IV: Das lange Warten

Böse Zungen behaupten ja, die IV beeile sich mit Ihren Abklärungen absichtlich nicht besonders, da sich im einen oder anderen Fall das «Problem» bei genügend langer Wartezeit sozusagen «von selbst erledige».

Besonders weit hergeholt ist diese Vermutung im Falle schwerkranker Menschen nicht – und ein weiteres geflügeltes Wort aus gut unterrichteten Kreisen lautet denn auch, dass wer VOR einer IV-Abklärung noch nicht zu 100% invalide sei, es spätenstens NACH den oft Jahre dauernden Abklärungen und dem damit verbundenen Nervenkrieg grantiert wäre.

Selbstverständlich behauptet jede IV-Stelle von sich, man würde sich «bemühen» die Abklärungen so schnell wie möglich vorzunehmen und bei den von den Medien dargestellten Fällen handle es sich selbstverständlich um bedauerliche Einzelfälle, bei denen es sich ausserdem um ein «komplexes Krankheitsbild» handle, das sich zudem auch noch «verändern könne» und deshalb weitere Arztberichte abgewartet werden müssten, bevor über berufliche Massnahmen oder auch eine Rente entschieden werden könne.

Wie hatte doch der neue IV-Chef Anfang Mai dieses Jahres erklärt: «Die IV-Stellen müssen wegkommen vom langwierigen Abklären und der Illusion, damit die Komplexität der Welt erfassen zu können.»

«In vielen Fällen blieben die Ursachen für gesundheitliche Probleme trotz mühseliger Abklärungen unklar» so Ritler. «So wie die IV-Stellen von den Betroffenen Flexibilität erwarten, müssten auch sie selbst nach pragmatischen und praxistauglichen Lösungen suchen, «die vielleicht nicht immer konventionell sind»

Ah, ja… scheint allerdings noch nicht ganz angekommen zu sein bei den IV-Stellen, wie der Bericht im Tagi aufzeigt: «Das lange Warten auf Wiedereingliederung».

«Eingliederung nach Dienstvorschrift» funktioniert vielleicht (falls überhaupt) bei einem Autounfall aus dem Lehrbuch mit resultierender Paraplegie, da sitzt der Betroffene danach im Rollstuhl und es gibt auf irgend einem IV-Formular dazu passende Kästchen zum Ankreuzen, aber kranke/behinderte Menschen sind nun mal keine kaputten Maschinen deren «Reparatur» nach Schema 0815 funktioniert. Allerdings scheint alles, was nicht in die Formulare hineinpasst und über «Wir schulen jetzt den Bäcker mit der Mehlstauballergie zum Kaufmann um» hinausgeht, die IV-Maschinerie heillos zu überfordern und mündet deshalb für nicht wenige Betroffene in jahrelangen zermürbenden und existenzbedrohenden Warteschleifen.

Der Kassensturz zeigt am Beispiel einer jungen Frau den ganzen Irrsinn der IV-Maschinerie auf. Selbstverständlich – wir wissen es mittlerweile – auch das natürlich «nur ein Einzelfall».

Seltsam dann aber die ebenfalls beim Kassensturz eingeblendete offizielle Statistik des BSV, laut der sich innerhalb von 3 Jahren (2006-2009) die Kosten für Abklärungsmassnahmen um 50% erhöht haben. Wohingegen sich die Ablehnungsquote bei den neu angemeldeten IV-Fällen von 26% (2002) auf 53% (2009) erhöht hat. Je mehr Geld also für die Abklärungen aufgewendet werden, desto weniger Neurenten.

Das mag ja nun ganz Sinne derjenigen sein, die da seit Jahren ein enormes «Sparpotential» bei der IV vermuten herbeireden – aber ist es auch im Sinne von schwerkranken Menschen, 2-3 Jahre auf Wiedereingliederungsmassnahmen oder eine Rente warten zu müssen und zusätzlich zur gesundheitlich belastenden Situation auch noch den demütigenden Gang zum Sozialamt antreten zu müssen?

Ach, es geht gar nicht darum, ob die IV im Sinne der Kranken und Behinderten handelt? Hm, dachte ich’s mir doch.

Die 50% Steigerung der Kosten für Abklährungsmassnahmen dürfte jedenfalls ganz im Sinne der Medas und der sogenannten Arbeitsabklärungszentren sein. Und natürlich der Arbeitgeber, denn wird die «Arbeitsabklärung» in einem Betrieb durchgeführt, bezahlt die IV bis zu 6 Monate lang den Lohn für den «Abzuklärenden» bzw. «Einzuarbeitenden».

9 Gedanken zu „IV: Das lange Warten

  1. Ich finde es zudem noch interessant, wie die Geschichte nicht zu Ende erzählt wurde: Im Kassensturz war gestern das vermeintliche Happy End damit erreicht, dass die Frau nach langem Warten eine IV Rente bekommt. – Zwischenfrage: Welcher Mensch kann nur von der IV-Rente leben? Die Wohnung im dritten Stock ist damit auch nicht verändert und die Mobilität, die durch ein ungünstiges Auto zusätzlich gehemmt wird auch nicht.
    Vielleicht habe ich vergessen, dass das alles von selbst kommen wird. Oder vielleicht weiss ich, dass dem nicht so ist.
    Aber wenigstens weiss ich jetzt nach der erhebenden Grafik vom Kassensturz, dass ich wirklich wertlos bin, wenn meine Rente im Jahr 2009 gesprochen wurde. Das ist wichtig, damit klar ist, dass ich nicht zu den S….. oh pardon zu den wertvollen Menschen gehöre.

