«Jobs für Behinderte» als Propagandavehikel

Nächste Woche wird im Nationalrat über die IV-Revision 6a beraten, mittels derer 16’000 IV-Renten gestrichen werden sollen. Und just vor 2 Wochen entdeckte der Ringier-Verlag sein Herz für Behinderte und titelte quer über eine Doppelseite: «Blick hilft Behinderten, eine Arbeit zu finden» Illustriert ist der Beitrag mit einer attraktiven Frau im Rollstuhl.
Hinter dem Engagement steht die Stiftung My Handicap, der Bund und eben die Ringier-Gruppe.
Als Schirmherren (und -damen) fungieren:

  • Dr. Thomas Buberl, Mitglied des Vorstands Schweizerischer Versicherungsverband
  • Prof. Dr. Roland A. Müller, Mitglied der Geschäftsleitung Schweizerischer Arbeitgeberverband
  • Dr. Ellen Ringier, Präsidentin Stiftung Elternsein
  • Pascale Bruderer Wyss, Nationalratspräsidentin 2010
  • Yves Rossier, Direktor Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV)
  • Joachim Schoss, Stifter und Stiftungspräsident MyHandicap, Initiant
  • Marc Walder, CEO Ringier Schweiz und Deutschland, Mitinitiant
  • Dr. med. Christian Wenk, Oberarzt Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil

Die jeweiligen Statements dieser Personen zu ihrem Engagement sind direkt bei myhandicap.ch zu lesen.

Wenn sich Vertreter von Arbeitgeberverband (das sind die netten Herren, die sich dezidiert gegen eine Behindertenquote wehren), Versicherungs-verband (das sind die netten Herren, die sich in ihrer Vernehmlassungsantwort zur IV-Revision 6a gegen die persönliche Assistenz ausprachen) und Wirtschaft knappe 3 Wochen vor einer IV-Revision, die erneut massive Einschnitte für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen mit sich bringen wird, auf einmal berufen fühlen, sich öffentlich für «Jobs für Behinderte» zu engagieren, nennt man das korrekterweise nicht Engagement sondern Propaganda.

Und weil Propaganda etwas ganz anderes ist, als echtes Engagement, publiziert der Ringier-Verlag nun regelmässig Berichte über tiptop eingegliederte Behinderte, von der KV-Angestellten im Rollstuhl, über den einbeinigen Käser bis zum blinden Primarlehrer (Schweizer llustrierte).

Nur: bei den 16’000 IV-Renten, die eingespart werden sollen, geht es nicht um Einbeinige, Blinde oder Rollifahrer. Dass auch für diese die Jobsuche nicht ganz so einfach ist, wie die Hochglanzberichte in Blick und Co. suggerieren, ist die eine traurige Realität – die andere ist: es geht bei der IV-Revision um Menschen, deren Integration weitaus schwieriger und oftmals ehrlicherweise unmöglich ist: es geht um Menschen mit chronischen Schmerzen, mit Schleudertraumafolgen (heisst: Konzentrationsstörungen, schnelle Ermüdbarkeit, Gedächtnisstörungen) mit chronischem Erschöpfungssyndrom, mit psychischen Schwierigkeiten. Es geht um Menschen, die oft seit vielen Jahren nicht mehr im Erwerbsleben stehen, die wenig belastbar sind und über eine eingeschränkte und zudem oftmals von Tag zu Tag unterschiedliche Leistungsfähigkeit verfügen.

Die Thurgauerzeitung berichtete kürzlich über ein sogenanntes Integrations-projekt für Frauen mit psychischen Erkrankungen: sie arbeiten im Dorfladen in Wuppenau – und zwar ihrem Gesundheitszustand entsprechend: «Wie lange und wie regelmässig die vier Frauen im Laden tätig sind, hänge ganz von deren psychischen Verfassung ab. Deshalb werde jeden Morgen eine individuelle Einteilung gemacht, bei der die Mitarbeiterinnen mitreden und mitgestalten könnten. Ausschliesslich an der Kasse oder nur hinter der Käsetheke arbeitet hier keine. «Alle können alles und arbeiten Hand in Hand.» Fällt eine der Mitarbeiterinnen an einem Tag aus, springen die Geschäftsleiterinnen ein. «Wir sind sowieso immer da.» Anders als in der freien Wirtschaft verliert hier aber niemand seine Stelle, weil er immer wieder fehlt. Sind psychische Probleme der Grund, arbeitet die Betroffene vielleicht eine zeitlang im Hintergrund und schneidet Brot für die Sandwiches, statt mit den Kunden in Kontakt zu treten. Oder sie bekommt eine Auszeit und knüpft später dort wieder an, wo sie aufgehört hat.»

Jeder weiss, solche Arbeitsplätze gibt es in der freien Wirtschaft nicht. Ehrlicherweise erwähnt der Artikel das auch: «Die Frauen gelten aufgrund ihrer schweren Erkankungen als nicht mehr in die Arbeitswelt integrierbar und beziehen eine IV-Rente.»

So sieht es nämlich aus in der Realität jenseits der schönen bunten Blick-Doppelseiten mit den Vorzeigebehinderten, um die es in der aktuellen IV-Revision gar nicht geht. Und ich bin mir sicher, die Damen und Herren Schirmherrschaften wissen das auch.

(Ich hoffe, ich konnte verständlich machen, dass ich es natürlich selbstverständlich gut finde, wenn Menschen im Rollstuhl einen Job finden – aber eigentlich finde ich auch, sollte das doch schon längst ganz selbstverständlich sein – sollte….)

