Gesundheit ist keine Leistung

«Psychische Gesundheit ist keine Leistung, sondern ein Privileg. Wer kann sich ihrer schon sicher sein?»
Milena Moser, Schriftstellerin (Quelle: Website der Psychiatrischen Dienste Aargau)

Und ich möchte anfügen: nicht nur die psychische, sondern Gesundheit ganz allgemein ist ein Privileg, dessen sich niemand sicher sein kann. Manche Menschen müssen selbst erst schwer erkranken, um sich dessen bewusst zu werden. Wie folgender Auszug aus einem Interview mit der letztes Jahr an Krebs erkrankten ehemaligen Zürcher SVP-Regierungsrätin Rita Fuhrer aufzeigt:

Gibt es auch Reaktionen, die Sie stören?
Anfangs schon. Viele sagten mir: Du schaffst das. Sie bekommen das in den Griff, Frau Fuhrer. Ich hätte wohl früher auch so reagiert. Aber jetzt, wo ich selber krank bin, haben mir solche «Aufmunterungen» das Gefühl gegeben, allein für meine Genesung verantwortlich zu sein. Ich war sehr verunsichert und hoffte auf Hilfe von meinen Bekannten und natürlich von der Medizin. Ich fand es viel wohltuender, wenn mir jemand sagte, Frau Fuhrer, ich denke an Sie.

Wie hat Sie diese lebensbedrohliche Krankheit verändert?
Normalerweise hat man Schmerzen oder Fieber, wenn man krank ist. Doch der Krebs ist heimtückisch, er wächst ganz still und zeigt sich nicht. Die Sicherheit, dass ich meinen Körper kenne und eine Krankheit überwinden kann, die ist mir verloren gegangen. Ich hatte in meinem Körper einen zuverlässigen, starken Partner.

Es liegt mir fern, Frau Fuhrer hier irgendwie «böse zu wollen», aber soviel muss dann doch noch sein: Wenn man selber betroffen ist, ist es eben dann doch etwas ganz anderes, als wenn man als (gesunde) SVP-Politikerin ein Parteiprogramm (mit)vertritt, das «Eigenverantwortung» in jeder Lebenslage grossschreibt.

Die Verunsicherung über die Unberechenbarkeit des eigenen Körpers (gilt selbstverständlich auch für die Psyche bei psychischen Krankheiten), die Frau Fuhrer als sehr belastend erlebt hat, spielt bei allen schweren (und insbesondere unheilbaren) Erkrankungen eine grosse Rolle. Es ist nichts mehr so wie vorher. Man kann sich nicht mehr auf seinen Körper, seine Psyche – generell auf sich selbst «verlassen». Das verunsichert zutiefst, macht wütend, traurig, oftmals auch hilflos.

Es braucht Zeit, sich damit zurechtzufinden, Dinge anders zu lösen, als man es bisher getan hat. Neue Wege zu gehen, auch mal die eigenen (früheren) Ansprüche zu revidieren, weil gewisse Dinge einfach nicht mehr möglich sind.

Natürlich ist ein starker Wille nicht verkehrt, aber auch mit allem Willen gibt es eben Dinge, die wir nicht in unserer Hand haben. Gesundheit oder eine Genesung kann selbstverständlich durch das eine oder andere Verhalten gefördert oder behindert werden. Trotz allem bleibt Gesundheit aber ein Geschenk. Etwas, was nicht «verdient» und nur sehr bedingt «erkauft» werden kann. Gesundheit ist ein Geschenk, das man mit grosser Dankbarkeit geniessen sollte.

7 Gedanken zu „Gesundheit ist keine Leistung

  1. Ich leide an einer extrem seltenen und extrem schmerzhaften aber rein somatischen Krankheit. Es gibt nur ein Medikament, das wirksam ist und dafür indiziert, also zugelassen. Es ist teuer, heilt nicht, aber ohne wäre ich ein Pflegefall. Als die Krankenkasse nicht zahlen wollte, ging ich mit ihr vor Gericht. Eine Freundin meinte, ich sollte diese Energie, die ich für Recherchen, Gutachten und anderen Aufwand, die ein Rechtsstreit mit sich bringt, besser dafür verwenden gesund zu werden.

