«Schleudertraumaurteil als Chance verstehen, nicht mehr einer Rente nachzujagen»

Jetzt kommen sie aus allen Ecken, die Neumalklugen und Oberschlauen und schreiben banale, ironische oder schulmeisterliche Kommentare zum Bundesgerichtsentscheid über das Scheudertrauma. So beispielsweise Markus Schär in der Sonntagszeitung: «Die Kritiker wehklagen, die Schleudertrauma-Opfer fielen jetzt alle der Sozialhilfe zur Last. Dabei könnten diese das Urteil auch als Chance verstehen, nicht mehr einer Rente nachzujagen, sondern sich mit demselben Einsatz wieder in die Arbeitswelt einzugliedern».

Und was in einem solchen gönnerhaften Artikel natürlich auch nie fehlen darf, ist der obligate «Nimm-dir-mal-ein-Beispiel-Hinweis» auf andere, die es ja mit dem angeblich selben(?) Krankheitsbild und vorbildlichem eisernen Willen «geschafft haben, sich in die Arbeitswelt einzugliedern».

Wann merken manche Menschen endlich, dass 1) Gesundheit nicht alleine eine Frage des Wollens ist und 2) nicht alle Menschen gleich sind. Ich befürchte: nie. Bis es sie dann selbst mal trifft. Dann ist alles natürlich gaaanz anders.

Aber wahrscheinlich dienen solche Artikel vor allem dem seelischen Gleichgewicht des Schreibenden, der sich einbilden kann, falls er jemals in eine solche Situation kommen würde, liesse sich das alles mit genügend Willen in Ordnung bringen. Und falls man dann wirklich krank/behindert würde, gäbe es ja dann noch die Invalidenversicherung. Tja, das könnte ein Trugschluss sein.

4 Gedanken zu „«Schleudertraumaurteil als Chance verstehen, nicht mehr einer Rente nachzujagen»

  1. Ich glaube, darin liegt eines der Hauptprobleme der ganzen Bredouille: Dass die meisten Leute glauben, ihnen würde „so etwas“ nie passieren. Sie seien tough und stünden über solchen Schwächeleien.

  2. Und sie merken nicht, dass sie bereits mit den Wölfen heulen. Wie damals. Und Menschen gewertet werden. In Leistungsfähige oder Faule. In Vertwolle und nicht wertvolle Mitglieder der Gesellschaft.
    Damit diejenigen, die das Glück hatten, nie krank zu werden, Erfolg zu haben, auch einmalig bleiben können. Dass die, die es noch oben geschafft haben, den Platz da oben nicht mit zuvielen anderen teilen müssen. In ihrer Vorstellung, diejenigen sein können, die es geschafft haben. Dazu braucht es welche, die es nicht schaffen. Und denen muss man sagen, ihr könntet es auch. Wenn ihr nur wollt. Denn dann habe ich es geschafft, weil ich den stärkeren Willen habe als ihr. Dann bin ich besser, als ihr. Und um besser zu sein als ihr, dürft ihr keine Chance haben, je zu mir aufzusteigen.
    Und dafür sollt ihr Euch auch noch schämen. Was wäre meine Position ohne Eure. Was wäre sie schon, wenn ich einfach Glück im Leben gehabt hätte. Ihr seid mein Argument, dass ich es verdient habe, erfolgreich zu sein.
    Die Wölfe heulen wieder. Und viele heulen mit ihnen, ohne zu wissen, was sie damit anstellen.

  3. Und ich glaube, dass die Schreiberlinge sehr wohl wissen, dass ihnen das auch passieren kann. Nur wird es verdrängt, denn mit den Wölfen heulen erhält den Arbeitsplatz. Zudem kommt, dass Journalisten wohl davon ausgehen, dass sie ihrer Tätigkeit allenfalls auch im Rollstuhl nachgehen könnten. Recht hätten sie, wenn die Wörtchen „wenn“ und „aber“ nicht wären. Denn ein Unfall, eine Krankheit, die letztendlich zur Invalidität führt, führt unweigerlich auch beim Sozialamt vorbei (ich habe zwei Ausnahmen bisher gesehen). Und Sozialamt bedeutet beruflichen Abstieg und seinen bereits eingegangenen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen zu können; ergo auf Jahre hin Betreibungen, Pfändungen, Verlustscheine. Journalisten sitzen jedoch im Rampenlicht der Oeffenlichkeit wie ihre Arbeitgeber auch. Ein Medienhaus wird sich aber hüten einen Journalisten einzustellen, bei dem der Lack einst angekratzt war, denn selbst wenn alle seine Verlustscheine gelöscht sind, wird er immer eine Zielscheibe bleiben. Und wenn es auch bei denjenigen ist, an deren Lack er nach Jahren in einem Artikel kratzten muss.

  4. Das ewige Geplapper von wegen „Krise als Chance“ habe ich gründlich satt!

    Sicher ist inzwischen fast allen Selbstbetroffenen klar, wer so ähnliche Alibisprüche locker, flockig zum Besten gibt:
    Derjenige, der/die selbst schon immer alle Chancen gehabt HÄTTE und sie für sich immer schon UNbehindert hätte nutzen können, wenn er/sie das auch wirklich gewollt hätte, wirft solchen Schmarren ausgerechnet uns Betroffenen an den Kopf – und meint auch noch, uns etwas furchtbar Gescheites gesagt zu haben …

    Naja, wer richtig ahnungslos von gar nichts wissen will, was Sache ist (wenn’s mal wirklich darauf ankommt), ist sehr lange fein raus – bis es vielleicht irgendwann einem selbst erwischt.
    Nur, für viele ist es dann aus mit dem Alibi-Gelaber: Klappe zu.

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