behindert & nutzlos

Patrik Etschmayer gestern auf nachrichten.ch, das eigentliche Thema des Artikels ist zwar ein anderes, aber die Einführung, nun ja:

«Es tönt krass, aber Gesellschaften teilen sich immer in Menschen ein, die für die Gesellschaft nützlich und nicht nützlich sind, in Menschen die zahlen und arbeiten und andere, die dies nicht können… oder nicht wollen.

Jenen, die es nicht können, sei es wegen Krankheiten, Behinderungen oder anderen nachvollziehbaren Gründen, ist kein Vorwurf zu machen. Im Gegenteil. Diese Leute leiden meist darunter, dass sie keinen Beitrag an die Gesellschaft leisten können und es ist die Pflicht unserer Zivilgesellschaft diesen Menschen beizustehen und Ihnen auch dabei zu helfen, sich irgendwie wieder einbringen zu können.»

Herr Etschmayer definiert die «Nützlichkeit» eines Menschen für eine Gesellschaft darüber, ob jemand finanziell für sich selbst sorgen kann und darüber hinaus ordentlich Steuern bezahlt. Also je mehr Geld jemand verdient, desto nützlicher für die Gesellschaft.

Mir wär grad lieber, der wahnsinnig nützliche BP-Vorstandschef Tony Hayward hätte sein Leben als (nach Definition Etschmayer) komplett «unnützer» Empfänger von staatlichen Almosen gefristet. Und über den Wert von gewissen Bankern oder Politikern für die Gesellschaft darf man auch gerne mal diskutieren.

Mit steigendem Einkommen und Macht steigt in der Regel auch die Verantwortung: Wer nur die Macht und das Geld sieht und sich einen Dreck um die damit verbundene Verantwortung schert – der ist bei allem (ungerechtfertigten) Ansehen, wohl eher «schädlich» für die Gesellschaft denn «nützlich».

Und vom gesellschaftlichen (und volkswirtschaftlichen) Wert der unbezahlten Arbeit, die in der überwältigen Mehrheit von Frauen geleistet wird (zb auch Pflege von alten/kranken Verwandten) fange ich gar nicht erst an.

Und wenn Ihr Partner, Ihre Partnerin, Ihr Kind, Ihre Mutter oder Ihr Vater erkrankt und behindert wird – ist dieser Mensch dann für Sie persönlich nutzlos? Ist seine oder ihre Liebe zu Ihnen dann nichts mehr wert? Oder wenn Sie selbst schwer erkranken/verunfallen würden, denken Sie, dass sie danach kein/e wertvolle/r PartnerIn, Mutter/Vater, FreundIn mehr sein würden?

8 Gedanken zu „behindert & nutzlos

  1. Zumindest ist mir jetzt endlich klar geworden, was das vielzitierte neoliberale Credo der «Eigenverantwortung» wirklich meint: Verantwortung NUR für sich selbst (fürs eigene Portemonnaie & Renommé). Alles andere (Mitmenschen/Umwelt) ist völlig egal.
    An der Nützlichkeit für die Gesellschaft dieser Form von Eigenverantwortung darf gezweifelt werden.

  2. Man muss hier wohl differenzieren: Makroökonomisch gesprochen zählt tatsächlich nur die Produktivität des Einzelnen und nicht die Geschichte, die hinter ihm steht. So gesehen ist die Makroökonomie eine ziemlich zynische Wissenschaft. Es ist jedoch auch nicht ihre Aufgabe das Los des Einzelnen zu bewerten, sondern Aussagen über die Wohlstandsentwicklung in einem Land zu machen. Etschmayers Aussage ist wohl sehr etwas in diesem Kontext verhaftet.

    Letztlich finde ich, bringt es aber nichts, sich über diese Tatsachen aufzuregen. Das Los des Einzelnen zählt nicht in einer aus Millionen Individuen bestehenden Gesellschaft – mag es auch noch so traurig sein. Es ist die kalte Realität der postmodernen Zeit, die Schicksale und menschliches Leid zu Zahlen degradieren.

    Was wollen/sollen wir machen? Ich sehe keinen Weg, diese Tatsache ändern zu können. Das Einzige, was wir in meinen Augen machen können, ist unseren Mitmenschen mit Liebe und Respekt zu begegnen. Im Kleinen zu wirken versuchen. Denn das „System“ an sich und seine Logik wird sich niemals ändern lassen.

  3. Also tut mir Leid, aber da kann ich trotz allem nicht zustimmen. Ein Mensch kann der Gesellschaft auf viele ganz reale Arten von Nutzen sein, ohne dabei direkt „Kapital“ zu erwirtschaften.

    Denken wir beispielsweise an ehrenamtliche Arbeit. Oder aber jemand ist z.B. ein guter Zuhörer und hält jemanden von einem Selbstmordversuch ab, der womöglich schief gegangen wäre und zu teuren Behandlungskosten geführt hätte. – So etwas kann wissenschaftlich-ökonomisch nicht berechnet werden, hat aber sehr wohl ganz realen ökonomischen Einfluss.

  4. @David Siems: Eine berechtigte Kritik, wie ich finde. Die ökonomische Sichtweise beschränkt sich häufig nur auf direkt messbare Grössen. Soviel ich weiss spielen jedoch in der neueren ökonomischen Forschung solche „weichen Faktoren“ mehr und mehr eine Rolle – erfreulicherweise.

  5. @ Monsieur Croche: hast du zum Einbezug der «weichen» Faktoren weitergehende Informationen? Nur schon Zahlen zu finden, die aufzeigen wie hoch der Anteil der unbezahlten Arbeit in einer Volkswirtschaft ist, ist schwierig. Mich würde vor allem interessieren, wie man solche «weichen» Faktoren berechnet – man kann zwar beispielsweise die Stunden aufrechnen, die eine Hausfrau mit Hausarbeit verbringt, aber wenn man sich mal ansieht, wieviele der Big Bosse eine Ehefrau zu Hause haben (alle?), die ihnen den lästigen alltäglichen Kleinkram vom Hals hält, damit sie selbst besonders (wirtschaftlich) produktiv sein können… Die Auswirkungen dieser «Entlastung» effektiv zu berechnen scheint mir aber schwierig.

    Da geht es auch um emotionale Unterstützung, die lässt sich nicht direkt in «Produktivität» umrechnen, ist aber meines Erachtens ein entscheidender Faktor für die Leistungsfähigkeit eines Menschen.

  6. @Mia: So auf die Schnelle leider auch nicht. Ich weiss aber, dass es solche Statistiken gibt, die auch die Hausarbeit miteinbeziehen. Ich müsste da mal tief in die Bücher.

    Interessant wäre es, wenn es Statistiken über das Wohlbefinden von Managern geben würde und wenn man wissen würde, ob sie verheiratet sind bzw. eine Partnerin haben oder nicht. Evtl. liesse sich daraus ja bereits eine Aussage machen.

  7. @Mia, zum Anteil unbezahlter Arbeit: Mitte Februar dieses wurden in der „Basler Zeitung“ Zahlen veröffentlicht. Berichtet wurde von einer Studie der Universität Basel über das Spendenverhalten der Schweizer, die pro Jahr etwa drei Milliarden Franken für gute Zwecke übrig haben. Ganz nebenbei wurde auch darauf hingewiesen, dass in der Schweiz Freiwilligenarbeit im Wert von 31 Milliarden Franken jährlich (!) geleistet wird.

    Die Frage ist dann halt noch, wie das errrechnet wurde.

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