    Ich hab ihr die Freundschaft gekündigt. Ich werde täglich mit der Tatsache konfrontiert, dass mir mein Körper Grenzen setzt, die mit Willenskraft nicht überwindbar sind. Das ist mehr als nur frustrierend. Das ist eine zerstörende Erfahrung. Die Welt kann nicht sicher sein, wenn mein Körper mir ohne Vorwarnung, wie ein Heckenschütze aus dem Hintergrund von einem Moment auf den anderen (ohne psychische oder physische Auslöser) so weh tun kann, dass ich denke, mir hätte ein Kugel wirklich die Hälfte des Gesichtes zerfetzt.
    Man kann mit dieser immer wiederkehrenden Hilflosigkeit leben. Aber man braucht keine versteckten Schuldzuweisungen, weil man krank bleibt und nicht wie bei einer Erkältung wieder gesund wird.
    Wer gesund ist, sollte wirklich dankbar sein. Jeden Tag. Es kann jeden schon morgen treffen. Das Leben ist nun mal nicht berechen-und absolut kontrollierbar.

  2. Doch, der Leistungsbegriff hat hier eindeutige und klare Anwendung. Sicher ist die „gottgegebene“ und „naturvermutete“ Gesundheit keine Leistung – aber das Erreichen eines persönlich derart optimalen Gesundheitszustandes trotz gottgegebener oder naturvermuteter Krankheit oder Behinderung, *das* ist eine Leistung. Ich will hier nicht, dass die Wahrnehmung der grossen und allgemein bedeutsamen Leistung geschmälert wird, wenn man es hinbekommt, dass man „funktioniert“. Denn es ist eine Sauarbeit. – Derartige Schwerarbeiter am Arbeitsplatz mitzufödern, ist ebenfalls eine Leistung. Und auch die soll als solche hervorgehoben werden. So finde ich, dass eigenverantwortliches Handeln es definitiv erfordert, gerade im Krankheitsfall oder Unfall eine Leistung zu erbringen – nämlich die Rehabilitationsleistung, die Behandlungsoptimierung, das Anpassen, so nötig das für die eigene Sache kämpfen wie im Fall der kassenpflichtigen Medikamente. Leistung also, wohin das Auge nur reicht.

  3. Ich hätte diesen Auszug aus dem Interview schier auch auf meinen Blog gestellt. Mir ist vor allem das Zitat: „Aber jetzt, wo ich selber krank bin, haben mir solche «Aufmunterungen» das Gefühl gegeben, allein für meine Genesung verantwortlich zu sein.“ Nicht, weil Frau Fuhrer ja zur Partei der Förderer von Eigenverantwortung gehört. Das wäre hämisch gewesen. Sondern, weil ich dieses Gefühl während meiner Ertaubung so oft erlebt habe, unter anderem ganz stark von mir sehr nahe stehenden Menschen wie meinen Eltern. Die sagten tagtäglich: „Wir hoffen, dass es Dir bald bessser geht.“ In einem Stil, der für mich zur Übersetzung führte: „Das, was Du gerade erlebst, existiert für uns gar nicht. Wir erwarten von Dir, dass Du Dich bald wieder in einen besseren Zustand bringst.“ Ich fühlte mich damals sehr, sehr einsam.

  4. Ich wollte eigentlich auch gar nicht hämisch sein :( ich finde es nur immer wieder erstaunlich (nicht nur in diesem Fall – auch als allgemeine Beobachtung im Alltag), wie erst eine eigene Erkrankung dieses Bewusstsein schaffen kann. Ist «man» eingermassen prominent, wird dann diese «Erkenntnis» oftmals in einem Interview zum Besten gegeben. So nach dem Motto: «Erst durch die Krankheit habe ich erfahren was wirklich wichtig ist im Leben/sehe ich alles mit ganz neuem Blickwinkel…» Ist die Erkrankung nur vorübergehend, verliert sich das dann leider oft wieder (man hat es ja dann doch «geschafft» gesund zu werden) – und ebenso erstaunlich finde ich auch, dass bei vielen Menschen, die selbst erkrankt oder behindert sind, das Verständnis für andere Formen der Krankheit/Behinderung komplett fehlt.

