Wer profitiert, wenn die IV spart?

Es tut mir ausserordentlich leid, dies sagen zu müssen aber Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, mit ziemlicher Sicherheit nicht. Auch wenn Sie selbst in der glücklichen Lage sind, nicht auf Leistungen der Invalidenversicherung angewiesen zu sein, werden die Sparübungen bei der IV auch auf Sie zurückfallen, da Sie die dadurch verursachten erhöhten Sozialhilfekosten über die Steuern bezahlen werden müssen.

Sie werden also so oder so nicht von der IV-Sparwut profitieren, es sei denn, Sie sind eine Pensionskasse, eine Lebensversicherungsgesellschaft, eine Medas, Chef der Invalidenversicherung, SVP-ler im Wahlkampf, Eingliederungsexperte auf Jobsuche, Betreiber einer Wiedereingliederungsstätte, Rechtsanwalt oder…?

Wer noch? Und warum?

Schon seit längerem möchte ich eine Liste dazu erstellen, wer eigentlich profitiert, wenn die IV spart. Und ich bitte hiermit meine Leserinnen und Leser um Mithilfe beim der Zusammenstellung dieser Liste, da ich den Kommentaren entnehmen kann, dass Sie/ihr dazu ein enormes Wissen beisteuern können/könnt.

Also los: bitte in den Kommentaren schreiben, wer profitiert (nicht nur finanziell) wenn die IV spart und weshalb.

3 Gedanken zu „Wer profitiert, wenn die IV spart?

  1. Da sich mit den IV Revisionen der Bundesrat, Nationalrat und Ständerat beschäftigen, müssen diese Revisionen ein einträgliches Geschäft sein. So etwa wie Schwarzpeter spielen auf hoher, politischer Stufe.
    Ich sage das schon lange: Es wird kein Nullsummenspiel sein, sondern die Kosten werden steigen, weil invalide oder behinderte Menschen unter Druck und ohne Möglichkeit einen gangbaren Weg zu finden, vermehrt krank werden.

    Es kommt mir vor wie eine Profilierungsneurose des politischen Systems. Merz schreibt schwarze Zahlen und die Kantone ächzen unter der überwälzten Last. Die Sozialämter werden die abgeschobene Finanzlast übernehmen müssen.

    Die schmerzhafte Diskussion, dass technisch Menschenleben gerettet werden können, aber die menschliche Ethik damit völlig überfordert ist, die führen wir lieber nicht. Also das Ganze ist auch eine Verlagerung der wirklich dringenden Diskussion. Wer das Geringste sagt wird mit Einzelschicksalen torpediert und mundtot gemacht. – Für mich ist es aber ganz klar eine Stellvertreterdiskussion. Aber die Todesrate unter behinderten Menschen mit Sparwut zu steigern ist noch viel unethischer und erreicht ihr Ziel nicht. Das ist doch eine dahinterliegende Idee: Wir machen die IV unattraktiv und dann gehen die Menschen nicht mehr zur IV. Oder eben zu Boden gedacht: Wir erhöhen den Druck so, dass einige daran zugrunde gehen. Noch immer ist es hierzulande sehr verpönt zum Sozialamt gehen zu müssen.
    Diese Diskussion wäre schon vor 30 Jahren dringend nötig gewesen. Keiner hat sie damals geführt, keiner führt sie heute. Ein Arzt schaut in aller Regel nur den Patienten und seine Gesundheit an. Er schaut nicht das Leben des ihm anvertrauten Menschen in seinen ganzen Dimensionen an.
    Ich werde immer stinksauer, wenn Früchen zu einem behinderten Leben in unserer Welt gezwungen werden. Das ist technisch durchaus machbar. Mit Sicherheit lässt sich meist noch nichts sagen, die Eltern wollen in aller Demut nur eines: um jeden Preis ein lebendes Kind. Letzteres darf die Suppe dann ein Leben lang auslöffeln. Aber wer, dieser sparwütigen Menschen, steht vor solch einen Arzt und die Eltern hin und sagt ehrlich, welches Schicksal sie hier heraufbeschwören? Keiner. Menschen sind mit dieser Entscheidung begreiflicherweise überfordert. Leider mit der medizinischen Technik, die sie beherrschen auch.
    In der Literatur von FRAGILE suisse habe ich sinngemäss den Satz gefunden: Menschenleben werden mit Höchstanstrengung gerettet und wenn das geglückt ist, dürfen sie nichts mehr kosten.

    Also das nationale Politsystem profitiert, in dem es Scheinprobleme löst und sich so wichtigtuerisch beschäftigen kann, während echten Fragen unbeantwortet bleiben.

    Man kann das Ganze auch in Richtung krank machender Arbeitsplätze durchdenken. Ich weiss nicht, ob es in der Zwischenzeit dazu Studien gibt.

    Das Gleiche gilt für Menschen aus Kriegsgebieten und Hungerregionen: Ich reibe mir immer wieder verwundert die Augen, wenn Politiker allen Ernstes hier erwarten, dass solche Menschen keine medizinischen Probleme haben könnten. Die Schweizer pflegen auch zu vergessn, dass sie bis vor kurzem ein Volk waren, das ihre Hungernden in andere Länder fortschickte, also nach heutiger Terminologie Wirtschaftsflüchtlinge produzierte.

