So sieht’s aus

Schon mehrfach wurde in diesem Blog auf die Resultate der BSV-Studie «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» verwiesen – auch darauf, dass diese Resulate (bewusst?) keiner breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden – so dass sich die Stammtischgespräche landauflandab weiterhin ungestört um die bösen Simulanten und/oder Ausländer, die unsere Sozialwerke plündern, drehen können.

Dr. Niklas Baer, Leiter der BSV-Studie und Leiter der Fachstelle für psychiatrische Rehabilitation der Kantonalen Psychiatrischen Dienste Basel stellt seine Resultate zumindest immer wieder einem interessierten Fachpublikum vor. Aus seiner Präsentation vom 10. Mai 2010 an der Psychiatrischen Klinik Zugersee hier drei Abbildungen. Die erste zeigt auf, dass die Invalidenversicherung bei den untersuchten Fällen (rund tausend Dossiers mit Gebrechenscode 646 wurden untersucht) nur 3% der AusländerInnen eine Eingliederungsmassnahme zugesprochen hat, im Gegensatz zu 17% bei den SchweizerInnen. Bei Ausländern wie bei Schweizern wurden aber in 36 bzw. 40% der Fälle vom behandelnden Arzt berufliche Massnahmen empfohlen.

Die nächste Grafik fächert die empfohlenen und erhaltenen beruflichen Massnahmen nach Diagnosen auf.

Das letzte Diagramm schliesslich zeigt die Bemühungen (bzw. Nichtbemühungen) der Arbeitgeber zur Weiterbeschäftigung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen auf.

Warum regt sich an den Stammtischen dieses Landes eigentlich niemand über die Arbeitgeber auf, die erkrankte Mitarbeiter nicht im Betrieb halten oder die Invalidenversicherung, die psychisch beeinträchtigen Menschen trotz ärztlichem Rat kaum Eingliederungsmassnahmen anbot und zusprach? Und den Ausländern schon mal gar nicht? Ist das zu komplex für den Stammtisch?

3 Gedanken zu „So sieht’s aus

  1. Warum man manche Leute nicht behaelt? Weil Mitarbeiter mit bestimmten Erkrankungen derart muehsam und schwierig sein koennen, dass das Ertragen alleine andere krank machen kann, oder zumindest persoenliche Energie wegfressen duerfte. Da das aber sonnenklar ist, fragt sich, warum hier so getan wird, als ob das ein niedliches Stammtischproblem sei. Wegbloggen kann man derart gravierende Situationen, die sich mit persoenlichkeitsgestoerten Mitarbeitern ergeben, jedenfalls kaum. Auch behandeln kann man / lassen sich die wenigsten. Entlassen und eine IV-Rente kann insgesamt volkswirtschaftlich schlicht guenstiger sein.

  2. @turander: Ach, es gibt auch ganz „normale“ Menschen, die sehr mühsam und schwierig sein können in der Arbeitswelt.

    Abgesehen davon haben Sie nicht unrecht. Nur: Unsere Toleranzgrenze gegenüber diesen Menschen ist immer weiter gesunken. Das liegt zum Teil am Druck, unter dem viele Arbeitende stehen. Er lädt sie auf, und wenn dann noch eine Mitarbeiter dazukommt, der nicht der Norm entspricht, wird es ganz schnell schwierig.

    Hier eine Lösung zu finden ist tatsächlich nicht einfach. Ich weiss ja auch nicht, ob ich in einem stressigen Job einen Mitarbeiter ertragen würde, der sehr viel Zeit und Energie benötigt.

    Um ein Stammtischproblem geht es hier tatsächlich nicht. Es wäre deshalb gut, wenn mehr als nur der Stammtisch sich dieses Themas annehmen würde.

  3. @Turander,
    ich glaube, dass es für sehr viele Menschen (auch abseits der Stammtische) alles andere als «sonnenklar» ist, wie schwierig und herausfordernd sich der persönliche Umgang mit psychisch erkrankten Menschen manchmal gestalten kann. Denn davon spricht kaum jemand.

    Vielmehr beklagt sich doch eine breite Öffentlichkeit über all diejenigen, deren Behinderung nicht auf den ersten Blick offensichtlich ist und denen deshalb eine IV-Rente nicht zustehen würde. Einerseits wirft man solchen Menschen vor, nicht zu arbeiten, obwohl sie das doch «offensichtlich» könnten, andererseits wollen weder Arbeitgebende noch Mitarbeiter in ihrem normalen und ohnehin schon stressigen Arbeitsalltag diese Zusatzbelastung (er)tragen. Das ist durchaus verständlich.

    Aber sparen soll die Invalidenversicherung selbstverständlich trotzdem. Irgendwo geht doch da am Schluss die Rechnung nicht auf?

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