Plündern/Ausländer/Sozialwerke/?

Plündern/Ausländer/Sozialwerke – soweit die Zutaten, nun einmal kräftig schütteln, eine alte schon mehrfach aufgewärmte «Enthüllungsstory» sorgfältig dazugeben und mit etwas Tagesaktualität (Aussschaffungsinitiative) garnieren – et Voilà: fertig ist der obligate «Alex-Ausländer plündern unsere Sozialwerke-Baur-Weltwoche-Artikel.

Weil jahrelange pavlovsche Konditionierung weit über die bezahlende Weltwocheleserschaft hinaus bei Erwähnung des Dreiklangs Ausländer/Plündern/Sozialwerke (kein h-moll, sondern etwas höchst kakophonisches) bei vielen Lesern sofortigen Speichelfluss sofortiges Anklicken des betreffenden Artikels bewirkt, hat man ebendiesen (Ökonomie verpflichtet) mittlerweile nur noch für Abonnenten zugänglich geschaltet. Das ist mal eine höchst erfreuliche Nachricht. Propagandamaterial für Nachwuchsköppels wird nicht mehr frei Haus geliefert, sondern nur noch gegen Bezahlung. Das dürfte der grossflächigen Verbreitung desselben etwas abträglich sein.

Wer also wissen will, dass Alex Baur in der neusten Ausgabe behauptet, dass gemäss Recherchen der Weltwoche angeblich 80% der Sozialhilfe- und IV-Bezüger einen Migrationshintergrund hätten, muss/darf/kann dafür die Weltwoche abonnieren oder die neueste Ausgabe am Kiosk kaufen. Oder es bleiben lassen (Empfehlung des Hauses).

Ich weiss nicht, ob Herr Baur eine Mischrechnung macht und IV und Sozial-hilfebezüger in einen Topf wirft – aber nun gut. Schauen wir uns mal die Fakten an, die die IV-Bezüger betreffen. Die IV-Statisktik von 2009 sagt: 193’000 Schweizer beziehen eine IV-Rente und 91’000 Ausländer.

Dann sagt das BFS, dass von den 30% Menschen mit Migrationshintergrund in der Schweiz ein Drittel einen Schweizer Pass besitzen.

Quelle: bfs

Also 10 % der Gesamtbevölkerung hat einen Schweizerpass und Migrations-hintergrund – Das sind 651’000 Personen. Das ist die Gruppe, auf die Herr Baur hinauswill (denn die Ausländer ohne Schweizerpass sind in der IV-Statistik ja bereits als Ausländer aufgeführt). Diese Personengruppe bezieht nach seiner Aussage angeblich 136’000 Renten (80% von der gesamten Anzahl an IV-Be-zügern (284’000) ergeben 227’200 IV-Bezüger mit angeblichem Migrations-hintergrund – davon abgezogen werden die Ausländer mit ausländischem Pass).

Da bleiben für die Schweizer noch gerade mal 56’800 Renten übrig. Ein echt gesundes Volk diese Ur-Schweizer. Das macht bestimmt die gute Bergluft, die sie seit Generationen einatmen. Die verhindert auch Geburtsgebrechen und Unfälle – und Krankheiten natürlich erst recht.

Falls Sie also mehr als fünf Menschen mit Migrationshintergrund und Schweizer Pass kennen und keiner von denen eine IV bezieht, legen sie doch einem von Fünf nahe, sich ganz schnell um eine IV zu bemühen. Wir wollen doch nicht behaupten müssen, dass die Weltwoche lügt.

13 Gedanken zu „Plündern/Ausländer/Sozialwerke/?

  1. Das wird schon stimmen mit dem Anteil Schweizer mit Migrationshintergrund. Die ganzen Hugenotten, bürgerlichen Flüchtlinge, Revoluzzer, Handwerker, Firmengründer, Soldaten und Anarchisten, die im letzten halben Jahrtausend nach und nach in die Schweiz geströmt waren, haben den hiesigen Genpool schliesslich immer wieder aufgefrischt. Derweil bei den alpenstämmigen Urhelveten vor Einführung der staatlichen Sozialwerke nicht selten die Emigration auf der Traktandenliste stand – die äussere wohlverstanden.

  2. also du willst uns einfach sagen, dass es unwahrscheinlich ist, dass soviele bezüger einen migrationshintergrund aufweisen, wenn man sie vergleicht mit der gesamtbevölkerung, die einen migrationshintergrund haben. gibt es denn keine konkreten zahlen?

