Psychische Erkrankungen gibt’s gar nicht – sagt der Bund

Via Pro Mente Sana: Am 14. und 16. Dezember 2010 verhandelt der Nationalrat als Zweitrat über das erste Massnahmenpaket der 6. IVG-Revision. Die Mehrheit der vorberatenden Kommission schlägt hierbei eine Formulierung der Schluss-bestimmung vor, welche die laufenden Renten von schätzungsweise 90’000 Menschen, welche ihre Renten aus psychischen Gründen zugesprochen erhielten, gefährden könnte:

«Renten, die bei pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebildern ohne nachweisbare organische Grundlage gesprochen wurden, werden innerhalb von drei Jahren nach Inkrafttreten dieser Änderung überprüft.»

Die von Pro Mente Sana in Auftrag gegebenen medizinischen Gutachten stellen fest, dass praktisch sämtliche psychiatrischen Störungen unter die neu formulierte Schlussbestimmung fallen werden. Gemäss heutigem wissenschaftlichem Stand gelten sowohl die Ursachen (Ätiologie) wie die Entstehung (Pathogenese) von psychischen Störungen als unklar. Die überwiegende Mehrheit der psychischen Störungen lässt sich nicht auf eine nachweisbare organische Grundlage zurückführen.

Damit werden auch die klassischen Krankheitsbilder wie Schizophrenie, manisch-depressive Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Panik- und Angst-Störungen sowie Essstörungen innerhalb von drei Jahren überprüft werden.

Mit der Schlussbestimmung – wie von der Kommissionsmehrheit vorgeschlagen – läuft nun auch eine grosse Mehrheit der IV-Rentner und – Rentnerinnen aus psychischen Gründen Gefahr, unabhängig vom Vorhandensein eines Eingliederungspotentials, wie neu Art.8a IVG dies erfordert, ihre Rente und damit ihre Existenzgrundlage zu verlieren.

Weitere Informationen, sowie die zugehörigen medizinischen und juristischen Gutachten bei Pro Mente Sana.

Dumm gelaufen? IV-Vorlage schludrig ausgearbeitet? Mitnichten. Volle Absicht. Fragen Sie mal die FDP – die hat nämlich vor einem Jahr in einer Motion gefordert: «(…) dass bei Personen mit schwer definierbaren psychischen Erkrankungen grundsätzlich keine IV-Rente mehr ausgesprochen wird»

Zwar erst für die IV-Revision 6b, aber BR Burkhalter macht seine Hausaufgaben eben besonders gut und schnell und weil die BSV (!) Studie von Niklas Baer zu den Invalidisierungen aus psychischen Gründen aufgezeigt hat, dass die meisten der angeblich «schwer objektivierbaren» Psychischen Störungen von einem Facharzt sehr wohl zu diagnostizieren sind, hat man den Spiess kurzerhand umgedreht und erklärt nun alle Psychischen Störungen samt und sonders für – sagen wir es doch mal ganz offen: schlicht nicht existent – oder zumindest für nicht invalidisierend.

Auf einmal wird auch klar, warum sich der Bundesrat mit fadenscheinigen Argumenten immer wieder weigert, eine nationale Aufklärungs-kampagne über psychische Erkrankungen an die Hand zu nehmen: Nicht Aufklärung ist die Devise, sondern schlicht Verleugnung von Tatsachen. Psychische Erkrankungen existieren nicht, weil sie organisch in den allermeisten Fällen nicht nachzuweisen sind, ergo können sie auch nicht invalidisierend sein, weil sie ja gar nicht existieren. Und selbstverständlich macht man keine Aufklärungskampampagne für nichtexistente Krankheiten, denn eine Aufklärungskampagne wäre schliesslich ein Eingeständnis, dass psychische Krankheiten existieren. Tun sie aber nicht. Sagt der Bund.

17 Gedanken zu „Psychische Erkrankungen gibt’s gar nicht – sagt der Bund

  1. „Zwar erst für die IV-Revision 6b, aber BR Burkhalter macht seine Hausaufgaben eben besonders gut und schnell und weil die BSV (!) …………….“
    Ja, Burkhalter tritt in den Fusstapfen seines Vorgängers Couchepin und macht seine Hausaufgaben besonders gut. Allerdings Hausaufgaben die ihm von niemanden aufgetragen wurden, denn weder das Parlament, geschweige dann das Volk (Referendum) haben Burkhalter bis jetzt aufgetragen etwas umzusetzen, das von zuständiger Seite (Parlament, Volk) noch gar nicht beschlossen wurde.

