Heute: Vorurteile schüren mit dem Tagesanzeiger

Der Tagesanzeiger titelt Psychisch Kranke fürchten um ihre Rente und schreibt «Peter Indergand kommt pünktlich, ist ordentlich gekleidet und so unauffällig wie alle anderen» –  wo doch der geneigte Leser, die geneigte Leserin erwartet hätte, das ein Mensch mit einer psychischen Erkrankung unpünktlich, ungepflegt und mindestens laut schreiend und um sich schlagend ein Café betritt…

Die Depression von Peter Indergard wird dann mal eben handlich  in drei Sätzen zusammengefasst: «Er unterrichtet noch drei, vier Stunden an einer Privatschule, mehr liegt nicht drin. «Das würde mich überfordern», sagt er. Am liebsten würde er sich ganz ausklinken. Die Lust am Unterrichten sei ihm völlig abhandengekommen.» Wussten wir es doch schon immer; diese Depressiven haben einfach keine Lust zu arbeiten, aber das Leben ist schliesslich kein Wunschkonzert.

«Auf dem Prüfstand stehen vor allem IV-Renten mit schwer definierbaren körperlichen und psychischen Erkrankungen. Das trifft jene, die unter diffusen Schmerzen (somatoforme Schmerzstörungen), Schleudertraumata, Borderline-Syndrom oder Neurosen leiden.» Nächstens wird eine Volksabstimmung darüber lanciert, welche Erkrankungen als «schwer definierbar» gelten (alles was für den gemeinen Bürger nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist). Irgendwie müssen ja Herr du Bois-Reymonds Träume auch erreicht werden: «Wir möchten den Anteil der schwer definierbaren psychischen IV-Fälle von 40 auf 25 Prozent reduzieren» Fast die Hälfte der «schwer definierbaren psychischen IV-Fälle» sind also… ähem besonders schwer definierbar und denen wird die Rente weggenommen und die restlichen der «schwer definierbaren» sind ähem… irgendwie dann doch definierbar – oder wie?

Auch auf die Gefahr hin, wie eine Platte mit Sprung ständig das selbe zu wiederholen: Herr du Bois-Reymond sollte mal die Studie lesen, die das eigene Departement ausgearbeitet hat, und aufhören, die durch die Studie längst wiederlegten Vorurteile zu verbreiten. Das selbe gilt auch für Herr Bortoluzzi der als obligater SVP-Politiker noch sein obligates SVP-Blabla zum Besten geben darf: «Auch SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi fordert eine schärfere Praxis gegenüber psychisch Kranken, konkret: gegenüber «psychogenen und milieu-reaktiven Störungen». Die Zahl dieser IV-Rentner sei zwischen 1993 und 2006 um 60’000 gestiegen. «Man muss künftig klar trennen zwischen psychischen Erkrankungen und kleineren Verstimmungen und Erschöpfungen, wie wir sie alle kennen.»

Jaja, wir wissen’s langsam: das Leben ist eben kein Sugus. Für psychisch Kranke aber insbesondere auch deshalb nicht:

«Der Druck auf psychisch Kranke ist völlig kontraproduktiv», bestätigt Niklas Baer, Leiter der Fachstelle für Rehabilitation der Psychiatrischen Dienste Baselland. Denn eine Rente vermittle Sicherheit. Wer sie infrage stelle, müsse den Betroffenen mindestens eine wirksame Eingliederung garantieren. Eingliederungsmassnahmen zeigten bis jetzt aber praktisch keine Wirkung. «Die Bilanz ist ernüchternd», sagt Baer. Nicht einmal für 15 Prozent der psychisch Kranken würden berufliche IV-Massnahmen in Erwägung gezogen.