War da was…?

War da gestern nicht irgendso eine Demo…? Laut dem Tagesanzeiger war da nix. Aber laut 20 Minuten. In Langenthal demonstrierten gegen 100 Personen aus dem linksautonomen Lager  gegen «überdurchschnittlich viele rechtsextremen Aktivitäten» in der Region. 20 Minuten berichtet ausführlich und zeigt ein Foto:

(Bildquelle: 20 Minuten, Fotograf Lukas Lehmann)

War da nicht noch was? Irgendeine Demo… in… Bern? Ah ja doch, 2000 Menschen demonstrierten in Bern gegen die Abbaumassnahmen bei der Invalidenversicherung, 20 Minuten druckt die offizielle Pressemeldung ab und zeigt ein Foto von «einer Demo mit Behinderten» aus dem Jahr 2007 (sic!):

(Bildquelle: 20 Minuten, Fotograf Lukas Lehmann)

Heisser Tip an die Demo-Veranstalter: Nächstes Mal einfach 100 vermummte Linksautonome mieten, ist irgendwie pressewirksamer…

Und was sagt das Schweizer Fernsehen? Das Schweizer Fernsehen sagt in der Kurzerklärung zum Beitrag: «Die Revision der Invalidenversicherung soll den Schuldenberg der IV reduzieren. In Bern fand heute eine Demonstration der Gegner statt, die behaupten, es werde auf Kosten der Behinderten gespart».

Behaupten? Ich wüsste jetzt gad nicht, auf wessen Kosten sonst gespart wird? Das ist keine Behauptung, das ist eine Tatsache.

Und die NZZ hat auch noch ein paar Zeilen übrig.

Vielleicht bringt ein gestern am Rand der Demo aufgeschnappter Kommentar das Ganze am besten auf den Punkt: «Was wollen die denn noch mehr, die haben ja alles!»

Ja. Offenbar ist das so. Offenbar geht es vielen IV-Bezügern in der Schweiz zu gut. Und sie denken, wenn sie sich nur ja nicht rühren, werden sie nach dem Inkrafttreten der IV-Revision 6a ganz bestimmt nicht zu den 16’000 gehören, denen die Rente gestrichen wird. Das trifft bestimmt nur «Die Anderen».

Wenn’s einem dann selbst betrifft, aber nicht heulen,  ja?

Nachtrag: eben gesehen, Frau Frogg berichtet über einige persönliche Eindrücke von der Demo.

7 Gedanken zu „War da was…?

  1. Ja, und ich war an der Delegiertenversammlung der Vereinigung Cerebral – in Morges statt in Bern. Irgendwie typisch, nicht? ;-)

    Trotzdem: 2’000 TeilnehmerInnen finde ich nicht allzu schlecht, zumal eine Koordination unter den Verbänden offensichtlich nicht stattgefunden hat …

    Dass die Medien so müde und dann erst noch desinformativ reagieren, lässt tief blicken und ist eine Aufforderung an uns, es spätestens nächstes Mal besser zu machen. Das heisst: offensivere Information zu den Zusammenhängen, phantasievollerer Auftritt an der Demo (z.B. vermummter Rolli-Stosstrupp), Blockierung der wichtigsten Kreuzungen (wetten, die Einsatzwagen der Polizei sind nicht rollstuhlgängig), ziviler Ungehorsam statt Dankbarkeit … und so weiter, und so weiter.

    Pardon für den etwas launigen Beitrag eines Zaungastes! Nicht ganz ernst gemeint, aber doch ein bisschen.

  2. Offenbar haben ein paar VPOD-Zweigstellen erst im Verlauf der vergangenen Wochen erfahren, dass der VPOD Mitveranstalter der Demo war. Da muss tatsächlich etwas mit der Mobiliserung schief gelaufen sein. Schade. Es gab ein paar starke Reden.

  3. Von wegen „war da was“?

    Fakt für mich ist: Zämestah hat meine Situation „nachhaltig“ verändert. Bodenhaftung, Standfestigkeit und Neuland dazu gewonnen – und wir arbeiten weiter an echten, glaubwürdigen Perspektiven für die behinderte, vermeintlich „zu bevormundende“ Randgruppe. Wir arbeiten für uns selbst – und das mit unserem selbstverständlichen Recht. Den Preis haben wir längst bezahlt, der Kassenbeleg liegt auf dem Tisch:
    http://www.zslschweiz.ch/news/detail.php?iid=545&aid=1

    Als Hirnverletzter weiss ich, „es“ kann jeden treffen, und dann ist nichts mehr so, wie es früher mal war.
    Die unmöglichen IV-Revisions-Schritte seit dem „5. IV-Revisions-Bschiss“ sind ad absurdum geführt. Wir Betroffenen wissen’s längst und das bürgerlich dominierte Bundesbern wird lernen:
    Kein Stein bleibt auf dem andern, wenn wir uns mit Klartext ENThindern.
    Bern(hard)

  4. Aus Frau Froggs Link herausgepickt: „“Bald wird niemand mehr für die Invalidenversicherung bezahlen wollen. Denn wenn man sie braucht, ist sie nicht mehr da.“ Peter Wehrli, Zentrum für selbstbestimmtes Leben.“

    Langsam dämmert es auch den Invalidenverbänden: Wo alle Invaliden administrativ gesund geschrieben wurden, da braucht es ja auch keine Invalidenversicherung mehr.

  5. Und auch die Tamedia-Presse fand es für notwendig, über den Schwarzen Block ausführlich zu berichten, doch von der Zämestah-Demo kein Wort. Nicht einmal im „Bund“ oder die Berner Zeitung erwähnten etwas hiervon im Regionalteil. Nur die Berner Zeitung (ebenfalls Tamedia-Presse) fand es für nötig, über einen (angeblichen) Sozialhilfebetrüger zu berichten http://www.bernerzeitung.ch/region/bern/Sozialhilfebezueger-tricksen-doch-bisweilen/story/29436628 und mit Freude berichtet das Tamedia-Blatt auch darüber, dass auf Antrag der FDP integrationswilligen Fürsorgebezügern der bisher zugesprochene Betrag für Arbeit von monatlich Fr. 600.—auf Fr. 400.—gekürzt wird http://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/Kanton-Bern-kuerzt-Sozialhilfe-an-junge-Erwachsene/story/17639971 . Wie war das jetzt wieder mit meiner Behauptung, dass zuerst die Leistungen aus den Sozialkassen gekürzt, administrativ gesund geschriebene Invalide auf die Fürsorge geschickt, und zu guter letzt die Fürsorgeunterstützungen gekürzt werden?

  6. Ich zitiere aus Kurt Wyss Vorwort in seinem Buch Workfare:

    „Und nichts als nur Verzweiflung kann uns retten.“ (Zitat von Dietrich Grabbe)

    Klar wächst die Verzweiflung je mehr wir uns mit dem Thema befassen. Umso mehr ist „zämestah“ oder noch lieber zämesitze unabdinglich. Wenn nicht zusammen, wie wollen wir noch Schlimmeres verhindern?
    Ich rede mir lieber die kleinen Vortschritte ein als das ewig gleiche Ignorieren zu sammeln. – So hat Herr Fischlin am Samstag die Einleitung im Beitrag der späten Tagesschau wertneutraler formuliert. – Ich gehe davon aus, dass er „Zuschauerreaktionen“ bekam bei seiner Einleitung in der Haupttagesschau. Die war echt verbesserungswürdig.

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