«Invalid ist nicht mehr in»

Darin sind sich für einmal Verteter von rechts bis links einig und unterstützen deshalb die von EVP Nationalrätin Marianne Streiff-Feller eingereichte Motion «Invalid ist nicht mehr in» in der «der Bundesrat beauftragt wird, dem Parlament rechtliche Grundlagen vorzulegen, die es ermöglichen, den im Regelwerk der nationalen Gesetzgebung verwendeten Begriff „Invalid“ (und die mit ihm verwandten Begriffe) zu ersetzen.»

Bevor nun eine überbezahlte PR-Agentur mit der neuen Namensfindung beauftragt und Gremien zur Auswertung der Vorschläge einberufen werden, schlage ich vor, das Ganze für einmal höchst unbürokratisch, kurz und schmerzlos zu halten und aus der Invaliden- eine Erwerbsunfähigkeits-versicherung zu machen. Aus den Invaliden werden Erwerbsunfähige, und die IV-Rente heisst neu EU-Rente. Wobei diese Bezeichnung bei der SVP womöglich unliebsame Assoziationen wecken könnte…

Bleibt noch anzumerken, dass «invalid sein» noch nie «in» war.

11 Gedanken zu „«Invalid ist nicht mehr in»

  1. Dass für einmal Vertreter von rechts bis links einig seien, ist wohl etwas übertrieben. Fragt eigentlich gar niemand nach dem Wahrheitsgehalt der Behauptungen???

    Es gibt hier doch einige wichtige Fakten in Erwägung zu ziehen.

    Schädlicher Spracheifer der Pflegelobby
    Motion Streiff zu „invalid“
    Mathematik gilt in unserer Gesellschaft im allgemeinen als etwas für höher entwickelte Gehirne. Deshalb wird, wer „13 modulo 7 = 6“ nicht versteht, kaum behaupten, das sei „Hexeneinmaleins“ oder ein Mantra aus dem Tantrismus, sondern schweigen oder bei einem Mathematiker nachfragen. Nicht so bei der Sprache, auch beim Latein: Lehnwörter verstehen sich doch von selbst und niemand braucht sich von Fachleuten die eigene irrige Meinung vermiesen zu lassen, wenn sie so schön zu eigenen Zielen passt.
    So läuft seit einigen Jahren eine eigentliche Kampagne gegen das Wort „invalid“ mit der Behauptung, das lateinische Wort „inválidus“ bedeute „unwert“ und zeuge in Anwendung auf „Menschen mit Behinderung“ von fehlendem Respekt. Aktueller Höhepunkt dieser Kampagne ist eine nationalrätliche Motion, die vom Bundesrat verlangt, „den im Regelwerk der nationalen Gesetzgebung verwendeten Begriff ‚invalid‘ (und die mit ihm verwandten Begriffe) zu ersetzen“.
    Hierzu einige Fakten.
    1. NR Marianne Streiff täuscht in ihrer Begründung eigene Kompetenz in Latein vor, indem sie „valere“ heranzieht (notabene das Verb, nicht der „Wortstamm“) und für „inválidus“ Übersetzungen anführt, die sich in keinem lateinischen Wörterbuch finden lassen (Pons: „kraftlos, schwach, kränklich“ – fertig; Stowasser: „unpässlich, schwach, kränklich; substantiviert Schwacher, Kranker; metaphorisch schwach, zu schwach zum Widerstand: stationes schwach besetzt“ – nirgends die geringste Andeutung von „unwert“).
    2. Die Umbenennung der Invalida in St. Gallen zu „Valida“ im Jahr 2003 (Lehr- und Arbeitswerkstätte für Menschen mit Behinderungen): Der geschäftsführende Direktor verwahrt sich ausdrücklich dagegen, dass diese Umbenennung etwas mit dem lateinischen Wortsinn zu tun hätte. Bei der noch früheren Umbenennung von „Anorma“ zu „Invalida“ waren alle ausnahmslos glücklich. Erst mit dem zunehmenden Druck gewisser Kreise gegen das Wort „invalid“ – nicht von seiten der Behinderten – entschloss sich der Trägerverein zu dieser Namensänderung, die immerhin einigermassen Sinn macht: die Werkstätten wollen erklärtermassen die Stärken der Behinderten fördern. In ähnlicher Weise aber die Invalidenversicherung in „Validenversicherung“ umzubenennen, käme einer Kapitulation vor den ständigen Angriffen einer gewissen Partei gegen alles Schwache und Kranke gleich, die sie bis zum Beweis des Gegenteils stets der Drückebergerei bezichtigt und als „Scheininvalide“ betrachtet: die IV würde zur „Starkenversicherung“ – Starke aber brauchen diese Versicherung nicht, also müsste sie auch nicht saniert werden, es brauchte sie nicht mehr.
    3. „Invalid“ kommt als „Invalidität“ auch in der Verfassung vor (Art. 41 Abs.2). Also müsste auch die Verfassung geändert werden, um die angebliche Diskriminierung zu beseitigen.
    4. Die Motionärin und ihr Anhang haben ausser umständlichen Umschreibungen keine eigenen Alternativen zu bieten, mit denen z.B. die Invalidenversicherung umbenannt werden könnte, sondern wollen das Kunststück auf den Bundesrat abschieben (z.T. werden diese Umschreibungen auch schon wieder als diskriminierend empfunden: „Behinderung“ drückt genauso wie „Invalidität“ eine Schwäche aus, und das bleibt immer etwas Negatives gegenüber „Gesundheit, Stärke“; das gilt für jedes Wort, das „Invalidität“ ersetzen müsste). Sie müssen sich sogar den Vorwurf gefallen lassen, mit ihrer klar falschen Übersetzung des Wortes „invalid“ selbst die Probleme zu schaffen, die der Bundesrat bitte beseitigen soll.
    Besinnen wir uns auf Voltaires Forderungen an ein neues Wort: notwendig, verständlich und wohlklingend sollte es sein. Lassen Sie sich nicht täuschen: Ein Wort, das diese drei Eigenschaften besser besitzt als „invalid“ gibt es nicht und wird es nicht geben, höchstens kommen Modewörter ins Spiel, die sich so schnell wieder abnützen wie sie eingeführt wurden: es wird ein Wörterkarussell in Bewegung gesetzt – eine dauerhafte Arbeitsbeschaffung für Designer, Werbegrafiker und -texter.
    Das Parlament lasse sich nicht vor den Karren solcher Populisten spannen und möge 1. die Motion klar ablehnen, 2. die wahre Bedeutung des Wortes „invalid“ mit deutlichen Worten rehabilitieren und 3. die Motionärin und alle, die hinter ihr stehen, dazu verpflichten, zur Wiedergutmachung des entstandenen Schadens ebenfalls für die öffentliche Rehabilitierung des Wortes „invalid“ und aller verwandten Begriffe zu sorgen. Damit kann das Parlament gegen mutwillige „Sprachreformer“ jeder Couleur ein klares Zeichen setzen.
    Felix Sachs, lic.theol. und dipl.rer.nat.
    Reherstrasse 8a
    9016 St. Gallen

