«Charmante, überlastete Dame»

Heute im Tagesanzeiger ein weiterer Teil aus der Serie über die Zürcher Anwältin Caroline Bono, die seit einem Auffahrunfall unter schweren gesundheitlichen Problemen leidet. Die aber die Unfallversicherung Zurich und die Gerichte nicht als unfallbedingt anerkannt haben – diesem Urteil hat sich die IV nun auch angeschlossen.

«Für die behandelnden Ärzte steht ausser Zweifel, dass es sich um Unfallfolgen handelt. Sowohl das Kassationsgericht als auch das Bundesgericht stützten indes das Zürcher Handelsgericht. Dieses sah es 2008 als wahrscheinlicher an, dass Überlastungen die gesundheitlichen Probleme verursacht hätten. Die vierfache Mutter habe getrennt von ihrem Mann gelebt und Hausarbeit geleistet, sie habe sich ausserdem mitten in ihren Anwaltsprüfungen befunden, in einer Kanzlei gearbeitet und Seminare geleitet. «Nach der allgemeinen Lebenserfahrung» sei es «sehr wahrscheinlich, dass diese Belastung und nicht das banale Auffahrereignis» die Ursache für die Beschwerden der Klägerin sei, sagten die Gerichte.»

Wäre Frau Bono ein beruflich sehr engagierter Mann, würden die Versiche-rungen (Unfall wie IV) und vor allem die Gerichte unter Garantie nicht mit Überlastung argumentieren, aber bei Frauen geht sowas ja klar. Die sind halt schnell mal überlastet

Und wo wir gleich bei der Objektivität der Medas sind: «Der Medas-Gutachter hat auch persönliche Wertungen eingestreut. So beschreibt er Bono als «46 Jahre alte, offene, kooperative, charmante und affektiv völlig unauffällige Dame, sieht jünger aus.»

Was hat das bitte schön mit einem seriösen ärztlichen Gutachten zu tun?!

Ich sags jetzt mal höchst uncharmant: Wer sonst als Arzt nichts gebacken kriegt, wird Versicherungs-Arzt. Da darf man sich dann wenigstens noch ein bisschen wichtig fühlen machen.

15 Gedanken zu „«Charmante, überlastete Dame»

  1. Schwertes Scheide hat nun mal 2 Seiten. Auf der einen anerkennen Gerichte damit, dass Frauen eine Doppelbelastung haben und gestehen dieser Doppelbelastung auch Krankheitsfolgen zu. Auf der anderen wird davon ausgegangen, dass sie diese Doppelbelastung nicht auf sich nehmen müssten und statt dessen bei ihren Männern bleiben sollten.

    Bei Männern wird bei gleichen Beschwerden anders argumentiert. Das stimmt. Aber auch nicht zu deren Gunsten. Bei ihnen werden dann invaliditätsfremde Gründe, wie die Trennung von der Frau, Probleme am Arbeitsplatz oder einfach altersbedingte Abnützungserscheinungen, geltend gemacht.
    Im Endeffekt kommt es auf dasselbe hinaus.
    Solange es keine besseren Bildgebenden Verfahren gibt, die die Folgen von Schleudertraumas sichtbar machen können, werden die Unfallversicherungen immer einen Grund finden, einen Kausalzusammenhang abzulehnen. Und lehnt die Unfallversicherung ab, dann lehnt auch die IV ab.

    Ob der Gutachter die Dame charmant fand, ist zwar nicht relevant, aber offen und kooperativ sind Persönlichkeitsbeschreibungen, die im Gegensatz zu „verängstigt“ und „verschlossen“ aufzeigen sollen ,dass die Dame keine psychischen Folgeschäden von dem Unfall davon getragen hat bzw. keinen solchen Eindruck auf den Gutachter gemacht hat.
    Männer werden in der Regel allerdings in ihren Persönlichkeitsbeschreibungen mit anderen Attributen versehen.

    Die Differenz bei der Beurteilung von Frauen und Männern ist immer noch vorhanden, so wie im gesellschaftlichen, sozialen und Berufsleben auch.

    Und dagegen kann man leider nicht viel machen.

    brigitte obrist

    • @brigitte obrist
      Also ich war glaube ich auch kooperativ und offen und so steht das ein einem Gutachten über einen Mann.

      Als Botaniker hatte ich gewohnheitsmässig einen Rucksack bei mir. Dieser Rucksack ist der „running gag“ in einem halben Dutzend Gutachten. Ist immer lustig, was die Psychiater alles in einem einfachen Tagesrucksack alles drinsehen.

