Ausländer stützen unsere Sozialwerke

Vor der Ausschaffungsinitiative stellte SVP-Nationalrätin Natalie Rickli propagandamässig munter die Sozialhilfe- und IV-Bezugs(nicht Betrugs!)quote von Ausländern auf die selbe Stufe wie Schwerverbrechen.

Und keiner hat sich je berufen gefühlt, sich dazu kritisch in der Öffentlichkeit zu äussern – und nun just einen Tag nach der Abstimmung sendet das Wirtschafts-magazin ECO einen Beitrag der aufzeigt, dass die Ausländer in der Schweiz insgesamt mehr Beiträge in die Sozialversicherungen AHV und IV einzahlen (26,7 Prozent), als sie Leistungen (17,9 Prozent) daraus beziehen. Inbesondere bei der AHV ist der Unterschied frappant, doch auch bei der IV bezahlen Ausländer 26,7 Prozent und beziehen nur 25,6 Prozent der Leistungen.

Mich würde ja wirklich mal interessieren, wer in der ECO-Redaktion sich dermassen vor dem Vorwurf der «Linken Propaganda» gefürchtet hat, dass man sich nicht getraut hat, diesen Beitrag vor der Abstimmung zu senden. Das sind ja wohl keine ach so neuen Erkenntnisse, die man nicht auch schon vorher in Erfahrung hätte bringen können – insbesondere das (nicht besonders überzeugende) Interview mit BSV-Chef Yves Rossier bringt nichts Neues ans Licht, dass man nicht schon lange vorher gewusst hätte: Ja es gibt Betrug, er ist aber minimal, und wir kontrollieren die IV-Anträge von Türken und Jugoslawen viel stärker als andere, weil sie eine erhöhte Bezugs- (nicht Betrugs)quote aufweisen und konnten dadurch deren Anteil bei den Neurenten schon massiv senken. Bitte wie? Dazu gab’s doch eine BSV-Studie, die genau die Gründe aufzeigt, warum die Quote bei diesen Gruppen höher ist (niedriger qualifiziert, oft schwere körperliche Arbeit ect.?) und trotzdem hält es Rossier nicht für notwendig, die Resultate dieser Studie zu erwähnen, sondern sagt einfach: wir lösen das Problem, indem wir Jugoslawen und Türken bei der Renten-zusprechung strenger behandeln als alle anderen…?

Auch der einführende Beitrag, der Betrugsvorwürfe aufgreift, wiederholt mal wieder die Mär von den angeblich 550’000 Franken um die der Arzt aus Pristina die IV betrogen haben soll (60’000 Franken waren das).

Und noch ein kleines Detail am Rande: Anfang November wurde der Presse eine erfolgreiche Betrugsbekämpfung mit 240 Betrügern präsentiert. Im Eco-Beitrag spricht man nun von 180 gestrichenen Renten… heisst wahrscheinlich, dass bei 60 Fällen der Betrug schon bei der Anmeldung aufflog, die Betrüger also gar nie IV-Bezüger waren – ergo von den IV-Beziehenden ein noch kleinerer Ansatz wirkliche Betrüger sind, als mit der Aussage «240 IV-Betrüger» suggeriert wurde. Aber mit der Eins vornedran hätte das ja noch kümmerlicher ausgesehen… Edit, 30. November 2010: Titus und Cristiano Safado haben mich in den Kommentaren darauf aufmerksam gemacht, dass die Aufhebung von 180 Vollrenten bereits in der Pressemitteilung zur Betrugsbekämpfung erwähnt wurde. Mea culpa.

Grad entdeckt: Titus von der Augenreiberei schreibt auch über den ECO-Beitrag und meint völlig zurecht: «Der Anteil an Beiträgen an die AHV/IV seitens ausländischer Bevölkerung hat eigentlich nichts mit Betrugsfällen zu tun. Warum in diesem Beitrag ein Link zu einem Betrugsfall gemacht und dann die Schlussfolgerung gezogen wird, dass die ausländische Bevölkerung trotzdem mehr einbringe als brauche, ist unerklärlich.»

