IV-Gebrechenscodes – Wofür eigentlich?

Jaja, nochmal Schleudertrauma, aber nur am Rande, denn eigentlich sticht in diesem Interview mit Jean-Philippe Ruegger, dem Präsidenten der IV-Stellen-Konferenz (IVSK) etwas ganz anderes frappant hervor. Auf die Frage wieviele IV-Bezüger mit einem Schleudertrauma es denn in der Schweiz gäbe, erklärt Ruegger: «Dazu gibt es keine statistischen Angaben. Und zwar deshalb, weil wir bei der IV die Fälle nicht mit einem Code «Schleudertrauma» versehen. Schleudertraumata figurieren unter verschiedenen ärztlichen Diagnosen. Wir können daher auch nicht sagen, wie viel uns die IV-Renten für Schleudertrauma-Patienten pro Jahr kosten. Und wir können ebenso wenig angeben, wie sich die Zahl der Schleudertrauma-Fälle über die Jahre entwickelt hat.»

Entschuldigung, bitte wie? Warum nicht gleich: «Wir haben keine Ahnung von gar nix»? Und dann noch zweimal die Antwort «Dazu kann sich die IV nicht äussern/Dazu können wir nix sagen»

Dass das Codierungssystem der IV völlig unbrauchbar ist, hat bereits Niklas Baer in seiner Studie zu den Psychischen IV-Fällen aufgezeigt. Nämlich, dass unter den im berüchtigten 646er-Code (angeblich schwer objektivierbare Psychische Störungen) abgelegten Störungen auch somatische Krankheiten, geistige Behinderungen(!) und zum grossen Teil sehr wohl durch den Facharzt objektivierbare schwere psychische Störungen figurieren.

Aber wenn man alles in einem Topf wirft, lässt sich damit ganz trefflich Politik treiben, so hat ja die FDP in einer Motion angeregt, Personen aus der in den letzten Jahren angeblich «rasant angestiegenen» 646-Kategorie grundsätzlich keine Renten mehr zuzusprechen. Und der Bundesrat dazu in seiner Antwort vom 18.11.2009 gesagt (Kurzfassung): Ja genau. Super Idee: «Der Bundesrat wird deshalb Massnahmen zur Reduktion der Anzahl Renten bzw. zur Einschränkung der Rentenanspruchsberechtigung bei dieser Personenkategorie vorschlagen.»

Aber keiner schaut mal genau hin, was die IV in dieser Kategorie eigentlich für ein Durcheinander hat. Und offenbar in allen anderen Kategorien auch, sonst könnte man ja sagen, wieviele Schleudertraumafälle es in der IV gibt und wieviel die kosten. Man weiss es aber gar nicht und trotzdem wird einfach mal behauptet, dass Schleudertraumapatienten angeblich sehr hohe Kosten verursachen. Es wäre dann nämlich auch mal interessant zu sehen, wieviele Schleudertraumapatienten überhaupt erst bei der IV landen, weil die Unfallversicherungen nicht bezahlen wollen. Aber da schaut man lieber nicht so genau hin…

Ich versteh ja, dass man in der Zeit der Papierakten kein perfektes Codierung-System hatte, aber das ist ja nun schon eine ganze Weile her… Heutzutage sollte es doch möglich sein, die IV-Fälle nach ICD-10 zu codieren und dann bei Bedarf (mittels Mausklick) nach einzelnen Codes zu sortieren – das wäre auch wichtig für die Prävention und die Bedarfsplanung der Eingliederungsmassnahmen – jemand mit Schizophrenie braucht ja wohl eine andere Massnahme, als jemand mit einer geistigen Behinderung oder einem ADHS – da müsste man doch auch wissen, wieviele Bezüger es mit welcher Erkrankung/Behinderung gibt. Aber wenn man einfach alle in eine einzige «Kraut und Rüben-Kategorie» wirft und dann sagt: «Ooooh, die verursachen zu viele Kosten, da müssen wir welche rauswerfen…» ist das ein reichlich undifferenziertes und höchst unprofessionelles Vorgehen.

Ich werde dieses dumme Gefühl nicht los, dass man das alles genau so WILL.  Undurchsichtig, chaotisch, unberechenbar. Oder wie es der Psychiater Z.A. neulich im Interview formulierte: «Die IV ist eine Blackbox.»

Ein Gedanke zu „IV-Gebrechenscodes – Wofür eigentlich?

  1. Nicht einen Freud’schen Versprecher, einen Freud’schen Verleser unterlief mir, als ich den Titel dieses Posts zum ersten Mal zur Kenntnis nahm. Ich las nämlich: IV-Verbrechenscodes – Wofür eigentlich?

    Ganz so weit sind wir noch nicht. Doch die Codes umzufunktionieren, wäre eine kleine Sache … ;-)

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