Der Club: Platzhirsche ohne Schleudertrauma

Thema gestern im Club von SF DRS: Schleudertrauma – alles nur Einbildung? Wer sich den in Christoph-Mörgelischer Manier süffisant grinsenden Rechtsprofessor Erwin Murer und seinen nicht minder überheblichen Compagnon Rechtsanwalt Rolf P. Steinegger von der «Versicherer gegen Scheinschleudertraumpatienten-Front» antun mag: Club online ansehen.

Die ganze Konstellation ist vor allem auf der Metaebene interessant. Wer wird eingeladen und auf welche Seite gesetzt? Warum wird beispielsweise der einzige Arzt in der Runde auf Seite derjenigen plaziert, die behaupten, «es gäbe gar kein Schleudertrauma»?

Warum sitzt auf Seiten der Betroffenen keiner, der sich ebenso geschliffen und arrogant ausdrücken kann wie die Herren Murer und Steinegger? Zufall, dass auf «Opferseite» schon wieder zwei Frauen sitzen, auf Gegnerseite aber keine? (Diese Geschlechterverteilung ist im Club immer wieder augenfällig, prominentes Beispiel war die Ausgabe vom 5. Januar 2010 «Arm in der reichen Schweiz – ein Luxusproblem?» Wo zwei sozialhilfebeziehende Frauen eingeladen wurden, die sich dann von den Anzugherren in den leitenden Positionen die Welt erklären lassen mussten (Die da waren: Hugo Fasel, Direktor Caritas Schweiz, Thomas Daum, Direktor Schweizerischer Arbeitgeberverband, Toni Bortoluzzi, Schreinermeister, Sozialpolitiker im Nationalrat SVP/ZH und Rolf Maegli, Leiter Sozialhilfe Basel-Stadt, Vizepräsident Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS).

Der Club gab gestern metaebenenmässig Auskunft, als dass sich die beiden älteren Herren einfach selbst extrem gut gefallen zu scheinen in ihrer Rolle als heroische Kämpfer gegen die angeblichen Schein-Schleudertraumapatienten.

Um die Menschen (und das sollten sich alle Opfer der ganzen verirrten Sozialpolitik immer wieder bewusst vor Augen halten) geht es hier doch gar nicht. Es geht um die Egos der Anzugträger. Bezeichnend war, als der Arzt Andreas Siegenthaler verschiedene Risikogruppen für chronische Schmerzen aufzählte: «Menschen mit Migrationshintergrund, fehlender Ausbildung, niedrigem sozialen Status…»- und dann zur betroffenen Anwältin Frau Bono gewandt: «Äh ja, das alles trifft ja in ihrem Fall nicht zu…»

Schöner hätte man (wenn auch unfreiwilligerweise) nicht aufzeigen könne, dass jeder Fall einzigartig ist und man kranke Menschen eben nicht in Kategorien stecken kann, wie das die Politik noch so gerne macht – von wegen: alles niedrigqualifizierte Simulanten mit Migrationshintergrund…

Aber darum ging’s ja (inoffiziell) auch gar nicht, sondern um männliche Egos mit übersteigertem Geltungsdrang. Fehlte eigentlich nur noch der Bundesrichter Ulrich Meyer um die Antischleudertrauma-Gang komplett zu machen.

Irgendwie wären diese Herren ja niedlich zu beobachten in ihrem wichtigtuerischen Platzhirschgebaren, wenn sie sich dabei nur ein anderes Thema ausgesucht hätten. Hat denen eigentlich im Kindergarten nie jemand beigebracht, dass sich nur Feiglinge mit Minderwertigkeitskomplexen Schwächere als Gegner aussuchen?

8 Gedanken zu „Der Club: Platzhirsche ohne Schleudertrauma

  1. Als Direktbetroffener war der Maurerpolier Peter Neuwiler da. Ich finde, er hat den Zustand nach dem Unfall sehr bildhaft in Worte gefasst. Ich erkannte etliches wieder. Es war sehr präzise beschrieben. Die Frage ist eher, ob Leute, die nicht dieselben Verletzungen erlitten haben auch den Wert einer solchen Beschreibung erkennen.

