«Die IV behindert Ärzte und Fachpersonen oft bei deren Arbeit»

Mit der 6.-IV-Revision kommen IV-BezügerInnen mit einer psychischen Erkrankung unter besonders starken Druck. Für die Zeitschrift «Behinderung und Politik» (herausgegeben von agile) habe ich den Ostschweizer Psychiater Z. A.*  über seine eigenen und die Erfahrungen seiner KlientInnen mit der aktuellen 5. und der kommenden 6. IV-Revision befragt.

Herr A., ist die 6. IV-Revision ein Thema bei Ihren Klienten?

A: Für die meisten sind die IV-Revisionen kein Thema, bis sie schmerzhafte Erfahrungen damit machen. Vorher ist ihr Vertrauen in die Gesundheitspolitik unerschüttert. Die Patienten sind überzeugt, dass die gegenwärtigen Sanierungs- und Sparmassnahmen notwendig und richtig sind und alles korrekt abläuft. Die meisten glauben auch, dass es Missbrauch gibt. Einige glauben, Betrüger in der eigenen Umgebung zu kennen, manchmal persönlich, manchmal nur vom Hörensagen. Patienten hingegen, die bereits von der IV unterstützt werden, den «Abklärungsprozess» durchlebt haben und weiterhin auf Leistungen angewiesen sind, sorgen sich häufig über die Auswirkungen der 6. IV-Revision auf ihr Leben.

Welche Befürchtungen und Gefühle äussern Ihre Patienten?

A: Patienten, die bereits IV-Leistungen beziehen, machen sich Sorgen, diese zu verlieren. Dann gibt es Patienten, die in vorherigen Abklärungen lange hingehalten, x-fach neu begutachtet und/oder demütigend behandelt worden sind. Neben der existenziellen Sorge kommt die Angst vor neuen Demütigungen hinzu, die Angst vor Entwertungen bei vertrauensärztlichen Untersuchungen oder vor Besuchen von IV-Sachberatern (zur Kontrolle der Haushaltstätigkeit). Die Patienten äussern Gefühle des Ausgeliefertseins, Misstrauen, Ängste und Hilflosigkeit.

Wirken sich diese Ängste auf den Gesundheitszustand und den Behandlungserfolg von Menschen mit psychischen Erkrankungen aus?

A: Selbstverständlich! Die aktuelle 5. IV-Revision und der mit der 6. Revision bevorstehende, verschärfte Abklärungsprozess erhöhen den Druck auf die psychisch kranken Menschen hochgradig. Dieser Druck behindert die ärztliche Arbeit massiv, zusätzlich zur bestehenden Krankheit. Er verschlechtert systematisch die Prognose psychischer Leiden.

Deshalb fordere ich, dass die Beurteilungs-Kompetenzen, die den behandelnden Ärzten bei den IV-Revisionen entzogen und auf den IV-Apparat übertragen werden, mit der Übernahme der Therapieverantwortung gekoppelt werden. Es ist inakzeptabel, dass die IV Entscheide treffen darf, die der Expertenmeinung vor Ort unter Umständen diametral entgegen stehen, ohne gleichzeitig auch die Verantwortung für die Folgen dieser Entscheide übernehmen zu müssen.

Warum zielt die 6. IV-Revision insbesondere auf Menschen mit einer psychischen Erkrankung?

A: Psychische Leiden führen besonders schnell zu einer Beeinträchtigung der gesamten Leistungsfähigkeit. Deshalb sind psychisch kranke Menschen schneller als somatisch kranke Menschen erheblich oder vollständig in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Und deshalb lösen psychische Leiden auch hohe volkswirtschaftliche Kosten aus. Es ist nachvollziehbar, dass die Sparbemühungen der IV-Revision auf die psychisch Kranken abzielen, weil psychische Leiden in den letzten Jahren zugenommen haben und verhältnismässig hohe Behandlungs- und Folgekosten verursachen. Diese Revision ist in dieser Art trotzdem falsch und wird die Kosten nicht senken, sondern erhöhen, respektive an andere Stellen verschieben, zum Beispiel zu den Sozialämtern.

Was heisst das konkret?

