Antworten von BR Burkhalter zum IV-Betrug (2)

Zweiter Teil der Antworten, wie gehabt in nicht ganz lupenreiner Übersetzung. Der erste Teil ist hier nachzulesen.

4. Weshalb wurde bei 240 Betrugsfällen nur in 10 Fällen ein Strafverfahren eröffnet?

Die ausführenden Organe der IV(…?) gehen zurückhaltend vor (?), wenn es darum geht, Strafanzeige zu erstatten, denn die vorgegebenen Bedingungen zur Strafverfolgung (?) eines Versicherungsmissbrauchs sind strenger als diejenigen, welche das IV-Gesetz vorsieht, um die Leistungen einzustellen. (Ist das sinngemäss übersetzt? Ich bitte um fachkundigen Kommentar der mitlesenden Juristen)

Nichtsdestotrotz denkt der Bundesrat, dass es wünschenswert wäre, dass die Fälle systematischer strafrechtlich verfolgt werden.

A la quatrième question, nous répondons que les organes d’application de l’AI font preuve de prudence lorsqu’il s’agit de dénoncer pénalement les faits, car les conditions fixées à la répression pénale d’une fraude à l’assurance sont plus strictes que celles prévues par la loi sur l’assurance-invalidité pour mettre fin aux prestations. Néanmoins, le Conseil fédéral estime qu’il serait souhaitable que les cas soient dénoncés pénalement de manière plus systématique par les offices AI.

5. Wurden im Rahmen der Abklärungen vorsorglich Renten-zahlungen eingestellt? In wievielen Fällen? Bei wievielen vorsorglichen Renteneinstellungen erwies sich der Betrugsverdacht als falsch?

Die Einstellung von Rentenzahlungen ist ein Instrument, welches sich als notwendig erweist – in Anbetracht der vorher erwähnten Schwierigkeiten, Rückerstattungen zu erwirken.

Dennoch sieht keine Rechtsvorschrift diese Möglichkeit vor und das Bundesgericht hat noch keinen Rekurs betreffend dieser Frage zu beurteilen gehabt. Des weiteren unterscheiden sich die Handhabungen der Kantone. Der Bundesrat verfügt zur Zeit diesbezüglich über keine Zahlen. Um das Ganze auf eine legale Basis zu stellen, schlägt er vor, im Zuge der IV-Revision 6b einen Artikel 52a in das Gesetz beim allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts hinzuzufügen.

Diese Bestimmung würde es der IV erlauben, Rentenzahlungen vorsorglich einzustellen, wenn der Verdacht besteht, dass Leistungen ungerecht-fertigterweise ausgezahlt werden oder (oder….?) deren Rückforderung unwahrscheinlich erscheint.

Anmerkung meinerseits: Genaueres hierzu im Artikel: «Betrugsverdacht soll genügen, um Renten vorsorglich einzustellen»

A la cinquième question, nous répondons que la suspension du versement des prestations est un outil qui s’avère nécessaire étant donné les difficultés évoquées à l’instant pour en obtenir la restitution. Néanmoins, aucune disposition légale ne prévoit clairement cette possibilité, et le Tribunal fédéral n’a pas encore eu à traiter de recours relatif à cette question. En outre, les pratiques des cantons diffèrent. Le Conseil fédéral ne dispose pour l’heure pas de chiffres sur ce point. Afin de mettre sur pied une base légale claire, il propose d’ajouter un article 52a dans la loi fédérale sur la partie générale du droit des assurances sociales dans le cadre de la révision 6b de l’AI. Cette disposition permettra ainsi à l’AI de suspendre le versement des prestations à titre provisionnel lorsqu’elle soupçonne que les prestations sont indûment perçues ou que leur restitution risque d’être impossible.

Wie hoch sind die Kosten für die Betrugsbekämpfung pro Jahr?

Im 2009 wurden 3190 Betrugsverdachtsfälle erruiert; 210 Personen wurden überwacht. Von diesen 3190 Fällen wurden 1180 Untersuchungen abgeschlossen und 2010 sind noch offen. Der Verdacht des Betrugs hat sich in 240 Fällen bestätigt, was einer Ersparnis von einem Volumen von 180 ganzen Renten entspricht. Die Kosten für die Betrugsbekämpfung werden für 2009 auf 7 Millionen Franken geschätzt, was die Kosten vom Personal in den Büros der IV sowie die Mandate der Überwachung beinhaltet. Wenn man eine durchschnittliche Rente von 2000 Franken (Entschuldigung, Herr Bundesrat, aber eine durchschnittliche IV-Rente beträgt nicht 2000.- sondern ca. 1600.-) während ungefähr 20 Jahren einspart, entspricht die Ersparnis durch die Aufhebung dieser 180 Renten ungefähr 90 Millionen Franken. Die Ersparnis von 2000 noch offenen Fällen ist logischerweise noch nicht darin eingerechnet. Zu diesem fügen sich noch die Ersparnisse bei den Ergänzungsleistungen und der zweiten Säule.