    Im Prinzip sind es ja trotz aller Unterschiede oft ähnliche Erfahrungen wie Brigitte das auch beschrieben hat, der Verlust der Sicherheit, der bis anhin gekannten Verlässlichkeit – es wird einem der sichere Boden unter den Füssen weggerissen. Und je nach Erkrankung/Behinderung bekommt man den auch nie wieder ganz zurück.
    Aber ja, dieses Gefühl ist wohl für den, der es nie selbst erlebt hat, tatsächlich kaum nachzuvollziehen. Es ist ja von aussen «unsichtbar».

  5. Diese Fragen sind ganz schwierig: Was muss ich als Mensch akzeptieren, weil es einfach so ist und was ist z.B. durch Physio veränderbar. Wo fängt der freie Wille an und wo hört er auf. Was ist für Mitmenschen tragbar und wo suhlt sich ein Mensch in Selbstmitleid. Da gibt es mit Sicherheit verschiedene Ansichten und Antworten.

    Zum anderen: Behinderte Menschen sind auch nur Menschen. Jeder denkt, sein Leid sei das Wichtigste. Ab und zu mache ich mir den Spass mir aufzuzählen, wo überall ich zu Minderheiten gehöre, die diskriminiert werden. Ich komme mindestens auf eine handvoll, verschiedene Bereiche. Ich habe die Wahl, mich zu ärgern oder mich kaputt zu lachen, über die engen Grenzen menschlichen Seins.

    Und nicht zu vergessen die Menschen, die vor der Verantwortung davonlaufen und jede Gelegenheit etwas zu lernen verpassen. Soweit ich es in den Medien verfolgt habe, hat Herr Mörgeli aus seinem Autounfall nichts gelernt. – Eigentlich schade, dass ihm NICHT bewusst wurde, wie zerbrechlich auch seine Gesundheit ist.

  6. Das hat eben auch (oder wie so oft) mit Glauben zu tun:

    Einerseits glauben viele den Menschen nicht mehr, wenn sie etwas zu sagen haben. Stattdessen sind viele sehr Technik-gläubig. Das Eine wird dann oftmals gegen das Andere ausgespielt.

    Leider gibt es dabei aber ein Problem: Währenddem der Mensch in der Lage ist, alles zu sagen, das heisst, über alle möglichen Probleme zu sprechen, ist die Technik noch immer nicht in der Lage, diese auszuweisen. Mit dem Fiebermesser lässt sich eben nur die Temperatur nehmen, es lässt sich damit aber nicht ausdrücken, wie sehr der Schädel brummt oder die Glieder schmerzen – um bei einem einfachen, für jeden verständlichen Beispiel zu bleiben.

    Zudem sind da noch die Schulmediziner, welche mir manchmal wie Amateure vorkommen. Ihr einziges «Messgerät» ist das Anhören von dem, was ein Mensch sagt. Und die heissen ja nicht umsonst Schulmediziner. Das heisst, was sie nicht in einer (Hoch-)Schule gelernt haben, gibt es nicht.

    Mich würde einmal interessieren, wie Anwender einer alternativen Medizin auf «unsichtbare» Probleme reagieren. Diese hören nämlich häufig nicht dem Menschen, sondern seinem Körper zu (und der Körper lügt nie). Darum wäre es doch noch spannend zu wissen, ob sich nicht auf diese Weise etwas feststellen lässt – obschon für viele auch die alternative Medizin wiederum eine Glaubensfrage ist…

  7. Ich denke, dass unserer psychischer Zustand sehr eng mit unserer Psyche verbunden ist. Unser körperliche Gesundheitszustand ist nur ein Ergebnis dessen, was sich in unserer Seele abspielt. Das hängt alles zusammen. Deswegen ist es wichtig schon vorzeitig an die Hygiene nicht nur unseres Körpers sondern auch unseres Geistes zu denken.

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