Plakatkampagne von Pro Mente Sana

«Ach, die Schweiz…» Möchte man seufzen beim Anblick der von der Werbeagentur TBS Identity für Pro Mente Sana gestalteten Plakate. Sie sollen aufmerksam machen auf den Internationalen Tag der psychischen Gesundheit am 10. Oktober 2010.

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Leider typisch Schweiz: bieder, brav, langweilig, eindimensional. Und – wenn man das ganze vergleicht mit der schottischen Kampagne «see me» ist in der Schweiz eine psychische Erkrankung nach wie vor einzig und alleine ein Problem der/des Betroffenen – wie wichtig das private wie berufliche Umfeld für eine Gesundung ist, wird mal wieder ausgeklammert.

Plakate aus der Schottische Kampagne – die ich nach wie vor einfach grossartig finde, weil sie positiv, berührend, und sehr vielschichtig ist: Es ist zum Beispiel nicht erkennbar, welche der abgebildeten Personen jeweils psychisch krank war, es wird kommuniziert, dass eine Heilung möglich ist ect.:

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15 Gedanken zu „Plakatkampagne von Pro Mente Sana

  1. Richtig, Schweiz, bieder brav, ja nicht progressiv. Erinnert an die Stop-Aids-Kampagnen. Es gab nur zweimal Plakate (unter Ruth Dreyfuss) die witzig waren, die die Leute wahrgenommen haben. Es hat Proteste gehagelt auf der Geschäftsstelle (ich arbeitete damals da) der AHS. Von rechten Kreisen, von den Kirchen, von der Psychosekte Aids-Aufklärung Schweiz (Zürcher Lieblinge) und von weiteren konservativen Kreisen.
    Dann wurden die Kampagnen wieder brav. In der Schweiz sind die Abhängigkeiten von einflussreichen Kreisen viel zu gross, als dass sich eine Non-Profit Organisation eine über das Mittelmass hinausgehende Plakatkampagne leisten kann. In den Köpfen der zumeist noch älteren Generation ist die Schweiz ein „sauberes“ „heiles“ Inselparadies mitten in Europa. Der Schweizer will nichts, was dieses Image gefährdet. Und was nicht „normal“ ist, will man nicht sehen.
    Wie man mit psychischer Behinderung umgehen kann, zeigt übrigens liebevoll und berührend der Film „Lars und die Frauen“. Eine Geschichte, wie ein einsamer an Wahnvorstellung leidender Mitmensch von einer Kleinstadt mit viel Geduld „geheilt“ und integriert wurde.
    23 Uhr15 gestern auf SF1. Passte wohl nicht ins Hauptprogramm, dabei gabs weder Gewalt noch Sex darin, nur wie einfach es ist, miteinander umzugehen, wenn man gewisse Vorurteile über Bord wirft.

  2. Mal ganz abgesehen von der faden Botschaft der Plakate, finde ich auch die Farbgebung unsinnig: Weisser Text auf einem hellen Hintergrund. Die Werbebotschaft sollte doch irgendwie hervorgehoben werden (z.B. mit dunkelroter Schrift), damit man sie gleich erkennt. So musst du fast vor das Plakat stehen und es in aller Ruhe lesen, damit du was davon verstehst – und das machst du garantiert nicht, weil es den Betrachter einfach nicht anspricht.

  3. Werbetexten ist immer eine Gradwanderung zwischen langweilig/unansprechbar/Biedermeierei (siehe Plakatkampagne der Pro Mente Sana) und Empörung/Wut/angeeckelt sein (letztjährige Plakatkampagne des BSV oder Plakate der Benetton). Sehr gute Werbetexter sind rar, bereits verpflichtet und für kleinere Unternehmen unerschwinglich. Letzteres gilt meist auch für „Blitzgedanken“, denn nicht jeder „Blitzgedanke“ lässt sich ohne weiteres in Plakate realisieren.

