehrt: Wir müssen bei Fachleuten und Firmen Klinken putzen, für die Problematik sensibilisieren, an die soziale Verantwortung appellieren und so die IV-Bezüger quasi wieder in den Arbeitsmarkt hineinmassieren.

Im darauf folgenden Dezember wurde in der nationalrätlichen IV-Debatte auch über eine moderate «Behindertenquote» für Grossunternehmen diskutiert. Der damalige FDP-Nationalrat Pierre Triponez wehrte sich strikte (und erfolgreich) gegen solche «Zwangsmassnahmen», diese seien absolut der falsch Weg. Denn, so Triponez: «Man will ja beide Parteien mit Liebe und Vertrauen zueinander führen».

Dieses mit «mit Liebe hineinmassieren und mit Vertrauen zueinander führen» sah dann konkret so aus, dass in der IV-Revision 6a für die Versicherten massiv verstärkte Mitwirkungspflichten verankert und für die Arbeitgeber ganz viele Lockangebote geschaffen wurden. Siehe dazu auch: «Sie sind Arbeitgeber und suchen eine Gratisarbeitskraft, für die Sie 1’700 Franken pro Monat erhalten? Stellen Sie einen IV-Bezüger ein!».

Zimmerpflanzen

Nachdem die IV-Revision 6a am 1. Januar 2012 in Kraft getreten war, schrieb ich im Februar 2012: «Behindert sein ist keine Qualifikation».
Einige Auszüge aus dem damaligen Artikel:

Ich habe ein klitzekleines Problem mit der aktuellen Arbeitgeber-Umgarnungsaktion der Invalidenversicherung. «Behinderte bzw. IV-Bezüger einstellen» klingt in meinem Ohren nämlich immer irgendwie wie: «Wir haben jetzt einen Hund (oder ein paar Zimmerpflanzen) in unserer Firma, das ist gut für Betriebsklima». (…)

Aber eine Behinderung alleine ist keine Qualifikation. Trotzdem zielen die ganzen Arbeitgeber-Umgarnungsaktionen der IV aber genau auf diese Zimmerpflanzen-Analogie ab. Ganz nach dem Motto: Gibt es nicht irgendeine kleine Nische, wo ihr die Zimmerpflanze reinstellen könnt? Wir bezahlen nicht nur die Miete für den Stellplatz, sondern auch jemanden, der regelmässig vorbeikommt und die Pflanze giesst, düngt und gegebenenfalls entlaust. Und wenn sie euch nicht gefällt, holen wir die auch wieder gratis und franko ab.
Die Zimmerpflanzen selber können sich – wie das Zimmerpflanzen eben so eigen ist – nicht gross wehren. Die haben Mitwirkungspflicht.
(…)

Die Arbeitgeber hingegen, die die Leute nicht anstellen woll(t)en, die müssen keine Mitwirkungspflichten oder Sanktionen (sprich Quoten oder ein Bonus-Malussystem) fürchten, die werden mit Samthandschuhen angefasst und kriegen all die schönen Broschüren, Medienkonferenzen und Optionen für Gratismitarbeiter mit Rückgabegarantie.
Wo sind denn die schicken Broschüren für die IV-Bezüger/innen, die gerne arbeiten möchten?
[Anmerkung 2022: Ja, das habe ich tatsächlich 2012 geschrieben. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die Broschüre selbst schreiben muss, aber es hat’s ja unterdessen sonst niemand gemacht. Weiter im Text von 2012:]

Hat eben jemand gelacht? Von wegen die haben eh nichts zu melden? Und die müssten froh sein, wenn sie überhaupt jemand einstellt?

Und genau da liegt das Problem: Wäre dieses ganze Affentheater um die Eingliederungen ernst gemeint, würde man die einzugliedernden IV-Bezüger als zukünftige Arbeitnehmer behandeln und nicht wie die letzten Deppen. Denn Arbeitgeber suchen keine «Behinderten», sie suchen qualifizierte, zuverlässige Mitarbeiter. Eine Einstellung muss sich für sie lohnen. Es schafft auch niemand extra Arbeitsplätze einfach so, «weil er sich ein bisschen sozial fühlt». In einen Unternehmen fällt ein gewisses Volumen an Arbeit an und dafür werden Mitarbeitende gesucht, die diese Arbeit gut ausführen können. Alles andere ist Sozialromantik.

Eingliederung hat nicht funktioniert. Warum?

