SF DRS – «Psyche am Abgrund»

Gestern gab SF DRS in der Sendung Reporter einen Einblick in den Alltag von vier Menschen in der psychiatrischen Klinik Königsfelden. (-> Sendung online bei SF DRS anschauen).

Wie auch der Tagesanzeiger schreibt, reicht die 25 Minuten dauernde Sendung bei weitem nicht aus, um den Geschichten der einzelnen Protagonisten gerecht zu werden und sie wirklich zu verstehen. Vordergründig haben fast alle ein Suchtproblem: Alkohol, Drogen oder Tabletten. Nur wer genau hinhört, merkt, dass alle damit versuchen, Gefühle zu unterdrücken – man kann nur erahnen, was Iris als 14-jähriges Mädchen erlebt haben muss oder wie Beats Kindheit von der Erkrankung und dem Suizid seiner Mutter überschattet wurde.

Wer aber beispielsweise seit vielen Jahren jegliche Gefühle mit Tabletten unterdrückt, wird nicht innerhalb weniger Wochen und nach einem neuen Haarschnitt auf einmal damit klarkommen, sich selbst und die Welt nun nicht mehr Benzodiazepin-gedämpft wahrzunehmen. Natürlich möchte der Zuschauer mit einem wohligen «alles wird gut» Gefühl aus der Sendung entlassen werden.

Aber man könnte sich vielleicht auch mal fragen, warum es in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen gibt, die ihre Gefühle mit Alkohol, Drogen und Tabletten unterdrücken. Warum heutzutage sogar bei Trauerfällen Antidepressiva verschrieben werden, wie Psychiater Daniel Hell im Tagesanzeiger-Interview aufzeigt: «Ärzte geben oft Antidepressiva,wenn es gar nicht nötig wäre».

Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen ist eine normale menschliche Reaktion. Ebenso ist es normal, das die Psyche durch andere schwerwiegende Lebensereignisse erschüttert wird. Nicht normal wäre es, wenn wir, die wir eben Menschen und keine Maschinen sind, durch solche Dinge nicht erschüttert oder zuweilen aus der Bahn geworfen würden. Krank ist aber vor allem, dass unsere Gesellschaft diese Reaktionen immer weniger zulässt.

Bei allen Portraitierten ist ersichtlich, dass sie ihre Problematiken schon sehr lange mit sich herumtragen. Die Sucht ist dabei nicht das Hauptproblem. Von aussen mag das vielleicht so erscheinen, wie das Gespräch zwischen Stefan und seiner Schwester exemplarisch aufzeigt (für sie ist es zentral, dass er seine «Sucht» in den Griff bekommt, dann ist er aus ihrer Sicht «geheilt«). Für die Betroffenen ist die Sucht aber schlicht eine Problemlösungsstrategie mit schwierigen oder schmerzhaften Gefühlen umzugehen. Und solange sie damit nicht unangenehm auffallen (zb bei Tablettensucht) ist das eine von der Gesellschaft durchaus «anerkannte» Problemlösungsstrategie. Hauptsache, die Menschen «funktionieren». Bis sie es dann eben irgendwann nicht mehr tun.

Entzug ist dann das eine. Einen neuen, anderen Umgang mit Schmerz, Ängsten, Aggression oder Trauer zu finden, ein ganz anderer und viel länger dauernder Prozess, der wohl auch nur sehr schwer im Rahmen einer Fernsehsendung vermittelt werden kann.

3 Gedanken zu „SF DRS – «Psyche am Abgrund»

  1. Das moderne Credo, die Sucht ist nicht das eigentliche Problem teile ich nicht. Die Sucht ist ein eigenes sehr ernst zu nehmendes Problem. Oft kommen Jugendliche aus Dummheit und Neugierde in diesen Strudel.
    Klar, dann hinterher in der Psychiatrie hatte jeder eine schwierige Kindheit.

    Ich habe einmal eine Psychiaterin gefragt, warum PsychiaterInnen nur psychische Probleme finden und nicht realisieren, wenn das Hauptproblem des Patienten woanders liegt. Sie hat gelacht und gesagt: „Weil PsychiaterInnen nur nach psychischen Problemen suchen.“

    Die Gesamtschau fehlt heute. Das ist tragisch und kann tragische Folgen haben. Dass die ganze Geschichte mit der Kindheit irgendwie nicht aufgehen kann, kommt mir immer in den Sinn, wenn ich an andere Kulturen denke: Wie mancher Mensch in einem Slum überlebt und hatte ganz sicher eine schwierige Kindheit.

    In dem Zusammenhang habe ich mir das Buch von Natascha Kampusch zu Gemüte geführt: Welche Strategien hat sie entwickelt, um eine ausgewachsene Katastrophe zu überleben.

  2. @ Christophorus, ich behaupte nicht, dass nicht auch die Sucht als solches grosses Leiden für die betroffene Person und ihr Umfeld mit sich bringt. Und dass an allem «die Kindheit schuld sei» wollte ich so plakativ damit auch nicht sagen.
    Du sprichst zweimal das Thema Resilienz an: Viele Jugendliche probieren Drogen, warum werden die einen abhängig und die anderen nicht? Welche Stragegien hat Natascha Kampusch entwickelt um zu überleben?

    Vielleicht interessiert dich der Wiki-Artikel zur Resilienz (es gibt auch Bücher dazu): http://de.wikipedia.org/wiki/Resilienz_%28Psychologie_und_verwandte_Disziplinen%29

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