  2. @Herr Sachs, niemand will die Invalidenversicherung in eine Validenversicherung umbennen. Was ist gegen den Begriff «Erwerbsunfähigkeitsversicherung» genau einzuwenden?

  3. Ich finde invalid ein gutes Wort. Man wird von der Gesellschaft ja auch im Umgang sonst an den Rand gedrängt, durchaus als Randfigur gesehen – und da jetzt hinzugehen und Schönrednerei zu betreiben finde ich ganz schlecht. Es gibt Dinge, die einfach weh tun, und da soll man auch mal dafür hinstehen und sie dann in den Mund nehmen. Die Schweiz ist immer noch das Land der unverblümten Direktheit, der grob unhöflichen Bezeichnung, und da wäre es unsere Volksseele dem Teufel verkauft, wenn man auf einmal mit Orwellschem Newspeak käme. Nein, „invalid“ bedeutet das, was es bedeutet, und das tut es aus sehr gutem Grund. Es ist so verschissen, wie es ist.

  4. @turander – befassen Sie sich doch mal mit dem Unterschied zwischen dem medizinischen und dem sozialen Bild von Behinderung.
    Nicht alles was als «behindert» oder auch «invalid» gilt, ist einzig und alleine der betroffenen Person als «negative Eigenschaft» zuzuschreiben. Insbesondere bei einer Erwerbsunfähigkeit liegt es bei weitem nicht nur daran, dass die Person invalid ( also «kraftlos, schwach, kränklich») ist, sondern auch daran, wie die Gesellschaft die Arbeitswelt gestaltet. Und wenn immer mehr Menschen aus dieser Arbeitswelt herausfallen, ist es mehr als angebracht, die «Schuld» dazu nicht nur bei denjenigen zu suchen, die angeblich «schwächlich» sind…
    Ich nehme jetzt mal als Beispiel die Gehörlosen, da passt das Bild von «kränklich und schwächlich» oft überhaupt nicht – da liegen die Gründe in der Schwierigkeit, eine Arbeit zu finden anderswo. Nicht zuletzt bei den Hörenden, die sich nicht vorstellen können oder wollen wie jemand Gehörloser sich in ein Team integrieren kann.
    «Erwerbsunfähigkeit» kann auch heissen: es gibt für den Betroffenen in der existierenden Arbeitswelt keine Möglichkeit trotz seiner Behinderung ein existensicherndes Erwerbseinkommen zu generieren – das ist was komplett anderes, als: der Betroffene ist «Schuld».