Dass die 17’000 IV-Beziehenden mit vorwiegend somatoformen bzw. psychischen Erkrankungen grösstenteils nicht wie vorgesehen in den Arbeitsmarkt hineinmassiert werden konnten und auch die Eingliederungmassnahmen vor Rente laut dem BSV-Forschungsbericht «Beruflich-soziale Eingliederung aus Perspektive von IV-Versicherten» (2018) bei psychisch kranken Versicherten nur in 25% der Fälle erfolgreich verlaufen, liegt natürlich nicht (nur) an den fehlenden Broschüren für die Betroffenen. Je nachdem, wen man fragt, liegt es an den fehlenden Nischenarbeitsplätzen, der fehlenden Motivation der Betroffenen oder an einer Reihe weitere Gründe. Unter diesen weiteren Gründen könnte ein Faktor für die oft so harzig verlaufende berufliche Integration allerdings tatsächlich darin bestehen, dass man die Versicherten wie hineinzumassierende Objekte behandelt, statt sie als erwachsene eigenständige Personen in ihrer Situation ernst zu nehmen. Aus dem oben erwähnten Forschungsbericht zur Versichertenperspektive:

Im IV-Eingliederungsprozess stehen die Arbeitsfähigkeit und Potentiale respektive die krankheitsbedingten Funktionseinschränkungen, die Behinderung also, im Vordergrund – und nicht die Krankheitssymptome als solche. Die Fragebogenresultate wie auch die Interviews verdeutlichen jedoch, dass Symptome und Belastungen in einem sehr engen Zusammenhang stehen mit den Funktionseinschränkungen und damit auch mit dem Eingliederungserfolg. Dies ist an sich nicht überraschend, aber es weist auf ein häufiges Missverständnis in der arbeitsrehabilitativen Praxis hin, wo häufig „Ressourcen“ und „Defizite“ als unterschiedlich wichtig angesehen werden (in der Eingliederung würden die Ressourcen einer Person interessieren, in der medizinischen Behandlung gehe es um die Defizite). Diese Polarisierung wird von den vorliegenden Resultaten widerlegt. (…) Vereinfacht gesagt lässt sich die Situation der Befragten nicht verstehen und lässt sich auch keine fundierte Eingliederungsplanung vornehmen, solange man Krankheit und subjektives Leiden ausblendet.

Im nächsten Artikel wird es darum gehen, inwiefern bei verschiedenen – unter anderem von BSV subventionierten Eingliederungsprojekten – «Krankheit und subjektives Leiden» von psychisch kranken Menschen ernst genommen worden sind.

«Arbeiten mit psychischer Erkrankung» – Ein Leitfaden für Betroffene

Wer aufgrund einer psychischen Erkrankung vorübergehend oder längerfristig in seiner Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt ist, sieht sich mit vielen Fragen rechtlicher, sozialer, aber auch persönlicher Art konfrontiert. Ich habe deshalb den Leitfaden «Arbeiten mit psychischer Erkrankung» geschrieben. Er wendet sich an Betroffene in unterschiedlichen Lebenssituationen. Sei es, dass man nach einer Krise (wie einem Burnout) an den Arbeitsplatz zurückkehrt oder trotz/mit einer IV-Rente (wieder) in einem kleinen Pensum arbeiten möchte. Behandelt werden unter anderem Fragen wie:

  • Kann mir gekündigt werden, während ich krankgeschrieben bin?
  • Soll ich mich am Arbeitsplatz outen?
  • Wie kann der Arbeitsplatz an meine Bedürfnisse und Fähigkeiten angepasst werden?
  • Wie kann mich mein/e Therapeut*in bei Arbeitsschwierigkeiten unterstützen?
  • Welche Auswirkungen hat eine Erwerbstätigkeit auf die IV-Rente/Ergänzungsleistungen?

Es werden zudem verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten und die Eingliederungsangebote der IV vorgestellt. Ergänzt wird das Ganze mit Statements von Betroffenen und Expert*innen.

Ich habe den Leitfaden auf privater Basis initiiert und als Pilotprojekt in zwei Versionen für die Kantone St. Gallen und Basel-Stadt mithilfe finanzieller Unterstützung der beiden Kantone und der Pro Mente Sana realisiert. Fachlich unterstützt wurde das Projekt von den Stiftungen Dreischiibe (SG) und Rheinleben (BS), der Psychiatrie St. Gallen Nord, dem Kompetenzzentrum WorkMed (BL) der Pro Mente Sana sowie von Peers (Expert*innen aus Erfahrung). Die beiden Versionen unterscheiden sich hauptsächlich durch eine Seite, auf der lokale Eingliederungsangebote aufgelistet sind. Der übrige Teil ist natürlich auch in anderen Kantonen nutzbar.