Liberale vs. soziale Sicherheit

Die Zeichen mehren sich, dass breit abgestützte Netzwerke aus dem sogenannt liberalen Umfeld fleissig an einer Abschaffung des Sozialstaates und insbesondere der Invalidenversicherung arbeiten. Praktisch unbemerkt von einer grösseren Öffentlichkeit werden Bücher und Abhandlungen geschrieben, Symposien organisiert und Meinungsbildung betrieben. Nicht laut und polternd wie bei der SVP – das ist nicht der Stil der Liberalen. Aber stetig und zielgerichtet.

Einige Auszüge aus einem Artikel vom Direktor des Stiftungsrates des liberalen Instituts, Pierre Bessard, verfasst für die Gewerbezeitung anlässlich des bundesgerichtlichen Schleudertraumaurteils:

«Besonders wichtig am Bundesgerichtsurteil ist die (späte) Erkenntnis, dass viele angebliche Invaliditätszustände willentlich überwunden werden könnten. Mit anderen Worten: Die Arbeitskraft einer Person ist vor allem von ihrem Verstand und Willen abhängig.»

«Der Unterschied zwischen Invaliden und Simulanten, oder von Arbeitsfähigen und Arbeitsunfähigen ist objektiv oft kaum ersichtlich.»

«(…)die Fehlanreize einer Sozialversicherung wie der IV basieren auf ethisch fragwürdigen Umverteilungsideologien. (…)
Sozialversicherungen zerstören damit eine zentrale soziale Verantwortung mündiger Bürger: Eigenverantwortung zu übernehmen, vorzusorgen und seinen Mitmenschen nicht zur Last zu fallen. Dass nun auch die Justiz dies nicht mehr ignoriert, ist nicht hart, sondern gerecht.»

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«Die SVP funktioniert Abstimmungen zu Wahlen um»

«Ich habe den starken Verdacht, dass es auch bei dieser Ausschaffungsinitiative um etwas ganz anderes geht als um die Ausschaffung der Ausländer. Es geht um Macht. Dieses Den-Leuten-auf-den-Mundschauen, ein Thema finden, mit dem man siegen kann. Es geht der SVP um den Sieg.»

Grossartiges Interview mit Peter Bichsel. Unbedingt lesen.

Via Journalistenschredder

The Spoon Theory

Die an Lupus erkrankte Christine Miserandino – deren Website bezeichnen-derweise heisst www.butyoudontlooksick.com – erfand die «Spoon Theory» spontan in einem Diner, um ihrer Freundin eine anschauliche Antwort auf deren Frage zu geben, was es eigentlich wirklich heisst, mit einer chronischen Erkrankung zu leben.

Sie drückte ihrer Freundin eine handvoll herumliegender Löffel in die Hand und sagte: «Here you go, you have Lupus» Die Freundin guckte ein bisschen irritiert.

«I explained that the difference in being sick and being healthy is having to make choices or to consciously think about things when the rest of the world doesn’t have to. The healthy have the luxury of a life without choices, a gift most people take for granted.»

Die meisten Menschen beginnen den Tag mit einer einer unbegrenzten Anzahl von Möglichkeiten und genügend Energie, das zu tun, was immer sie möchten.

«I asked her to count her spoons. She asked why, and I explained that when you are healthy you expect to have a never-ending supply of “spoons”. But when you have to now plan your day, you need to know exactly how many “spoons” you are starting with. It doesn’t guarantee that you might not lose some along the way, but at least it helps to know where you are starting. She counted out 12 spoons. She laughed and said she wanted more. I said no, and I knew right away that this little game would work, when she looked disappointed, and we hadn’t even started yet. I’ve wanted more “spoons” for years and haven’t found a way yet to get more, why should she?»