  2. Politiker ohne fundierte psychologische bzw. neurologische Kenntnisse, sollten nicht so vorlaut sein. Einen Dreck wissen sie!

  3. @ Geri – nicht einmal die IV Sachbearbetier und die RAD Ärzte haben auf diesem Gebiet genügend Fachwissen – fällen aber Urteil bezüglich Renten und Hilfsmittel.

    Die wissen nicht einmal den Untershcied von Parese und Plegie /Paralyse! Und stützen sich ausschliesslich auf ihre eigenen Gutachten/Fachberichte ab, wirkliche Gutachten und Empfehlungen resp. Uteile akzeptieren sie nicht!

    Wenns nach dieser Begründen der „Unklaren Pathogenese“ gehen soll, dann müssten MS und Krebs und vielen andere Erkrankungen auch raus, denn auch hier ist die Ursache meist noch unklar!!!

    Oder viele der Geburtsgebrechen, da findet man oft auch keine Pathogenese, es ist einfach passiert dass jemand so geboren wurde!

  4. Wieviele Milliarden werden jährlich für die stetig wachsenden Administrationskosten verschleudert? 41 Milliarden oder waren es nur 39 im Jahr 2009? Ich find’s toll, dass wir unter Gesetzesbergen langsam ersticken, die eben diese Kosten noch etwas mehr in die Höhe treiben. ABER: Grundsätzlich hat der Mensch Leistung zu bringen, wobei Krankheit, Invalidität abzuschaffen ist. Und wenn der Mensch schon sterben muss, soll er das möglichst ohne jegliche Emissionen tun.

  5. Auch dieses Massnahmepaket ist gut durchdacht. Schizophren’e, Manische Depressionen sind längst bekannte Krankheiten, die genetisch nachweisbar sind. So freuen wir uns auf die Zunahme der häuslichen Gewalt, der ohnehin schon hohen Kriminalität (und da es ja dann keine Ausländer mehr sein können, werden es ausschliesslich Schweizer sein) und der Suizide. Eine prima Idee, sich somit auf eine Leistungsfähige Bevölkerung zu konzentrieren, damit de Wirtschaft weiterhin floriert. Bravo!

  6. …sind das deine Initialen? ;)

    zeigen sich doch die verirrten „liberalen“ (Hohohohoo). Die Nichtexistenz von psychischen Erkrankungen ist wissenwir eine schöne Philosophie. Sind diese verwirrten jedoch nicht mal in der Lage psychische Krankheiten zu definieren, zusätzlich nach wie vor dem Virus der völligen Geldunterordnung erlegen, darf man davon sprechen dass so manche Möchtegern-Liberale dieses Landes nicht ganz bei Trost sind, von geistiger Umnachtung betroffene. Och. Arme Schweiz.

  7. Ich sehe den Frust aus den obgenannten Voten. Das Problem liegt wohl darin, dass sich die Behinderten nie genügend gewehrt haben. Und ich zähle hierzu auch all die Behindertenvereine. Das hat natürlich den Gegnern der Sozialversicherungen, allen voran solchen Vereinchen wie Avenir Suisse, Economiesuisse, Arbeitgeberverbände und Einzelmasken, aus dem bürgerlichen Lager, Auftrieb gegeben. Dass natürlich der Bund, zuerst unter Couchepäng und jetzt erst recht unter dem Sozialabbauer Burkhalter da bald führend mitspielt, ist für viele besonders frustierend. Doch Frust alleine hilft keinem einzigen Behinderten. Wir müssen uns mit allen Mitteln dagegen wehren. Wir sollten dies mit einem Referendum gegen die IV-Revision 6b, so wie mit dem Ausschöpfen jeglicher Mttel, die Oeffentlichkeit auf die Lügen (z.B. in Bezug auf die IV-Betrüger) und das Vorgehen (z.B. vorzeitiges Umsetzen der Rev. 6b durch Burkhalter) der Gegner der IV aufmerksam machen. Ich weiss, ich habe vielleicht gut reden, da ich durch eigene Erlebnisse schon früh eine Verachtung für diese Gosskotze aus Politik und Beamtenstuben entwickelt habe. Das macht die Sache sicher leichter, diese Ar……… ohne Hemmungen anzugreifen. Doch hat jemand eine bessere, in der heutigen für uns sicherlich verkarrten Situation wirksamere Idee?