Damit der Leitfaden seinen Weg zu den Betroffenen findet, wäre es schön, wenn diejenigen unter Ihnen, liebe Leser*innen, die mit psychisch beeinträchtigten Menschen arbeiten, die Broschüren den Betroffenen an geeigneter Stelle zugänglich machen könnten. Entweder in digitaler Form (PDF): Leitfaden Basel bzw. Leitfaden St. Gallen (z.B. auf Ihrer Webseite oder einem Newsletter) oder in der Papierversion. Die gedruckten Broschüren können von Institutionen, Organisationen, Ämtern, Job Coaches, Psychotherapeut*innen usw. und natürlich auch von Privatpersonen gratis bestellt werden.

Let’s Talk About Money

Eine halbe Million Schweizer*innen nehmen jedes Jahr eine ambulante psychiatrische Behandlung in Anspruch. 80’000 Menschen werden jährlich stationär in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Das Risiko im Leben einmal an einer psychischen Beeinträchtigung zu leiden beträgt 50%. Psychisch zu erkranken ist also relativ «normal». Trotzdem gelten psychische Erkrankungen nicht als Krankheiten wie alle anderen. Zwar scheinen sich während der Corona-Pandemie auch ansonsten unverdächtige Politiker*innen ganz plötzlich um das psychische Befinden der Bevölkerung zu sorgen, allerdings steckt hinter der vermeintlichen Besorgnis über die psychischen Auswirkungen von Corona-bedingten Einschränkungen meist etwas Anderes; nämlich die Sorge um die wirtschaftlichen Folgen der Einschränkungen.

Denn wenn die psychische Gesundheit der Bevölkerung – auch ausserhalb einer Pandemie – tatsächlich so ein wichtiges Thema wäre, müsste man das auch daran erkennen, dass die entsprechenden Organisationen für ihre wichtige Aufgabe grosszügige finanzielle Unterstützung erhalten. Politiker*innen wurden in den letzten Jahren zwar nicht müde, darüber zu lamentieren, dass die Zahl der psychisch bedingten IV-Renten immer weiter ansteige, aber niemand kam auf die Idee, mehr finanzielle Mittel für Organisationen zu fordern, die psychisch beeinträchtigte Menschen unterstützen. Irgendwie hoffte man wohl, dass die psychisch Kranken – wenn man nur lange genug über sie schimpfen würde – auf wundersame Weise einfach wieder verschwänden.

Nun, das taten sie nicht. Mittlerweile beziehen rund 100’000 Menschen in der Schweiz aufgrund einer psychischen Erkrankung eine IV-Rente. Damit stellen sie knapp die Hälfte aller IV-Bezüger*innen. Von den 150 Millionen Franken, die das Bundesamt für Sozialversicherungen jedes Jahr aus dem Topf der IV zur Unterstützung an die Behindertenorganisationen verteilt, erhalten die beiden Organisationen, die Menschen mit einer psychischen Erkrankung vertreten, aber mitnichten die Hälfte, sondern nur 5.5 Millionen, was gerade einmal 3,5% der Gesamtsumme entspricht. Ganz anders sehen die Relationen bei den Blindenorganisationen aus: Sie erhalten rund 20 Millionen pro Jahr, obwohl der Anteil der Sehbehinderten unter den IV-Beziehenden bloss gut 1% beträgt. Ähnlich grosszügig werden die Organisationen der Hörbehinderten bedacht: Sie erhalten zusammen knapp 7,5 Mio, obwohl nur 0,5% der IV-Beziehenden eine Hörbehinderung aufweisen.

Diese Vergleiche liessen sich endlos weiterführen. Auch wenn man nicht nur die Zahl der IV-Beziehenden, sondern die Gesamtverteilung einer bestimmten Behinderung oder Erkrankung in der Bevölkerung betrachtet, sind Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen massiv überrepräsentiert. Ihre Organisationen hingegen sitzen – und dies nicht nur finanziell – am Katzentisch.

Auf Anfrage teilte das Bundesamt für Sozialversicherungen mit, die Verteilung der Finanzhilfen nach Art. 74 IVG sei eben «historisch gewachsen».