Die Sozialämter sind für den Umgang mit psychisch kranken Menschen weder ausgebildet, noch gerüstet. Deshalb erleben psychisch Kranke nach der Demütigung durch den ablehnenden IV-Abklärungsprozess schon jetzt beim Sozialamt meist die nächste Traumatisierung. Meine Erfahrung zeigt: Betroffene Patienten, deren Krankheit von der IV nicht anerkannt wurde, geraten besonders rasch in Verbitterung. Gerade auch, wenn sie regelmässig beim Sozialamt vorsprechen, immer wieder ihre gesamte Situation ausbreiten und um Verständnis für ihre Erkrankung kämpfen müssen. Depressionen, gepaart mit dieser Verbitterung, sind kaum noch zu therapieren. Der Abstieg in die Fürsorgeabhängigkeit wegen einer IV-Ablehnung ist deshalb oft der entscheidende Schritt in die Chronifizierung des Leidens.

Wie sind allgemein die Erfahrungen Ihrer Patienten mit der Invalidenversicherung?

A: Bei der Erstabklärung begegnet die überwiegende Mehrheit der Patienten dem IV-Apparat offen und vertrauensvoll. Danach sind Patienten – mit IV-Erfahrung – fast durchwegs ernüchtert, eingeschüchtert, misstrauisch und oft auch verbittert. Einzelne mussten bis zu fünf Jahre auf einen IV-Entscheid warten – ohne jegliche Information. Andere haben wegen der Verschleppung von IV-Bescheiden, ohne erkennbaren Grund, erst das Vermögen aufbrauchen müssen. Zwischenzeitlich waren sie sogar von der Fürsorge abhängig. Weitere wurden vom Sozialamt wegen fehlender IV-Anerkennung als Simulanten behandelt. Andere erleben IV-Vertrauensärzte ohne jede Empathie, berichten von groben, abwertenden und verletzenden Befragungen und Untersuchungen. Insbesondere Patienten mit Traumatisierungen, z. B. Frauen mit sexuellem Missbrauch in der Vorgeschichte berichten von rücksichtslosen Vorgehensweisen. Andere erzählen von Besuchen zudringlicher IV-Kontrolleure und respektlosen Verhörmethoden.

Wird die Invalidenversicherung als Unterstützung wahrgenommen, beispielsweise im Eingliederungsprozess?

Meine Klienten berichten überwiegend von negativen Erfahrungen mit der IV. Die IV hat sich zu einer Black Box entwickelt, die Informationen anfordert, sie frisst und nach einer beliebigen Zeit und einem völlig unbekannten Verdauungsprozess in Form einer Entscheidung wieder ausspuckt. So erleben Patienten etwa, dass die IV im Falle einer Arbeitsunfähigkeit rasch einen Kontakt herstellt (Frühintervention), dass aber oft nichts Konkretes passiert. Nur wenn kein relevantes psychisches Leiden vorliegt, sondern es sich um eigentlich gesunde Menschen mit einer Arbeitsplatzkrise handelt, habe ich in einigen Fällen Wiedereingliederungshilfe als positiv erlebt. Einige IV-Sachbearbeiter wirken übermotiviert, indem sie Keile in die Patienten-Arzt-Beziehung treiben, Zweifel an der Seriosität der ärztlichen Beurteilung äussern, den Patienten mit «positiven Gedanken» zu puschen versuchen etc.

Insgesamt erlebe ich den IV-Betrieb als behäbig und wenig kreativ, wenn es um die Wiedereingliederung psychisch kranker Menschen geht.

Was wären für Sie als Psychiater erfolgsversprechende Massnahmen, um Menschen mit psychischen Erkrankungen besser in die Arbeitswelt eingliedern zu können?

A: Die Integration psychisch kranker Menschen gelingt nach Massgabe ihrer Erkrankung und der vorherrschenden Arbeitsmarktsituation. Ich meine, der gesunde Menschenverstand gibt die Leitlinie vor: Für die Arbeitsmarktsituation sind nicht die Ärzte verantwortlich. Je flexibler sich das Arbeitsmarktangebot den eingeschränkten Bedingungen psychisch kranker Menschen anzupassen vermag, umso besser gelingt Eingliederung. Zur Zeit ist das Angebot wenig flexibel, Tendenz negativ.

