Depression ist eine Krankheit – und Krankheiten kann man sich nicht aussuchen

Was wie eine Binsenwahrheit klingt, scheint in vielen Köpfen immer noch nicht angekommen zu sein: Niemand sucht sich eine psychische Krankheit aus – genausowenig wie sich jemand Krebs oder einen Herzinfarkt aussucht. Trotzdem sind psychische Krankheiten nach wie vor ein grosses Tabu.

Der deutsche Nationaltorwart Robert Enke nahm sich vor einer Woche nach jahrelangen schweren Depressionen im Alter von 32 Jahren das Leben. Enke hielt seine Erkrankung bewusst geheim aus der Angst vor beruflichen und sozialen Folgen. Die deutsche Öffentlichkeit reagierte mit Bestürzung und riesiger Anteilnahme auf seinen Tod. Der Tagesanzeiger fragt angesichts der Ausmasse des medialen Interesses «Hätte Robert Enke das gewollt?»

Die Kommentare zum Artikel zeigen indes in entlarvender Deutlichkeit auf, weshalb Robert Enke und viele andere Menschen ihre psychischen Probleme vor ebendieser «Gesellschaft» sehr bewusst geheimhalten. Von grenzenlosem Egoismus ist da die Rede, sich aus der Verantwortung stehlen, der Rücksichtslosigkeit gegenüber dem unschuldigen Lokführer der damit «zum Mörder» gemacht werde. Besondere denkerische «Glanzleistungen» sind jene Kommentare, die es schaffen, im selben Atemzug den Egoismus Enkes einerseits und die überbordende Anteilnahme der Öffentlichkeit andererseits zu geisseln.

Würden soviele Menschen in Deutschland Anteil nehmen am Schicksal eines Menschen, der sich Zeit seines Lebens egoistisch gezeigt hat? Wohl kaum. Robert Enke war sehr beliebt, er galt als bescheiden und besonnen – und als fairer Spieler ohne Starallüren.

Wer einem solchen Menschen zuschreibt, aus purem Egoismus zu handeln, verfügt – Entschuldigung – über die geistigen Fähigkeiten einer Amöbe. Oder hat sich ein bisschen zu lange im Dunstkreis jener Partei aufgehalten, die seit Jahren mit konstanter Ignoranz die Tatsache leugnet, dass so etwas wie psychische Krankheiten überhaupt exisitieren.

Auch der Kommentar «Selbstmord» wäre ein so hässliches Wort, man möge doch bitte stattdessen die Bezeichung «Freitod» wählen, zeugt davon, wie wenig Ahnung der Durschnittsbürger in diesem Land von psychischen Krankheiten hat. Es gehört zum Wesen von psychischen Krankheiten, dass sich die Betroffenen oftmals in ihrer Entscheidung-und Handlungsfreiheit massiv beeinträchtigt fühlen. Von einem «Freitod» kann also in diesem Zusammenhang keinesfalls gesprochen werden.

Aber was ist auch anderes zu erwarten in einem Land, in dem Menschen mit psychischen Problemen permanent als Simulanten beschimpft und die Invalidisierungen aus psychischen Gründen als «Betrug» dargestellt werden? Täglich nehmen sich in der Schweiz psychisch kranke Menschen das Leben. Menschen wie Robert Enke, deren Angst vor dem Öffentlichwerden ihrer Krankheit grösser ist, als die Angst vor dem Tod.

Das sollte uns zu denken geben.

Nachtrag: Eigentlich nicht verlinkenswert, aber ein Paradebeispiel mit welcher unfassbaren Selbstgerechtigkeit und Ignoranz hierzulande über Menschen mit psychischen Krankheiten geurteilt wird. Das einzig bemerkenswerte ist die Fähigkeit des Autors soviel Unwissen, Vorurteile, unterschwellige Unterstellungen, Menschenverachtung, Arroganz, haarsträubende Vergleiche und ja, schlicht Dummheit in einem einzigen Artikel zu vereinen.