Im Zweifelsfall ist immer der Patient schuld

Die FMH fordert in ihrer Vernehmlassungsantwort zur IV-Revision 6b, dass die IV die Haftung übernimmt, für von ihr verordnete medizinische Massnahmen. Heisst: Verordnet die IV jemandem «zur Verbesserung seiner Erwerbsfähigkeit» beispielsweise eine Rückenoperation» und diese Rückenoperation führt zu Komplikationen, sollte die IV dafür haftbar gemacht werden können. Soweit so gut.

Nun verfügt aber die IV auch immer öfter über Massnahmen bei Menschen mit psychischen Erkrankungen, beispielsweise Therapien, Aufenthalte in psychia-trischen Kliniken oder Medikamenteneinnahme – wenn sie diese für die «Verbesserung der Erwerbsfähigkeit» für angezeigt hält.

Nur: Wie kann jemand «Komplikationen» im Rahmen einer psychiatrischen Behandlung geltend machen? Jegliche Verschlechterung des Gesundheits-zustandes lässt sich mehr oder minder problemlos auf die psychische Grunderkrankung oder ein mögliches «Fehlverhalten» des Betroffenen abwälzen.

Und auch unabhängig von der Invalidenversicherung: Sowas wie «Kunstfehler» existieren in der Psychiatrie kaum: laut Aussage der deutschen Bundesärzte-kammer betreffen nur 0,5 Prozent der Klagen auf ärztliche Kunstfehler die Psychiatrie. In der Schweiz dürften die Zahlen ähnlich aussehen.

Ist das etwa, weil die Psychiater viel weniger Fehler begehen als ihre Kollegen beispielsweise aus der Chirurgie…? Wohl kaum. Wohl viel eher, weil bei einer Fachrichtung deren Erfolge sich kaum messen lassen, deren Misserfolge erst recht nicht messbar sind.

Erhellendes dazu auch vom Psychiater Peter Schneider (Die Presseschau, DRS 3) heute im Tagesanzeiger zum Thema Weglaufhäuser und Antipsychiatrie: «Man könnte auch sagen: Während die gängige Psychiatrie ihre oft rat- und hilflosen Trial-and-Error-Verfahren mit dem flexiblen Ideologie-Mäntelchen einer «multifaktoriellen» Verursachung der psychischen Erkrankung und eines ebenso multifaktoriellen Behandlungskonzepts umgibt, steht das Konzept des Weglaufhauses dafür, dass die Behandler nicht wesentlich klüger sind als die Behandelten, dafür im Augenblick belastbarer als diese. Das mag manchem nach therapeutischem Pessimismus klingen; anderen wiederum nach einem sehr realistischen Verzicht auf mancherlei therapeutische Illusion

Suchen Sie mal einen Psychiater/Psychologen, der öffentlich bekennt, dass die eigene Fachrichtung in vielerlei Hinsicht noch in den Kinderschuhen steckt und vieles, was man heute so «Therapie» nennt, eigentlich passender unter dem Titel «Forschung am Menschen» laufen sollte. Sie werden lange suchen müssen. Es gibt sie, die löblichen Ausnahmen. Aber es sind Ausnahmen.

Die Folge dieses erfolgreichen Selbstmarketings eines bisher noch nicht so wirklich ausgereiften Fachgebietes: In der öffentlichen Meinung ist in der Regel nicht «die Psychiatrie/der Psychologe/der Psychiater» verantwortlich wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht gesund (oder gesünder) werden, sondern immer der Betroffene. (Zuwenig Krankheitseinsicht, zuwenig Motivation, zu wenig XY – niemand stellt in Frage, ob es denn nicht genau die Aufgabe eines erfolgreichen Behandlers wäre, eben diese Dinge zu fördern…)

Man stelle sich das selbe in der Medizin vor… Operation misslungen? Na der Patient ist schuld! (….?) Doch auch dort ist es im Übrigen bei neuen/wenig erforschten Krankheitsbildern genau so: Was die Medizin noch nicht kennt/auf Monitoren erkennen kann, das KANN nicht sein und muss deshalb in irgendwelchen unzureichenden Charaktereigenschaften des Patienten begründet liegen. Das sehen wir aktuell bei den sogenannten somatoformen Schmerz-störungen, bei CFS und vielem mehr. Neu ist das alles nicht. Als die Cellistin Jaqueline du Pré Anfang der 1970iger Jahre in ihren 20igern keine Konzerte mehr spielen konnte, war der Grund dafür vermeindlich schnell zur Hand: «weibliche Hysterie» lautete die Diagnose. Erst später wurde erkannt: Jaqueline du Pré war an Multipler Sklerose erkrankt.