Schaumschlägerei à la Ritler

Seit dem 1. Mai leitet der Solothurner Stefan Ritler die Invalidenversicherung. Im Interview mit der Aargauer Zeitung nimmt Stefan Ritler Stellung, wie er die die IV sanieren will. Zum Beispiel möchte er (natürlich seine Mitarbeiter) mittels Klinkenputzen bei den Arbeitgebern 17’000 heutige IV-Bezüger in den Arbeits- markt «hineinmassieren.»

«Im Kanton Solothurn (Wo Ritler früher IV-Stellenleiter war) haben wir jährlich zwischen 700 und 1000 Arbeitgeber besucht. Unsere Vermittlungs- quote lag 2009 gegen 45 Prozent. Wir haben rund 500 Stellen vermittelt.» so Ritler.

Das ist ja wirklich schön Herr Ritler, aber «Stellen vermitteln» heisst ja noch lange nicht, dass der «gesundheitlich angeschlagene ehemalige IV-Bezüger» die Stelle nachher auch tatsächlich zur Zufriedenheit seines Arbeitgebers ausfüllen kann. Interessant wären dann doch die Zahlen, wieviele IV-Bezüger nach zwei Jahren und bei dieser Klientel möglicherweise von Zeit zu Zeit auftretenden krankheitsbedingten Ausfällen und Leistungseinbussen noch tatsächlich an den vermittelten Stellen beschäftigt waren. Aber sowas fragt natürlich kein Journalist.

Im Grossen und Ganzen ist das Interview sowieso nur ein Werbespot für Ritler, und dessen effektive «Leistung» wird, wenn er wie sein Vorgänger Alard du Bois Reymond den nächsten Schritt auf der Karriererleiter tut und die IV nach wenigen Jahren hinter sich lässt, sowieso niemanden mehr interessieren.

Und schon gar nicht für die Härtefälle, die es «aufgrund des politisch vorgegebenen Sanierungsziels geben werde».

Moment, «politisch vorgegebenes Sanierungsziel»? Da hat doch irgend ein anderer Herr, genauer der (mittlerweile) ehemalige Direktor der SVA St. Gallen, Linus Dermontmal neulich etwas gaaanz anderes dazu gesagt, nämlich: «Eine Verschärfung der IV-Praxis aufgrund der politischen Diskussion gibt es bei den Durchführungsstellen nicht».

Aha, wie jetzt? Der eine (Ritler) sagt, die Politik gibt das Ziel bei der IV vor, der andere (Dermont) behauptet, die Politik habe nichts zu tun mit der Verschärfung der IV-Praxis (es ging um die 40% weniger Neurenten). Ganz so eben, wie es einem grad in den Kram passt.

Aber Dermont war ja auch eher an der Position (und was man da noch so rausholen konnte) interessiert, als an der Situation der Betroffenen… wie scheinbar so ziemlich alle Herren in den oberen Etagen der SVA’s und der IV. Hat man so langsam den Verdacht – auch wenn man sich mal Ritlers weit weniger «aggressive» Äusserungen durchliest, BEVOR er IV-Chef wurde.

2 Gedanken zu „Schaumschlägerei à la Ritler

  1. Habe das Interview auch gelesen – allerdings in der Basler Zeitung. (Hat er nun mit der Aargauer Zeitung oder mit der Basler Zeitung ein Interview geführt? Oder mit beiden? IV-Chef Sein muss anstrengend sein. ;-))

    Jedenfalls ist mir neben dem Vorhaben, IV-Bezüger in den Arbeitsmarkt hineinzumassieren – und dabei habe mich gleich etwas schmieriger als auch schon gefühlt – seine Forderung in die Nase gestochen, „von der Vollkasko-Mentalität“ wegzukommen. Was immer er damit genau meint, eine Vollkasko-Versicherung war die IV ja nie, eher eine Grundversicherung. Zumal Vollkaskoversicherungen ja freiwillige Zusatzversicherungen sind. Vielleicht meinte er ja auch, man solle davon wegkommen, dass alles im Leben versicherbar ist, ganz im Sinne des american way of life, und stattdessen auf die karitative Ader der Vermögenden setzen. Oder womöglich meinte er ja auch etwas ganz anderes …

  2. Oh ja, das mit der angeblichen «Vollkaskomentalität» kann ich auch nicht mehr hören – Einerseits, weil die IV ja bereits heute für nicht wenige Leute nur noch eine «Scheinversicherung» ist, andererseits weil dieser Ausspruch immer von Leuten kommt, die in einer gesundheitlichen, beruflichen und finanziell luxuriösen Lage sind.
    Insbesondere von Bundesbeamten (auch National- und Ständeräte) deren Pensionskasse im Falle von Invalidität grosszügige Sonderregelungen kennt (Überbrückungskredit, bis die IV zahlt, in Sonderfällen sogar Zahlungen, wenn die IV NICHT zahlt – wer hat denn sonst sowas? Die meisten Pensionskassen bezahlen ja nur, wenn die IV die Invalidität anerkannt hat.) Wenn ausgerechnet solche selbst absolut vollkaskoversicherten Leute dann andern etwas erzählen, von wegen «man müsse von der Vollkaskomentalität» wegkommen, möchte ich dann zuweilen gerne in die eine oder andere Tischkante beissen.

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