Es ist höchste Zeit, dass die Verteilung den aktuellen Gegebenheiten anpasst wird.

. . . . .

Die obige Kolumne habe ich (bereits im Januar) für die aktuelle Ausgabe das halbjährlich erscheinenden Magazins  «Kontext» der Pro Mente Sana geschrieben.

Auf meine Anregung hin hatte die Journalistin Mirjam Fonti die Thematik im April unter dem Titel «IV-Finanzhilfen: Brosamen für psychisch Beeinträchtigte» in der Zeitschrift Saldo aufgenommen.

Ein Auszug aus dem Artikel:

Viele der anderen Organisationen profitieren vom heutigen Zustand und wollen nicht daran rütteln. In der Ver­nehmlassung stellte eine Mehrheit die Geldverteilung nicht in Frage. Der Zen­tralverein für das Blindenwesen er­klärt, man halte den Betrag für ange­messen. Es sei nicht gerecht, sich nur auf die Anzahl der IV-Bezüger abzu­stützen.* Der Dachverband der Behin­dertenorganisationen Inclusion Han­dicap hält fest, es stehe grundsätzlich zu wenig Geld für die Behinderten­organisationen zur Verfügung, sodass Organisationen für psychisch Erkrank­te und andere Behindertengruppen zu kurz kämen.

*Zur Aussage des Zentralvereins für das Blindenwesen ist anzumerken, dass eben dieser Verein 2019 eine 40-seitige Publikation zur Frage «Wie viele sehbehinderte, blinde und hörsehbehinderte Menschen gibt es in der Schweiz?» veröffentlichte, die mit virtuosen Begriffsdefinitionen und ausgeklügelten Rechenspielen (wenn man z.B. auch alle *irgendwie* Sehbehinderten im hohen Alter – also explizit AHV- und keine IV-Beziehenden – dazu rechnet) zu folgendem alarmierendem Fazit kommt:

Das heisst, um den 1. Januar 2029 herum, dürfte die Zahl betroffener Menschen die halbe Million erreichen.

Selbstverständlich geht es in dieser Publikation ganz explizit darum, die Existenz (und den Geldbedarf) er eigenen Organisation zu rechtfertigen und natürlich fände es der Zentralverein für das Blindenwesen dann «nicht gerecht», wenn man zur Verteilung der Gelder ganz profan die Anzahl IV-Beziehender heranziehen würde. Um die aktuelle Verteilung der IV-Gelder (Blindenwesen: 20 Mio., 1% sehbehinderte IV-Beziehende, Organisationen für psychisch Erkrankte: 5,5 Mio., 49% psychisch beeinträchtige IV-Beziehende) als «angemessen» zu bezeichnen, muss man allerdings schon ein bisschen… kurzsichtig sein.

Vielleicht sollten die Organisation, die psychisch beeinträchtige Menschen beraten und vertreten, auch mal eine Studie zum Thema «Altersdepressionen» in Auftrag geben. Könnte bei der «gerechten» Verteilung der Gelder von Vorteil sein.

Das Märchen von den «unklaren» Beschwerdebildern [3/3]


Differenzierte Codierung bitte!


Man kann es der damaligen Verwaltung nicht ankreiden, dass sie sich in den Sechzigerjahren nur an der übergeordneten ICD-Systematik anlehnte und nicht alle psychischen Störungen detailliert auflistete. Der aktuellen Verwaltung kann man aber durchaus ankreiden, dass sie bei psychischen Störungen nicht schon längst eine differenziertere Codierung eingeführt hat. Die Autor*innen der Dossieranalyse hatten das nämlich bereits 2009 vorgeschlagen:

Als Ergänzung zu den bestehenden Codizes der Invalidenversicherung sollte für alle Berenteten eine Kategorisierung nach ICD-10 oder einer vergleichbaren Klassifikation vorgenommen werden. Die bestehenden Gebrechenscodizes sollten beibehalten werden, um die historische Vergleichbarkeit zu sichern.

Mit den heutigen digitalen Möglichkeiten dürfte eine parallele Codierung nach altem und neuen System, sowie neben der Hauptdiagnose auch die Erfassung der (sehr häufigen Komorbiditäten) problemlos möglich sein. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb an diesem veralteten und ungenauen Codierungssystem festgehalten wird, das keine verlässlichen statistischen Daten liefert.