  2. – als erstes wären sicher einmal die Hunderten wenn nicht Tausenden von hochbezahlten Jobs für „Integrationsfachleute“ bei der IV selber und in all den „Integrationsprojekten“ zu nennen, die im Rahmen der „IV-Sparmassnahmen“ geschaffen werden. Viertelseitige Inserate in den Stellenanzeigern zeugen in diesen Tagen davon.
    – seit jeher subventioniert die IV mit hunderten von Millionen, wenn nicht Milliardenbeträgen unsere private Haftpflicht- und Unfallversicherer-Industrie, in dem deren Leistungen an die Opfer IMMER um den Teil gekürzt werden, den die IV „automatisch“ übernimmt. Theoretisch könnte die IV diese Summen per „Regress“ von diesen Versicherern zurück holen. Tut sie aber nicht. Gespart werden muss also auf Kosten der Versicherten, damit die privaten Versicherungen (mit ranghohen Politikern im Vorstand) weiterhin ihre extremen Margen herausholen können und feine Dividenden abliefern.
    – Interessant werden die Auswirkungen des IV-Sparprogramms auch für die rechtsbürgerlichen Politik-AspirantInnen in den Gemeinden: wenn die Sozialbudgets explodieren, wird „das Volk“ nach ihnen rufen um „endlich aufzuräumen“. Kürzungen bei den Sozialhilfebeiträgen (SKOS-Richtlinien etc.) kann man dann auf alle – nicht nur die abgewiesenen IV-Bezüger – anwenden.
    – Das entstehende Lumpenproletariat ist wiederum auch politisch nicht uninteressant: es wird nach dem starken Mann schreien, der „da oben in Bern aufräumt“ und „die bösen Ausländer“ bestraft.

  3. Was passiert wohl, wenn die IV weiterhin hirnverrückt „spart“?

    Wenn die IV “spart” gibt’s Wasser auf die Mühlen für die durstigen Kehlen der scheinheiligen Sozialabbauer vom Dienst… Die Sozialbehörden von Kanton und Gemeinden bekommen so richtig Arbeit durch die ausgetricksten IV-Abhängigen und deren Familienangehörigen – und werden voraussichtlich trotzdem nur sogenannt 100 % „leistungsfähige Gesunde“ als ArbeitnehmerInnen einstellen, um uns Betroffene zu „bemassnahmen“ und uns schlussendlich sehr teuer zu „versorgen“.

    Aktuelles, fast gelungenes Schaffhauser-Beispiel:
    Nebst den penetranten SVP-Scheininvaliden-Hetzern haben anlässlich der Abstimmung vom 29. 8. 2010 in Schaffhausen auch FDP-Jungspunts versucht, von den Rattenfängerparolen auf dem Buckel der Behinderten und unserer Familienangehörigen profitieren. Mit Jung-FDP-Parolen wie „Steuerhölle Schaffhausen“ und „Die Initiative verlangt lediglich eine moderate Steuersenkung von 15 Prozentpunkten in fünf Jahren“, versuchten die strammbürgerlichen Krawatten-hochsulstudis-sauber-Männer der normal-werktätigen Stimmbürgerschaft vorzugaukeln, Otto-Normalverdiener könnte von den neoliberalen Schnäppchen profitieren.
    http://www.jfsh.ch/einzelartikel.8+M58d21a1b95b.0.html

    Dagegen gehalten hat das überparteiliche Abstimmungskomitee „KEIN KAHLSCHLAG – NEIN ZUR STEUERINITIATIVE“ , angeführt und koordiniert von der städtischen SP, unterstützt von der ÖBS, CVP, EVP, AL und JUSO.
    http://de-de.facebook.com/group.php?gid=110155982366654

    Herbeigeredet wurden die Steuerverteufelungs-Initianten nicht nur von ihren „Jung-SVP-Kamerädlis“, sondern auch von der offiziellen „Erwachsenen FDP- und SVP-Gefolgschaft“!

    … war wohl nichts:
    Den vernünftig-anständigeren Teilen der Schaffhauser Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ist der stinkfaule Eiergeruch in den Atmungsorganen hängen geblieben – und wir dürfen heute etwas entspannter der Dinge harren, die da noch kommen werden.
    Nach der etwas knappen, und sauerverdienten Steuersenkungs-Abfuhr sind wir in unserer Stadt wieder sehr erleichtert und dürfen weiterhin von der wohlbehaltenen Lebensqualität in unseren manchmal krummen Gassen profitieren:
    Die Stimmberechtigten der Stadt Schaffhausen haben in der heutigen Volksabstimmung die Initiative “Steuerbelastung senken! Jetzt!” der Jungfreisinnigen Schaffhausen mit 6′776 Nein (55,5%) gegen 5′441 Ja (44,5%) abgelehnt. Dies bei einer Stimmbeteiligung von gut 60%.

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