Arbeitgeber wünschen sich mehr Informationen über psychische Krankheiten

Im Artikel zur Stellungnahme der FMH zur IV-Revision 6b hatte ich versprochen, die Stellungnahme des Arbeitgeberverbandes später detailiert zu behandeln. Könnte ich jetzt tun, geschätzte 50 Punkte herauspicken, die ärgerlich sind und über die «bösen» Arbeitgeber lamentieren, die explizit alles weit von sich weisen, was ihre «unternehmerische Freiheit» einschränken («Wehe, es gibt einen erweiterten Kündigungsschutz für erkrankte Mitarbeiter») oder sonstwie an ihre Verantwortung appellieren könnte. Geschenkt. Etwas anderes ist von einem Arbeitgeberverband schliesslich nicht zu erwarten.

Oder etwa doch? Zumindest leise Zweifel an der Vorlage werden dann doch geäussert: «Ob jedoch die Eingliederung von psychisch Behinderten im anvisierten Umfang (mit Einsparungen bis CHF 100 Mio.) möglich sein wird, ist nicht sicher. Umfragen in der Praxis haben gezeigt, dass die Eingliederung dieser Kategorie von Behinderten besonders anspruchsvoll ist…» Das klingt doch schon mal sehr vernünftig «…und auch seitens der Betroffenen oftmals die notwendige Motivation fehlt» Na gut, noch nicht ganz perfekt. Am Verständnis für die typischen Symptome von psychischen Krankheiten muss man noch ein bisschen arbeiten. Aber auch dieses Defizit spricht der SAV an: «Die Arbeitgeber benötigen Informationen über die Krankheitsbilder von Betroffenen und Anleitungen wie ihnen gegenüber zu reagieren ist.»

Liebe Pro Mente Sana, Pro Infirmis und all die Selbsthilfeorganisationen, die sich um die Bedürfnisse von psychisch kranken Menschen kümmern – das ist ein Auftrag an Euch. Konzipiert ein Projekt, welches die Aufklärung von Arbeitgebern zum Thema «Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeitern» zum Inhalt hat. Das Bedürfnis nach Information und Aufklärung scheint ja offensichtlich gegeben. Aber ehrlich, es wäre wirklich schön (wer auch immer das an die Hand nimmt) es würde ausnahmsweise mal national koordiniert werden und nicht wie bei den Bündnissen gegen Depressionen jeder Kanton (und manche auch gar nicht) sein eigenes Süppchen kochen. Tut was. Das ist wichtig. Für die Betroffenen, die Arbeitgeber und die finanzielle Entlastung der Invalidenversicherung.

Und nein, diese Informationen sollten NICHT (wie vom SAV vorgeschlagen) ausschliesslich über die IV-Stellen erfolgen. Wie verdreht im Dunstkreis von IV, RAD und MEDAS Krankheitsbilder wahrgenommen und dargestellt werden wissen wir ja mittlerweile zur Genüge.

Vorab hier mal ein Hinweis für Arbeitgeber für den Umgang mit erkrankten und behinderten Mitarbeitern (egal welche Erkrankung/Behinderung): Sprechen Sie mit dem Mitarbeiter und fragen Sie ihn, was er benötigt, um möglichst gut arbeiten zu können. Gerade Menschen, die schon seit längerer Zeit mit ihrer Krankheit oder Behinderung leben, wissen in der Regel sehr genau um ihre Leistungsfähigkeit und deren Grenzen.

Seien Sie offen für ungewöhnliche Lösungen. Der Mitarbeiter, der sagt, er könne Nachmittags besser arbeiten, weil dann seine Symptome schwächer sind als Morgens, will nicht einfach länger schlafen, er will seine Arbeit gut machen. Kommen Sie weg von der Einstellung, insbesondere psychisch Kranke oder Schmerzpatienten müsste man einfach nur «disziplinieren» – Sie würden ja auch nicht versuchen, jemandem im Rollstuhl mittels Disziplinierung das Treppensteigen beizubringen.

Verabschieden Sie sich von der Idee, kranke und behinderte Menschen erführen durch genügend Zwang und Disziplinierung eine Wunderheilung. Dem ist nicht so. Und meditieren Sie einmal ein bisschen darüber, warum Sie selbst den «Zwang» zur Anstellung behinderter Mitarbeiter (zb. per Quote) rigoros ablehnen, aber den Arbeitszwang für Betroffene (z.B durch Reduzierung der Renten) ebenso vehement befürworten – und dass das am Schluss nicht aufgehen kann, wenn man nur die eine Seite zwingt, die andere aber nicht.

So. Und den ganzen Rest an Aufklärung sollen die Organisationen übernehmen die dafür da sind. Noch ein letzter Hinweis an diese Organisationen: Nicht vergessen, die Betroffenen mit ihren Erfahrungen in das Projekt als gleichberechtigte Partner miteinzubeziehen. Sonst wird das nix.

Wer sich noch ein bisschen ärgern will: Vollständige Vernehmlassungsanwort des Arbeitgeberverbandes als PDF

2 Gedanken zu „Arbeitgeber wünschen sich mehr Informationen über psychische Krankheiten

  1. In der Stellungsnahme des Arbeitgeberverbandes ist zwar viel von Motivation, von (falschen) Anreize für Invalide und von Kürzungen von Leistungen nebst dem üblichen Daum-blah-blah-blah zu lesen, jedoch keine verbindliche Erklärung, dass sich Arbeitgeber verpflichten (wollen) Invalide zu beschäftigen. Oder habe ich da etwas übersehen?

  2. Nein natürlich nicht. Verpflichtung für die Arbeitgeber, wo kämen wir denn da hin…?
    Verpflichtungen sind selbstverständlich nur für die Behinderten angebracht, äh ich meine natürlich «zwingend».

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