  2. Hmja, das hat bei der IV Tradition. Ein Prothesenersatzteil, von denen ich die nächsten Jahre alle 6-18 Monate eins brauchen werde, kostet hier etwa 600, im Ausland ab Fabrik etwa 420 Franken. Ich habe denen angerufen und gesagt, ich kaufe gleich zehn dann wirds NOCH billiger, die legen wir beim Prothesentechniker in den Schrank und wenn es einen Ersatz braucht, schreiben wir die Rechnungen entsprechen. – Da meinte die von der IV, ich solle das lieber nicht tun. Ihre Produkteprüfung würde derart aufwendig sein, dass es billiger sei, wir würden wie bisher das Produkt in der Schweiz von den Wegelagerern äh Importeuren kaufen. Die Verpackungen, Verpackungsaufschriften und Produkte selbst sind aber ABSOLUT IDENTISCH – denn, was wunder, es ist exakt dieselbe Ware. Einfach klever (durch mich direkt) bzw. weniger klever eingekauft. – – Das ist aber auch eine Chance. Wenn bereits bei der Androhung, dass sie dort Hirnströme einschalten müssen, lieber etwas mehr Geld ausgeben – dann tun wir doch das. Man soll das nicht pauschal zurückweisen. Da ist auch Chance im Chaos.

  3. Gute Argumente @Christophorus – so ein wenige Minuten langer Beitrag kann all diese Facetten halt nur schwer aufzeigen – und zudem möchte man dem Publikum mit einer positiven Schlussbotschaft wohl eben doch irgendwie vermitteln, dass in der Schweiz mit den Sozialversicherungen eben doch alles gaaar nicht sooo schlimm ist… ;-)

  4. @ Turander, was hat die Hilfsmittelproblematik mit dem Thema des obigen Artikels zu tun? (abgesehen davon, dass es um ein IV-Ärgernis geht – aber darum geht es hier im Blog ja leider ziemlich oft…)

  5. Ganz offenbar ein fehlendes Bemühen der IV-Beamten als übungsentscheidende Eigenschaft. Aber ich sehe Deine Frage und lenke ein, dass andere Behinderte das Ungenügen ihrer eigenen IV-Beamten nicht gerne mit dem Ungenügen anderer ihrer IV-Beamte „vermischt“ sehen. Falls das bei Dir so ist, sorry, es hat *ganz und gar* nichts miteinander zu tun ;) *Ganz* andere Baustelle. Muss man sogar ein Flugbillet lösen um hinzufliegen ;)

  6. @ Mia. Für mich hat es System, dass man die Bevölkerung glauben lässt, denen mit der IV gehe es gut. Welcher Nichtbetroffene kennt schon die Details und weiss genau, dass eine Rente alleine nicht zum Leben reicht? Vielfach gehen Menschen davon aus, dass eine Rente einem Lohn entspricht. Etwas gekürzt, aber doch auf Lohnniveau.

  7. @ Christophorus, ja da hast du Recht. Das meiste «Wissen» über die IV in der Bevölkerung ist eher mehr Ergebnis einer gewissen Propaganda, denn wirkliches Wissen.

    @Turander, ich versuche hier nur ein bisschen Ordnung zu halten, damit die Themen nicht wie Kraut und Rüben durcheinanderpurzeln… ich weiss, ein komplett hoffnungsloses Unterfangen ;-) da helfen offenbar auch die extra verfassten Blogregeln nichts: https://ivinfo.wordpress.com/blogregeln/

  8. Zum Thema „wer weiss schon was über die IV“: Im Rahmen der Vorbereitung für die Volksabstimmung zur Initiative „Gleiche Rechte für Behinderte“ haben wir ca. 2002 eine Untersuchung durchführen lassen zu genau dieser Fragestellung. Resultat: 80 Prozent der Bevölkerung haben nachweislich falsche Vorstellungen über die IV. Zum Beispiel glauben die meisten, jeder sichtbar Behinderte beziehe automatisch eine existenzssichernde Rente. Viel schlimmer als dieses Resultat war jedoch, dass über 90 Prozent der Leute, die die zentralen Fragen FALSCH beantwortet hatten, als sie darauf aufmerksam gemacht wurden, angaben, dass NICHT wissen wollen, wie es wirklich ist.
    Im übrigen: wenn man die Medienberichterstattung in den letzten Jahren verfolgt – Meldungen wonach jemand in Bürglen TG „6300 Fr. IV-Rente“ beziehe, oder ein Arzt aus Uster „eine halbe Million IV-Gelder ergaunert“ habe – versteht man, dass auch die Journalisten offenbar ein aktives Interesse haben NICHT wirklich zu wissen. Oder mindestens, die Bevölkerung in ihrem seeligen Unwissen ruhen zu lassen.

  9. @ Peter Wehrli

    So haben Behinderte wenigstens eine sinnbringende Aufgabe. Sie erzählen, was niemand hören will und sie können ihre Rolle als dankbare Exoten mit überschwenglichem Einsatz übernehmen. Wenn sie dabei einen gewissen Unterhaltungswert erreichen umso besser! Aber bitte immer mit nötigen Humor. ;-)
    Zu dumm für die armen Kerle, die weder hüben noch drüben akzeptiert werden. Was machen wir mit denen? Scheinnormale? Prügelknaben?

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