  4. Ähem, TBS Identity ist eine Werbeagentur und keine geschützte Werkstätte – also ist es ihr Job gute Ideen zu haben, die Ideen treffend zu visualisieren und gute Texte zu schreiben – dafür werden sie schliesslich bezahlt. Und wie David ja schon sagte, alleine weisse Schrift auf pastellfarbenem Hintergrund als Plakat… das lernt ja schon der Grafikerlehrling im ersten Ausbildungsjahr das sowas nicht geht (sagen wir mal: er sollte es lernen…).
    TBS Identity hat bereits für das Psychiatriezentrum Rheinau, sowie die Psychiatrische Privatklinikgruppe Clienia gearbeitet, also sollte denen das Thema auch nicht komplett fremd sein – wahrscheinlich sind sie auch deshalb überhaupt an den Auftrag gekommen, weil sie in dem Gebiet über «Erfahrung» (naja) verfügen. Da kann man doch schonmal erwarten, dass die eine ordentliche Arbeit abliefern.

  5. Mia

    Das „naja“ ist eines der kürzesten, aber sicherlich das treffendste Wort in Ihrer posts :):):)!!!

  6. Deine Bemerkung zu den schottischen Plakaten finde ich sehr interessant: „Man kann nicht erkennen, wer der Betroffene ist.“ So etwas schwebt mir schon lange für eine Kampagne gegen weitere Massnahmen bei der IV vor: Dass Leute – normale und behinderte – mit Plakaten (wie diese Sandwich-Plakate in den 30-er Jahrendurch die Gegend laufen (wahlweise auch rollen), auf denen zum Beispiel steht: „Anna, 34, mit 20 an einem Hirntumor erkrankt, seither IV-Rentner“. Oder: „Beat, 50, vor 12 Jahren verunfallt, seither Paraplegiker“. Oder: „Selma, 50, beidseitig taub, arbeitet als PR-Frau für Hörgeräte“. Natürlich würden die Plakate wild vertauscht, so dass der Rollstuhlfahrer mit dem Plakat der Tauben herumfahren würde, und der Hirntumor-Patient mit dem des Rollstuhlfahrers. Und „Gesunde“ wären auch dabei. Denn das regt mich immer am meisten auf: Wenn mir mein Kollege mit seiner langen Narbe am Kopf erzählt, dass sich Leute im Coop vor ihn hinstellen und sagen: „Sie sehen aber nicht aus, als ob sie eine 100-prozentige IV verdient hätten!“ Vielleicht würde sowas die Leute zum Nachdenken bringen. Bin keine Werberin. Darum kann ichs hier herumerzählen. Vielleicht kommts irgendwo an. Vielleicht brauchts dafür eine Demonstrationsbewilligung…

  7. @Frau Frogg,
    ein Flashmob – das wär’s ;-)
    An dieser sichtbar-unsichtbar-Problematik und wie man das kommunizieren könnte, denke ich auch schon länger herum. Über 50% der IV-BezügerInnen haben eine Krankheit oder Behinderung, die man gar nicht sieht (alleine 40% IV-Bezüger aus psychischen Gründen, dann gibt es noch sehr viele andere Krankheiten/Behinderungen, die man auch nicht mal eben so sieht…).

    Wohingegen das klassische Bild vom Rollstuhlfahrer bzw. dem Mensch mit Blindenstock um immer die IV-Themen in den Zeitungen zu illustrieren, für Rollifahrer oder Blinde auch irgendwie diskriminierend ist, da viele von Ihnen überhaupt keine IV beziehen, sondern ganz normal arbeiten.

  8. @Frau Frogg und @Mia:
    „ein Flashmob – das wär’s ;-)“ und „… Dass Leute – normale und behinderte – mit Plakaten (wie diese Sandwich-Plakate in den 30-er Jahrendurch die Gegend laufen (wahlweise auch rollen) …“

    Tolle Idee von Frau Frogg.
    Mich als Sandwitch-Plakatständer in der ahnungslose Puddingwelt rum zu bewegen, das wäre für mich eine echte Herausforderung: Klar, TROTZ ALLEM – ich wäre/bin dabei!