  2. da gibts wirklich nur eins draus zu lernen: ein grosses schweres auto fahren (das senkt ganz erwiesenermassen und ganz massgeblich die verletzungsschwere), soviel an sicherheitsfeatures drin wie es nur irgendwie geht – und das so vorsichtig wie nur möglich. denn alles was NACH so einem zusammenstoss kommt, alles das ist ja offenbar purer ärger, wie man hier liest. ich finde, es gibt kein besseres votum für das fahren grösster und schwerster limousinen (nicht suv, sondern autos mit richtigen knautschzonen) gerade im bannkreis unseres bundesgerichtes als genau diese geschichte. mich überzeugt die artikelserie diesbezüglich sehr. frau bono hat eben ein versicherungswahrnehmungsproblem, indem sie zwar offenbar tatsächlich nur überlastet ist, aber das erst seit dem unfall. das tut beim lesen schon weh. wäre noch toll, wenn die versicherungen die berichte genau anschauen würden. aber das tun sie offenbar eher nicht, und in so einer welt lasse ich mir von gestressten versicherungs- und medasärzten lieber in mein 3-tonnen- als in mein 1-tonneauto reinfahren… sollen die doch schaun was sie mit ihrem kopfweh nachher machen.

  3. Frau Bono fuhr einen Chrysler Voyager – Wahrscheinlich unterstützt das die Argumentation der Gutachter, dass deshalb der Aufprall gar nicht soooo schlimm gewesen sein kann, wie bei einem sagen wir mal „Smart“.

    Die ärztlichen Gutachter/Versicherungen finden doch immer irgend einen Grund…

  4. oha, oh je http://de.wikipedia.org/wiki/Chrysler_Voyager#Sicherheit — das ist jetzt eine 1,8 tonnen gurke, von der man wirklich die finger lassen sollte. nennt man solche autos nicht liebevoll „organspenderli“? dann lieber ein nicht allzu alter 2,5 tonnen-audi, vw oder so. was mit vielen ncap sternen und möglichst viel gewicht, wo man gut hinten raus sieht, die tiefste erhältliche motorenleistung und so alt dass es nicht allzu viel kostet. was sicheres, eben.

  5. Naja, das Auto ist jetzt in dieser Geschichte aber nicht wirklich der entscheidende Punkt.

    Bei aller Vorsicht gibt’s halt doch immer wieder Unfälle oder Krankheiten, für die man nichts kann – dafür bezahlt man ja schliesslich die ganzen Versicherungsprämien. Eigentlich…

  6. Der Widerspruch ist ein anderer:

    Sogar wenn Frau Bono wegen Überlastung erkrankte und deswegen invalide wurde, sogar dann hat sie eine IV-Rente zugute.

    Die Gutachter schreiben einfach die Geschichte des Unfall- und Haftpflichtversicherers fort und tun, als wären sie in einem Haftpflichtfall als Gutachter bestellt.

  7. «Überlastung» wird als sogenannt «IV-fremder Grund» gehandelt und ist/wäre somit nicht versichert.

  8. @Mia

    Mit Betonung auf „wegen Überlastung erkrankt“.
    Es gibt viele Krankheiten, die auf eine ungesunde Lebensweise zurückgehen und für die die IV bezahlt. Dazu gehören auch Stressfolgen wie Herzinfärkte, Schlaganfälle.

    Oder genauso wenn einer durchknallt und in der Spinnwinde landet, weil er monatelang zuwenig schlief und sich mit Medi wachhielt.

    Haben Sie meinen Hinweis von wegen Kontaktformular gesehen?

  9. Ja, habe ich, aber mich stört das so nicht – Sie schon? ;-) (den Link zur SF habe ich korrigiert)

  10. @Mia

    Kommt drauf an:
    Wollen Sie Rückmeldungen oder nicht? Ein Formular wird ausgefüllt.

    Aber eine codierte email-Adresse abtippen? was soll die Schnitzeljagd? Ist das ein Intelligenztest für IV-Bezüger?

  11. Genau, ein IQ-Filter. Damit nur die einigermassen intelligenten Kommentare überhaupt den Weg in die Mailbox finden. Hat bisher gut funktioniert.

  12. Danke für den Link zum Interview mit Daniel Albrecht. Schamlos werde ich den Link in meinem eigenen Blog weiterverwenden. Ich freue mich, wenn Sie gelegentlich bei mir zu Gast sind.

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