  5. Vielen Dank für die interessanten Beiträge zu meinem Einwurf! An Mia habe ich sofort eine Antwort: „Erwerbsunfähigkeitsversicherung“ klingt zuerst mal viel umständlicher und schwerfälliger als „Invalidenversicherung“. Wenn „Invalid“ (in der richtigen, nicht etwa falschen Übersetzung als „unwert“ natürlich) als diskriminierend empfunden wird, warum sollten wir ein besser klingendes Wort durch ein schlechteres ersetzen? Dazu kommt, dass die Verfassung noch geändert werden müsste. Wer nicht weiss, was das heisst, soll bitte mal ein bisschen Nachhilfe Staatskunde holen!
    Felix Sachs

  6. Ja und? dann wird halt die Verfassung geändert. Bloss weil irgendwann mal irgendetwas für gut und richtig befunden wurde, muss das nicht bis in alle Ewigkeit gut und richtig sein. Die Welt und mit ihr die Begrifflichkeiten ändern sich ständig und aufs 50-jährige Jubiläum dürfte sich die Invalidenversicherung durchaus mal einen neuen Namen gönnen.

  7. Sie glauben also, dass sich einfach so ein Volks- und Ständemehr für „Erwerbsunfähigkeitsversicherung“ anstelle von „Invalidenversicherung“ und „Erwerbsunfähigkeit“ anstelle von „Invalidität“ und „Erwerbsunfähigenvorsorge“ anstelle von „Invalidenvorsorge“ gewinnen lässt (das sind, falls ich nichts übersehen habe, die drei in der Verfassung vorkommenden Ausdrücke: Art. 41, 111, 112). Gegenfrage: was haben Sie eigentlich gegen „Invalidenversicherung“ auch noch einzuwenden, ausser dass das Wort schon 85 (nicht 50: Volksabstimmung von 1925!) Jahre alt ist? – Dass „invalid“ „unwert“ heissen soll, lassen wir mal nicht mehr gelten, denn das ist doch eindeutig widerlegt, nicht wahr?
    Felix Sachs

  8. @ Herr Sachs, das habe ich oben bereits in einem Kommentar (29. Oktober 2010 um 14:04) geschrieben: «Erwerbsunfähigkeit» heisst: es gibt für den Betroffenen in der existierenden Arbeitswelt keine Möglichkeit trotz seiner Behinderung ein existensicherndes Erwerbseinkommen zu generieren – das ist was komplett anderes, als: der Betroffene ist «schuld» weil krank/schwach/kraftlos.
    Die wirtschaftsnahen Kreise wehren sich immer wieder massiv gegen barrierefreies Bauen, beispielsweise bei der EPFL: https://ivinfo.wordpress.com/2010/09/09/%C2%ABbarrierefreies-bauen-diktatur-der-minderheiten%C2%BB/
    Man kann nicht auf der einen Seite Behinderten den Zugang (gerade zu Bildung) verweigern und auf der anderen Seite gleichzeitig jammern, warum «die» denn nicht arbeiten.
    Behinderung hat immer zwei Seiten; nicht nur diejenige des «behindert seins» sondern ebensostark diejenige des «behindert werdens» – der Ausdruck «invalid« wird derjenigen des «behindert werdens» nicht gerecht» er geht davon aus, dass «Invalidiät» einzig und alleine auf einen «Mangel» der als «invalid» bezichneten Person zurückzuführen ist.