9 Gedanken zu „«Jobs für Behinderte» als Propagandavehikel

  1. Also mich hat der Chef schon in der Lehre rausgeschmissen. Wer ein bisschen komisch im Verhalten ist, findet absolut unmöglich eine Stelle.

    Gruss
    Kopfkrank

  2. huh – have to eat my words, eine Stunde nach obigem Artikel publiziert der Blick das:
    http://www.blick.ch/life/ich-will-wie-alle-anderen-sein-162348

    Ich bin jetzt ein bisschen gerührt (und das meine ich ausnahmsweise mal komplett ironiefrei): «Aber mein Chef hat immer gesagt, dass ich es könne und mit der Zeit glaubte ich ihm». Kann man gar nicht genug oft sagen, wie wichtig eine solche unterstützenden Umgebung für Menschen mit psychischen Problemen ist.

    David, hast du auch Auszeichnungen parat für aussergewöhnlich unterstützende und verständnisvolle Arbeitgeber? ;-)

  3. Jetzt wo der grosse Lug von den IV-Betrügern aufgeflogen ist, versucht man es halt auf eine andere Art und Weise die Behinderten „abzuschaffen“. Ich wette jedoch, dass auch dieser Weg zu „Wo es keine Invaliden gibt, braucht es auch keine Invalidenversicherung mehr“, in eine Sackgasse auf Kosten der Behinderten enden wird. Daran wird das „ins Boot holen“ einiger Personen und Institutionen, die es sicherlich ernst und gut meinen (ja solche Naivlinge gibt es tatsächlich), durch die Gegner der Invalidenversicherung (durch die falschen Fünfziger) nichts ändern.

  4. Ich lese aus diesem Ringier-Verlag „Propagandamaterial“ eigentlich nur heraus, dass nur eher besser qualivizierte, intelligente, mit einer soliden Ausbildung, und richtig motiverte eine Change haben werden, „in den ersten Arbeitsmakt“ – also nicht an separierten Einrichtungen, wieder einzusteigen.

    Was geschieht mit den Behinderten, die 50 Jahre oder älter sind und keinen Berufsabschluss haben? Seit 10 Jahren oder mehr von der mageren IV-Rente leben? Werden die etwa gezwungen, in einer seperaten Einrichtung, also vom Staat subvetionierte „geschützte Werkstätten“ zu arbeiten? Wäre wieder eine Kostenverlagerung plus unmenschlich zugleich und der SVP voll zuzutrauen.

  5. @Geri Brunner

    Die Antwort ist klar. Wer administrativ gesund geschrieben wird und auf der Fürsorge landet, für den gilt die Verpflichtung eine Stelle zu suchen oder eine ihm angewiesene Stelle anzutreten. Hierbei ist er auf das Wohlwollen des Fürsorgers angewiesen. Tritt er eine Stelle aus irgend welchen, auch berechtigten Gründen, nicht an, verlässt er diese oder wird er entlassen, so wird ihm die Fürsorge gekürzt. Viele Fürsorger begnügen sich jedoch nicht mit einer Kürzung der Unterstützung, sondern streichen diese, obwohl dies rechtlich nicht zulässig ist, vollständig. Der Fürsorgebezüger kann zwar dagegen den langen Weg der Beschwerde ergreifen, und wird im Verfahren vor dem Verwaltungsgericht auch obsiegen, doch bleibt er während dieser Zeit ohne Unterstützung. Das wissen die Fürsorger, trotzdem wird eine Einstellung nicht zuletzt auch deshalb gerne verfügt, da den Beamten daus einem unterlegenen Verwaltungs(gerichts)verfahren keine Nachteile gereichen. Zudem gilt in einigen Kantonen das Bonus/Malus-System, das bei jedem weggefallenen Fürsorgefall zum tragen kommt.
    Dies ist die heutige Situation. Aus Erfahrung wissen wir jedoch, dass ein Auftreten vermehrter Fürsorgefälle die Verschärfung der Sozialhilfepraxis führt. Dies haben wir in den vergangenen Jahren in allen Kantonen erlebt. Nicht zuletzt dank Einzelmasken wie Mauro Tuena von der SVP in Zürich. Aber auch die FDP (Doris Fiala), die EDU (Christian Waber) und die SVP (Toni Bortoluzzi) erlangten als Beschützer des Steuerzahlers vor den ach so betrügerischen (schon wieder) Sozialhilfbezügern politische Ehren. Pönalisierung von Minderheiten hat eben das Repetoire auch alteingesessener Parteien erreicht.

  6. @cristiano safado
    Ich glaube nicht, das ich von von administrativen gesunden IV-Rentnern geschrieben habe – nämlich nur von echten Behinterten, aber ich glaube bald, sie werden alle laut SVP in das Sozialamt getrieben.

    Nicht wenige IV-Bezüger die im Ausland leben, müssen oder werden bald in die Schweiz zurückkehren um Sozialhilfe oder EL zu beanspruchen. Laut dem vorgesehenen Kaufkraftgesetz der SVP – sollte es wirklich angenommen werden.

    Und nebenbei ist in einem SVP-Blog zu lesen, dass das neue Parteiprogramm der SVP von 2011-2015 alle Sozialversicherungsabkommen (SVA) in allen Balkanstaaten aufkündigen will, inklusive der Türkei.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.