  3. @ Andreas – genau, die Gemeinden wollten ihre verarmten Bürger loswerden, daher versuchten im 19. Jahrhundert etliche in finanziellen Schwierigkeiten steckende Schweizer Gemeinden ihre Armen loszuwerden, indem sie ihnen die Überfahrt nach Amerika bezahlten und sie dafür auf ihr Bürgerrecht verzichten liessen, damit sie nicht mehr für sie aufkommen mussten. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerort

    Die Definition des bfs von Migrationshintergrund schliesst wohl die Hugenotten aus ;-)

    2 Bevölkerung mit Migrationshintergrund
    2.1 Im Ausland geborene Personen (foreign-born)
    2.1.1 Ausländer (1. Generation)
    2.1.2 Schweizer
    a) Gebürtige Schweizer mit zwei im Ausland geborenen Eltern
    b) Eingebürgerte
    2.2 Im Inland geborene Personen (native-born)
    2.2.1 Ausländer mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil (2. Generation)
    2.2.2 Schweizer
    a) Gebürtige Schweizer mit zwei im Ausland geborenen Eltern
    b) Eingebürgerte mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil

    Quelle: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/07/blank/key/04/01.html

    @matu – ja genau. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass 10% der Schweizer Bevölkerung (Schweizer mit Migrationshintergrund) rund 45% der Invalidenrenten beziehen.
    Zahlen dazu gibt es meines Wissens nicht (wenn sie jemand zur Hand hat, bitte hier posten), da die Invalidenversicherung in ihrer Statistik nur zwischen Schweizern und Ausländern unterscheidet.

    Wie obige Auflistung zeigt, gehören zu den Schweizern mit Migrationshintergrund auch solche, wo beide Eltern zb. Franzosen oder Österreicher sind und sie selbst aber in der Schweiz geboren & aufgewachsen sind. Ich glaube nicht, dass solche Schweizer ganz generell eine erhöhte Rentenquote aufweisen.

    Dass Immigranten (1. Generation) gegenüber Schweizern eine erhöhte Rentenquote haben, ist durchaus so. Dafür gibt es allerdings auch einige Gründe. Dazu schreibe ich dann vielleicht mal irgendwann einen Artikel.

  4. Also, easy Leute, erst mal Schaum vom Mund wischen, tief durchatmen. Ich habe bereits vor zwei Jahren in einer Titelgeschichte nachgewiesen, dass 80 Prozent der Fürsorgebezüger einen sog. „Migrationshintergrund“ haben (bitte nicht mit Ausländer verwechseln), wenn man ehrlich rechnen würde (was leider im Sozialbereich eher unüblich ist). Diese Zahl ergibt sich, wenn man die Eingebürgerten und die Asylbewerber dazu rechnet. Über den Daumen gepeilt ist es etwa so: Rund die Hälfte der Sozialbezüger sind Ausländer, von den Schweizern sind gemäss einer Auswertung der Gemeinde Wallisellen rund die Hälfte eingebürgert. Damit wären wir schon bei 75 Prozent, dann muss man noch den Asylbereich dazu nehmen, denn es gibt keinen Grund, diesen asuzuklammern. Leider sind die Zahlen sehr unscharf, weil sie (bewusst) nicht offiziell erhoben werden. Aber die Grössenordnung stimm.
    Also – bevor Sie nächstes Mal das grosse „Lügen-Geschütz“ hervornehmen, kurz zurücklehnen, nachdenken – und vielleicht auch mal zum Telefon greifen.
    Mit freundlichen Grüssen, Alex Baur

    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2007-14/artikel-2007-14-auslaenderanteil-von-ueber-60-prozent.html

  5. Wenn »nachweisen« heißt, Stichproben aus einigen Schweizer Gemeinden auswerten, dann ist das für mich keine befriedigende Replik, Herr Baur.

    Ganz allgemein würde ich Sie bitten, präzise auf die aufgeworfenen Fragen zu antworten; anstatt auf stimmige »Größenordnungen« hinzuweisen, welche sie aus »unscharfen« Zahlen ableiten.

    Den Asylbereich hinzuzuzählen ist absolut hinterhältig und perfide: Asylbewerber sind per Definitionem Ausländer – und erhalten Sozialleistungen, weil es ihnen nur in einem sehr eingeschränkten Masse möglich ist, einer Arbeitstätigkeit nachzugehen.

    • Sehr geehrter Hr. Wampfler
      Gewiss, man hindert Asylbwerber am arbeiten. Das soll uns doch nicht daran hindern, die Zahlen ehrlich auf den Tisch zu legen. Der Asylbereich ist wichtig und darf nicht ausgeblendet werden, weil hier die Immigranten vom ersten Tag an, an dem sie sich melden, von unserem Fürsorgesystem angefixt werden; die meisten kommen aus der Abhängigkeit nie mehr heraus (auch darüber habe ich schon geschrieben). Das ist auch kein Wunder, wenn man sich vor Augen hält, dass namentlich nicht qualifizierte „Klienten“ mit Familien vom Sozialamt (unter dem Strich) oft mehr bekommen, als sie mit Arbeit vernünftigerweise verdienen können.
      Was die Zahlen anbelangt, geht Ihr Vorwurf an die falsche Adresse: wenn die Zahlen nicht freigegeben bzw. (mit Bedacht) nicht erhoben werden, muss man sich an das halten, was man hat.
      Grüsse, Alex Baur

