Wie es ist, wenn man nicht mehr kann, wie man will

Ein tolles Interview auf Augenhöhe von Betroffenem zu Betroffenem eröffnet neue Sichtweisen und sehr persönliche Einblicke, wie es ist, wenn man nicht mehr kann, wie man gerne möchte. Der Journalist Markus Schneider spricht mit Skirennfahrer Daniel Albrecht. Beide erlitten Hirnschäden, beiden geriet die Welt aus den Fugen. Beide sind daran, wieder zu ihrer alten Form zu finden.

Dass die realistische Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit bei einer Hinrverletzung ein grosses Problem ist, bestätigen im Interview beide – zusätzlich erschwert wird das Ganze dadurch, dass der Anspruch den man vorher an sich selbst stellte (und oft auch erfüllen konnte) sich durch die Hirnverletzung nicht verändert, wohl aber die Leistungsfähigkeit. Man merkt zwar wohl, dass man nicht mehr kann, wie man will – der Anspruch es trotzdem zu können, bleibt aber. Besonders deutlich wird dies im folgenden Teil des Interviews:

Schneider: Ich werde immer gefragt, zu wie viel Prozent ich zurück sei. Ich antworte: Beim Arbeitspensum sind es 50 Prozent, gemessen an meiner früheren Leistung bin ich bei 20 Prozent. Du aber gewinnst, selbst wenn du bei 97 Prozent ankommst, kein Rennen mehr.
Albrecht: Wenn ich jetzt starten müsste, würde es kaum zur Qualifikation reichen. Okay, im Riesenslalom war ich die Nummer 1, da könnte ich mit 97 Prozent vielleicht unter die ersten 15 fahren.

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Das Gefühl; früher ging das doch, früher musste man nur genügend trainieren, sich anstrengen; dann konnte man ein Rennen gewinnen oder ein 100%-Pensum als Journalist problemlos bewältgen. Da konnte man sich mit den Besten messen, gehörte selbst zu den Besten. Es bedeutet eine grosse Erschütterung des Selbstverständnisses der eigenen Person, nicht mehr der zu sein, der das kann, was er sich vornimmt, sondern der zu sein, der das mit aller Willenskraft und Anstrengung im Moment nicht hinbekommt und möglicherweise auch nie mehr hinbekommen wird.

Markus Schneider schrieb auch ein Buch über seine Reise zurück ins Leben nach zwei Hirnschlägen: es heisst Grimassenherz.