Die psychische Erkrankung ist ein Faktum, welches Grenzen vorgibt. Sicher ist: Mit rhetorischen Tricks und mit Druck ist psychisches Leiden nicht mit positivem Ergebnis zu beeinflussen. Die individuelle, berufliche Eingliederung gelingt umso besser, je gesünder und belastbarer der Patient bereits ist oder im Heilungsprozess wird. Zur Einschätzung der Situation und auch zur Heilung braucht es die Fachkräfte vor Ort. Die Wiedereingliederungsergebnisse verbessern sich insgesamt, wenn man der fachkompetenten Arbeit der behandelnden Ärzte Vertrauen schenkt, statt sie in ihrer Arbeit zu behindern.

Folgende Kriterien sind meiner Ansicht nach wichtig:

  • Tatsachen anerkennen: Psychisches Leiden wirkt verhältnismässig rasch invalidisierend und invalide oder teilinvalide Menschen finden in der Arbeitswelt oft keinen Platz. Die Leugnung dieser Tatsache durch Politik, Medien, Gesellschaft und die damit verbundene Stigmatisierung verstärkt das Leiden der Betroffenen und die resultierenden Defizite. Es gilt, die Realität anzuerkennen als Voraussetzung für möglichst gute Heilergebnisse und Rehabilitationserfolge.
  • Vertrauen statt Misstrauen: Behandelnden Ärzten und anderen professionellen Helfern vor Ort das Vertrauen schenken und ihre Arbeit stützen. (Welches Interesse sollen die behandelnden Ärzte daran haben, arbeits- und vermittlungsfähige Patienten in die IV-Abhängigkeit zu schicken, statt sie zu heilen und zu rehabilitieren?)
  • Patienten entlasten, Betriebe und Arbeitsklima kontrollieren: Der Umgang in der Arbeitswelt ist nicht selten verletzend oder sogar menschenverachtend. Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter demütigend behandeln, versündigen sich am Volk. Sie lösen bei manchen Menschen Traumatisierungen aus, für die später die Allgemeinheit aufkommen muss.
  • Vorbeugen: Die Zunahme psychischen Leidens verweist auf Überforderungen an anderen Orten, die zu identifizieren und möglichst zu beheben sind. Wirksames Vorbeugen wiederum setzt Anerkennen voraus, womit sich der Kreis schliesst.

Herr A., besten Dank für dieses Interview

*Z. A. Name der Redaktion bekannt. Herr A. möchte anonym bleiben, da er als Arzt auch Berichte über seine Patienten für die IV verfassen muss. (Anmerkung von mir persönlich: Und mittlerweile werden ja bei der IV sogar Patienten des Betrugs verdächtigt, die sich von «einschlägig bekannten Ärzten» (was auch immer die IV darunter versteht) behandeln lassen. Siehe «Die IV-Checkliste».

4 Gedanken zu „«Die IV behindert Ärzte und Fachpersonen oft bei deren Arbeit»

  1. Ein ausgezeichnetes Interview – und eine wohltuend sachliche Haltung von Z. A. Das sind klare und starke Worte eines offenbar integeren Menschen.

    Aussagen wie: „Der Abstieg in die Fürsorgeabhängigkeit wegen einer IV-Ablehnung ist deshalb oft der entscheidende Schritt in die Chronifizierung des Leidens.“ zeigen, wie die Barbarei einfach in Kauf genommen wird, um Kosten – nein, nicht zu sparen, sondern nur zu verschieben, von sich weg zu schieben.

    Das ist nicht sachliche Problemlösung, das ist reine Ideologie. Und ich erschrecke fast ein bisschen, wenn ich beobachte, wie schnell unsere moderne Kultur sich – zumindest der Möglichkeit nach – der Barbarei nähert.

    Stark finde ich auch die Forderung von Herrn A., dass die IV auch die Therapieverantwortung übernehmen soll, wenn sie den behandelnden Ärzten schon bei IV-Revisionen die Beurteilungskompetenz entzieht. Nur so werde die IV auch mit den Folgen ihres Tuns konfrontiert.

    Erstaunliche Worte eines Psychiaters – aber durchaus nachvollziehbar!

