Allgemeinwissen? Brauchen wir nicht.

In etwa diesen Eindruck bekomme ich immer wieder von neuem von Herr und Frau Schweizer wenn ich mich am Montag Abend beim Zappen zufällig zu SF DRS und dessen Spielshow 1 gegen 100 verirre. Blöd nur, dass es bei dieser Show genau darum geht: Um Allgemeinwissen nämlich – oder müsste ich besser sagen: um die allwöchentliche Zurschaustellung, dass ein solches bei Herr und Frau Schweizer offenbar nur äusserst notdürftig vorhanden ist. Beim gestrigen Hineinzappen stand gerade folgende Frage auf dem Bildschirm:

Welches Land hat als eines der Letzten in Europa das Frauenstimmrecht eingeführt:

  • Finnland
  • Türkei
  • Schweiz

Die Kandidatin tippte auf… die Türkei. Und mit ihr tippten 31 von 74 übrig-gebliebenen ihrer sogenannten «Gegner» ebenfalls nicht auf die Schweiz und ich würde wetten, die meisten tippten auch auf die Türkei. Das ist peinlich. Dass die Schweiz das Frauenstimmrecht im europäischen Vergleich unrühmlicherweise erst ausserordentlich spät (nämlich 1971) einführte, sollte man als Schweizer (und als Schweizerin erst recht) eigentlich wissen. Weiss man aber offenbar nicht (die Kandidatin wusste es jedenfalls nicht).

Was man aber auf jeden Fall zu wissen glaubt: «Die rückständigen Moslems, die haben es ja nicht so mit den Frauenrechten, die waren garantiert am spätesten dran.» Nun, liebe Schweizerinnen und Schweizer, die «rückständigen» Türken führten das Frauenstimmrecht ganze 41 Jahre VOR den ach so «fortschritt-lichen» Schweizer Männern ein. Die Finnen gar schon 1906.

Ein bisschen weniger SVP-Propaganda und ein bisschen mehr Bildung würde diesem Land wirklich nicht schlecht anstehen. Dann würde nämlich der eine oder andere vielleicht auch mal erkennen, dass es es bereits früher Parteien gab, die die «geistigen Eliten» beschimpften und dass das nie ein gutes Zeichen war.

Aber eben: Allgemeinwissen? Brauchen wir nicht.

6 Gedanken zu „Allgemeinwissen? Brauchen wir nicht.

  1. Ich glaube, mit dem Begriff „geistige Eliten“ müssen wir sehr vorsichtig sein. Zuerst sollte man das, was man unter dem Begriff „geistige Eliten“ versteht genauer bezeichnen. Heute subsumieren sich viele unter „geistig Elitäre“, oder werden als solche bezeichnet, die es gar nicht sind. Unter geistig Elitäre werden heutzutage nämlich vor allem Menschen verstanden, die am Volke vorbei politisieren. Geistige Eliten sind aber meiner Ansicht nach die Personen, die auf ihrem Fachgebiet hervorragendes leisten und sehr oft als „Fachidioten“ abgestempelt werden. Es sind nicht die Leute, die sich (stets) politisch (vor allem in eine Richtung) hervortun. Als bestes Beispiel der geistigen Elite würde ich für die heutige Zeit Nicolas Hayek bezeichnen; das schlechteste Prof. Georg Kreis. Warum? Nicolas Hayek hat mit nichts die in der Schweiz untergegangene Uhrenindustrie wieder aufgebaut und auch auf anderen Ingenieurgebieten (z.B. Autobau) hervorragendes geleistet. Trotzdem hat sich Nicolas Hayek politisch selten geäussert, obwohl er sicherlich gerade in Oekonomie und Oekologie vieles zu sagen gehabt hätte. Georg Kreis (der heute von vielen unter die geistige Elite subsumiert wird) hat an und für sich nie aus eigener Kraft etwas geschaffen, sondern wurde dank einer politischen Meinungsänderung (es ging um die damaligen Dreikreis-Modelle im Ausländerrecht) in eine gesellschaftliche Stellung gehoben die es ihm erlaubt, am Volke vorbei zu politisieren.

  2. «Geistige Elite» habe ich in Klammern gesetzt – ich gebe zu, das war offenbar zu subtil. Damit gemeint war hier nicht eine bestimmte «Gruppe», die sich selbst so bezeichnet, sondern das «Feindbild» das heraufbeschworen wird. «Intellektuell» ist ja in der Schweiz genauso ein Schimpfwort.
    Es geht mir nicht darum zu sagen, wer ist «intellektuell» und wer nicht (Roger Köppel ist ja auch ein Intellektueller), der Punkt ist: eine politische Richtung, die es nötig hat, explizit Intellektuelle, Akademiker, Künstler, Schriftsteller, u.s.w. (also alles, was in der einen oder anderen Form möglicherweise Kritik übt) zu verunglimpfen, ist mit grösster Vorsicht zu geniessen.

    Ich finde es äusserst bedenklich, was diesbezüglich in der Schweiz abgeht. Man beachte nämlich auch mal, WER bei der SVP die Zügel in der Hand hält: Mörgeli, Schlüer, Blocher, Freysinger u.s.w. das sind alles selbst Akademiker. Gleichzeitig schüren sie den Hass auf die «Studierten» (sie selbst sind damit natürlich nicht gemeint).
    Neulich gabs doch mal die Untersuchung, wonach die SVP-Wähler das niedrigste Bildungsniveau haben – ja warum wohl? Weil man Leuten, die es nicht besser wissen, problemlos Stereotype einhämmern kann, wie dasjenige der «rückständigen Muslime». Ich bin überzeugt, dass dieses Resultat (in der Quizshow) in dieser Deutlichkeit dem ganzen Theater um die Minarettabstimmung geschuldet ist.
    Das klebt jetzt in den Köpfen, wie wenn man «IV» sagt und alle schreien im Chor: «Missbrauch»!
    Wie dressierte Zirkustierchen. Bloss nicht differenzieren. Die Welt in schwarzweiss. Äusserst bedenklich.

  3. @ Christophorus; Danke für den Hinweis – ich befürchte allerding,s da wird noch der eine oder andere böse Kommentar drunter geschrieben werden – weil ja Ausländer, und Ausländer MÜSSEN betrügen. *seufz*

  4. @ Immerhin hat die Zeitung berichtet, wie abstrus die Jagt nach Indizien für den Betrug war und ist: vielleicht will die Sozialhilfe den Fall weiterziehen!

    Mit einem einigermassen fairen Artikel ist die Politik nicht geändert. Aber besser einer als keiner. In der Stadt Bern ist die Debatte über Sozialbetrüger besonders hitzig, weil das Amt geschlampt haben soll….

    Auch linke Politiker erzählen hier das Sprüchlein vom Sozialhilfebetrug. Es ist zum Davonlaufen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.