Arbeit für alle – das war einmal

Die Publikation des Bundesamtes für Sozialversicherungen «Soziale Sicherheit CHSS 3/2010» schreibt unter der Überschrift «Sozialfirmen helfen Armut bekämpfen» folgendes: «Sozialfirmen wie Réalise leisten einen nützlichen Beitrag zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung. Ihre abfedernde Wirkung kann eine sozialere und solidarischere Wirtschaft, die allen Menschen Arbeit und Lohn und somit ein selbstständiges Leben garantiert, aber nicht ersetzen.»

Da arbeitet die Menschheit seit der Industriellen Revolution daran, die Arbeit zu veringern und immer umfassender an Maschinen zu delegieren (was ja auch zunehmend gelingt – die steigenden Arbeitslosenzahlen zeigen es) und dann… erzählt uns das BSV etwas vom Ideal einer «sozialeren und solidarischeren Wirtschaft, die allen Menschen Arbeit garantiert»?

In einem Beispiel wird dann die Praxis der Sozialfirmen aufgezeigt: «Frau Y. hat nur sehr wenig Berufserfahrung und war seit mehreren Jahren nicht mehr erwerbstätig. Sie beginnt ein Praktikum in der Wäscherei von Réalise. Dabei soll sie lernen, in einem Unternehmen zu arbeiten, sich dem Produktions-rhythmus anzupassen, ihr Familienleben entsprechend ihren Arbeitsstunden zu organisieren und bei Abwesenheit Bescheid zu geben. Damit sie sich auf diese Ziele konzentrieren kann, wird ihr eine nicht sehr anspruchsvolle Aufgabe übertragen. Es geht dabei in erster Linie darum, die Fähigkeit zu entwickeln, Anweisungen zu befolgen und nicht um den Erwerb umfassender Kenntnisse in den verschiedenen Bereichen der Wäschebehandlung.»

Sozialfirmen = wir tun so, als ob wir in der freien Wirtschaft wären, deshalb imitieren wir deren menschenverachtende Praktiken und geben unseren Mitarbeitern dadurch das Gefühl zur Gesellschaft dazuzugehören…?

Da findet man die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens auf einmal doch gar nicht mehr so absurd. Auch wenn der Film meines Erachtens zu wenig auf mögliche Problematiken der Idee eingeht – 100 sehenswerte Minuten.

Was da wegfallen würde an sinnlosem Verwaltungsaufwand, Bevormundung, Zwang und Demütigung durch die ganzen Sozialsysteme (RAV, Sozialhilfe, IV) und deren blindwütigen Eingliederungsversuchen in eine Wirtschaft, die die Menschen gar nicht will. Aber ob das bedingungslose Grundeinkommen auch tatsächlich realisierbar wäre?

2 Gedanken zu „Arbeit für alle – das war einmal

  1. Arbeit und Einkommen müssen ganz neu gedacht werden. Das gültige Konzept ist abgelebt und führt sich zunehmend selbst ad absurdum. Schlimm ist nur, dass fast alle so tun, als ob das nicht so wäre. Das führt zu unmenschlichen Verhältnissen, wie sie zum Beispiel in den obigen Zitaten zum Ausdruck kommen. Unverhohlen grinst uns da eine Sklavenhaltermentalität entgegen, womöglich noch von Menschen gehegt, die es ja nur gut meinen …

    Ich erlaube mir, da ich mich schon länger mit dem Thema „Arbeit und Einkommen“ beschäftige, auf meinen Artikel „Ketzerische Fragen zum Begriff der Arbeit“ hinzuweisen.

    Ob das bedingungslose Grundeinkommen geeignet ist, eine Wende zum Besseren zu bringen, muss diskutiert werden, möglichst sachlich und unideologisch natürlich. Ob es realisierbar ist? Keine Ahnung. Doch hätte man sich noch kurz vor 1989 auch nur im Entferntesten vorstellen können, dass der Kommunismus als Antwort auf die soziale Frage in sich zusammenstürzen und sang- und klanglos verschwinden würde?

  2. @ Walter, Danke für den Link zu deinem interessanten Beitrag. Mir ist es ein Rästel, warum alle immer sagen; dann würde ja niemand mehr arbeiten – das Argument kommt ja oft gerade aus der Ecke, die sagt: Jeder der zu faul sei zum arbeiten, bekomme heute schon staatliche Unterstützung. Dann würde sich ja gar nichts ändern? ;-)

    Die meisten würden ja doch mehr haben wollen (Auto, Ferien u.s.w.), als das Minimum. Und die die gar nicht arbeiten wollen… da sind ja die, die die noch arbeiten, noch so froh, wenn sie nicht mehr mit so unmotivierten Leuten zusammenarbeiten müssten…

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.