  2. Ausgezeichnet, dass mal ein Fachmann eine andere Seite in diese inzwischen schon fast unerträgliche IV-Revisionsdiskussion bringt.
    Das Argument, dass die IV wenn sie ihre Kontrollfunktion wahrnimmt, damit auch Verantwortung übernehmen muss. Es dient ja dem Allgemeinwohl nicht, wenn ein Kostenträger spart, dafür aber bei einem anderen Kostenträger der Allgemeinheit noch mehr Kosten verursacht. Der Staat und seine Institutionen sind ja nicht einfach Sandkastenspielzeuge für die Politiker des jeweiligen Ressorts.
    Nur schade, dass der Blick oder der Tagi solche Interviews nicht bringen, dafür tagelang Berichte über einen Querulanten der laut Blick mit 6300Franken IV-Rente nicht leben kann.
    Da habe ich mir gestern wieder den Mund fusselig geredet, um ein paar empörten Freunden zu erklären, dass der Blick mit undifferenzierten Zahlen Schlagzeilen verkauft. Und dass sie mich mit ihren Pauschalurteilen wegen eines Artikels in einer Boulevardzeitung de facto in denselben Topf werfen, wie diesen Typen. Hab sie daran erinnert, dass ich auch IV-Rentnerin bin, nur dank EL aufs Existenzminimum komme und dass das mehr als die Hälfte weniger ist, als das, was im Blick steht.
    Ich will nicht einfach immer nur als d i e Ausnahme gelten und alle anderen sind B etrüger oder Schmarotzer. Auch wenn ich eine rein somatische Krankheit habe, so sieht man mir diese auch nicht an. Und es macht mich deswegen nicht zur „besseren“ Invaliden. Krank sein und deswegen aus dem Erwerbsleben ausgeschlossen zu sein, ist für alle tragisch, die es betrifft. Aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden wäre auch tragisch für alle jene, die jetzt nach dem Mund der Politiker reden und auf die Massenmedien hören.
    Dank diesem Interview habe ich für das nächste Mal ein paar Argumente, die nicht so leicht vom Tisch zu wischen sind.

  3. Die Idee, dass die IV Verantwortung für ihr Tun übernehmen muss, ist kreativ. Allerdings möchte ich dieser Idee nicht praktisch ausgesetzt sein und eine PsychiaterIn von der IV verordnet haben, die entsprechend der im Artikel glaubwürdig beschriebenen IV Art mit mir umgeht.
    Dass Leiden chronifiziert und verschlimmert werden durch die Revisionitis und dass Behinderte und IV RentnerInnen die Zeche bezahlen, ist mehr als klar.

    @ Frau obrist

    Ich wundere mich immer wieder, dass behinderte Menschen möglichst am Existenzminimum rumhängen sollen. Auch wenn das de facto so ist, finde ich, dass auch wir behinderte Menschen unnötigerwise diesem Denkfehler verfallen: Ein Mensch kann nicht mehr arbeiten, hat also den ganzen Tag Zeit und KEIN Geld, sich sinnvoll zu beschäftigen. Das verschäft die Gefahr, dass die Krankheit bzw. Behinderung schlimmer wird. Je nach Situation sage ich, dass behinderte Menschen mehr Geld haben sollten als Nichtbehinderte, weil sie sich den ganzen Tag selbst beschäftigen müssen.
    Das Gleiche ist mit der Diskussion ums Auto: Seit ich nicht mehr arbeite, bin ich bestimmt nicht fitter geworden. Das Geld natürlich ist Mangelware. Also hatte ich 3 Jahre kein Auto. Gesundheitliche Schwierigkeiten haben mich zur Vernunft gebracht, mich für ein Auto einzusetzen, damit mein körperliches System etwas weniger chronisch überlastet ist und ich noch etwas Lebensfreude gepaart mit Gesundheit in mein Leben einbauen kann. Die Vorstellung, dass ich ohne Geld einfach FussgängerIn sein soll, ist genau betrachtet ebenso exotisch wie die Vorstellung, dass Menschen mit einem Arbeitsplatz mehr Geld in der Tasche haben sollten als behinderte Menschen.
    Auch behinderte Menschen werden zu einem Denken erzogen, das sie als gegeben voraussetzen, obwohl es ihnen selbst oft enorm ins eigene Fleisch schneidet.

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