Und so lässt Christine ihre Freundin ihren üblichen Tagesablauf durchgehen, jede Tätigkeit (Aufstehen, Waschen, Anziehen, Essen zubereiten ect.) kostet einen Löffel: «I think she was starting to understand when she theoretically didn’t even get to work, and she was left with 6 spoons. I then explained to her that she needed to choose the rest of her day wisely, since when your “spoons” are gone, they are gone. Sometimes you can borrow against tomorrow’s “spoons”, but just think how hard tomorrow will be with less “spoons”. I also needed to explain that a person who is sick always lives with the looming thought that tomorrow may be the day that a cold comes, or an infection, or any number of things that could be very dangerous. So you do not want to run low on “spoons”, because you never know when you truly will need them.»

Den ganzen Artikel über die Spoon Theory lesen bei: butyoudontlooksick.com

Ich wünschte mir, all jene, die davon ausgehen, dass Menschen mit gewissen chronischen Erkrankungen «mit Willenskraft» ganz «normal» arbeiten könnten, würden diesen grossartigen Artikel lesen und dann nochmal drüber nachdenken, wieviele «Löffel» Menschen mit chronischen Erkrankungen für die Verrichtung alltäglicher Dinge benötigen, über die Gesunde nicht einmal nachdenken müssen. Und die Betroffenen bekommen, so sehr sie sich das auch wünschen, nicht «mehr Löffel» pro Tag.

Der Arbeitgeberverband heuchelt Mitgefühl

Firmen mit mehr als 250 Angestellten sollen ein Prozent ihrer Arbeitsplätze für Behinderte reservieren müssen. Mit dieser Quote will die Sozialkommission des Nationalrats (SGK) dazu beitragen, dass möglichst viele IV-Bezüger wieder in den Arbeitsmarkt zurückfinden.

Ob der Nationalrat diesem Vorhaben zustimmen wird, ist allerdings fraglich, denn kaum wurde das Pressecommuniqué der SGK veröffentlicht, folgte aus Wirtschaftskreisen das obligate Aufjaulen. Allen voran der Schweizerische Arbeitgeberverband: «Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) lehnt die Einführung einer Quote dezidiert ab. Eine arbeitgeberbezogene Integra-tionsquote, kombiniert mit einem Bonus-/Malussystem, ist seiner Meinung nach nicht zielführend. Zwang und Quoten schaffen schlechte Voraussetzungen, um Handicapierte in eine für sie angenehme Arbeitsumgebung zu integrieren. Betroffene würden in Betrieben als «Quoten-Integrierte» geduldet und ausgegrenzt. Sie würden nicht als vollwertige Mitarbeitende in die Belegschaft aufgenommen.»

Es ist ja wirklich herzerweichend, wie sehr sich der Arbeitgeberverband vorder-gründig um die armen Behinderten sorgt. Seltsamerweise hatte man beim SAV bei der Zustimmung zu den IV Revisionen 5, 6a und 6b überhaupt keine Skrupel eben so dezidiert, wie man sich jetzt gegen eine Einführung von Quoten äussert, dem Ausschluss verschiedener Krankheitsbilder aus der IV sowie einer weiter verschäften Eingliederungspflicht (für die Betroffenen) zuzustimmen.

Die Betroffenheitsnummer wirkt in diesen Zusammenhang also reichlich unglaubwürdig. Um nicht zu sagen: kalkuliert geheuchelt. Herr Daum und seine Kollegen spekulieren einmal mehr ganz gezielt mit der Dummheit der Behinderten bzw. derjenigen, die es ja «nur gut meinen mit den Behinderten». Es fällt bei Aussagen wie «Betroffene würden in Betrieben als «Quoten-Integrierte» geduldet und ausgegrenzt. Sie würden nicht als vollwertige Mitarbeitende in die Belegschaft aufgenommen.» auch bestimmt niemandem auf, dass die vom Arbeitgeber vermittelte Haltung eventuell auch etwas damit zu tun haben könnte, wie Mitarbeitende mit Behinderung in einem Betrieb aufgenommen werden.

