50 Jahre Invalidenversicherung

Aus dem Vorwort von Yves Rossier (Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen) in der neusten Ausgabe „soziale Sicherheit“ zum 50-jährigen Bestehen der Schweizerischen Invalidenversicherung:

«In der Rückschau mag es erschrecken, wie Behinderte damals als «Idioten» oder «Anormale» wahrgenommen und bezeichnet wurden. Würde die IV heute erfunden, würde sie sicher auch nicht mehr als Versicherung für «Invalide» bezeichnet. Behinderte sind in unseren Augen nicht mehr «Unnütze», sondern vollwertige Glieder der Gesellschaft. Auch dazu hat die IV ihren wertvollen Beitrag geleistet, indem sie die Betroffenen aus der Randständigkeit befreite, ihnen Rechte zugestand und Selbstbewusstsein ermöglichte.»

Aber natürlich: alles Friede, Freude, Eierkuchen. Wie war das gleich nochmal mit der Plakatkampagne des BSV, laut der „nicht arbeitende Behinderte“ der „arbeitenden Bevölkerung“ nur auf der Tasche liegen?

Besonders schön auch, wie Herr Rossier es schafft, einerseits die Namensgebung „Invalide“ von einst zu geissen um nur wenige Worte später selbst von «Behin-derten» zu sprechen. Zum «Menschen mit Behinderung« ist es wohl noch ein weiter Weg.

In der selben Ausgabe träumt Roland A. Müller vom Schweizerischen Arbeit-geberverband, wie die IV in 50 Jahren aussehen wird: «Das Kausalitätsprinzip – Erbringen von Rentenleistungen aufgrund nachweislich gesundheits-bedingter Beeinträchtigung im Falle einer Erwerbsunfähigkeit – ist streng umgesetzt und die verstärkte Integration von behinderten Menschen in den Arbeitsmarkt aufgrund einer sensibilisierten Umwelt und eines Arbeits-kräftemangels erfolgreich.»

Die Problematik der „Nachweislichkeit“dürfte dann in 50 Jahren aufgrund medizinischer Fortschritte tatsächlich kein Problem mehr darstellen, und man wird sich hoffentlich bei der IV (falls es sie überhaupt noch gibt, und sie nicht in eine allgemeine Erwerbunfähigkeitsversicherung umgewandelt wurde) in Grund und Boden schämen, dass man anno 2010 Menschen mit Fibromyalgie, CFS und „ähnlichen Sachverhalten“ unrechtmässig von den Leistungen der Invaliden-versicherung augeschlossen hat.

Und woher der „Arbeitskräftemangel“ in 50 Jahren kommt, weiss auch nur Herr Müller. Zeigt aber genau auf, in welche Richtung sein Verband denkt: Das menschliche „Restematerial“ soll nach strengen Regeln berentet werden, aber in der Wirtschaft wollen wir die nur, wenn uns sonst nix anderes übrig bleibt.

http://www.bsv.admin.ch/dokumentation/publikationen/00096/02756/02759/index.html?lang=de