    Rolf P. Steinegger vertritt die Versicherungswirtschaft und macht das ungeniert auch mit Demagogie und Lügen.Seine Rolle ist definiert und gut sichtbar. Man kann ihm dementsprechen widersprechen oder ihn falls nötig auch herrlich hassen.

    Erwin Murer war tatsächlich süffisant. Er hatte so gut wie nichts eigenes zu bieten. Es war offensichtlich offensichtlich, dass seine Vinylplatte seit mehreren Jahren mit einem Sprung läuft. Ihm scheint es zu genügen, wenn er alle paar Monate mit denselben Sprüchen wieder neu auftreten darf. Peinlich ist, wenn der Jurist so tut, als könnte er Forschungsresultate interpretieren. Von Statistik hat der Mann wirklich sehr offensichtlich keine Ahnung.

    Von Andreas Siegenthaler vermute ich einmal, dass er ein guter Arzt ist, wenn man chronischen Schmerzen vorbeugen und das gezielt behandeln will. Als Wissenschafter hat er sehr gut die Probleme der Forschung erklärt, nämlich wie schwierig es ist, für einzelne Patienten gültige Aussagen zu machen, die den Juristen genügen.
    Das Problem mit dem Arzt Siegenthaler schien mir eher, dass er zu sehr von seinem eigenen Fachgebiet aus denkt und alles ausserhalb seiner eigenen engen Schranken ausblendet.
    Wenn man allerdings seine Äusserungen zu Ende denkt, so scheinen sie genauso Wasser auf die Mühlen der Opferanwälte zu sein. Kann sein, dass da arrogante Herren wie Steinegger sich ins eigene Fleisch schneiden, wenn sie den Dr. Siegenthaler als Verbündeten betrachten.

    Frau Bono führt einen schwierigen Kampf, weil sie an sehr vielen Fronten gleichzeitig die Position der Opfer rechtfertigen muss. Da wird überdeutlich sichtbar, dass eben bei Haftpflichtschäden die Beweislast auf Seiten der Opfer liegt.

    Auf die Voten von Evalotta Samuelsson, Präsidentin des Schleudertraumavervandes habe ich nicht so geachtet. Sie hat mehrmals sich gegen die Anwürfe von Herrn Murer rechtfertigen müssen. Nur waren Murers Anwürfe so dämlich, dass man darauf keine wirklich interessanten Antworten geben kann.

    Rolf P. Steinegger hat schon beim dritten Satz eine ungeheuer dreiste Lüge erzählt von wegen Schleudertrauma-Patienten täten die Schweizerische Versicherungswirtschaft anderthalb Milliarden Franken pro Jahr kosten.
    Mehr dazu bei http://millionenjagd.wordpress.com/2010/09/01/rolf-steinegger-lugner/

  2. Vielen Dank Max/Jürg für diese gute Zusammenfassung. Ich muss zugeben, ich konnte mir nicht die ganze Sendung ansehen, da mir das Duo Steinegger/Murer dermassen auf den Keks gingen. Allerdings hatte ich bei Frau Samuelsson auch so meine Mühe, ihr zu folgen, sie schien mir sehr fahrig und unkonzentriert – Man hätte vermuten können; sie hätte vielleicht selbst ein Schleudertrauma erlitten? (hat sie aber glaube ich nicht?).

  3. @Mia
    Schwierig zu sagen, woran es bei Frau Samuelsson lag. Sie musste dauernd auf Murers Anwürfe kontern. Vielleicht war dies ihre Rolle, den Puffer zu spielen. Das hat dafür sowohl Frau Bono wie Herrn Neuwiler geholfen, umso wirkungsvoller ihre Anliegen vorzutragen.

    Ich weiss, was Sie meinen. Wenn man einen aufgeblasenen, halb dementen Wichtigtuer wie den Murer sieht, dann kann es einem ablöschen. Das kann die Konzentration auf das wesentliche stark einschränken. Meines Wissens ist Murer pensioniert. Das würde erklären, dass überhaupt nichts aktuelles beizutragen hatte zum Thema.

