Der Arbeitgeberverband heuchelt Mitgefühl

Firmen mit mehr als 250 Angestellten sollen ein Prozent ihrer Arbeitsplätze für Behinderte reservieren müssen. Mit dieser Quote will die Sozialkommission des Nationalrats (SGK) dazu beitragen, dass möglichst viele IV-Bezüger wieder in den Arbeitsmarkt zurückfinden.

Ob der Nationalrat diesem Vorhaben zustimmen wird, ist allerdings fraglich, denn kaum wurde das Pressecommuniqué der SGK veröffentlicht, folgte aus Wirtschaftskreisen das obligate Aufjaulen. Allen voran der Schweizerische Arbeitgeberverband: «Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) lehnt die Einführung einer Quote dezidiert ab. Eine arbeitgeberbezogene Integra-tionsquote, kombiniert mit einem Bonus-/Malussystem, ist seiner Meinung nach nicht zielführend. Zwang und Quoten schaffen schlechte Voraussetzungen, um Handicapierte in eine für sie angenehme Arbeitsumgebung zu integrieren. Betroffene würden in Betrieben als «Quoten-Integrierte» geduldet und ausgegrenzt. Sie würden nicht als vollwertige Mitarbeitende in die Belegschaft aufgenommen.»

Es ist ja wirklich herzerweichend, wie sehr sich der Arbeitgeberverband vorder-gründig um die armen Behinderten sorgt. Seltsamerweise hatte man beim SAV bei der Zustimmung zu den IV Revisionen 5, 6a und 6b überhaupt keine Skrupel eben so dezidiert, wie man sich jetzt gegen eine Einführung von Quoten äussert, dem Ausschluss verschiedener Krankheitsbilder aus der IV sowie einer weiter verschäften Eingliederungspflicht (für die Betroffenen) zuzustimmen.

Die Betroffenheitsnummer wirkt in diesen Zusammenhang also reichlich unglaubwürdig. Um nicht zu sagen: kalkuliert geheuchelt. Herr Daum und seine Kollegen spekulieren einmal mehr ganz gezielt mit der Dummheit der Behinderten bzw. derjenigen, die es ja «nur gut meinen mit den Behinderten». Es fällt bei Aussagen wie «Betroffene würden in Betrieben als «Quoten-Integrierte» geduldet und ausgegrenzt. Sie würden nicht als vollwertige Mitarbeitende in die Belegschaft aufgenommen.» auch bestimmt niemandem auf, dass die vom Arbeitgeber vermittelte Haltung eventuell auch etwas damit zu tun haben könnte, wie Mitarbeitende mit Behinderung in einem Betrieb aufgenommen werden.

Zudem zieht möglicherweise der eine oder andere Behinderte es sogar vor, in einem Betrieb als Quotenbehinderter zu gelten, denn als IV-Betrüger Bezüger. Im Anbetracht der nicht zuletzt durch Wirtschaftskreise geschürten jahrelangen Verunglimpfung von Menschen die angeblich lieber vom Sozialstaat leben als zu arbeiten, wirkt es einfach nur lächerlich, wenn man nun so tut, als wolle man es den armen Behinderten ersparen als Quotenbehinderte zu gelten. Vom Sozial-schmarotzer zum Quotenbehinderten gälte ja zumindest als eine Art Karriere-sprung.

Bleibt auch die Frage; wenn man sich beim Arbeitgeberverband angeblich so sehr sorgt um das Wohlergehen der Behinderten – warum man dann bisher nicht genügend Massnahmen für eine verstärkte Eingliederung ergriffen hat, so dass eine Quote gar nicht erst notwendig wäre?

Bei den finanziellen Kürzungen auf Seiten der Behinderten war man immer ganz vorne dabei und hat einseitig die Verantwortung auf die Betroffenen abgeschoben. Und nun, wo es darum geht, auch als Arbeitgeber Verantwortung zu übernehmen, wird gross rumgeheult: «Mit Quoten und Ersatzabgaben würde zudem auf kaltem Weg eine Arbeitgebersteuer eingeführt und damit vom paritätischen Finanzierungsteil der IV abgewichen. Denn einerseits haben gewisse Arbeitgeber schon aufgrund ihrer Tätigkeit oder Betriebsgrösse nicht die Möglichkeit, Handicapierte zu integrieren – für sie wäre der Malus somit eine unausweichliche Steuer. Anderseits müssten die Arbeitgeber alleine für die Lösung eines Problems gerade stehen, welche nicht nur sie, sondern die ganze Gesellschaft betrifft.»