    Die erschreckend schnell und kaum beachtete, unmögliche 6. IV-Revision muss uns behinderte und chronisch kranke Männer und Frauen (zusammen mit unseren Familien-Angehörigen und Mitbetroffenen) zu allen möglichen und scheinbar unmöglichen „Schandtaten“ bewegen, finde ich ;-)

    Etwas weniger müsste ich jedoch über meinen matschigen Schatten springen, wenn es „nur“ um ein bedrucktes T-Shirt-tragen ginge, anstatt um Sandwitch-Plakate (wäre übrigens auch für Rolli-FahrererInnen „ergonomischer“) ;-)

  9. Besonders empörend an der Belanglosigkeit dieser Plakataktion finde ich, dass sie ausgerechnet wenige Wochen vor Abschluss einer voraussichtlich gerade für Menschen mit psychischen Beeinträchtigung verheerenden IV-Revision stattfindet – wo das hier so wirkungslos aus dem Fenster geworfene Geld doch so dringend für ein Referendum benötigt würde.

  10. Ok, T-Shirts, darüber können wir diskutieren, wenn es denn soweit ist ;)
    Die AHV-Revision ist ja jetzt gescheitert. Wie’s mit der IV aussieht, werden wir dann wohl noch sehen.

  11. @frau frogg: [Die 11. AHV-Revision ist ja jetzt gescheitert. Wie’s mit der IV aussieht, werden wir dann wohl noch sehen.]

    Ja, das kurvernreiche Stimmverhalten der SVP: Was sich auch diesmal wieder verändert hat, sind die „nur“ die wahltaktischen Gründe, erklärte heute Hanspeter Forster, SF-Redaktor:
    http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2010/10/01/Schweiz/Burkhalter-will-AHV-neu-ausbalancieren

    Wo sich doch gerade die SVP, nebst ihren Steckenpferd der wahltaktischen Schleuderfahrten, eigentlich weiteren Sozialabbau (diesmal Rentenalter-Erhöhung für Frauen) gewünscht hätte …

    Solange das „Bürgerpäckli“ nichts anderes im Sinn hat, als die eidg. Sozialwerke konsequent zu Lasten der kleinen und mittleren Einkommen „aus zu balancieren“, bleibt Bundesrat Burkhalter nichts anderes übrig, als unsere Sozialversicherungslöcher dort zu stopfen, wo er bei der hart betroffenen, ignorierten Minderheit auf (fast) keinen Widerstand stösst.
    Die 6. IV-Revision ist das letzte Erfolgsrezept für die Sozialabbauer vom dienst.

    Aber, „jetzt reicht’s“!
    So rufen die OrganisatorInnen zu einer Grossdemo für eine solidarische Invalidenversicherung am 30. Oktober auf dem Bundesplatz in Bern auf.

  12. Die Demo hätte man besser während der Sessionszeit abgehalten. Je nachdem wie es mir gesundheitlich geht, bin ich dabei, auch wenn ich von Demos nicht viel halte.
    Frau frogg: Es gibt keinen Grund Burkhalters Haltung in der ganzen Geschichte schön zu reden (bleibt Bundesrat Burkhalter nichts anderes übrig, ……….). Couchepäng wünschte sich Burkhalter als seinen Nachfolger weil er wusste, dass Burkhalter seine Ziel, die Sozialkassen an die Wand zu fahren, weiterverfolgen wird.
    Ich bin übrigens heute und morgen am zügeln und hoffe, im Laufe der kommenden Woche beim sortieren, das FDP-Positionspapier zu finden.

  13. @cristiano safado: Hattest Du den Eindruck, ich wolle Burkhalters Haltung schönreden. Keineswegs! Ich weiss nicht einmal genau, wo das Geschäft steht. Ich fürchte, ich werde es demnächst erfahren.

  14. Na ja, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ich würde da aber diejenigen in die Boxhandshuhe stecken, die dauernd mobil gegen Invalide machen. Das wären zum Beispiel Burkhalter, Bortoluzzi, die verschiedenen Exponenten von Economie-Suisse und Avenir-Suisse, etc.

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