Zudem zieht möglicherweise der eine oder andere Behinderte es sogar vor, in einem Betrieb als Quotenbehinderter zu gelten, denn als IV-Betrüger Bezüger. Im Anbetracht der nicht zuletzt durch Wirtschaftskreise geschürten jahrelangen Verunglimpfung von Menschen die angeblich lieber vom Sozialstaat leben als zu arbeiten, wirkt es einfach nur lächerlich, wenn man nun so tut, als wolle man es den armen Behinderten ersparen als Quotenbehinderte zu gelten. Vom Sozial-schmarotzer zum Quotenbehinderten gälte ja zumindest als eine Art Karriere-sprung.

Bleibt auch die Frage; wenn man sich beim Arbeitgeberverband angeblich so sehr sorgt um das Wohlergehen der Behinderten – warum man dann bisher nicht genügend Massnahmen für eine verstärkte Eingliederung ergriffen hat, so dass eine Quote gar nicht erst notwendig wäre?

Bei den finanziellen Kürzungen auf Seiten der Behinderten war man immer ganz vorne dabei und hat einseitig die Verantwortung auf die Betroffenen abgeschoben. Und nun, wo es darum geht, auch als Arbeitgeber Verantwortung zu übernehmen, wird gross rumgeheult: «Mit Quoten und Ersatzabgaben würde zudem auf kaltem Weg eine Arbeitgebersteuer eingeführt und damit vom paritätischen Finanzierungsteil der IV abgewichen. Denn einerseits haben gewisse Arbeitgeber schon aufgrund ihrer Tätigkeit oder Betriebsgrösse nicht die Möglichkeit, Handicapierte zu integrieren – für sie wäre der Malus somit eine unausweichliche Steuer. Anderseits müssten die Arbeitgeber alleine für die Lösung eines Problems gerade stehen, welche nicht nur sie, sondern die ganze Gesellschaft betrifft.»

Ach, sobald man selbst Verantwortung übernehmen sollte, ist es auf einmal ein Problem der ganzen Gesellschaft? Haben wir doch bisher gelernt, dass es eigentlich nur das Problem der Betroffenen sei, weil sie einfach zu faul oder zu krank wären? Und es deshalb auch völlig in Ordnung wäre, ständig auf ihnen rumzuhaken und ihnen die Leistungen zu kürzen…?

Sternstunde Philosophie «Verbrechen, Schuld und Strafe»

Neulich habe ich darüber nachgedacht, dass es mir noch nie in den Sinn gekommen ist, etwas zu stehlen. Und dann habe ich mich gefragt, ob ich stolz darauf sein kann, dass mir ganz generell noch nie in den Sinn gekommen ist, eine Straftat zu begehen.

«Aber was kann man denn dafür, dass sich gewisse Gedanken noch nie in den eigenen Kopf verirrrt haben? Ist das eine Leistung?» dachte ich weiter… Effektiv stolz, nie etwas gestohlen (oder ein sonstiges Delikt oder Verbrechen begangen zu haben) könnte ich ja eigentlich nur sein, wenn ich überhaupt je darüber nachgedacht hätte und mich dann bewusst dagegen entschieden hätte. Aber auch dann könnte ich ja auch nicht wirklich stolz darauf sein, denn was könnte ich denn dafür, dass ich die Möglichkeit habe (oder hätte) mich bewusst gegen eine Straftat zu entscheiden?

Wer wirklich eine Straftat begeht, hat ja diese Möglichkeit offenbar nicht, sich bewusst dagegen zu entscheiden, ansonsten würde er es ja tun.

Also kann ich auch nicht stolz darauf sein, niemals eine Straftat begangen zu haben, weil ich ja nichts dafür kann, dass ich noch nie in die Situation gekommen bin, wo ich keine andere Möglichkeit gesehen hätte, als eine Straftat zu begehen.