Hätte man bereits vor zehn Jahren eine neue Klassifikation einführt, könnte man nun zumindest über die Entwicklung der Neurentner*innen der letzten Dekade differenzierte Aussagen nach Krankheitsbildern treffen. Es wäre auch schnell ersichtlich, bei welchen Diagnosen welche Interventionsmassnahmen besonders wirkungsvoll sind und welche nicht. Auf Grund dieser Daten könnten explizit auf gewisse Krankheitsbilder zugeschnittene Integrationsprogramme entwickelt werden.

Dass man das bisher für unwichtig hielt, spiegelt auch eine Ignoranz bzw. Abwehrhaltung gegenüber Menschen mit psychischen Krankheiten wieder. Statt die Thematik statistisch und fachlich fundiert anzugehen, hat man die Problematik der zunehmend psychisch bedingten Renten lange verdrängt und das Feld damit den Populisten und Juristen und ihren «Gefühlen» und Weltbildern überlassen, auf dass diese das Problem «auf ihre Weise» lösen. Nur: allen verschärften Zugangsbedingungen zum Trotz sind heute fast die Hälfte aller IV-Renten psychisch bedingt. Es ist höchste Zeit, diese gesellschaftliche Realität anzuerkennen, statt weiter zu hoffen, dass man die psychisch Kranken einfach mithilfe juristischen Taschenspielertricks wieder «zum Verschwinden» bringen kann.


Häufigste Krankheitsbilder: Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen


Aktuell beziehen rund 100’000 Menschen eine IV-Rente aus psychischen Gründen. Doch welche Krankheitsbilder effektiv am häufigsten vertreten sind, kann das BSV aufgrund der ungenauen statistischen Daten nicht verlässlich sagen. Ich versuche trotzdem mal eine sehr vage Annäherung, die in ihrer höchst unwissenschaftlichen Herangehensweise in der BSV-Abteilung MASS vermutlich allgemeines Bauchweh auslösen dürfte (und damit hoffentlich auch die Dringlichkeit eines neuen Codierungssystems aufzeigt).

Ich benutze dazu die folgenden Grundlagen:

  • Zahlen vom BSV (nicht öffentlich) zum Bestand bei den einzelnen Gebrechenscodes (von 2017)
  • Basierend auf der Abb. 5-14 aus der Dossieranalyse (2009) berechne ich die Anzahl der unter 646 codierten Versicherten mit Persönlichkeitsstörungen (30%), Depressionen (15%) und Schizophrenie (4%) aus der Gesamtzahl der 2017 nach Code 646 Berenteten (50’000). Das ist natürlich hanebüchen, weil sich die Zusammensetzung im Code 646 seit 2009 mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder verändert haben dürfte. Aber aktuellere Daten gibt’s dazu nun mal nicht.

Die häufigsten (rentenbegründenden) Erkrankungen bei den rund 100’000 Bezüger*innen aus psychischen Gründen wären demnach:

1. Schizophrenie und Psychosen: 25’000
Code 641, Schizophrenie: 14’000
Code 643, Organische Psychosen und Leiden des Gehirns: 1’500
Code 644, Übrige Psychosen (seltenere Fälle, die nicht unter 641–643 eingereiht werden können, wie Mischpsychosen, sog. schizoaffektive Psychosen, Pfropfschizophrenie usw.); Involutionsdepressionen: 7’500
Unter Code 646 falsch codierte Versicherte mit Schizophrenie (laut Dossieranalyse 2009): 2000

2. Persönlichkeitsstörungen: 19’000
Unter Code 646 codierte Versicherte mit Persönlichkeitsstörungen (laut Dossieranalyse 2009): 15’000
Code 645, Psychopathie: 4’000

3. Depression und bipolare affektive Störung («manisch-depressiv»): 13’000
Code 642, Manisch-depressives Kranksein (Zyklothymie): 5’500
Unter Code 646 codierte Versicherte mit affektiven Störungen (laut Dossieranalyse 2009): 7’500

Die Diagnosen der übrigen Versicherten verteilen sich auf der ganzen Bandbreite der psychischen Sörungen (Angst-, Ess-, Zwangs- und Posttraumatische Belastungsstörungen, Suchterkrankungen usw.) und sind – vermutlich – jeweils höchstens im einstelligen Prozentbereich. Eine weitere etwas grössere Gruppe könnten evtl. frühkindliche Störungen ausmachen (siehe unten).