    • Sehr geehrter Herr Baur
      Die Zahlen aus dem Asylbereich erstaunen niemanden – die muss man nicht auf den Tisch legen. Selbstverständlich dürfen Sie – wenn Sie das deklarieren, Statistiken zusammenlegen.
      Über Anreize müssen wir nicht sprechen – in genau definierten und zu definierenden Kontexten gebe ich Ihnen Recht: die Anreize, wenn möglich eine Arbeit aufzunehmen, sind nicht immer stark genug.
      Das Problem sind die Zahlen: Wenn Zahlen nicht freigegeben oder erhoben werden (warum auch immer, nicht zuletzt so genannt »bürgerliche« Parteien sparen ja gerne bei der Verwaltung), dann geht es nicht an, einfach Annahmen zu treffen oder mit statistisch nicht sauber verrechneten Stichproben zu arbeiten.

  6. Herr Baur, in der aktuellen Weltwoche haben Sie Folgendes geschrieben: «Die Zahl der Sozialbezüger und Invaliden – gemäss Recherchen der Weltwoche haben rund 80 Prozent von ihnen einen sogenannten Migrationshintergrund (…)»
    In Ihrer Antwort haben Sie dargelegt, wie Sie diese 80% bei den Sozialhilfebezügern berechnet haben.

    Im obigen Artikel geht es aber um den Teil Ihrer Aussage, der impliziert, dass angeblich 80% der Bezüger einer Invalidenrente einen Migrationshintergrund aufweisen.

  7. Sie Zahlengrundlagen bei den IV-Bezügern sind noch dürftiger als bei den Sozialhilfebezügern (wo es wenigstens eine Städteinitiative gibt), was übrigens sicher nicht mit Sparmassnahmen zu tun hat (sondern mit fehlendem Willen). Ich habe in der Praxis gesehen, wie viele Klienten die Sozialhilfe an die IV abschiebt, doch kann man das nicht gleichsetzen. In diesem Punkt gebe ich der Kritik recht. Die IV-Bezüger hatten im Artikel nichts verloren; der Satz war ursprünglich auch anders formuliert, ist dann beim redigieren verkürzt worden; die 80 % beziehen sich aber effektiv auf die Sozialhilfe; bei der IV wissen wir es nicht. axb.

  8. Dann wäre es korrekt, wenn diese verkürzte Darstellung in der nächsten Weltwoche richtiggestellt würde.

    Die IV-Statistik von 2009 zeigt immerhin auf: 193’000 Schweizer und 91’000 Ausländer beziehen eine IV-Rente. Wieviele von den Schweizer IV-Bezügern einen Migrationshintergrund aufweisen, wissen wir in der Tat nicht.

  9. Na Herr Baur,
    Ihr Eingeständnis, dass die Kritik im obigen Artikel gerechtfertigt ist, ist ja offensichtlich nichts wert, wenn danach kein Korrigendum ins Blatt gesetzt wird und in einer der folgenden Ausgaben in einem Artikel über die Ausländer in der IV der selbe Quatsch gleich nochmal aufgewärmt wird (nämlich Zahlen aus der Sozialhilfe mit denjenigen aus der IV vermischen und behaupten, die Zahlen wären vergleichbar) – was soll man dazu noch sagen ausser: Philippe Wampfler hat mit seiner Aussage «die Weltwoche lügt» den Mund überhaupt nicht zu voll genommen.

  10. Seit wann ist es eigentlich relevant, ob man Schweizer oder Ausländer ist, wenn man eine IV-Rente bezieht. Es ist doch eine Versicherung, für die jeder, der in diesem Land arbeitet bezahlt, auch jene, die später nie einen Anspruch darauf erheben können (L-Bewilligungen).
    Ein Anspruch entsteht erst, wenn eine gewisse Zeit Beiträge bezahlt wurden und die Rentenhöhe richtet sich nach den Beitragsjahren.
    Also ist es unsinnig, davon auszugehen, dass die Leute hierherkommen, nur um sofort eine Rente zu beziehen, weil es in der Praxis gar nicht geht.
    Und wenn sie hier gearbeitet haben, dann haben sie nun mal genauso Anspruch darauf, wie, die mit einem Schweizer Pass geboren wurden.

    • @Brigitte Obrist
      Es ist relevant, ob einer hier ein Leben lang Steuern und Versicherungsbeiträge gezahlt hat und sich trotz Krankheit oder Unfall um Arbeit bemüht.

      Es gibt nämlich genug Leute, die in die Schweiz kommen aus einem Land, wo es die gutbürgerliche Pflicht ist, den Staat nach Strich und Faden, wann immer sich Gelegenheit bietet auszunehmen.

      Jene Länder haben keine funktionierenden Sozialwerke und unsere würden zusammenbrechen, wenn wir nicht rechtzeitig für Ordnung sorgen.

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