Einige Tage nach diesem Gedankengang stiess ich auf die Sternstunde Philosophie zum ebendiesem Thema: «Verbrechen, Schuld und Strafe»

Der Strafrechtler und Rechtsphilosoph Reinhard Merkel im Gespräch mit Barbara Bleisch.

«Strafe muss sein», sagen wir leichthin, wenn sich jemand etwas zu Schulden kommen lässt. Doch welche Strafe muss sein? Oder mehr noch: Welche Strafe ist gerecht? Diese Frage wird in der Rechtsphilosophie seit Jahrtausenden kontrovers diskutiert. Die meisten gehen davon aus, Strafe diene dem Tilgen einer Schuld. Doch gesetzt der Fall, wir sind gefangen in unseren neuronalen Impulsen und genetischen Veranlagungen, welche Konzepte von Schuld und Strafe sind dann angemessen? Sind Strafen somit nichts anderes als Abschreckungsmanöver für andere Verbrecher? Oder dienen Strafen – wie etwa der Begriff der ‚Verwahrung’ anklingen lässt – allein dem Schutz der Bevölkerung?

Insgesamt ein sehr spannendes Gespräch. An einer Stelle allerdings redet der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel mit solch überschwänglicher und kritikloser Begeisterung von den «bald greifbaren» Möglichkeiten, als gefährlich eingestufte Straftäter mittels operativen Eingriffen im Gehirn «zu heilen», dass einem doch ein bisschen ungemütlich zumute wird beim Zuhören. Mir zumindest. Solche Entwicklungen, so wunderbar sie auf den ersten Blick scheinen mögen, haben immer eine dunkle Kehrseite. Insgesamt aber auf jeden Fall ein sehenswertes Interview mit vielen Denkanstössen.

Herr Ugugu bereitet mir schlaflose Nächte

Für diejenigen, die Herrn Ugugu nicht kennen, Herr Ugugu vom Journalistenschredder hat mir das Versprechen abgenommen, mir im Rahmen der Blogaktion «Es hat sich Ausgeschaft!» (sic!) etwas gescheites einfallen zu lassen. Das war vor 2 Wochen. Seither schlafe ich unruhig und träume von Herrn Ugugu, der all die Schafe, die im Auftrag der SVP in einer Behindertenwerkstätte schwarz angemalt wurden, in aufwändiger Handwäsche wieder weiss wäscht. Ab und zu ist eins drunter, dass trotz intensivem shamponieren schwarz bleibt.

Und Herr Ugugu erwartet nun, dass unsereiner Ideen präsentiert, wie man Herr und Frau Schweizer davon überzeugen kann, die ausländischen schwarzen Schafe im eigenen Land zu behalten.

Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schon mal versucht, mit politisch eher uninteressierten, aber tendenziell eher SVP-wählenden Menschen über die Ausschaffungsinitiative zu reden? Haben Sie versucht, Ihr Gegenüber von Ihrer Sichtweise zu überzeugen, oder haben Sie zugehört, was er oder sie zu sagen hat? Haben Sie genau zugehört?
Sie werden viele Dinge hören, die mit der Ausschaffungsinitiative nicht unbedingt etwas tun haben: von den «lauten spanischen Nachbarn» über die «Türken, die den Spielplatz besetzen und die Schweizer Kinder verdrängen» bis hin zu «die Jugos, die sind einfach generell krimineller als wir Schweizer».

Nun können Sie das alles als irrelevant abtun und damit Ihr Gegenüber darin bestärken, dass es nur eine einzige Partei in der Schweiz gibt, die die «Ängste und Sorgen des Volkes ernst nimmt».
Das wird sich nicht nur in der kommenden Abstimmung, sondern auch in einem Jahr bei den Wahlen in einem höchst unerfreulichen Resultat niederschlagen.

Oder…..

Wir lassen uns was einfallen.

