SF DRS erklärt, was Integration ist – und was nicht

Ab Montag geht das Schweizer Fernsehen (SF) mit der Sendereihe «Üsi Badi» auf Sendung. Die Soap zeigt, wie sechs geistig Behinderte zusammen mit den regulären Angestellten eine Badeanstalt betreiben. Die Behinderten-Organisation Procap hat die betreffende Badeanstalt auf ihre Barrierrefreiheit für Menschen mit Behinderungen getestet – mit ernüchterndem Ergebnis. SF DRS sieht da kein Problem: «Es geht uns darum, zu zeigen, wie geistig Behinderte zusammen mit dem regulären Personal eine Badeanstalt führen. Es war nicht das Ziel, das Leben von Behinderten in einer möglichst behindertengerechten Umgebung zu zeigen. Das hätte mit Integration nichts zu tun», sagt SF-Sprecher David Affentranger.

via: Zentrum für selbstbestimmtes Leben

6 Gedanken zu „SF DRS erklärt, was Integration ist – und was nicht

  1. Stellt Euch doch mal nicht so an. Mit derart unzerlegter Pampe gehts argumentativ doch nicht weiter. Behindertengerecht ist eh ein saublödes Pauschalwort. Für mich heisst behindertengerecht konkret, dass sie ihre Kleiderschränke regelmässig desinfizieren, damit nämlich mein Prothesenliner beim Aufhängen keine blöden Sachen aufgabelt, und dass die Klos ein Klopaier haben, das nicht zu weich ist, so dass man dauernd Papierfasern am A**** kleben hat. Und komisch aber wahr – es gibt Bäder, die sauberere und wenig sauberere Umkleidekabinen und Schränke haben, und das mit dem Klo variiert eben auch. Für Leute mit geistiger Behinderung ist jedenfalls die Orientierug, Beschilderung, ein ganz wesentlicher Faktor den ich nicht oft wirklich gut gelöst sehe. Und Rollstuhlgängigkeit ist wieder ein anderes Thema, da könnten sie Dreck in die Umkleiden häufen und das Bad in einen Irrgarten verwandeln, solange es rollt ist dann alles paletti. Dann gehen da so Organisationen hin und meinen, sie könnten jetzt die Stellvertretung für die Bewertung „behindertengerecht“ von Badis oder Sendungen übernehmen. Unsinn, sage ich da, Unsinn. Die Rollstuhl-Lobby darf viel, aber rollstuhlgerecht und behindertengerecht oder barrierefrei sind nicht austauschbare Begriffe, und was Procap da tut ist eine exklusive Bewertung für Rollstuhlfahrer. Dadurch tun sie gleichzeitig was anderes: sie vernachlässigen Sehbehinderte, und und und. Und dann lasse ich mir von keinem Labelverteiler verbieten, wohin zu gehen ich vorhabe. Andere auch nicht, was gut ist – auch in „schlecht“ beurteilten Bädern sieht man regelmässig Rollstuhlfahrer. Am Ende entscheiden freundliche Bademeister und hilfsbereite oder nur schon tolerante Badegäste darüber, wo das Leben schön ist. Soviel Analyse muss doch, bitte sehr, sein dürfen.

  2. @ Turander, nochmal, kannst du bitte etwas auf deine Ausdrucksweise achten. Danke.

    Der Punkt war zudem ein anderer; nämlich dass der SF DRS-Sprecher findet, dass «Behinderte in einer behindertengrechten Umgebung zu zeigen nichts mit Integration zu tun habe».

    «Wahre Integration» ist dann also nur, wenn Menschen mit Behinderungen sich perfekt an die nichtbehinderte Welt anpassen?

    Der Punkt ist auch nicht, ob irgendwer hier irgendwem verbietet, irgendwohinzugehen – aber man kann doch im Jahr 2010 eine gewisse Sensibilität in der Planung von öffentlichen Anlagen mal endlich vorraussetzen.

    Und unter behindertengerecht (oder eben besser «barrierefrei» verstehe ich bei weitem nicht nur Rollstuhlgängigkeit).

  3. Dass «Behinderte in einer behindertengrechten Umgebung zu zeigen nichts mit Integration zu tun habe» ist schon richtig, aber „«Wahre Integration» ist dann also nur, wenn Menschen mit Behinderungen sich perfekt an die nichtbehinderte Welt anpassen?“ ist eben etwas schwarzweiss. Und was ist schon perfekt. Schon bei der Frage des Zusammenlebens mit Ausländern verwechselt man da gerne Assimilation und Integration. Integration, da bewegt man sich etwas aufeinander zu, muss auch nicht perfekt sein. Ob baulich, oder ob jemand beim rein- und raushieven oder beim Münz abzählen hilft. Ob da eine Fernsehsendung in einer als eher mehr oder eher weniger als rollstuhlgerecht bezeichneten Badeanstalt gedreht wird, wenn es sowieso nicht um Rollifahrer sondern geistig Behinderte geht, das ist aus der Sache heraus vollkommen egal. Und dann schreibst Du da „Die Behinderten-Organisation Procap hat die betreffende Badeanstalt auf ihre Barrierrefreiheit für Menschen mit Behinderungen getestet – mit ernüchterndem Ergebnis“ – was so eben gar nicht wirklich stimmt, Procap hat keineswegs die Barrierefreiheit von Badeanstalten für Menschen mit Behinderung getestet, sondern Punkte für Rollstuhlgängigkeit verteilt. Ich finde schon, das ist etwas anderes. Es ist eben auch anmassend: ich lasse mich doch nicht in denselben Topf wie andere werfen, was Barrierefreiheit angeht? Wieso sollte ich das denn? Vielleicht bin ich nicht der einzige, der auf die Ausdrucksweise achten sollte ;)

  4. ok, das habe ich übersehen, dass procap nur die Rollstuhlgängigkeit überprüft hat. Ich dachte, man wäre da weiter und nicht immer in diesem doofen Gärtchendenken verhaftet – dem ist dann wohl leider nicht so.

    Na dann hat procap eben einfach die Situation PR-Mässig ausgenutzt… Hauptsache Aufmerksamkeit gilt eben auch in der Behindertenszene.

    Und ja den passenden Tonfall finde ich auch nicht immer, gibt einfach soviel worüber man sich ärgert und sich dann mal etwas vergreift im Vokabular. Aber ich bemühe mich, man solls ja auch noch einigermassen unbeschadet lesen können.

  5. Nachtrag: ausser, wenn ich über die Lügen der Weltwoche schreiben muss – dann gehen alle Bemühungen für ein gesittestes Vokabular flöten.

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