    Mir war vor allem wichtig, den Arzt Andreas Siegenthaler einmal zu erleben. Chronische Schmerzen sind etwas, was sehr früh und sehr umsichtig behandelt werden muss. Seine Konzepte in bei der Schmerzbehanldung scheinen modern. Als Arzt würde ich ihm vertrauen. Als Gutachter würde ich ihn ablehnen. Wie sehr viele Ärzte, sieht er nur die paar Dinge, die er versteht und träumt von seinem kleinen Gärtchen als wäre es der Kosmos.
    Ich wünsche mir sehr, dass Herr Siegenthaler sich nicht von politischen Interessen vereinnahmen lässt, sondern bei seinen Leisten bleibt als Arzt und dort seinen Horizont erweitert.

    Die bestialischen Schmerzen zu behandeln, das war nach meinem Unfall das ganz allererste und allerdringendste, was ich unternahm. Ich war im Vergleich zu anderen Patienten recht erfolgreich. Ich muss heute im Alltag einige einfach Regeln einhalten, wie ich sitze und liege, wie ich die Sachen hebe. Damit hatte ich grosses Glück.
    Sagen wir so: Mein heutiger Zustand ist ungefähr wie bei einer rüstigen 70-jährigen, die ein wenig über die Empfindlichkeit gegen Zugluft klagt, wenn das Fenster offen ist.

    Nach meinem Unfall hat der Autoversicherer alles, aber wirklich alles sabotiert, was ich zu meiner Genesung unternahm. Jenes Verhalten war geradezu grotesk. Die waren wirklich so blöd und meinten, sie müssten sogar mich bei den Ärzten verleumden, die meine Schmerzen behandelten!

    Mein früheres naives Verständnis, was Autoversicherer sind und was sie tun, hat sich vor allem wegen dieser Verhaltensweisen verändert. In den Akten werden sogar meine Bemühungen, gesund zu werden oder mich beruflich einzugliedern, verhöhnt!

  4. Schön fand ich als der eine der Herren von 10’000 wissenschaftlichen Studien nur deren 67 brauchbar fand. – Da wäre doch Sparpotential vorhanden!
    Systematisch werden laut Frau Bono Untersuchungen frisch Verunfallter nicht durchgeführt und dann wissenschaftlich(!) festgestellt, dass keine Schädigung vorliegt. Wie kann man eine solche feststellen, wenn die entsprechenden Tests nicht gemacht werden. Das ist dann ein schöner Fall für die Statistik.
    Ab sofort legen wir bei jeder Fraktur keine Röntgenaufnahmen mehr an und sagen: „Steh auf und geh!“
    Mehrfach wurden die beiden Herren darauf hingewiesen, dass vielleicht, vielleicht die Wissenschaft noch nicht soweit ist, dass sie die Sachverhalte bildlich darstellen kann.
    Ich habe eine Kollegin mit derselben Vorgeschichte, wie ich sie habe. Beim Aussteigen aus einem Auto wurde sie nur ein bisschen gegen den Vordersitz geschleudert. Das Auto stand bereits und machte aus unerfindlichen Gründen noch einen kleinen Satz. Seit einem 3/4 Jahr kann sie nicht mehr reisen: Bern – Zürich ist zur unüberwindbaren Distanz geworden.
    Aber natürlich ist sie selbst schuld und bekommt keine Hilfe, weil sie eine Vordiagnose hatte, als der Unfall geschah.

    Den Arzt fand ich gut: „Nur ja nicht katastophieren.“ Gring abe und seckle“ und alles wird gut!