Ich gebe zu, für die kommende Abstimmung muss ich kapitulieren. Ich halte es für nicht sehr wahrscheinlich, dass sich noch grosse Änderungen herbeiführen lassen (Lasse mich aber selbstverständlich gerne vom Gegenteil überzeugen). Ich schätze all die klugen Blog-Artikel und engagierten Youtube-Auftritte gegen die Ausschaffungsinitiative – aber die Meinungen werden nicht kurz vor der Abstimmung gemacht, sondern wurden seit der Lancierung der Unterschriften-sammlung kontinuierlich gehegt und gepflegt angestachelt.

Das Abstimmungsresultat wird – egal wie es ausfällt – vor allem eins sein: ein Meilenstein im perfekt durchorchestrierten SVP-Wahlkampf. Auch bei einer Ablehnung der Initiative wird die SVP garantiert irgend eine Strategie fix und fertig in der Schublade liegen haben. In der Basler Blocher Zeitung wird bestimmt eine neue Rubrik eingeführt, in der jeder einzelne Fall von Ausländerkriminalität in epischer Breite dokumentiert wird (nach dem altbekannten Motto: «Das haben wir den Linken zu verdanken»). Oder sowas in der Art. Denen fällt schon was ein.

Das Thema «Ausländer» wird bis zu den Wahlen im Herbst 2011 ausgeschlachtet, egal wie diese Abstimmung ausgehen wird.

Und es wäre gut, darauf nicht erst knapp vor den Wahlen zu reagieren. Sondern jetzt damit zu beginnen. Und was hilft gegen eine Partei, deren «Basis» über ein eher tiefes Bildunsgniveau verfügt (das sage nicht ich, das sagt der Tages-anzeiger)? Ich würde mal sagen: Bildung und Aufklärung: Nur wer über wenig Bildung verfügt, kann leicht belogen und manipuliert werden. Immer wieder Antworten auf die Fragen: Warum ist das so? Wie kamen die Ausländer in die Schweiz? Wer hat sie geholt? Warum? Wie hat die Schweiz von den Ausländern profitiert (und tut es immer noch)? Welchen Umgang pflegte die Schweiz in den letzten Jahrzehnten mit den ausländischen Arbeitskräften? Warum gibt es Integrationsprobleme?

Als Anfang empfehle ich den NZZ-Artikel «Vom Weg der Kosovo-Albaner in die Schweiz».

Danke, Herr NR Louis Schelbert!

Der Luzerner Nationalrat Louis Schelbert (Grüne), hat sich bereit erklärt, meine kürzlich hier vorgetragene «Anfrage zur IV-Betrugsbekämpfung, vorzubringen im Nationalrat» in der Wintersession in Form eines parlamentarischen Vorstosses einzureichen. Vielen herzlichen Dank!

Dank gebührt auch all denjenigen, die mitgeholfen haben, die Fragen zu verbreiten und an die betreffenden Personen weiterzuleiten. Merci vielmal!

Gegenvorschlag

Von Franz Hohler (erschienen im Tagesanzeiger vom 1.11.10)

AusländerInnenrecht

Die Bundesverfassung wird wie folgt geändert:

Art. 121 Abs. 3-5 (neu)

I

3. Im Wissen darum, dass ohne sie

  • a. weder Häuser, Strassen noch Tunnels gebaut würden,
  • b. weder Spitäler, Alters- und Pflegeheime, Hotels und Restaurants betrieben würden,
  • c. weder Abfall, Reinigung, Verkehr und Informatik bewältigt würden,

bedankt sich die Eidgenossenschaft bei allen Ausländerinnen und Ausländern, die hier arbeiten. Sie gibt ihrer Freude darüber Ausdruck, dass sie mit ihrer Tätigkeit das Leben in unserm Lande ermöglichen und heisst sie als Teilnehmer dieses Lebens willkommen.