Obwohl diese Zahlen nur einen sehr überschlagsmässigen Eindruck vermitteln können, sind sie sicher deutlich näher an der Realität, als das seit 20 Jahren erzählte Märchen, dass die meisten psychisch kranken IV-Bezüge*innen an «unklaren Beschwerdebildern» leiden würden.


Junge IV-Bezüger*innen mit psychischen Krankheiten


Meine obige Rangfolge deckt sich auch mit den Resultaten aus dem BSV-Forschungsbericht «Profile von jungen IV-Neurentenbeziehenden mit psychischen Krankheiten» (2015). Die Forschenden hatten dafür die effektiven rentenbegründenden Diagnosen aus den Dossiers entnommen und dabei zeigte sich bei den älteren Neurentenbeziehenden dieselbe Verteilung. Auch hier sind die (blau eingefärbten) «erwachsenenpsychiatrischen» Störungen Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen und affektive Störungen die drei häufigsten Rentengründe:

Bei den ganz jungen Neurentenbezüger*innen sind schwerwiegende Verhaltens und- Entwicklungsstörungen, die oft mit einer Intelligenzminderung (also einer geistigen Behinderung) einhergehen die häufigsten Diagnosen. Diese Fälle werden oft mit dem IV-Code 649 («Übrige geistige und charakterliche Störungen») versehen, der allerdings (wie der Code 646) keinen Aufschluss über die effektive Diagnose zulässt. Aus diesem Grund habe ich den Code 649 nicht in die obige Gesamtauswertung einbezogen, obwohl er mit insgesamt rund 15’000 Versicherten (aller Altersklassen) eine recht grosse Kategorie darstellt

Insgesamt dürften aber die schwerwiegenden frühkindlichen Störungen (die auch noch unter anderen Codes figurieren und früher vielleicht teils unter «geistiger Behinderung» codiert wurden) ebenfalls eine zahlenmässig wichtige Kategorie darstellen. Wie der BSV-Forschungsbericht über die jungen Neurentenbeziehenden zeigte, sind diese frühen Störungen häufig mit Sonderschulbesuch und späterer Beschäftigung im geschützten Rahmen assoziiert.

Dass es sich bei den jungen IV-Bezüger*innen mit psychischen Störungen vor allem um gesundheitlich kaum beeinträchtigte «Nullbockjugendliche, die lieber Party machen statt zu arbeiten» handeln würde, ist also eine weitere bloss «gefühlte» Wahrheit, die effektiv nicht zutrifft. Aufgrund derer aber jungen Menschen mit psychischer Beeinträchtigung beinahe den Zugang zur IV-Rente verschlossen worden wäre.


Und wenn sie nicht gestorben sind, dann erzählen sie das Märchen von den «unklaren» Beschwerdebildern immer noch


Nach all dem in den letzten drei Artikeln Dargelegten braucht man schon eine gewaltige Portion Chuzpe, um im Jahr 2018 die Systemrelevanz seiner juristischen Doktorarbeit über den IV-Rentenanspruch bei psychosomatischen Leiden folgendermassen zu rechtfertigen:

Die Zunahme der Anzahl IV-Renten geschah primär aufgrund psychosomatischer Leiden, nicht wegen eines erheblichen Anstiegs anderer psychischer Leiden wie schweren depressiven Störungen, Schizophrenie, Zwangs-, Ess-, Angst- und Persönlichkeitsstörungen. Die moderate Systemrelevanz dieser psychischen Störungen im Bereich der IV-Renten ist nicht vergleichbar mit der hohen Bedeutung psychosomatischer Leiden.

Gerber Kaspar: Psychosomatische Leiden und IV-Rentenanspruch: ein juristisch-medizinischer Zugang über IV-versicherte Gesundheitsschäden, funktionelle Einschränkungen und Beweisfragen auf Basis von BGE 141 V 281 (2018)

Möchte jemand wissen, wer das Zweitgutachten zu dieser Dissertation erstellt hat?

Es war Prof. em. Dr. Erwin Murer.

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Ergänzungen:

Juni 2020: Die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter hat mittlerweile das Postulat «Differenzierte Codierung von IV-Gebrechen» eingereicht, das den Bundesrat beauftragt «zu prüfen, ob und wie die veralteten Codizes bei der Klassifikation von IV-Gebrechen durch ein differenzierteres und international anerkanntes System zu ersetzen sind.»

19.08.2020: Der Bundesrat beantragt die Annahme des Postulates.

25.09.2020: Annahme des Postulates durch den Nationalrat