A la sixième et dernière question, nous répondons: en 2009, 3190 cas ont été traités pour soupçon de fraude; 210 personnes ont fait l’objet d’une surveillance. Parmi ces 3190 cas, 1180 enquêtes ont été bouclées et 2010 sont encore en cours. Le soupçon de fraude s’est confirmé dans 240 cas, ce qui a permis d’économiser l’équivalent de 180 rentes entières. Les coûts découlant de la lutte contre la fraude sont estimés à 7 millions de francs pour 2009, représentant les frais de personnel dans les offices AI et les mandats d’observation. Si l’on prend en considération une rente d’un montant moyen de 2000 francs et que celle-ci est versée pendant vingt ans environ, l’économie découlant de la suppression de ces 180 rentes reviendra à une économie d’approximativement 90 millions de francs. L’économie pouvant découler des 2000 cas encore pendants n’est évidemment pas prise en considération. A ceci s’ajoutent les économies réalisées sur les prestations complémentaires et sur celles du deuxième pilier.

Schelbert Louis (G, LU): Danke für die Antworten, Herr Bundesrat. Im Faktenblatt der IV stand auch, dass in 180 der 240 Betrugsfälle die Renten eingestellt wurden – in 60 Fällen also nicht. Zu diesen 60 Fällen haben wir keine Auskunft erhalten. Können Sie etwas dazu sagen, was es mit diesen 60 Fällen auf sich hat – allenfalls über das Protokoll?

Burkhalter Didier, conseiller fédéral: Nein, Herr Schelbert, ich kann Ihnen hier nicht die genauen Details der 60 Fälle geben, von denen Sie gesprochen haben. Aber ich werde Ihnen gerne später diese Informationen geben. Ich möchte noch diese Gelegenheit Ihrer zusätzlichen Frage nutzen, um zu sagen, wie wichtig es ist, dass wir Kontrollen und Überwachung so streng wie möglich gestalten, um das Vertrauen in die Sozialversicherungen verbessern zu können. Und das ist unser Ziel; es geht nicht darum, zusätzliche Problemstellungen zu erfinden (?) wo es nicht nötig ist. Aber es geht darum, die reale Situation in den Sozialversicherungen zu klären, so dass das Vertrauen so gross wie nur möglich wird. Aber ich werde Ihnen die zusätzlichen Antworten geben.

Non, Monsieur Schelbert, je ne peux pas vous donner ici le détail des 60 cas précis dont vous avez parlé. Néanmoins, je vous donnerai volontiers ces informations par la suite. J’aimerais saisir l’occasion de votre question complémentaire pour dire à quel point il est important que nous ayons en effet un contrôle et une surveillance aussi forte que possible afin d’améliorer la confiance dans les assurances sociales. C’est bien là notre but; ce n’est pas de poser des problèmes supplémentaires là où ce n’est pas nécessaire, mais c’est de clarifier réellement la situation dans les assurances sociales, de manière à ce que la confiance soit la plus grande possible. Mais je vous donnerai les réponses complémentaires.

Wortlaut nach dem Amtlichen Bulletin – Die Wortprotokolle aus dem Nationalrat vom 6. Dezember 2010

6 Gedanken zu „Antworten von BR Burkhalter zum IV-Betrug (2)

  1. „Aber es geht darum, die reale Situation in den Sozialversicherungen zu klären, so dass das Vertrauen so gross wie nur möglich wird. Aber ich werde Ihnen die zusätzlichen Antworten geben.“

    Politikergewäsche. Wenn dem so wäre, müsste Burkhalter zuerst einmal dort abklemmen, wo die tatsächlichen Betrügereien an der IV und die Aushöhlung dieser Sozialversicherung stattfinden. Und diese – dass weiss mittlerweilen der Dümmste – liegt nicht auf seiten der Rentner, sondern auf Seiten der Wirtschaft, aber auch der allg. Bundeskasse (Kostenwahrheit!).

    @mia

    Es bringt m.E. nichts, wenn man die Sache zu zimperlich und damit nich auf gleicher Augenhöhe bringt. Burkhalter wirft den Behinderten in generalisierenden Art und Weise und in der Oeffentlichkeit vor, (sinnbildlich ausgedrückt) einige Hunderter zu betrügen, um mit der anderen Hand den Beitragsleistenden (und nun auch der Allgemeinheit, z.B. Fürsorge, Steuerzahler) tausende von Franken zu klauen. Diese Leute sind nicht zimperlich, sonst wären sie nicht Politiker, diese Leute tun nur wie Mimosen.