    @ Mia: Ich habe mir die ganze Sendung angeschaut. Ich fand sie nicht so schlimm, weil ich fand, dass die beiden Herren so arrogant wirkten und so durchsichtig argumentierten, dass es für die Zuschauer einfach war, ihr Spiel zu durchschauen. Auch wie sie immer wieder betonten, dass die Patienten objektiv leiden, aber auf der Zeitachse dann behaupteten, irgendwann, leider, leider, sei der Zusammenhang mit dem Unfall nicht mehr gegeben.
    Ich finde Sendungen schwieriger, bei denen ich als Zuschauer nicht wissen kann, was Lüge ist und was näher an der Wahrheit liegt. Wenn ich meine Orientierung nicht finden kann, dann habe ich echt Mühe.

  5. Man kann schon arrogant tun wenn man weiss, dass man das ganze EDI mit BR Burkhalter, die Krankenkassen und Versicherer, sowie die sozialrechtliche Kammer des Bundesgerichts hinter sich hat. Ich konnte den Club nicht sehen (bin kurz vorher eingeschlafen) deshalb die Frage, konnte sich Bono als Anwältin nicht all den anwesenden „Versicherungsvertreters“ ebenbürtig schlagen?

  6. @Christophorus, ja natürlich, wir hier alle wissen – weil wir uns mit dem Thema intensiv auseinandersetzen – welche Interessen hinter Äusserungen von Murer oder Steinegger stecken. Aber weiss das auch der in der Materie unbedarfte Zuschauer? Jemand, der sich überhaupt nicht befasst mit der ganzen Theamtik und einfach nur hört: Naja, die Leute, die nach einem Jahr noch leiden, die sind irgendwie „selbst schuld“? Die wollen einfach Versicherungsleistungen abkassieren und sich damit ein schönes Leben machen?

    @cristiano safado, Ich habe wie gesagt, nicht alles gesehen, aber ganz gegen Schluss hat Frau Bono noch etwas sehr wichtiges gesagt (worauf leider überhaupt nicht eingegangen wurde) sie hat gesagt, man rede immer nur von Schmerzen, die wären aber gar nicht das wichtigste, die könne man ja auch einigermassen behandeln, viel schlimmer seinen die Konzentrationsstörungen und die Gedächtnisprobleme – ist ja klar, dass das ihre Arbeit als Juristin enorm erschwert. Ich nehme an, auch aus diesem Grund war es für sie viel viel schwieriger, sich in dieser Runde ebenso eloquent zu wehren, wie die beiden gesunden Herren. Für sie ist das aufrund der Unfallfolgen bestimmt eine grosse Anstrengung, während sich Murer ja sichtlich entspannt regelrecht in seinem Sessel flätzte.

    Der Club kann übrigens auch online nachgeschaut werden: Club -Schleudertrauma

  7. @ Mia
    Ich fand die Arroganz einfach zu durchschauen und traue das auch Menschen zu, die das Thema nicht in- und auswendig kennen. In anderen Sendungen finde ich es schwieriger, wenn eine Studie gegen die andere in die Luft gehoben wird und ich nicht durchschaue, was jetzt stimmen könnte.
    Seit ich das politische Gesvchehen genauer verfolge stelle ich aber auch fest, dass konstantes Dranbleiben hilft, sich eine Meinung zu bilden auch zu Themen, die ich mir nicht selbst erarbeiten kann.
    Ich beschränke mich auf die paar Themen, die mich wirklich interessieren, mit meinen eigenen Recherchen.

  8. Viktoria Azarenka….
    ist am US Open zusammengebrochen. Laut BZ von heute reichte als Grund eine leichte Gehirnerschütterung, die sie zunehmend im Spiel behinderte. Am Schluss musste die Spitzensportlerin mit einem Rollstuhl vom Platz gebracht werden.
    Aber vermutlich hätten auch hier die beiden Fachleute gute Erklärungen, dass hier kaum ein Zusammenhang besteht und wenn doch nur für kurze Zeit.
    Es braucht ein „Nichts“ und mit etwas Pech kann es ein menschlicher Körper einfach nicht wegstecken. – Die Tenisspielerin hätte auch aufgeben können, als ihr schwindlig war. Aber vermutlich hatte sie keine Ahnung, dass sie nicht mehr gegen ihre Gegnerin, sondern gegen ihre Gesundheit spielte.

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