  9. Liebe Mia
    Wer redet da dauernd von „Schuld“?
    Ich glaube, jene Betonköpfe, die bei „invalid“ auf einen „Mangel“ = Schuld beim Behinderten schliessen und deshalb ihn von seiner Hilfsbereitschaft ausschliessen wollen, werden Sie mit solchen Wortspielereien nicht weichkochen können. Ich sehe nicht ein, weshalb mit dem Wort „unfähig“ in „Erwerbsunfähigkeit“ der „Mangel“ weniger im Behinderten gesehen werden sollte als bei Invalidität. Wenn ich eine Mathe-Aufgabe nicht lösen kann, alle andern in der Klasse aber schon, dann liegt der Grund für meine Unfähigkeit doch bei mir und nicht beim Lehrer, der das Thema in der vorherigen Stunde offensichtlich verständlich erklärt hat, und noch weniger bei der Klasse. Was für Konsequenzen aus meiner Unfähigkeit gezogen werden, hängt ganz von den Umständen ab (vielleicht habe ich in der vorherigen Stunde gefehlt – wegen Schwänzen oder wegen Krankheit?, oder ich hatte Kopfweh oder war sonstwie unpässlich, oder ich bin tatsächlich , bei andauernd schlechten Leistungen, nicht geeignet für diese Klasse, dann muss ich die Leistungsstufe wechseln. Das Beispiel wird sich nicht 1:1 ins Wirtschaftsleben übertragen lassen, da mahne ich zur Vorsicht, es geht mir nur um das Wort „unfähig“: Sie packen aus meiner Sicht allzu viel Wortdeutereien herein, um mich oder auch andere wirklich überzeugen zu können, dass der Unterschied, den Sie hineininterpretieren, tatsächlich im normalen Verständnis der Wörter existiert. „unfähig“ oder „invalid“: das ist doch aus der Perspektive, die Ihnen wichtig ist, Hans wie Heiri, eher impliziert „unfähig“ noch einen Schuss Dummheit oder Einfältigkeit, wohingegen „invalid“ mich immerhin an einen handfesten körperlichen Schaden denken lässt, womöglich noch durch Unfall bei einem mutigen und zu riskanten Einsatz mir zugestossen und jedenfalls nicht von vorneherein „schuldhaft“ von mir erworben.

    Wenn Sie wollen, dass die „Schuld“ oder die Ursache für die Invalidität oder Erwerbsunfähigkeit nicht beim Invaliden, sondern in den gesellschaftlichen Bedingungen liegend gesehen werden (mangelnde Bildungsangebote, nicht rollstuhlgängige Bauten usw.), dann müssen Sie noch ganz andere Wörter suchen: „Erwerbsbehinderung“ (was wegen der Nähe zu „Behinderung“ als Eigenschaft des Behinderten selbst immer noch missverständlich ist) oder besser noch „Erwerbsverhinderung“. Damit wären wir beim schönen Wortungeheuer „Erwerbsverhinderungsversicherung“ und Sie müssen nur noch versuchen, das den Leuten als Verbesserung der misslichen Lage der Behinderten zu verkaufen.

    Wollen wir nicht lieber solche Wortspielereien bleiben lassen, weil damit keine Gesetze und keine Bauten und keine Bildungsangebote verbessert werden, und uns den realen Problemen zuwenden: wie bringen wir die Bauherren und die Architekten und Ingenieure dazu, endlich überall an die Behinderten zu denken? Es braucht notabene nicht nur Gesetze und Geld, sondern auch Forschung und Entwicklung: denken wir nur an Elektrorollstühle, Prothesentechnik, Hörgeräte usw. Ohne all das nützen die besten Gesetze nichts. Vielleicht sind wir doch auf dem Weg zu einer behindertengerechteren Welt ein Stück weiter als früher – ganz ohne Wortklaubereien und mit dem guten alten Wort „invalid“. Und jetzt kommen ein paar „Supergescheite“, die herausgefunden haben wollen, „invalid“ heisse „unwert“, dabei stimmt das gar nicht. Ich halte das für eine bodenlose Frechheit und völlig kontraproduktiv. Weil solches Tun genau den Behinderten den grössten Schaden bringt, setze ich mich vehement dagegen ein, auf allen Ebenen! Was denn bei dieser ganzen Diskussion hätte mich auch nur ein Spur davon überzeugen sollen, dass ich auf dem falschen Weg bin?

    Unterstelle Ihnen keineswegs irgendwelche schlechten Absichten, ganz im Gegenteil, ich bin sogar überzeugt, dass Sie im Grunde genau das Gleiche wollen wie ich. Nur bin ich der Ansicht, dass wir uns auf die wirklichen Probleme konzentrieren und die mit Vernunft und Sachlichkeit angehen müssen, um unsere Ziele zu erreichen. Ich diesem Sinne grüsse ich Sie ganz herzlich!
    Felix Sachs

  10. Betreffend dem Begriff EU=Erwerbs-Unfähigkeit.

    Die Privatassekurranz führt diesen Begriff schon lange. Weil sie eben die Erwebsunfähigkeit im Sinne der Unfähigkeit den Lebensunterhalt selbst zu besorgen versichern. Für mich genauso ein beschissener Begriff. Die Definition ist aber klar, weil, sie sich auf das bezieht und bezeichnet was nicht mehr besorgt werden kann: der Erwerb.

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