  2. P.S. (nochmals) zu meinen vorgehenden Worten: Ich behaupte nicht, dass alle Politiker Gauner sind. Ich stelle nur fest, dass der grösste Teil derjenigen Personen die in den Parlamentsgebäuden von Bund und Kantonen herumlaufen zum grössten Teil Lobyisten in eigener oder fremder Sache auf Kosten der Bürger (u.a. auch als Steuerzahler und bei den Sozialwerken der Beitragszahler) sind. Dann gibt es natürlich noch einige (religiös und sonstwie) „Verblendete“. Der Rest, dem auch meine Hochachtung gilt, ist allerdings verschwindend klein und gehört zu dem Teil der Politiker, der wohl nur belächelt, aber tatsächlich nie gehört wird.

  3. Le danger de telles mesures ne consiste-t-il pas en la définition effective du terme „fraude“ an matière d’AI? À mon avis la probabilité de décisions arbitraires à ce niveau est dangereusement élevée et ne peut avoir pour conséquences que des pertes injustes de prestations à la base vitales pour les personnes handicapées. Les tendences générales de l’acte arbitraire augmentent dangereusement en Suisse. Les nouvelles lois créées et mise en application se justifient souvent sans prises en considération de l’entité du problème et de l’étendu de ses conséquences. Je suggère vivement et avec insistance la reconsidération de cette nouvelle révision AI 6a.

  4. Sehr geehrte Damen und Herren,
    in der Fragestunde habe ich mich in einer Zusatzfrage nach der Differenz von 240 und 180 erkundigt. Im Nachgang habe ich von Herrn Pfammatter, persönlicher Mitarbeiter von BR Burkhalter folgende Antwort erahalten:
    „In den Presseunterlagen vom 27. Augsut 2010 ist die Rede von 240 Fällen, in denen sich der Betrugsverdacht bestätigt hat.
    In 50% dieser Betrugsfälle (120 Fälle) konnten ganze Renten aufgehoben oder deren Zusprache verhindert werden.
    In den anderen 50% der nachgewiesenen Betrugsfälle (120 Fälle) geht es um 3/4, 1/2 und 1/4 Renten, welche aufgehoben, gekürzt oder nicht zugesprochen wurden. Dies entspricht 60 gewichteten Renten (auf ganze Renten umgerechnet).
    Insgesamt wurden also in allen 240 Fällen Renten aufgehoben bzw. entzogen oder nicht zugesprochen. Die Zahl 180 entspricht der Zahl der gewichteten Renten.“
    Erlauben Sie mir bitte zum vorläufigen Abschluss meiner parlamentarischen Intervention eine generelle Bemerkung. Mit immer noch mehr Genauigkeit kommen wir nicht wirklich weiter. Die Probleme sind – wie Sie auch selbst ausführen – politischer Natur. Klar ist: Gemessen an der Gesamtzahl neuer und bestehender Renten ist die Zahl der Betrugsfälle relativ klein. Damit lässt sich politisch operieren.
    Das Problem an der Aufdeckung von Betrugsfällen ist in meinen Augen nicht ihre Aufdeckung (wer kann ein Interesse an Betrug haben?!), sondern die unverhältnismässige Aufmerksamkeit, die diesem Aspekt zukommt. Dies im Verhältnis zur Gesamtzahl der IV-RentnerInnen und den problematischen Lebenssituationen, in denen viele von ihnen leider stecken.
    Das nächste Operationsfeld ist die 6. IV-Revision in den zwei Teilen. Hier sind alle unsere Kräfte gefordert, weitere Verschlechterungen der Lage von Menschen mit Behinderungen abzuwenden bzw. ihre Situation – wenn möglich – zu verbessern.
    Mit freundlichen Grüssen
    Louis Schelbert

  5. Vielen Dank Herr Schelbert für diese zusätzliche Information. Ich persönlich fand besonders die Antwort auf die erste Frage (wieviele Dossieres werden pro Jahr überprüft) zentral. Denn deren Anzahl wurde in der Pressemitteilung zu den IV-Betrugsfällen nirgends erwähnt.
    Damit lässt sich nun endlich die geringe Anzahl der Betrugsfälle im Verhältnis zur Gesamtzahl der Renten illustrieren. Dies halte ich für sehr wichtig. Denn meiner Ansicht nach dient die angeblich hohe Betrugszahl als Rechtfertigung für viele politische Entscheide zur Invalidenversicherung. Und dies seit 2003 als Herr Blocher den Begriff der „Scheininvaliden“ erfolgreich ausf politische Parkett brachte.

  6. Nun, mit diesen längst bekannten, nun aber offiziellen Angaben kann man weiter schaffen. Jeder, der irgend etwas anderes behauptet, soll seine Aussagen erst einmal unter Beweis stellen. Insbesondere deshalb, da die Aussagen von Burkhalter nicht nur als zuständiger Departementsvorsteher EDI getätigt wurden, sondern auch als Gegner der Behinderten (siehe die diversen Aussagen in seiner Antwort an NR Schelbert). Die Betrugsrate beträgt somit 0,22% auf die gesamten 108’000 geprüften Rentenfälle. Wer etwas anderes behauptet, kann in seinem oder anderer Interesse (Wirtschaftslobyysten) getrost als Lügner hingestellt werden.

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