Schlechte Kinderstube

An denjenigen ca. 50 jährigen Herrn* mit dem Appenzeller Dialekt der heute in einer Migrosfiliale (er weiss schon wo) einem Rollstuhlfahrer auf die höfliche Bitte, ihm etwas aus dem Regal zu nehmen mit «Das kannst du selbst machen, du Schnösel» geantwortet hat: Erstens dutzt man jemanden nicht, nur weil derjenige im Rollstuhl sitzt und zweitens hilft man (sofern man eine einiger-massen gute Erziehung genossen hat) Menschen, die um Hilfe bitten. Ist das angekommen?

Beim nächsten Mal könnte nämlich zufällig jemand in der Nähe stehen, der bei einer solchen Antwort mal kurz ausrastet. Ich zum Beispiel. Ich könnte dann mal kurz meine gute Erziehung vergessen und ein bisschen lauter und ein bisschen ausfällig in der Wortwahl werden. Ich mag es nämlich nicht, wenn man Menschen so behandelt.

Gilt im Übrigen auch für denjenigen älteren Herrn, der (auch der weiss wo) gerne mal Rollstuhlfahrer auf Behinderten-Parkplätzen durchs Autofenster hindurch beschimpft und behauptet «ihr Behindertenparkplatzausweis wäre gefälscht».

Aber sonst geht’s allen gut hier im Land? Zuviel Scheininvalidenpropaganda intravenös abgekriegt, oder was ist da eigentlich los?

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* Selbstverständlich war es kein Angestellter der Migros, sondern ein Kunde.

9 Gedanken zu „Schlechte Kinderstube

  1. Seit der Abstimmung über die 5. IV-Revison sind die Hemmungen gefallen. Die Leute sagen und tun das, was sie sich vorher nicht getrauten. Mit der Schmierenkampagne gegen Invalide wurden Schleusen für Neid, Missgunst und die Projektion des eigenen Frusts auf andere geöffnet. Dienen tut das niemandem. Weder verändert das die Situation derer, die jahrelang brav gearbeitet und es doch nicht auf einen grünen Zweig gebracht haben, noch lässt es die Behinderten aus dem öffentlichen Blickfeld verschwinden.
    Laut einer Bekannten, die mit geistig und körperlich Behinderten arbeitet, wird ihnen und ihren Schützlingen immer öfter der Zutritt zu Restaurants oder Kinos verweigert. Mit der Begründung, die Leute wollen das nicht sehen.
    Ich mag als Behinderte für viele Leute eine Zumutung für ihre persönliche Befindlichkeit sein. Für sind solche Leute eine Zumutung. Dieses Selbstherrliche, arrogante Getue, dieser alles-immer-besser- wissenden Zeitgenossen, die nun häufiger aus ihren Ansichten keinen Hehl mehr machen, selber aber erwarten, dass man auf ihre „Gefühle“ Rücksicht nimmt, verkennen das Prinzip der Gemeinschaft. Das Wohl des Einzelnen steht nicht über dem der Gemeinschaft, auch nicht das vermeintliche Wohl der Mehrheit, sonder das, das Wohl, das der Gemeinschaft als Solches dient und erlaubt, dass diese auch im sozialen Kontext funktioniert. Von Anstand und Respekt profitiert jeder. Das Fenster zur Welt ist nun mal keine Fernsehapparat, wo man sich die Sicht aus verschiedenen Programmen auswählen kann. Und wer heute ausgrenzt, kann schon morgen selber zu den Ausgegrenzten gehören. Es ist nur eine Frage der Kriterien.

  2. Das hat mit dem Denken aller zu tun. Früher hat die Kirche gepredigt, dass Behinderung eine Folge der Sünde ist. Ob das besser war? Behinderte Kinder verschwanden in Hinterzimmern und bei den Indianern in Paraguay werden sie etwas schlechter ernährt und gehen schneller ein.

    Menschen haben nun mal Mühe, ihre Verletzlichkeit zu sehen, geschweige denn zu akzeptieren. X Familien mit behinderten Menschen reden denen ein, dass sie nicht behindert sind, was es für die Angehörigen einfach macht. Wie oft in meinem Leben habe ich den Satz gehört: „Du bist nicht behindert.“ Er ist einer der schlimmsten, weil die Last ALLES zu kompensieren auf meine Schulter gelegt wird.

    Übrigens sind behinderte Menschen auch in diesem Denken gefangen: Gestern vor der Post: Der Rollifahrer und ich verlassen das kleine Gebäude. Ich hatte mich anerboten, ihm die Tür offen zu halten. Aber das reicht in dieser Kleinstfiliale nicht: die Einrichtung, um die Schlangenbildung korrekt zu formieren, muss auch aus dem Weg gestossen werden. Ich finde das alles andere als ein freier Zugang. Also sage ich meinen Eindruck und schliesse mit der Bemerkung, dass am 30. zu demonstrieren sei. Er fragt, wie ich drauf komme. Darauf antworte ich, dass ich behindertenpolitisch interessiert sei. Man sieht eben nichts!