  8. @cristiano safado + David: ich bin überzeugt, dass es an der Zeit ist die Sammelklage in der Schweiz einzuführen. Dass sich Behinderte Menschen nicht genügend wehren können liegt auf der Hand. Immer mehr. Die endlosen Demütigungen, Rechtfertigungen ihres Behinderten Daseins und die fehlenden finanziellen Mitteln verunmöglichen eine breit geführte Abwehr. Die Sammelklage ist daher die logische Möglichkeit um A: gemeinsam zur Gerechtigkeit zu gelangen, B: die notwendigen Geldflüsse nur schon um bei Gericht erscheinen zu können sind insgesamt tragbar. Überdies gibt es tatsächlich in der Schweiz noch unbestechliche Ärzte und Rechtsanwälte, die aus Berufung ihren Beruf ausüben. Bis hin nach Brüssel. Hingegen die Basis jeglichen Kampfes ist das selbe Ziel. Deshalb: Aufruf an alle Schweizer Vereinigungen = es geht um das übergeordnete Ziel zugungsten von körperlich benachteiligten Menschen, nicht um Beamtentum und Abschottung gegenüber anderen Assoziationen derselben Art. Nun, gebraucht werden alle, die über ein gutes Netzwerk verfügen, aktiv gegen willkürliche (Un)- Gerechtigkeit einsetzen wollen und ein klares Konzept, dass es nicht wie im Schweizer Parlament ausartet. Nun?

  9. Wir sollten vielleicht zuerst einmal eine genaue Liste derjenigen aufstellen, die die Invalidenversicherung aushöhlen (IV-Hilfsmittel-Lieferanten, Allg. Bundeskasse) und wer die Invaliden betrügt (ABI, Basel, Bundesgericht und Bundesrat). Hierzu brauchen wir aber genaue Angaben (Beispiele). Einige haben wir ja bereits auf dieser Webseite.

  10. Ich leide selber am einer Psychischen Erkrankungen und Störung. Für die Arbeitgeber war ich immer uninteressant, schon in der Lehre haben sie mich entlassen. Was werden sie mit mir machen? Werden sie mich in Konzentrationslager schmeissen?

  11. nee die wollen uns in die Sozialhilfe verfrachten, so quasi in die Obhut der Familien und Gemeinden und hier müssen wir glaub hin, Familienmitglieder über diese Pläne aufklären und vor allem in kleineren Gemeinden sich den meist nur sehr wenigen zuständigen Personen gegenüber gut gemacht öffnen und die Besorgnis zum Ausdruck bringen. Und je nach dem auf Aktualität warten. Hier z.B. was denn so sein wird nach dem 16.
    Politisches Gegengewicht ist ja vorhanden, und wie.
    http://www.woz.ch/artikel/2010/nr48/schweiz/20118.html

  12. Geld ist immer ein entscheidender Punkt – wenn den Leuten klar wird, dass es bald so sein könnte, dass sie für ihre kranken Familienmitglieder (oder auch falls diese einmal krank werden sollten) bezahlen müssen, werden sie sich vielleicht nochmal überlegen, ob sie das radikale Sparprogramm der IV immer noch so toll finden.
    Nur ist das vielen eben nicht bewusst. Noch nicht.

  13. Oh je, Mia, stimmt, Geld…

    Hier das Beispiel meiner Familie, bis 3. Grades Rund 700 Leute, davon etwa 5 IV-Rentner. Meine Rente ist somit unter dem Strich völlig refinanziert. Würde mir nun jedoch die Rente gestrichen wäre das dem Staat egal, meine Eltern jedoch, welche erwartungsgemäss noch viele Jahre leben und hoffentlich noch länger, würden gezwungen ihre Kapitaldecke zu meinen Gunsten aufzubrauchen, in einer Weise dass meinen Geschwistern als Erbschaft nur noch Sachgüter meiner Eltern übrig blieben. Meine Eltern wären keine Steuerzahler mehr, meinen Geschwistern würde eine deutlich kleinere Erbschaft blühen. Über das Steuersubstrat meiner Grossfamillie ist meine Rente quasi total marginal, und davon können sich IV-Rentner aus kleinen Familien oder Ausländer gerne ein grosses Stück Argumentation abschneiden, denn gesellschaftliche Solidarität ist in meiner Familie ein konservativer Wert.
    Mit freundlichen Grüssen ;)

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