4. Sie hofft, dass es ihnen gelingt, sich mit den hiesigen Gebräuchen vertraut zu machen, ohne dass sie ihre Herkunft verleugnen müssen.

5. Sollten sie straffällig werden, unterliegen sie denselben gesetzlichen Bestimmungen wie die Schweizer Bürgerinnen und Bürger.

II

Übergangsbestimmungen:

Dieser Gegenvorschlag bedarf nicht der Volksabstimmung. Er tritt für jedermann vom Moment an in Kraft, da er dessen Richtigkeit erkannt hat.

SF DRS – «Psyche am Abgrund»

Gestern gab SF DRS in der Sendung Reporter einen Einblick in den Alltag von vier Menschen in der psychiatrischen Klinik Königsfelden. (-> Sendung online bei SF DRS anschauen).

Wie auch der Tagesanzeiger schreibt, reicht die 25 Minuten dauernde Sendung bei weitem nicht aus, um den Geschichten der einzelnen Protagonisten gerecht zu werden und sie wirklich zu verstehen. Vordergründig haben fast alle ein Suchtproblem: Alkohol, Drogen oder Tabletten. Nur wer genau hinhört, merkt, dass alle damit versuchen, Gefühle zu unterdrücken – man kann nur erahnen, was Iris als 14-jähriges Mädchen erlebt haben muss oder wie Beats Kindheit von der Erkrankung und dem Suizid seiner Mutter überschattet wurde.

Wer aber beispielsweise seit vielen Jahren jegliche Gefühle mit Tabletten unterdrückt, wird nicht innerhalb weniger Wochen und nach einem neuen Haarschnitt auf einmal damit klarkommen, sich selbst und die Welt nun nicht mehr Benzodiazepin-gedämpft wahrzunehmen. Natürlich möchte der Zuschauer mit einem wohligen «alles wird gut» Gefühl aus der Sendung entlassen werden.

Aber man könnte sich vielleicht auch mal fragen, warum es in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen gibt, die ihre Gefühle mit Alkohol, Drogen und Tabletten unterdrücken. Warum heutzutage sogar bei Trauerfällen Antidepressiva verschrieben werden, wie Psychiater Daniel Hell im Tagesanzeiger-Interview aufzeigt: «Ärzte geben oft Antidepressiva,wenn es gar nicht nötig wäre».

Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen ist eine normale menschliche Reaktion. Ebenso ist es normal, das die Psyche durch andere schwerwiegende Lebensereignisse erschüttert wird. Nicht normal wäre es, wenn wir, die wir eben Menschen und keine Maschinen sind, durch solche Dinge nicht erschüttert oder zuweilen aus der Bahn geworfen würden. Krank ist aber vor allem, dass unsere Gesellschaft diese Reaktionen immer weniger zulässt.

Bei allen Portraitierten ist ersichtlich, dass sie ihre Problematiken schon sehr lange mit sich herumtragen. Die Sucht ist dabei nicht das Hauptproblem. Von aussen mag das vielleicht so erscheinen, wie das Gespräch zwischen Stefan und seiner Schwester exemplarisch aufzeigt (für sie ist es zentral, dass er seine «Sucht» in den Griff bekommt, dann ist er aus ihrer Sicht «geheilt«). Für die Betroffenen ist die Sucht aber schlicht eine Problemlösungsstrategie mit schwierigen oder schmerzhaften Gefühlen umzugehen. Und solange sie damit nicht unangenehm auffallen (zb bei Tablettensucht) ist das eine von der Gesellschaft durchaus «anerkannte» Problemlösungsstrategie. Hauptsache, die Menschen «funktionieren». Bis sie es dann eben irgendwann nicht mehr tun.

Entzug ist dann das eine. Einen neuen, anderen Umgang mit Schmerz, Ängsten, Aggression oder Trauer zu finden, ein ganz anderer und viel länger dauernder Prozess, der wohl auch nur sehr schwer im Rahmen einer Fernsehsendung vermittelt werden kann.