    Auch gestern: Ich will ein Buch aus einer Bibliothek, in der ich noch nie war. Also rufe ich an, damit das Buch dort ist und ich es holen kann. Ich bestelle es an die Ausleihe. Nein, ich habe keine Lust an einen neuen Ort zu fahren, ein neues Gebäude zu suchen, die Bibliothek im Gebäude zu finden und dann noch durch Büchergestelle zu irren.
    Ich hole mein Buch ab. Alles höflich und tiptop. Keine Bemerkung nichts.

    An einem Tag beides, die ganze Spannweite in der ich mich bewege. Nie weiss ich, wann ich innerlich auf der Hut sein sollte und wann ich „sicher“ bin. – Es ist übrigens genauso anstrengend, wie es tönt.

  3. Vielleicht ist der psychische Druck bei den sog. validen unterdessen schon so gross geworden, dass sie Invalide beneiden? Zumindest wenn man ein solches Leben nur von aussen betrachtet (Geld ohne Arbeit, Behindertenparkplätze, Spezialbauten auf Kosten der Allgemeinheit, alle nehmen Rücksicht usw.), könnte man schon etwas neidisch werden. Was man den Invaliden eben nicht ansieht, sind psychische Leiden und Schmerzen. Und was man auch nicht sieht ist, dass sie oft sehr einsam sind und selbst nichts dagegen tun können. Also ich würde sofort mit einem Validen tauschen, denn ich kenne beide Seiten aus eigener Erfahrung!

  4. @wabis, «Alle nehmen Rücksicht?» naja schön wärs, hm… der Neid wird ja bewusst geschürt, weil in der Öffentlichkeit überhaupt nicht bekannt ist, was Behinderung für Begleiterscheinungen mit sich bringen kann (zb die von dir angesprochenen Einsamkeit) – das Bild ist doch mittlerweile völlig verzerrt, weil «Behinderung» nur noch mit «jeder, der ein Wehwehchen hat, kriegt eine IV-Rente nachgeworfen» gleichgesetzt wird. Wie verdreht muss eine Gesellschaft eigentlich sein, die es offenbar nötig hat, Neid auf Menschen zu schüren, die krank/behindert sind?

  5. Mal abgesehen von den allgemeinen Rüppeln, wird die Stimmung gegen Invalide nicht zuletzt von einzelnen Politikern (z.B. Bortoluzzi, Tuena), Parteien (SVP, FDP, EDU) aber auch dem Bund (Plakataktionen, verklausulierte Medienmitteilungen über Betrüge) und Medien (aufbauschen – und erfinden??? – von Sozialmissbrauchsfällen) aufgeheizt. Der Grund ist klar. Ueber die Pönalisierung lassen sich politische Ziele (z.B. Abbau der Sozialleistungen) am besten erreichen. Nebst bei den Invaliden war diese Pönalisierung in letzter Vergangenheit vor allem bei der Arbeitslosenkasse, bei den Fürsorgebezügern, bei den Rauchern, bei den Automobilisten, bei Reichen, usw, augenscheinlich.

    Und übrigens, Mia hat recht. In einem Fall, wo ein Invalider angerüpelt wird gibt es nur eines: Mal kurz laut bellen (mit meiner ohnehin lauten Bassstimme kann ich das natürlich leicht sagen!) und ja nicht, nicht dergleichen tun!

  6. Die Invalidenpolitik der Schweiz in vier Sätzen: Die Diskriminierung von Invaliden ist von der Politik nicht nur gewollt, sondern ist von ihr gewünscht und wird von ihr deshalb auch provoziert. Der Grund liegt in der erfolgreichen Durchsetzung der IV-Revisionen. Dies gilt im besonderen Masse für die Abschaffung von Invaliden durch Reintegration in den Arbeitsprozess. Dort wo es nämlich keine Invaliden mehr gibt, da braucht es auch keine Invalidenversicherung mehr. (Der – grosse – Rest kann dann immer noch auf die Fürsorge gehen.)

  7. Vor ein paar Tagen wollten Ruth und ich nach dem Einkaufen im Coop Langenthal der sich im Umbau befindet (für Rollifahrer eine Zumutung ) in einen Restaurant was trinken, uns aufzuwärmen. Das Lokal ist ebenerdig, optimal. Wir wurden, nachdem ich Platz geschafft habe, dort unwirsch abgewiesen mit der Begründung: die Jassrunde will sich keine Bedepperten anschauen müssen, wir sollen gehen.
    Habe meine gute Erziehung vergessen und den älteren Herren was erzählt…einfach nur traurig und bitter. Voller Wut bugsierte ich den Rolli in mein kleines Auto. Den wohlverdienten Kaffee genossen wir kurz darauf in Aarwangen im Tierlihus, wo wir wie immer freundlich, zuvorkommend bedient wurden..

  8. Das geht mir auch so, täglich! In einem kleinen Bauerndorf bei Oberländern nicht auszusehen wie alle andern, hat eben schon seine Konsequenzen. So sitze ich meist abgeschieden draussen. Und da habe ich zu einem kleinen Trick gegriffen, wobei mir das Rauchverbot zuhilfe kam. Jedesmal wenn einer nach draussen zum rauchen kam sagte ich: „Jetzt sind die Raucher auch schon so weit wie die Invaliden“. Gemein, aber das zog!!!

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