Laut & Leise

«Kriminelle Ausländer» lautet das Gebot der Stunde der Volksherhetzung rechten Propagandamaschinerie. Das Thema wird vorwärts und rückwärts durchdekliniert. Alles was damit in Verbindung gebracht werden kann, erhält volle Aufmerksamkeit. Es wird geschürt und gezündelt an allen Ecken und Enden. Substanz mit einigen Fakten gegen die mittlerweile allgegenwärtige braune Sauce.

Und dann war da noch die Raserinitiative. Hat auch irgendwie irgendwas mit Ausländern zu tun. Hab jetzt keine Zeit und auch keine Lust nachzurecher-chieren, wie das nun wirklich ist – im kollektiven Gedächtnis jedenfalls ist geblieben: Raser, das sind doch auch überdurchschnittlich oft Ausländer. Aber eigentlich kommt es auch gar nicht so darauf an, was nun wirklich ist, sondern wie das ganze politisch benutzt wird. Und «irgendwas mit Ausländern» ist zur Zeit gerade sehr angesagt.

Ohne jetzt das Leid von Raseropfern und deren Familien schmälern zu wollen (denn da wird in unverantwortlicher Weise grosses Leid über die Betroffenen und deren Angehörige gebracht) befremden die Relationen und Aufmerksam-keitsschwerpunkte in den öffentlichen Debatten doch etwas: Laut der Website der Raserinitiative gibt es in der Schweiz jährlich 1109 Schwerverletzte und 147 Getötete wegen Unfällen mit möglichem Geschwindigkeitseinfluss (Zahlen 2008). Aber:

  • Jährlich sterben in der Schweiz 1300 – 1400 Menschen durch Suizid.
  • Ungefähr 90% aller Personen, die Suizid begehen, litten an einer Depression oder einer anderen diagnostizierbaren psychischen Störung oder Suchterkrankung.
  • Bei jungen Personen im Alter von 15 bis 34 Jahren gehen rund ein Fünftel aller Todesfälle auf suizidale Handlungen zurück.

Und das alles interessiert auf gut deutsch kein Schwein. Wahrscheinlich weil man noch nicht herausgefunden hat, wie man das ganze den Ausländern in die Schuhe schieben könnte. Man müsste sich dann vielleicht damit befassen, dass für einmal nicht «die anderen» Schuld sind, sondern wir alle als Mitglieder einer Gesellschaft, die in der Schweiz zum grossen Teil psychische Erkrankungen einfach nicht ernst nimmt. Das zeigt sich anhand fehlender Präventions-massnahmen (jährlich sterben in der Schweiz 15 mal mehr Menschen durch Suizid als an Aids), das zeigt sich an Mängeln in der psychiatrischen Versorgung, an der Stigmatisierung der Betroffenen und an der zunehmenden Diskrimi-nierung in den Sozialversicherungen.

Und nicht zuletzt immer wieder an unfassbar dummen Artikeln, die leider bei weitem nicht nur auf die Weltwoche beschränkt sind, sondern quer durch alle möglichen Printmedien immer wieder ein komplett krudes Bild von psychischer Erkrankung und Suizid zeichnen. Das zeigt sich auch, wenn der Beobachter psychische Erkrankungen als reinen Kostenfaktor abhandelt (man stelle sich das selbe vor bei Krebserkrankungen!) und einen Wirtschaftsprofessor(!) erklären lässt: «Die vielen Suizide in der Schweiz haben wenig damit zu tun, dass besonders viele Menschen unglücklich wären. Sie sind vielmehr der Ausdruck einer liberalen, fortschrittlichen Gesellschaft, in der Suizid bei schweren Leiden kein Tabu mehr ist.»

(Minarettverbote, Burkaverbote, Wasweissichnichtallesverbote als Zeichen einer liberalen, fortschrittlichen Gesellschaft…?)

Alles was besonders laut «Ausländer» schreit, kommt hierzulande in die Schlagzeilen (oder gar ins Gesetz). Leise Anliegen haben kaum eine Chance: deshalb hier der leise Hinweis auf eine stille Petition des Aktionsbündnisses für Psychische Gesundheit Schweiz (Ein Zusammenschluss von 50 Institutionen, Psychiatrischen Kliniken, Fachverbänden und Selbsthilfeorganisationen): Wer sich solidarisch zeigen möchte, mit psychisch kranken Menschen und ihren Angehörigen und ein Signal setzen möchte gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung: Petition unterschreiben und damit der Gesundheitspolitik signalisieren, dass die Anliegen aller kranken Menschen in der Schweiz gleichwertig berücksichtigt werden müssen.

2 Gedanken zu „Laut & Leise

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