Ach, sobald man selbst Verantwortung übernehmen sollte, ist es auf einmal ein Problem der ganzen Gesellschaft? Haben wir doch bisher gelernt, dass es eigentlich nur das Problem der Betroffenen sei, weil sie einfach zu faul oder zu krank wären? Und es deshalb auch völlig in Ordnung wäre, ständig auf ihnen rumzuhaken und ihnen die Leistungen zu kürzen…?

3 Gedanken zu „Der Arbeitgeberverband heuchelt Mitgefühl

  1. Absolut korrekt in jeder Hinsicht. Erstens wird am Arbeitsplatz und im Privatleben wegen der Behinderung ja sowieso geredet, ausgegrenzt und man wird nicht als vollwertig genommen, auch wenn es „nur“ eine „koerperliche“ Behinderung ist. Wer sowas als Abschreckung nennt, hat von manchen Behindertenalltagen schlicht keinen Pieps einer Ahnung. Und wenn es schon so ist, ist auch eine Planstelle in Ordnung. Zweitens ziehen Arbeitgeber schon bei der Erwaehnung des Wortes „Behinderung“ den Schwanz ein, bevor sie sich den Schaden ueberhaupt erst ansehen oder mal kurz nachdenken. Darin ist auch die IV selbst kein bisschen besser. Also ich finde, dass diese Regelung sehr viele Probleme auf einmal loest. Man sollte ausserdem ausnahmslos allen Banken und Versicherungen die doppelte Menge / Summe aufbrummen – einfach schon nur deswegen, weil dort Arbeitsplaetze einfacher behindertengerecht einzurichten sind als bei Baeckereien. Das Problem der Integration faengt naemlich am Arbeitsplatz an und hoert dort auf. Ich will erstmal eine Stelle und Geld verdienen. Dann kann ich auch Hobbies pflegen und andere Leute kennenlernen. Diese Arbeitgeber sollten sich halt mal das Leben in der Schweiz erklaeren lassen. Besonders viel Ahnung schimmert in diese Aeusserungen tatsaechlich nicht durch. Bestimmt macht die Angst vor Behinderten diese Leute dumm und blind, denn in keiner Hinsicht wirken diese Zitate oben durchdacht. Hoechste Zeit also, uns ihnen zu verordnen :)

  2. Diese Äusserung hat wirklich den Heuchelei-Award des Jahres 2010 verdient! Sind die so unverfroren oder glauben die tatsächlich, dass niemand das durchschaut?

    Gestern habe ich übrigens Fritz Muster getroffen, jenen Mann, der „Quotenbehinderter“ in seinem Betrieb ist. Ich fragte ihn, ob er sich ausgegrenzt fühle. „Mitnichten!“ sagt er und erzählt von angeregten Mittagsgesprächen in der Cafeteria seines Betriebs – und vom Respekt, den er sich in seiner Position trotz allem verschafft hat.

  3. «Sind die so unverfroren oder glauben die tatsächlich, dass niemand das durchschaut?»
    Beides. Das ist ja nicht das erste Mal, dass von Seiten des Arbeitgeberverbandes sowas Dreistes geäussert wird. Als die Behindertenverbände das Referendum für die (Kahlschlag) IV-Revision 6b ankündigten, falls nicht noch entscheidende Änderungen angebracht würden, sagte der Direktor des Arbeitgeberverbandes, Thomas Daum: «Das Referendum gefährdet die Sanierung der Invalidenversicherung insgesamt. Diejenigen, die bereits jetzt eine «Totalopposition» ankündigen, müssen sich fragen, wie sie den Behinderten gegenüber auftreten würden, wenn die IV «gegen die Wand gefahren» werde.»
    Ganzer Artikel dazu: «behindert = dumm» denkt Herr Daum

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